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Jahrgang 2020 Nummer 14

Fleißig, fromm und furchtlos

Grabplatten in der Außenmauer der Kirche St. Georg und Katharina erzählen Lebensgeschichten – Teil II

Der letzte Abt in Seeon, Lambert Neisser, zog nach der Auflösung des Konvents nach Traunstein. (Fotos: Pültz)
Gerichts- und Stadtschreiber, Fassbinder und Brauer, geistliche und weltlicheWürdenträger fanden auf dem alten Friedhof – heute ist dort der Stadtpark – ihre letzte Ruhestätte. (Foto: Stadtarchiv Traunstein)
Auf dem Friedhof von Traunstein fand Lambert Neisser, der letzte Abt des Klosters Seeon, seine letzte Ruhestätte.
Pfarrer Franz Xaver Schmid leitete den Wiederaufbau der nach dem Stadtbrand von 1851 zerstörten Stadtpfarrkirche St. Oswald.

Neisser erinnert, ist für Albert Rosenegger ein »Ehrenmal für einen Zuspätgekommenen«. Er leitete von 1793 bis 1803 das Benediktinerkloster Seeon und war damit der letzte Abt in der Geschichte des Konvents.

1748 in Salzburg geboren, übernahm er 1793 die Leitung des Klosters Seeon. Als erster Abt gab er sich den Namen des Klosterpatrons Lambertus. Doch auch die Hinwendung zum Hausheiligen bewahrte ihn nicht vor dem traurigen Schicksal, den Schlussstrich unter die jahrhundertelange Tradition der Mönche an diesem besonderen Standort ziehen zu müssen. Leidenschaftlich setzte er sich für den Fortbestand der Gemeinschaft ein, doch am Ende war er machtlos gegen die Bestrebungen des Staates, dieses und alle anderen Klöster im Lande aufzuheben – in dem politischen und finanziellen Kalkül, an den Grund und Boden, an die Gebäude wie auch an die Schätze heranzukommen, die in den Stätten des Gebets verborgen lagen.

Anders als viele andere Klöster im Lande hatte Seeon am Vorabend der Säkularisation noch eine lebendige, vielköpfige Gemeinschaft. Der Konvent bestand zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus 21 Patres, zwei Laienbrüdern und einem Novizen.

Angesichts des drohenden Unheils rief Lambert zum Kämpfen auf. Im Kapitelsaal sprach er zu seinen Mitbrüdern, er versuchte, ihnen, wie Rosenegger aus den Quellen zitiert, Mut und Standfestigkeit zu geben: »Meine Brüder! Unsere Sache ist gerecht, sie muß also mit aller Anstrengung verteidigt werden. Wir müssen den Machinationen des jetzigen Zeitgeistes entgegenarbeiten. Wir dürfen von den Stiftungsgütern so wenig vergeben, als unsere Vorfahren davon etwas vergeben konnten oder durften«, betonte der Abt in großer Runde. »Einer Reform bin ich nicht entgegen: Sie wird in mehrerer Hinsicht notwendig sein. Aber unsere Auflassung werden wir nie begehren, noch zulassen.« Wäre es nicht »schwärzester Undank«, »wenn wir dieses Stift, das sich schon über 800 Jahre aufrecht erhaltn hat, (...) den heutigen Klosterfeinden ausliefern wollten?«

Doch aller Einsatz war umsonst. Der Staat war mächtiger und machte schließlich, was er im Sinne führte. Und so kam auch für das Kloster in Seeon das Aus. Der Staat nahm die Gebäude in Besitz und vergoldete sie. 1804 verkaufte er den Großteil der Liegenschaften an Bäcker Xaver Diestler in München. Der Konvent löste sich auf – und die Mönche mussten schauen, wo sie fortan bleiben konnten.

Abt Lambert, der eine Jahrespension von 1400 Gulden zugebilligt bekam, ging nach Traunstein. Dort verbrachte er noch einige Jahre, ehe Gott ihn 1817 zu sich rief. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof mit der Kirche St. Georg und Katharina.

Seinen Abtstab hatte er vor seinem Tod der Pfarrkirche St. Oswald vermacht. Heute befindet sich dieses Zeichen seiner Würde und seiner Macht imeinstigen Kloster im kirchlichen Traunstein an einem Ehrenplatz: in der rechten Hand der Figur vom heiligen Rupert in der Salinenkapelle.

Ein »Glücksfall« für Traunstein

Die Grabplatten, die in die Außenmauer der Kirche St. Georg und Katharina eingelassen sind, erinnern an geistliche Herren – zum Beispiel auch an Franz Xaver Schmid. Im niederbayerischen Hengersberg am 17. August 1800 geboren, besuchte er das Priesterseminar in Passau. 1823 zum Priester geweiht, stieg er bis zum Domkapitular auf. 1852 verließ er die Bischofsstadt, weil sich für ihn die Chance eröffnete, eine Pfarrei zu übernehmen. In Traunstein herrschte nach dem Brand von 1851, der die Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte, helle Aufregung. Pfarrer Johann Michael Ernst legte sein Amt nieder und ging – und Franz Xaver Schmid kam. 19 Jahre lang leitete er alsdann die Pfarrei. Stets hatte er klare Vorstellungen – die jedoch nicht jedermann mit ihm teilte.

Laut Rosenegger war Schmid ein »Glücksfall«, der genau zur rechten Zeit kam, als die Stadt – und mit ihr auch die Pfarrei – nach dem Brand darniederlag. Ausgestattet mit einem eisernen Willen und einer unermüdlichen Schaffenskraft gab er dem religiösen Leben den neuen, alten Mittelpunkt zurück: Er leitete den Wiederaufbau der zerstörten Kirche St. Oswald. Bereits 1855, also nur vier Jahre nach dem Stadtbrand, war das Innere des Gotteshauses auf dem Stadtplatz wiederhergestellt. Der erneuerte Hochaltar mit dem Sockel, viersäuligem Hauptgeschoß und Seitenfiguren des heiligen Rupert und der JungfrauMaria entsprach im Wesentlichen dem 1732 gefertigten Altar.

Als Seelsorger hörte er nicht nur zu, wenn andere etwas auf dem Herzen hatten. In einzelnen Fällen ließ er seinen Schäfchen nicht nur immaterielle, sondern auch materielle Hilfe zuteil werden. So unterstützte er immer wieder Notleidende – und zwar dadurch, dass er ihnen anonym finanzielle Hilfe gewährte. Vor allem auch Kindern in der Stadt, die ohne eigene Schuld von allem Anfang gegenüber ihren Altersgenossen aus besser gestellten Familien ins Hintertreffen geraten waren, galt seine Fürsorge. So nahm er sich der armen Mädchen und Buben an, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Eine Neuordnung des Schulwesens in Traunstein trug auch und gerade die Handschrift des Pfarrers. Auf Betreiben von Schmid beschloss der Stadtmagistrat, die Volksschule nach Geschlechtern zu trennen: also Schulen für Buben wie auch für Mädchen zu schaffen. Der Stadtpfarrer setzte sich für die Errichtung eines Instituts der Englischen Fräulein in Traunstein ein – und zwar mit Erfolg. Die Klosterschwestern kamen in die Stadt und begann alsdann, in der Mädchenschule zu unterrichten. Und auch in der Pflege setzte der umtriebige Stadtpfarrer Akzente: Auf sein Betreiben hin kamen die Barmherzigen Schwestern in die Stadt und ins Krankenhaus. Ihr Wirken galt bald schon als sehr segensreich: Mit ihnen verbesserte sich die Pflege deutlich – die Patienten durften und konnten sich freuen.

Wie viele andere Kirchenmänner redete auch der Stadtpfarrer von Traunstein ein Wörtchen in der großen Politik mit. Als gewählter Vertreter des Volkes saß er viele Jahre in der Kammer der Abgeordneten des bayerischen Landtags. Seine politische Heimat war die Patriotenpartei. Und seine Gesinnung war dann auch ganz und gar patriotisch – was dann nach 1866, als die Bayern an der Seite Österreichs bei Königgrätz gegen die Preußen den Kürzeren zogen, hieß, gegen alles und jeden zu sein, das mit der Pickelhaube in Verbindung gebracht werden konnte. Schmid verabscheute die Preußen und die von ihnen getragene, nationale Idee, alle deutschen Lande – unter ihrer Führung wohlgemerkt – zu vereinen. Und als sich die nationalen Kräfte nach dem Sieg gegen Frankreich im Krieg 1870/71 nicht mehr aufhalten ließen und das Kaiserreich preußischer Prägung ausriefen, dann war der streitbare, bayerisch-patriotisch gesinnte Pfarrer aus Traunstein einer der wenigen Abgeordneten im Landtag, die gegen den Zusammenschluss stimmten.

Von schwerer Krankheit gezeichnet, dem Tod bereits nahe, gewandte sich der Pfarrer dann nicht mehr als Politiker, sondern als Seelsorger. Mit einer Denkschrift verabschiedete er sich von seiner Gemeinde: In seinen »Worten der Ermahnung« forderte er seine Schäflein auf, im Glauben fest zu bleiben. »O großer Gott! Segne diese Pfarrgemeinde, die ich in Deinem Namen fast zwanzig Jahre lang geleitet habe! Segne Alle ohne Ausnahme – Freunde und Feinde, Aeltern und Familien, Kinder und Greise, Gesunde und Kranke! Alle sind Deine Kinder und wollen zu Dir kommen im himmlischen Vaterlande.« Gernot Pültz Literatur: Albert Rosenegger: Die Inschriftendenkmäler an der Außenfassade der Kirche St. Georg und Katharina, in: Jahrbuch 2016 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein, S. 7 bis 100 (= Teil I); in: Jahrbuch 2017 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein, S. 23 bis 51 (= Teil II).

 

Gernot Pültz

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 13/2020 vom 28. 3. 2020

 

14/2020