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Jahrgang 2015 Nummer 6

»Fette« oder »schmalzige« Tage

Das große Schlemmen vor dem Fasten

»Wer an Fastnacht nicht isst und trinkt, bis ihm der kleine Finger steht, der wird das ganze Jahr nicht satt oder froh« – unter diesem Motto tafelten früher zur Fasnachtszeit Arm und Reich nach bestem Vermögen. Kurz vor Beginn der vorösterlichen Fastenzeit wurde an den »närrischen Tagen« noch einmal alles aufgeboten, was Speisekammer und Keller zu bieten hatten. Nicht umsonst heißt es im Volksmund: »Jetzt ist die lustige Fastnachtszeit, wo's Bratwürste regnet und Küchele schneit«.

Bis heute tragen einzelne Tage der Fastnacht vielerorts noch ihre traditionellen Namen, mit denen an die alten Speisevorschriften erinnert wird. Der Reigen der »Fresstage« wurde einst vom »schmutzigen Donnerstag« eröffnet. Er erhielt seinen Namen in Anlehnung an die schwäbisch-alemannische Bezeichnung »Schmutz« für »Fett«, was ein Hinweis auf die fetten oder in Fett ausgebackenen Speisen sein sollte, die vorzugsweise an diesem Tag verzehrt wurden.

Mancherorts wurde am »Fetten (oder Feisten) Donnerstag« noch einmal geschlachtet – ein Umstand, der Schnorrer auf den Plan rief. Im Schutz ihrer Masken konnten sie mit ihrer Beute unerkannt entkommen. Auch am »schmalzigen Samstag« schwitzten die Hausfrauen über ihren Pfannen und Töpfen. Sie backten fetttriefende Krapfen und Pfannkuchen, die sie großzügig verschenkten, aber auch selbst verspeisten.

Am Fastnachtssonntag war dann bei der Geistlichkeit »Schwelgerey« angesagt und man hielt mir »rindfleisch und weißem bier faßnacht«. Wie aus den Tagebuchnotizen der Priorin eines Augustinerinnenklosters hervorgeht, standen anno 1631 darüber hinaus auch »wilbreetz (Wildbret), suppen, feldt salat und ein lempretle (Lammbraten)« auf dem Speiseplan sowie »gesotten fisch« und reichlich Küchlein aus »schmalz und ayern« (Eiern).

Während dann am Rosenmontag für die Geistlichkeit bereits die Fastenzeit begann, trafen sich die einfachen Leute noch einmal im Wirtshaus. An dem vielerorts als »Krugtag« bezeichneten Tag, an dem die Arbeit zumindest halbtags ruhte, wurde die sogenannte »Bierschicht« geschoben und man vergnügte sich zudem lärmend auf den Straßen und Gassen. Für die zur Fastnachtszeit üblichen Arbeitspausen und die zahlreichen traditionellen Arbeitsverbote wurde die entsprechende Erklärung gleich mitgeliefert. Nur wer sich der Arbeit enthält, hat Zeit genug, um sich den »Bauch vollzuschlagen«.

Am Fastnachtsdienstag war dafür die letzte Gelegenheit. Im Volksmund wird dieser Tag auch als »Schnitztag« bezeichnet, weil an ihm das bäuerliche Hauptgericht aus gedörrten Birnenschnitzen und Speck bestand. Dazu gab es wiederum Schmalzgebackenes.

Manche Speisen hatten im Volksglauben eine bestimmte Wirkung. Wer am Faschingsdienstag bereits vor Sonnenaufgang Hirsebrei mit Blutwurst verspeist hatte, soll sich für den Rest des Jahres Wohlstand gesichert haben. Andere meinten, auf diese Weise stets vor Fieber gefeit zu sein. Wer zur Mittagszeit Sauerkraut mit Blutwurst aß, der sollte vor Flöhen und Wanzen verschont bleiben. Zur Fastenzeit getrunkener Schnaps sollte bei der »Heumahd« (Heuernte) vor zudringlichen Stechmücken schützen.

Während die Hausfrau am »Feisten Donnerstag« darauf geachtet hatte, dass ihr das Schmalz im Topf nicht ausging, kratzte sie nun die letzten Reste fein säuberlich heraus. Denn nach altem Aberglauben galt ein vorzeitig zur Neige gegangener Schmalzvorrat als böses Omen und kündete von bevorstehender Not. Die kirchlichen Speisevorschriften wiederum diktierten, dass am Aschermittwoch in den Speisekammern und Küchen kein Ei und kein Bröselchen tierischen Fettes mehr vorhanden sein durfte. Die Fastenzeit hatte begonnen, und lange Zeit kontrollierten Patrouillen das ordnungsgemäße »Fastenhalten« und bestraften etwaige Zuwiderhandlungen.

 

6/2015