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Jahrgang 2009 Nummer 30

Ferdinand Maria, Kurfürst von Bayern (1636- 1679)

Er übernahm als junger Herrscher ein von Krieg und Pest geplagtes Land – Teil II

Kaspar von Schmid »auf Haslach und Birnbach«, Kanzler des Kurfürsten

Kaspar von Schmid »auf Haslach und Birnbach«, Kanzler des Kurfürsten
Absolutistisch regiert mit einem klugen System

Der Kurfürst war nach dem Vorbild Ludwigs XIV. ein absolutistischer Fürst und wollte auch dessen Wirtschaftssystem – den Merkantilismus – ganz auf Bayern übertragen. Mit gutem Erfolg, wie das Ergebnis zeigte. Der Kurfürst hielt wie in Frankreich auch in Bayern alle Fäden in der Hand. Er pflegte einen gemilderten Absolutismus, der sich bewusst war, dass das ihm von Gott gegebene Amt auch Pflichten erfordere. Auch als absolutistischer Fürst war Ferdinand Maria darauf bedacht, dass sich dem Besten des Staates alle unterzuordnen hatten, was das Beste sei aber bestimmte der Kurfürst als Landesherr. Mit einer zentralistischen Verwaltung, an deren Spitze der Geheime Rat – in Frankreich war es der Staatsrat – unter dem Vizekanzler Kaspar von Schmid, war zuständig für alle außen- wie innenpolitischen Angelegenheiten und war gleichzeitig das Oberministerium, das auch über dem Hofrat, der Hofkammer und dem Geistlichen Rate stand und diese niederhielt. Die Seele dieses ganzen Apparates war der Vize- und spätere Kanzler als Vorstand der Geheimen Ratskanzlei. Er hatte auch alle Außenbehörden bis zum entferntesten Grenzort unter Kontrolle. Das geschah mit Hilfe des Rentmeisters, für den der Vizekanzler 1669 eine eigene Instruktion erließ, die ihm viele Vollmachten für seine Reisen in die Provinzen erteilte. So geschah im Lande nichts, was oben nicht gesehen wurde.

Für die in späteren Jahren immer häufigere Abwesenheit des Kurfürsten von der Residenz, seinen wechselnden Aufenthalten in Schleißheim, Dachau, Berg und Bernried wurde die Institution eines Kabinettsekretariats geschaffen, die zwischen Kurfürst und Kanzler vermittelte. So wurde das Land vorzüglich regiert von einem bienenfleißigen, hoch intelligenten Beamten, der selbst als Gutsbesitzer in Haslach drauf achtete, dass es mit dem Bauernstand wieder aufwärts ging.

Der Kurfürst und mit ihm seine Regierung wollten den früheren Ständestaat beim Wiederaufbau des Landes beseitigen, denn die ständische Allmacht hätte den Staat zerstören können, wie man glaubte. Die Stände durften allenfalls eine beratende Funktion haben. Die Richtigkeit dieser Auffassung zeigte sich im Besteuerungsrecht, das der Fürst ausübte.

Die Steuern waren für ihn nicht ein freiwilliges Geschenk, sondern eine Pflicht der Stände gegenüber dem Staat. Und hier sei der Fürst derjenige, dem die Entscheidung darüber zustehe, wie weit Steuern für Staatszwecke notwendig wären. Demnach hatte der Fürst auch über die Verwendung der Gelder aus der Landschaftskasse zu bestimmen, die bisher in Händen der Landschaftsverordnung waren. Dies war wichtig in einer Zeit schwieriger Finanznöte 1668, als der Kurfürst einen allgemeinen Landtag für den 2. Januar 1669 ausschreiben musste. Dieser gewann allerdings nach fünfzigjähriger Pause und einer völlig anderen Zusammensetzung seine alte Machtstellung nicht wieder zurück und gab nach einigen harmlosen Beschlüssen seine Befugnisse an die Landschaftsverordnung ab. Das war das Ende des alten bayerischen Landtags.

Der Merkantilismus hilft beim Aufbau des Landes

In der bayerischen Wirtschaft herrschte nach dem französischen Vorbild nun auch der Merkantilismus, der dort den Geldsegen unter Colbert zu ungeahnter Blüte gebracht hatte. Endzweck der Politik sollte es sein, den Geldabfluss möglichst zu verhindern und das Geld ins Land strömen zu lassen, also eine günstige Handelsbilanz zu erhalten. Der Kurfürst war als Kind seiner Zeit aufgeschlossen für Neuerungen und auch Neuerer wie den bedeutendsten deutschen theoretischen Vertreter der neuen Wirtschaftsform, Dr. Becher, den er 1664 aus Mainz nach München holte. Er machte eine Fülle von neuen Vorschlägen, so u. a. der Einführung neuer Manufakturen und der Schaffung einer Landesbank; Bayern sollte auch ein Kolonialstaat werden und eine überseeische Handelskompanie gründen. Noch zwei weitere Projektemacher kamen in diesen 60er Jahren nach München und überschütteten den Kurfürsten mit Vorschlägen. Einer davon blieb: die Gründung einer Tuchfabrik in der Au und in weiteren Städten. Sie verhalf dem Land zu einem blühenden Industriezweig. In ihrem Gefolge entstanden das Tuch- und Lodengewerbe in Ober- und Niederbayern, die Leinen- und Zeugmacherei in der Oberpfalz. Um den Rohstoff dafür zu bekommen, wurde im Lande die Schafzucht wieder belebt. Die vornehmste Sorge galt den Monopolen. So wurden das Salzmonopol, das Weißbiermonopol und das neu eingeführte Tabakmonopol als Einnahmequelle sehr geschätzt. Auch das Brauereigewerbe regte sich wieder und der Staat hielt ihm ausländische Konkurrenz fern. Ebenso schützte die Regierung den Handel vor fremder Konkurrenz durch das Verbot des Hausiererhandels und den Schutz der städtischen Wochen- und Jahrmarktsmärkte. Gleichzeitig mit dieser Abschirmung ausländischer Erzeugnisse war auch die Tendenz zur Expansion erkennbar. Ein Zollvertrag Bayerns mit Österreich vom Jahre 1658 erleichterte die Ausfuhr bayerischer Waren in dieses Land und die Durchfuhr nach der Türkei und Venedig. So wurde der Niedergang des Handels nach dem langen Krieg aufgehalten und auch der Salz-, Getreide-, Vieh- und Holzexport begann wieder so zu steigen wie sich Handel und Gewerbe im Inland lebhaft entwickelten.

Bevorzugt wandte sich die Regierung unter dem Vizekanzler von Schmid der Landwirtschaft und der ländlichen Bevölkerung zu, die am meisten daniederlagen. War das Landvolk doch in manchen Landstrichen fast gänzlich ausgerottet worden oder geflohen vor den Gräueltaten der Soldaten. Der Vizekanzler, der skeptisch gegenüber dem blühenden Industriezweig der 600 Tuchmacher war, denn »der Bauer nimmt hundertmal mehr Anteil am lieben Vaterland und am Landesfürsten als der Fabrikant«. Nicht zuletzt deshalb trachtete die Regierung danach, den Bauern durch vielerlei Hilfen den Wiederaufbau der verödeten und zerstörten Höfe und der brachliegenden Ländereien zu erleichtern. Auch staatliche Zuschüsse und erleichterte Kredite wurden den Bauern gewährt, dazu sicherte die Regierung die Arbeit der Bauern durch Zuteilung von Militärpferden und Verteilung von Saatgut. Ihre Schuldenlast versuchte die Regierung zu erleichtern, indem sie von den Gläubigern sowohl Stundung als auch teilweisen Zinsnachlass erzwang. Selbst die Arbeitsverhältnisse der Dienstboten wurden geregelt, die von den Bauern gerade zur Erntezeit überhöhte Löhne forderten. Noch viele andere Maßnahmen wären zu nennen, alle Bemühungen aber gipfelten in der Errichtung einer landwirtschaftlichen Schule in Schleißheim, die dazu beitragen sollte, die Landwirtschaft immer effektiver zu machen. Das Ergebnis aller Bemühungen zeigte sich in der Landsteuer, die vornehmlich die Bauern zu zahlen hatten: sie stieg von 160 000 auf 628 000 Gulden zum Ende des Jahres 1678. Das zeigt am deutlichsten die wirtschaftlichen Erfolge des Wiederaufbaues. Der arg gebeutelte Adel verlangte auf dem Landtag von 1669 wirksame Hilfen für seinen Stand, den er immer noch als eine Stütze des Thrones betrachtete. Der Kurfürst half in den folgenden Jahren durch die »Pragmatik« von 1672 und einige Verordnungen, vor allem aber auch durch sehr drastische Eingriffe in das Kreditwesen, die die Geldverleiher vorsichtiger machten gegenüber adeligen Schuldnern.

Auch das Heereswesen reformierte der Kurfürst und modernisierte es zwischen den Kriegen mit Hilfe der französischen Hilfsgelder, die reichlich flossen, damit der Kurfürst dem Franzosenkönig mit seiner bewaffneten Neutralität den Rücken im Reich freihalten konnte. Diese französischen Subsidien betrugen von 1671 bis 1680 immerhin 2 130 000 Gulden und sogar noch einiges mehr. Der Zustand der bayerischen Armee war so ausgezeichnet auf allen Gebieten – mit Ausnahme des Sanitätswesen und der fehlenden Kasernen –, dass sogar der österreichische Kaiser Leopold I. sie als »mustergültig in militaribus« bezeichnete und seinen Gesandten anwies, sich darüber zu informieren und die Erfahrungen in der österreichischen Armee zu verwerten. Der bayerische Historiker Doeberl schreibt über die Armee des Kurfürsten: »Selten hat sich die Wirksamkeit der Armee für die bayerischen Lande segensreicher gezeigt als unter diesem Fürsten.« Und er fügt hinzu: »Die Armee ist ein Instrument in den Händen der Diplomatie und diese Diplomatie stand damals im Dienste des Friedens.«

Der wirtschaftliche Erfolg so vieler Maßnahmen auf allen Gebieten zeigte sich nach 1662 – dem Sturz des für die Finanzen zuständigen Hofkammerpräsidenten Freiherrn von Mändl. Fortan kümmerte sich der Kurfürst fleißig und intensiv selber um die Staatsfinanzen und führte eine Verpflichtung zum Sparen ein, die bis in die letzte Amtsstube der Provinz eingehalten werden musste. Trotz der üppigen Ausgaben der Hofhaltung der Kurfürstin zeigten sich die Ergebnisse bald im Budget des Staates. 1651 beliefen sich die Einnahmen des Hofzahlamtes auf 1 039 431 Gulden und die Ausgaben betrugen 1 048 407 Gulden. Dieses Defizit bestand auch noch 1657. Ein Jahrzehnt später, 1678 stiegen die Einnahmen des Staates auf 1 874 431 Gulden und die Ausgaben sanken auf 1 132 649 Gulden. Ein Jahr vor seinem Tode hatte der Kurfürst also einen Überschuss von nicht weniger als 741 471 Gulden angesammelt, einen »Schatz«, von dem sein Sohn Max Emanuel ebenso überrascht wurde, wie die umliegenden Fürsten Bayern um diesen Reichtum beneideten.

Prunkvolle Hofhaltung und Förderung der Künste

Der kulturelle Einfluss Italiens im Verein mit dem französischen des Sonnenkönigs war in keinem Lande sichtbarer als im Bayern der Kurfürstin Adelheid. Sie war die große Förderin des italienischen Barocks, der unter ihr seinen Höhepunkt erreichte. Sie, die savoyische Prinzessin hatte nicht nur italienisches Blut in den Adern, sondern durch ihre Verwandtschaft mit dem französischen Königshaus als Tochter der Schwester des Königs Heinrich IV. auch französisches. Sie war eine der schönsten Frauen in Europa, mit einem unruhigen Temperament ausgestattet, voller Leidenschaft und selbst hoch künstlerisch. Sie tanzte, sang, komponierte und schrieb Theaterstücke, in denen sie selber mitspielte und sogar ihren Gatten dazu brachte, eine Rolle zu übernehmen, wenn er dies auch nur widerwillig machte. Aber die vielen italienischen Künstler am Hofe und ebenso der ganze Hofstaat musste mitspielen und auch das strenge Hofzeremoniell einhalten. Sie wurden dafür entschädigt durch die vielen Feste, die in den kurfürstlichen Schlössern gegeben wurden. Es ist fast nicht möglich, sie alle aufzuzählen. Die am Hofe eingeführten, erstmals im eigens dafür erbauten Opernhaus am Salvatorplatz gezeigten Opern, Ballette, Schauspiele, Komödien, die Schäferspiele und Maskenfeste, die Wasserspiele und Bootsfahrten mit dem berühmten, dem venezianischen Staatsschiff nachgebauten »Buccentaur« auf dem Starnberger See, fröhliche Jagden und vieles andere mehr. Auch zur Geburt des Thronfolgers Max Emanuel wurde 1662 im neuen Opernhaus am Salvatorplatz eine Oper aufgeführt und das Gelübde eingelöst mit dem Baubeginn der Theatinerkirche am Tage der Geburt und der Gründung des Theatinerordens und noch einiger weiterer Orden. Der Kurfürst schenkte der Kindsmutter das Schloss Nymphenburg (heute der Mittelbau), mit dessen Bau bereits 1663 begonnen wurde. 1669 stellte der Kurfürst die vor über hundert Jahren kularisierten Oberpfalzklöster mit beträchtlichen Geldern wieder her. Die Geistlichen, denen der Kurfürst empfahl, bei ihren Bauten nur einheimische Künstler zu verwenden, bauten ebenfalls Kirchen und Klöster. So führte er in ganz Bayern den italienischen, barocken Baustil ein.

Ein düsterer Schatten über den letzten Jahren

Die letzten Jahre des noch jungen Kurfürstenpaares waren umdüstert. Durch den Leichtsinn einer italienischen Kammerfrau brannte die Residenz 1674 ab. Bei den Löscharbeiten zog sich die Kurfürstin eine schwere Krankheit zu, von der sie sich nicht mehr erholte und zwei Jahre später daran starb, gerade 40 Jahre alt. Der Kurfürst verwand den Tod seiner geliebten Frau nur schwer. Angewidert vom Hofleben und der ewig gleich intriganten europäischen Politik lebte er nun vereinsamt immer öfter draußen im Schloss Schleißheim und hing seinen Gedanken nach. Drei Jahre nach dem Tod seiner Gattin entschlief er abseits vom Lärm der Welt. Er war ein wahrhafter Friedensfürst gewesen, der nach dreißig Jahren Krieg seinem Land dreißig Jahre Frieden beschert und dem Volk wieder Wohlstand gebracht hatte. Der »Pacifikus« wurde tief betrauert vom Volk. Das Kurfürstenpaar fand seine Ruhestätte in der Theatinerkirche.


Dr. Ludwig Plank

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 29/2009

Literaturhinweise:
Michael Doeberl, Entwicklungsgeschichte Bayerns, Band II, 3. erw. Auflage, München 1928, Druck und Verlag R. Oldenbourg
Benno Hubensteiner, Bayerische Geschichte, 16. Auflage 2006, Rosenheimer Verlagshaus
Goldner/Bahnmüller, Bayerische Herzöge, Kurfürsten und Könige, 2. Auflage 1981, Pannonia Verlag, Freilassing



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