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Jahrgang 2020 Nummer 40

Finale Fahrt der wagemutigen Wilhelmine

Erste deutsche Ballonfahrerin stieg auf dem Oktoberfest 1820 zum letzten Mal in die Lüfte

Die wagemutige Wilhelmine Reichard steuerte als erste deutsche Frau 1811 einen Ballon. (Repros: Mittermaier)
Der Franzose Jacques Charles unternahm 1783 in Paris die erste bemannte Fahrt in einem Gasballon.

Es sollte die finale Fahrt der wagemutigen Wilhelmine Reichard sein: Am 1. Oktober 1820 nachmittags um dreiviertel vier stieg die Braunschweigerin, die sich knapp ein Jahrzehnt zuvor als erste deutsche Pilotin eines Gasballons in luftige Höhen gewagt hatte, von der Theresienwiese aus zum letzten Mal in die Luft. Tausende von Besuchern auf dem Oktoberfest, darunter auch das bayerische Königspaar, Max I. Joseph und Caroline, warteten damals gespannt auf den Start der 32-jährigen Pilotin. Die Fahrt sollte unmittelbar nach dem traditionellen Pferderennen beginnen, doch heftige Windböen hatten den gefüllten Ballon so stark hin und her geschubst, dass die seidene Hülle dabei riss – und Wilhelmine Reichard erst einmal zu Nadel und Faden greifen musste, um das Malheur zu beseitigen.

Zum Glück hatte sich das Wetter inzwischen wieder beruhigt, worauf die Pilotin, passend zur Gelegenheit in ein Dirndl gewandet, nur mit wenig Verspätung in ihre Gondel kraxelte. Helfer zogen das Gefährt mit seiner lebenden Fracht an der Halteleine zum Pavillon der königlichen Familie, wo Minna Reichard ehrerbietig Abschied von den hohen Herrschaften nahm: »Endlich ließ man die Seile los; der Ball stieg schnell in die Höhe, die Luftschifferin warf Blumen und Gedichte herab und bewegte sich in der Höhe mit einer Sicherheit und Leichtigkeit, die Bewunderung erregte«, berichtet die »Baierische National-Zeitung« über das Spektakel.

Den weiteren Verlauf der Fahrt schildert der Historiker und Journalist Ulrich von Destouches im »Gedenk-Buch der October-Feste in München vom Jahre 1810 bis 1835«: Das Luftschiff habe sich schnell in den Himmel erhoben. Gut eine halbe Stunde nach dem Start »schwebte der Ballon im Schatten einer Wolke, die über Obersendling stand, und zwei Minuten später sank die kühne Frau unter diesem Schatten herab, und ihre Höhe konnte nun nicht mehr dreimal die Frauenturmhöhe betragen.« Nach einer dreiviertel Stunde Flugzeit, in der sie gut 20 Kilometer zurückgelegt hatte, beschloss Wilhelmine Reichard dann einen geeigneten Landeplatz zu suchen, da ihr Gefährt, dessen Gasfüllung sich mehr und mehr abkühlte, immer tiefer sank und sie nur durch Abwurf von Ballast weiter ihre Höhe hätte halten können.

In der Nähe von Zorneding hatte sich indes eine Gruppe Einheimischer versammelt und sich der Pilotin mit lauten Rufen und Winken bemerkbar gemacht: »noch hoch in der Luft hörte ich schon freundliches Rufen, dieses bestimmte mich zu landen, weil ich nun auf schnelle Hilfe rechnen durfte, die bei dem stürmischen Wetter mir sehr wünschenswert sein musste«, schildert Wilhelmine Reichard ihre Erlebnisse in einem Brief an die »Münchner Politische Zeitung.«

Da auch über Zorneding, wie schon vor dem Start auf der Theresienwiese, heftige Windböen übers Land fegten, konnte die Pilotin ihr Gefährt nicht so dirigieren wie gewünscht und landete deshalb ziemlich unsanft in einer Waldlichtung: »Nachdem ich den Anker niedergeworfen und der Korb so heftig aufsetzte, dass das Barometer brach, hob sich der Ball sogleich wieder und schnell wurde ich über hohe und niedere Bäume fortgerissen, bis endlich der Anker festhielt.

Zwei Bauernburschen von etwa 20 Jahren standen ungefähr 30 Schritt (= zehn Meter) entfernt und traten auf mein Verlangen sogleich herbei, den Reifen des Balles zu halten. Sie würden der Gewalt des Windes nicht lange widerstanden haben, wenn nicht noch zwei Landsleute ihnen zu Hilfe gekommen wären. In wenigen Minuten war ich von Männern, Weibern und Kindern umringt«, so Reichard.

Um die Menschen, für die der Anblick eines Ballons damals so exotisch war wie für uns heute ein fremdes Raumschiff, nicht zu erschrecken, hatten die Behörden vorab Mitteilungen in Zeitungen und Amtsblättern veröffentlicht und die Bevölkerung um ihre Mithilfe gebeten: »Von dem Ort, an welchem der Ballon herabsteigt und von der Zeit, in welcher dieses geschehen ist, und endlich von den sich allenfalls ergebenden Vorfällen die königliche Polizey-Direktion so bald als möglich zu benachrichtigen.« Tatsächlich brauchte es dann aber keinen extra Boten, um die glückliche Landung zu melden, denn ein Wachstuchfabrikant namens Seltenhorn, der sich gerade mit seiner Kutsche von einer Reise kommend auf dem Weg nach München in der Nähe der Landestelle befand, bot Minna an, sie samt Fracht mitzunehmen – und fungierte gleichzeitig als willkommener Dolmetscher: »Vorzüglich wurde seine Gegenwart mir nützlich, dass ich mich den Landsleuten, denen meine Mundart fremd war und mir die ihre, durch seine Vermittlung besser verständigen konnte.«

Die verbale Unterstützung war umso dringender, denn inzwischen waren immer mehr Zuschauer herbeigeströmt und drängten sich aufgeregt um die fremde Frau und ihr seltsames Gefährt, das ihnen so unerwartet vom Himmel gefallen war. Minna hatte indes das restliche Gas aus dem Ballon gelassen und alle Hände voll zu tun, die begeisterten Zaungäste davon abzuhalten, auf das filigrane Gewebe der Hülle zu trampeln, die bald flach am Boden lag.

Der Wachstuchfabrikant konnte die aufgeregten Zuschauer weitgehend in Schach halten und Ballon samt Pilotin unversehrt in seine wartende Kutsche verfrachten, ehe es unter Jubeln und Winken der Zornedinger Zaungäste zurück nach München ging. Vier Stunden nach dem Start kam die Abenteurerin wieder in der bayerischen Landeshauptstadt an und konnte dort aus erster Hand von ihren Eindrücken berichten.

Die Tochter eines herzoglichen Mundschenks war über ihren Mann Gottfried, den sie 1706 in Braunschweig geheiratet hatte, vom Flugfieber infiziert worden. Reichard, von Beruf Chemiker, hatte 1705 die erste geglückte Ballonfahrt eines Deutschen in Berlin miterlebt. Der Gymnasiallehrer Friedrich Wilhelm Jungius war damals mit einem Gasballon in eine Höhe von 6000 Meter aufgestiegen und eineinhalb Stunden später, obwohl er zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren und darüber hinaus auch noch die Ballonhülle einen klaffenden Riss bekommen hatte, wieder heil auf die Erde zurückgekommen. Für Reichard stand trotz der Gefahren, die Jungius ausgestanden hatte, schnell fest, dass er es dem Pädagogen, mit dem er sich in der Folge anfreundete, nachtun wollte. Doch Ballone gab es damals nicht von der Stange und der Bau eines entsprechenden Gefährts war eine teure Angelegenheit, für die Reichard das nötige Geld fehlte – und dann kam ihm auch noch Napoleon Bonaparte mit jahrelangen Feldzügen kreuz und quer durch Europa dazwischen.

Endgültig aufgeben wollte der junge Ehemann und Familienvater – Gattin Minna hatte ein Jahr nach der Hochzeit ihr erstes Kind zur Welt gebracht, dem noch weitere sieben folgen sollten – sein ehrgeiziges Projekt aber nicht. Im September 1810 konnte er, dank der Unterstützung Jungius', dann endlich in Berlin im eigenen Ballon zur Jungfernfahrt antreten – und sich damit als zweiter Deutscher Luftschiffer in den Chroniken verewigen. Gattin Wilhelmine war bei dieser Fahrt noch Zuschauerin, doch sie war inzwischen technisch genauso bewandert wie ihr Mann, und stand ihm auch in punkto Abenteuerlust in nichts nach: Im April 1811 wagte sich die damals 23-Jährige in Berlin dann selbst als Pilotin in die Luft, und der ersten erfolgreichen Fahrt sollte nur wenig später eine zweite folgen. Ein halbes Jahr später wäre es mit der luftigen Karriere und beinahe auch dem Leben der wagemutigen Wilhelmine aber beinahe zu Ende gewesen: Bei ihrem dritten Flug von Dresden aus stieg der Ballon so hoch auf, dass sie nicht mehr richtig atmen konnte und infolgedessen bewusstlos wurde. Kurz darauf platzte der Ballon und die Gondel sauste unaufhörlich in die Tiefe. Minna hatte allerdings einen Schutzengel an der Seite: »Die Künstlerin fiel mit den zerbrochenen Trümmern noch glücklich bei Saupesdorf auf Bäume zur Erde nieder, wo sie gefunden, und wieder zum Leben zurückgebracht wurde«, berichtet »Der Bayerische Volksfreund« 1835 in einer Rückschau auf den Werdegang der Ballon-Pionierin.

Fünf Jahre vergingen nach diesem horrenden Unfall, bis sich Wilhelmine wieder in die Lüfte wagte. Der Grund für die neuerlichen Fahrten war finanzieller Natur: Gottfried Reichard wollte sich als Chemiker mit einer Fabrik selbständig machen, hatte dazu aber nicht genügend Kapital, und Ballonfahrten waren seit der Premiere im Juni 1783 in Frankreich Massenspektakel, mit denen sich, eine geschickte Vermarktung vorausgesetzt, ordentlich verdienen ließ. Damals war es den Brüdern Michel Joseph und Étienne Jacques Montgolfier in der Nähe von Lyon gelungen, einen unbemannten Heißluftballon 1000 Meter hoch aufsteigen und mehr als zwei Kilometer fliegen zu lassen. Auf die Idee dazu hatte die Papierfabrikanten eine Beobachtung in ihrer Firma gebracht: Die Brüder hatten bemerkt, dass Papierfetzen über einem Feuer aufstiegen. In der Folge hatten sie einen Ballon aus leinenverstärktem Papier gebaut und diesen mit Hilfe eines Feuers aus Stroh und Schafswolle zum Abheben gebracht, wobei die Montgolfiers damals allerdings irrtümlich glaubten, dass der durch das Feuer entstehende Rauch den Auftrieb bewirkte, während tatsächlich aber die erhitzte Luft dafür verantwortlich war.

Ihren zweiten Flugversuch starteten die Montgolfiers wenige Monate später am Hof von Versailles, vor den Augen König Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, diesmal mit Passagieren: In der Gondel befanden sich ein Schaf, ein Hahn und eine Ente, die den Flug heil überstanden. Im November 1783 sollte in der Nähe in Versailles dann erstmals ein mit Menschen besetzter Flug im Ballon über die Bühne gehen, wobei anfangs Strafgefangene als Passagiere dienen sollten. Es fanden sich jedoch noch abenteuerlustige Freiwillige in Gestalt eines Physikers und eines Marquis, deren Mut mit einem geglückten Flug und sicher atemberaubenden Blicken aus der Gondel belohnt wurde: 25 Minuten dauerte dieser erste bemannte Ballonflug, bei dem das Gefährt samt Fahrgästen neun Kilometer zurücklegte.

Während die Montgolfiers noch über ihre geglückten Versuche mit ihrem Heißluftballon jubelten, bastelte deren Landsmann Jacques Charles an einer mit Gas betriebenen Version.

Im Dezember 1783 stieg eine aus gummierter Seide genähte und mit Wasserstoff gefüllte, nach ihrem Erfinder benannte, »Charlière« über den Tuilerien von Paris in den Himmel und begab sich auf eine rund 43 Kilometer lange Reise.

Die Reichards haben die Berichte über diese ersten Ballonfahrten sicher intensiv studiert und mit Gottfrieds Erfahrung als Chemiker standen ihnen auch wichtige eigene Kenntnisse für die Konstruktion ihres eigenen, mit Gas betriebenen Gefährts zur Verfügung.

Minnas Mann sollte übrigens wie seine Frau auf dem Münchner Oktoberfest seine letzte offizielle Fahrt starten: 1835 stieg dann der 49-Jährige in Anwesenheit König Ludwig I. und unter dem Beistand von Gattin Minna in die Lüfte und schaffte es mit seinem Ballon bis Eggenfelden.

Dank der Gelder, die sie mit ihren Fahrten, Vorträgen und Publikationen verdient hatten, war Reichard inzwischen erfolgreicher Besitzer einer chemischen Fabrik im sächsischen Döhlen, in der er Schwefelund Salpetersäure, Soda und Vitriolöl herstellte, die unter anderem in der Färberei und im Druckgewerbe benötigt wurden.

Nach dem Tod Gottfrieds 1844 betrieb Wilhelmine Reichard die Fabrik bis zu ihrem Tod allein weiter.

Die erste deutsche Ballonpilotin starb kurz vor ihrem 60. Geburtstag im Februar 1848.

 

Susanne Mittermaier

 

40/2020