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Jahrgang 2015 Nummer 48

Franz Herda, Maler und Menschenfreund

Der deutschstämmige Amerikaner mit engen Beziehungen zum Chiemgau starb vor 50 Jahren

Franz Herda (1887 bis 1965)

Franz Herda (9. September 1887 bis 1. Dezember 1965), Sohn deutscher Auswanderer mit amerikanischem Pass, kam als Kind nach Deutschland, studierte Kunst und wurde Porträtmaler. In der NS-Zeit hätte er den Weg in die Freiheit wählen können, doch er blieb in München und half jüdischen Menschen vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Dafür wurde er von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem 2015 posthum mit dem Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« geehrt. 1943 hatte der Schriftsteller Friedrich Reck-Malleczewen den in München ausgebombten Maler bei sich im Chiemgau aufgenommen. Die beiden wurden Freunde, aber das Leben seines Freundes konnte Herda nicht retten. Nach Kriegsende heiratete er und zog in die USA. 1962 kam er nach Bayern zurück, wohnte zuerst wieder in Truchtlaching und anschließend in Unterwössen. Begraben liegt Herda an seinem letzten Wohnort, in Staudach-Egerndach.

München, Lenbachplatz im Jahr 1940: Franz Herda kommt zufällig vorbei und trifft nahe der Galerie Heinemann auf eine Menschenansammlung. SA-Männer umringen eine blonde, junge Frau und einen offenbar jüdischen, jungen Mann. Einer der SAMänner schreit: »Dir Saujuden werden wir es austreiben, dich mit unsern deutschen Mädchen herumzutreiben!« Die Situation ist bedrohlich, was wird jetzt passieren? Die Menge schaut zu, wartet ab, ist wie gebannt. Nicht so Franz Herda. Schnellentschlossen drängt er sich in die Mitte und hakt das Mädchen unter. »Da seid Ihr ja«, sagt er zu dem Paar. Ein SA-Mann packt Herda am Arm, fragt ihn, was das soll. Der erklärt, dass er mit den beiden vor der Kunsthandlung Heinemann verabredet wäre. Ob er vielleicht auch ein Jude sei, fragt einer provozierend. »Was ich bin, geht euch einen Dreck an«, erwidert Herda und holt seinen amerikanischen Pass hervor. Dann nimmt er die beiden jungen Leute – die er gar nicht kennt – und zieht ungehindert mit ihnen ab.

Diese Episode sagt viel aus – über den Schrecken, den das NS-Regime auf den Straßen verbreitete. Und auch über das Bild eines Mannes, der sich davon nicht einschüchtern ließ, sondern immer wieder mutig und beherzt, manchmal geradezu tollkühn einschritt, um Menschen vor der Gewalt zu retten, der sie hilflos ausgesetzt waren. Es ist nur ein Beispiel von vielen, die Kurt Grossmann in seinem Buch »Die unbesungenen Helden«(1) schildert: Herda und auch seine Tochter Vera halfen in schwierigen Situationen, versteckten und versorgten Menschen und retteten auf diese Weise manchen das Leben. Für sein vorbildliches Handeln wurde Franz Herda jetzt, 50 Jahre nach seinem Tod, von Yad Vashem, der Erinnerungsstätte in Jerusalem, mit dem Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« ausgezeichnet. Sein Name wird dort verewigt. Es ist die höchste Auszeichnung, die Israel an Nicht-Juden vergeben kann. Helfen heißt Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisten, steht auf der Webseite von Yad Vashem, selbst wenn solche Handlungen nur auf der unpolitischen und unheroischen Ebene des Alltagslebens stattfanden. 569 Deutsche bekamen bis heute die Auszeichnung als »Gerechte« verliehen.

Ende April fand in München aus diesem Anlass eine Feierstunde statt, in der Franz Herda, seine Tochter Vera Manthey und eine weitere Frau, die Bäuerin Sophie Gasteiger posthum geehrt wurden.(2) Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, erinnerte sich in ihrer Rede, auch sie habe nur überlebt, weil es Menschen gab, die ihr Leben riskierten, um andere Menschen zu retten. »Franz Herda und Vera Manthey halfen zahlreichen jüdischen Menschen in München und Umgebung, aber auch in Berlin, indem sie sie selbst versteckten, oder ihnen Verstecke und Lebensmittel organisierten. Unermüdlich setzten sie sich für ihre jüdischen Freunde und Bekannten ein und retteten vielen das Leben. Ich wünsche mir, dass das Denken und Handeln von Sophie Gasteiger, Franz Herda und Vera Manthey heute vielen zum Vorbild reicht.« Schülerinnen und Schüler aus der 11. Klasse des Chiemgau- Gymnasiums waren zu der Feier eingeladen und vernahmen diesen Appell.

Herdas Tochter Vera Manthey versteckte unter anderem den Münchner Richard Marx viele Monate lang in ihrer Wohnung. Nach dem Krieg heirateten die beiden. Vera starb 1955, noch keine 40 Jahre alt. Die Yad Vashem-Medaille und die Urkunde für Franz Herda und seine Tochter nahmen Vertreter aus vier Generationen der Familie entgegen, darunter auch der inzwischen 91-jährige Richard Marx.

Der Chiemgau wurde Franz Herda erst zum Zufluchtsort vor den Bombenangriffen, dann zur Wahlheimat. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Wölfis in Thüringen (heute Landkreis Gotha), die Mutter Rosa war eine geborene Schobert, der Vater Hermann war Instrumentenfabrikant. Um welche Art von Instrumente es sich handelt, ist nicht klar. Wann das Ehepaar in die USA auswanderte, ist ebenfalls nicht geklärt. Belegt ist, dass Franz Hermann Leonhard Herda am 9. September 1887 in Brooklyn/New York auf die Welt kommt und evangelisch getauft wird. Was mit der Mutter geschehen ist, liegt im Dunkeln. In den Wehrmachtsunterlagen des Sohnes ist vermerkt, dass sie nicht mehr am Leben ist. Der Vater kommt allein mit dem kleinen Kind aus den USA nach Deutschland zurück und zieht nach Coburg, wo er 1891 ein zweites Mal heiratet. Seine Instrumentenfabrik und Wohnung befanden sich in der Gerbergasse 1 (heute Hotel Gerberhof).

»Herda dürfte mehr Eifer entwickeln«

In Nürnberg schreibt Herda sich 1903/04 als Hospitant an der Kunstgewerbeschule ein. Als Berufswunsch gibt er »Maler« an. Wie aus dem Zensurenbuch ersichtlich, besucht er Kurse in Darstellender Geometrie, Figurenzeichnen nach Gyps, Dekorationsmalen, Kunstgeschichte, Lebensmodellzeichnen (Akt) und Studienzeichnen. Bei den Bemerkungen heißt es: »H. dürfte mehr Eifer entwickeln, hat es im Draperiezchn. noch nicht bis zur Befähigungsnote III gebracht.« Für Dezember 1903 heißt es weiter: »hat sich indessen in Draperiezeichnen gebessert«. Im Mai 1904 meldete er sich von der Schule ab. Im Oktober 1905 nimmt der 18-jährige Franz sein Studium an der Kunstakademie München auf – wie lange er genau dort blieb, ist unklar. Er wählt das Fach Malerei, sein Professor ist Wilhelm von Diez. Die Stationen Nürnberg und München sind durch Dokumente gesichert; weitere Angaben beruhen zum großen Teil ausschließlich auf eigenen mündlichen Erzählungen Herdas. Sie wurden durch die Familie – vor allem durch Schwiegersohn Richard Marx – überliefert und von Nachfahren wie dem Urenkel Christoph von Weitzel zusammengetragen und schriftlich festgehalten.

Der Aufenthaltsort Herdas wechselt mehrfach zwischen München und Berlin. Ab 1909 ist Herda in Berlin als »Kunstmaler« mit verschiedenen Wohnadressen in Charlottenburg und in Wilmersdorf verzeichnet. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, meldet er sich freiwillig zur Luftwaffe und wird Kampfflieger. Schwerverletzt überlebt er einen Abschuss. Der darauf folgende Lazarettaufenthalt in Berlin dauert eineinhalb Jahre, bis Ende 1916. Ihm bleiben Verdienstkreuz, Invalidenpass und Schmerzen, die er besonders in den letzten Lebensjahren nur mit Morphium erträgt. Zeitlebens sollte Herda nie mehr ein Flugzeug besteigen. Auch nach Kriegsende ist Herda zunächst weiterhin in Berlin. 1919 kommt seine Tochter Vera zur Welt. In den 20er Jahren finden wir Herda dann in München wieder. Sein Atelier und seine Wohnung befinden sich in Schwabing, in der Gabelsbergerstraße 36.

Der künstlerische Werdegang gibt Rätsel auf

Anders als Herdas Taten zur Rettung jüdischer Menschen, die von der Forschungsstelle Yad Vashem genauestens überprüft und für wahr befunden wurden, steht eine nähere Erforschung insbesondere seiner künstlerischen Entwicklung aus. Einiges erscheint rätselhaft: Laut Überlieferung soll Herda in Berlin an der Akademie der Künste studiert und in Max Liebermann einen Lehrer und väterlichen Freund gefunden haben. Allerdings ist an der Preußischen Akademie der Künste, an der Max Liebermann wirkte, kein Student dieses Namens verzeichnet. Es gab noch eine weitere Akademie (heute Universität der Künste Berlin). Einer alphabetischen Schülerliste der Königlichen akademischen Hochschule für die bildenden Künste ist zu entnehmen, dass Franz Herda im Wintersemester 1904/05 als »Probearbeiter« immatrikuliert war. In anderen Jahren taucht sein Name auch hier nicht auf.

Mit Vorsicht sind daher auch weitere Überlieferungen zu nehmen. Mit Oskar Kokoschka soll ihn eine enge Freundschaft verbunden haben. Nähere Umstände dazu sind nicht bekannt. In München soll Herda Kontakt zu Wassily Kandinsky gehabt haben und für kurze Zeit Mitglied der Künstlergruppe »Der blaue Reiter« gewesen sein; wegen künstlerischer Differenzen sei es jedoch zum Bruch gekommen. In Herdas Nachlass findet sich dafür kein Beleg. In den 30er Jahren, bis etwa 1942, soll Herda als Kunstprofessor an der Kunstakademie Hannover gewirkt haben. In Hannover gab es jedoch keine Kunstakademie, lediglich eine Kunstgewerbeschule. Die wurde 1933 gleichgeschaltet und 1938 zur nationalsozialistischen »Meisterschule des deutschen Handwerks«. (Nur) für die Jahre 1935 und 1936 ist ein Wohnsitz in Hannover nachweisbar: im Adressbuch dieser Zeit gibt es den Eintrag »Herda, Franz, Technik., Pagenstraße 10 II«.

Hitlerdeutschland weckte Herdas Widerstandsgeist

Zweifelsfrei belegt dagegen ist eine Verbindung Herdas zu dem Maler und Professor an der Münchner Kunstakademie Heinrich von Zügel (1850 bis 1941), von dem er um das Jahr 1932 herum ein wunderbares Porträt geschaffen hat. Das Werk Herdas besteht zu etwa 60 Prozent aus Porträtmalerei, erläutert Christoph von Weitzel, ein Urenkel des Malers. »Das waren vor allem Auftragsarbeiten. Herda konnte anscheinend gut davon leben.« Daneben gibt es auch anderes, etwa Landschaftsbilder. Als Herdas Atelier Bomben treffen, werden viele seiner Bilder zerstört, darunter eine impressionistische Ansicht vom Münchner Oktoberfest.

Warum nutzte Herda nicht die Möglichkeit, die sein amerikanischer Pass ihm bot, Hitlerdeutschland zu verlassen? Aus Trotz, meint Kurt Grossmann, der Herda Mitte der 50er Jahre in den USA getroffen und diese Begegnung in seinem Buch festgehalten hat. Als die politische Situation in Deutschland immer brenzliger wurde, meinte jemand, es wäre »sehr interessant, den kochenden politischen Vesuv vom Rande her zu betrachten«. Herda ging wohl zunächst davon aus, ein solcher am Rande sitzender Zuschauer sein zu können. Doch unbeteiligtes Zuschauen und Passivbleiben, das war seine Sache nicht. Er war temperamentvoll und unerschrocken, und vor allem war er, so Grossmann, »von einem motorhaften Impuls erfüllt, Unrecht zu verhindern.«

Herda berichtet Grossmann von einer persönlichen Begegnung mit Adolf Hitler, im Atelier des Münchner Bildhauers Ferdinand Liebermann. Der hatte von Hitler den Auftrag, eine Bronzeplastik von dessen Nichte Geli Raubal anzufertigen (die 1931 auf ungeklärte Weise in Hitlers Wohnung am Prinzregentenplatz zu Tode gekommen war). Herda und Hitler geraten in Streit, nachdem Herda – ohne zu erwähnen, dass er amerikanischer Staatsbürger ist – äußert, dass er »nie und nimmer« Mitglied der NSDAP werden würde. Hitler reagiert höchst gereizt und fragt, was er gegen seine Partei habe, worauf Herda nach eigenem Bekunden antwortet: »Das ist der von Ihnen auf die Spitze getriebene, verwerfliche Antisemitismus.« Herda war innerlich aufgewühlt und empört über die schmähliche Behandlung, die den seit Generationen in Deutschland lebenden Bürgern jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung zuteil wurde, schreibt Grossmann.

In seinem Buch führt Grossmann eine Reihe von Fällen auf und nennt auch Namen von Menschen, denen Herda durch sein ebenso selbstloses wie waghalsiges Handeln beistand. Etwa die mittellose, jüdische Pianistin Alma Weiß, der Herda zu den 6500 Reichsmark verhilft, die rechtmäßig ihr gehörten, die jedoch von der Gestapo beschlagnahmt worden waren. Der Betrag stammte aus der Versteigerung eines Defregger-Bildes, das ein in die USA ausgewanderter jüdischer Freund Alma überlassen hatte. Mit einer List schafft Herda es vorzutäuschen, dass der Defregger sein Eigentum war. Die Deutsche Bank händigt ihm das Geld aus, das er dann Alma Weiß übergeben kann. Sie lebte später in den USA. Den Hutfabrikanten und späteren Oberregierungsrat Max Bachmann versteckt Herda über ein Jahr lang bei sich, bis seine Wohnung von Bomben getroffen und zerstört wurde. Die Jüdin Albertine Gimpel bewahrt Herda vor der Deportation und dem sicheren Tod, indem er beim Abtransport behauptete, dass sie »auf Anordnung von Oberregierungsrat Schimmel, dem Gestapochef für jüdische Angelegenheiten, von diesem Transport ausgeschlossen sei«. Der Gestapomann ließ sich von Herdas entschlossenem Auftreten überzeugen. Nach dem Krieg heiraten Herda und Albertine Gimpel. Sie wird ihren Mann um zehn Jahre überleben, die letzten Jahre wohnt sie in der Gemeinde Chieming.

Tragisch: Den Freund konnte Herda nicht retten

Bei einem Bombenangriff, anscheinend im Juli 1944, werden Atelier und Wohnung in Schwabing vollständig zerstört. Herda findet Aufnahme bei dem Schriftsteller Friedrich Reck-Malleczewen auf dessen Gut Poing in Truchtlaching. Der aus Ostpreußen stammende Autor von Abenteuerromanen war 1933 von München-Pasing in den Chiemgau gezogen. Hier beginnt er 1936 mit Aufzeichnungen, in denen er seine Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus Ausdruck verleiht. Ende 1944 wird Reck-Malleczewen denunziert, nachdem er geäußert haben soll, dass der Krieg verloren sei. Er wird ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er kurz darauf unter nicht geklärten Umständen stirbt. Seine Aufzeichnungen erscheinen unter dem Titel »Tagebuch eines Verzweifelten« erstmals 1947.(3) Franz Herda findet darin Erwähnung: Reck-Malleczewen schreibt, zur Aufnahme in sein Haus wird ihm ein »ausgebombter« Kunstmaler empfohlen, »ein bisher unbehelligt in München lebender Amerikaner, der sich nebenbei als fabelhaft netter Kerl entpuppt.« Hier in Poing versteckt Herda auch Albertine Gimpel. Es gehört zu den tragischen Momenten in Herdas Leben, dass er ausgerechnet seinen Gesinnungsgenossen und Freund Fritz nicht retten konnte. Herda hielt ihn in einem Porträt fest.

1948 zieht Herda mit seiner Frau Albertine in die USA. In Princeton erfährt Albert Einstein, was Herda im Nazi-Deutschland zur Rettung jüdischer Mitbürger getan hat und lässt sich daraufhin von Herda malen. Eines von zwei Porträts ist heute dauerhaft im Albert Einstein-Museum in Bern zu sehen. Einstein wollte Herda auf diese Weise einen Zugang in die gesellschaftlichen Kreise von Princeton und so die Möglichkeit eröffnen, sich eine Existenzgrundlage zu schaffen. Es ist daher zu vermuten, dass sich weitere Werke von Herda im Umfeld von Princeton University befinden. Auffinden ließen sich diese wohl im Privatbesitz befindlichen Bilder bisher nicht.

1962 kehrt das Ehepaar nach einer ausgedehnten Reise zurück nach Bayern. Herda leidet zunehmend unter Schmerzen, die von seinem Fliegerabsturz 1915 herrühren. Erste Anlaufstelle ist jetzt wiederum Gut Poing bei der Familie Reck-Malleczewen, im Dezember ziehen sie nach Unterwössen, wo sie – Ironie des Schicksals - in der Straße »Am Flugplatz« eine Wohnung finden. In Herdas letztem Lebensjahr wohnt das Ehepaar in Staudach in der Hochgernstraße. Herda verarbeitet seine Skizzen von der Rückreise durch Nordafrika und Spanien. Auch habe er viele Blumenbilder gemalt, berichtet der Urenkel. In Staudach stirbt der Maler am 1. Dezember 1965.

Wer nach persönlichen Erinnerungen der Zeitzeugen an den Menschen Herda fragt, bekommt das vielfältige Bild einer in jeder Hinsicht beeindruckenden Persönlichkeit. Das beginnt bei seiner raumfüllenden äußeren Erscheinung im Alter – der Urenkel erinnert sich, wie er als Fünfjähriger darüber staunte, dass es eine Ewigkeit brauchte, bis er einmal ganz um ihn herumgelaufen war. Herda kannte jeden, hatte eine sehr direkte und impulsive Art und besaß alle Merkmale eines kommunikationsstarken »Networkers«. Er wird geschildert als ein ebenso humorvoller wie gewitzter Mann, der schnelle Autos liebte und Züge von einem amerikanischen Lebemann aufweist – obwohl er den amerikanischen Way of Life kaum kennenlernen konnte, weil er Brooklyn mit seinem Vater schon als Kleinkind verlassen hatte und in Deutschland aufgewachsen war. Jedenfalls: Wo andere vor Furcht erstarrten, befähigte eine grundlegende Unerschrockenheit ihn zu agieren und die Dinge in die Hand zu nehmen.

Die Suche nach dem malerischen Werk, das Herda hinterlassen hat, gestaltet sich heute als mühsam, denn es ist in alle Winde verstreut. Viele Bilder wurden im Krieg zerstört, zum Teil befinden sich Gemälde in Privatbesitz und sind unbekannt. Der künstlerische Nachlass und eine Reihe von Bildern ist in Familienbesitz. Ab und zu taucht ein Bild im Kunsthandel auf, zuletzt ein farbenfreudiges Motiv aus dem Alpenvorland. Zu den klassischen Chiemseemalern gehört Herda nicht, doch malte er auch gerne charakteristische Seenlandschaften. Vereinzelt finden sich Werke in Museen wieder, so etwa das erwähnte Einstein- Bild in der Schweiz, ein Porträt des Bildhauers August Sommer in der Gemäldesammlung der Veste Coburg oder das Bild »Wintersonne«, das im Depot des Münchner Lenbachhauses ein Schattendasein führt. Allem Anschein nach hat Herda zu Lebzeiten niemals Bilder ausgestellt. Es wäre Zeit für eine Gedächtnisausstellung, und der Chiemgau wäre dafür genau der richtige Ort.


Dr. Heike Mayer

 


(1) Kurt R. Grossmann: Die unbesungenen Helden. Berlin 1957. Das Kapitel zu Herda trägt den Titel »Mr. Pimpernell «, eine Anspielung auf den legendären englischen Adligen Percy Blakeney, der als »Roter Pimpernel« während der Französischen Revolution zahlreiche Menschen vor der Guillotine rettete.

(2) Sophie Gasteiger aus Tinnerting bei Traunstein hatte im Mai 1943 die Jüdin Valerie Wolffenstein für zwei Wochen vor den Nazis versteckt. Das Traunsteiner Tagblatt berichtete am 29. 4. 2015 über die Auszeichnung und die Feierstunde in der Israelitischen Kultusgemeinde in München.

(3) Dieses Jahr ist eine Neuausgabe erschienen. Friedrich Reck-Malleczewen: Tagebuch eines Verzweifelten. Zeugnis einer inneren Emigration. München 2015.

Weitere Literatur:
Peter Widmann: Die Kunst der Frechheit. Ein Maler und das Überleben in München, in: Wolfgang Benz (Hg.): Überleben im Dritten Reich. München 2003.

Christoph von Weitzel: Franz Herda – ein »Mister Pimpernell« in Nazideutschland, in: informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 Nr. 66 (November 2007).

Christoph von Weitzel-Mudersbach: Herda, Franz in: Allgemeines Künstler-Lexikon Band 72. Berlin/Boston 2012.

Die Autorin dankt Christoph von Weitzel für Bildmaterial und die freundliche Unterstützung.

 

48/2015