Jahrgang 2009 Nummer 26

Franz Marc hält die Spannung leicht aus

In Kochel wird der »Blaue Reiter« zwischen Abstraktion und Realismus gestellt

Vor 97 Jahren erschien der Almanach »Der Blaue Reiter«, benannt nach dem Künstlerkreis, der das »große Abstrakte« ebenso wie die »große Realistik« vereinte. Einer der beiden Herausgeber, Wassily Kandinsky, bezeichnete die beiden »Pole« der damaligen Malerei so. Der andere, Franz Marc, gibt seit 1986 dem Museum den Namen, das sich hoch über dem Kocheler See erhebt. Vor exakt einem Jahr wurde es neu eröffnet, mit einem stattlichen Neubau, der sich in die grüne Szenerie des »Blauen Landes« organisch einfügt. Jetzt zeigt das mit einem Fundus von etwa 2000 Werken begüterte Museum, geführt von Wilhelm Großmann und Cathrin Klingsöhr-Leroy (Künstlerische Leitung), die erste umfassende Sonderschau. Thema: »Der Große Widerspruch«. Franz Marc hält da die Spannung zwischen dem Abstrakten Robert Delaunay und dem Naiven Realisten Henri Rousseau gut aus.

»Gewagt« sei dieses Unternehmen, gesteht Großmann. Als Geschäftsführer weist er stolz auf einen unerwartet hohen Publikumszuspruch hin: 125 000 Besucher kamen letztes Jahr ins »Franz Marc Museum. Kunst im 20. Jh.«. Ob mit der neuen Ausstellung die Zahl gehalten oder gar übertroffen werden kann? Die neue Hängung »reibt sich an diesem Widerspruch« – ob eher realistisch oder doch abstrakt. Dieser Widerspruch sei nur »scheinbar«. Er hebe sich »echt hegelianisch« wieder auf.
Was also soll dann das letztlich doch zu weit hergeholte Thema? Wenn der Widerspruch am Ende gar keiner ist. »Der Blaue Reiter« lebt seit jeher in der Spannung zwischen den Polen der Malerei des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die bekannten Inspirations-Quellen sind zum einen das Paris der »Abstrakten« kurz nach 1910, das die »Blauen Reiters«-Leute vor Ort erlebten und in sich aufnahmen, zum anderen das nicht nur dort entdeckte Naiv-Realistische. Dieses Strukturmoment fanden Kandinsky, Marc & Co. auch in der heimischen Volkskunst, nicht zuletzt in der der Murnauer Gegend. Gesammelt und nachgeahmt wurden die Hinterglasbilder. Deren Frömmigkeit strahlte auf manche »Übersetzungen« eines Kandinsky, Marc, Macke, Jawlensky, vor allem einer Gabriele Münter aus.

Etwa 50 Leihgaben hat Cathrin Klingsöhr-Leroy in den eigenen Bestand eingefügt, um ihr Thema an exzellenten Beispielen durchzuspielen – etwa aus Berlin, Frankfurt, München, Paris, Oberammergau. Henri Rousseau ist mit seiner einzelgängerischen Eva vertreten und mit der »Allee im Park von Saint Claude« (1908), Robert Delaunay mit »Der Turm« oder den »Blumen mit Regenbogen« (1925). Schönberg, Klee, Macke, Campendonk – man kann seine Entdeckungen machen und immer fragen: Woher hat Marc die Anregung zu – etwa seiner »gelben Kuh«, zu der die Öl-Skizze von 1911 zu sehen ist, gewonnen? Lustig: Marcs Porträt von Henri Rousseau, ein kleines Hinterglasbild, entstanden 1911, ein Jahr nach dem Tod des Franzosen. Marc schenkte es 1911 seinem Freund Kandinsky zu Weihnachten – eine Hommage an den verstorbenen verehrten Meister, in dessen Manier es Marc gemalt hat.

Der Katalog der Franz Marc Museumsgesellschaft ist ein Glanzstück mit seinen 10 Kurzessays, den gut wiedergegebenen Abbildungen der meisten der 80 Exponate. Originell: die zweisprachige Beilage (deutsch/französisch), eine rosa grundierte Zeitung »1914 – 1918. Der Große Krieg. Wie Zeitgenossen ihn sahen«. Die Ausstellung im gesamten ersten Stock des Museums in Kochel am See ist bis 13. September jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 (November – März: bis 17) Uhr geöffnet. Der Katalog kostet 29,90 Euro im Museumsshop.


Hans Gärtner



26/2009