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Jahrgang 2016 Nummer 2

Fahrradfahrender Juwelendieb in Salzburg geschnappt

Kärntner stiehlt 1908 Pretiosen aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg

Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, hier eine Graphik von 1884, stahl Rettl historischen Schmuck. (Repros: Mittermaier)
Zu Beginn seiner »Karriere« klaute der Kärntner Fahrräder, mit denen er, wie der Radler auf dem historischen Plakat, auf und davon sauste.
Eine Diebstahlsserie in Zell am See, hier auf einem Gemälde von Edmund Höd um 1885, wurde Rettl zum Verhängnis.

Es ist eines der klassischen Motive in Hollywood-Streifen: Raffinierte Diebe stehlen kostbare Museumsschätze und tricksen dabei selbst modernste Alarmanlagen aus. Peter Ustinov und Maximilian Schell gelingt dies in »Topkapi« und im »Rosaroten Panther« mopst das »Phantom« trotz fieser Radarstrahlen einen riesigen Diamanten.

Langfinger früherer Tage hatten es da vergleichsweise einfach: Als Georg Rettl im August 1908 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg historischen Schmuck mitgehen lässt, reichen ihm dazu eine gehörige Portion Kaltblütigkeit und ein Satz Dietriche. Dass er am Ende dafür in den Fängen der Justiz landete, hatte der gebürtige Kärntner dann eher einem unglücklichen Zufall als seinem Unvermögen zu verdanken.

Die Beamten der Salzburger Polizei, die im Oktober 1908 auf Rettl aufmerksam wurden, dürften nicht schlecht gestaunt haben, als sie erfuhren, welch dicker Fisch ihnen da ins Netz gegangen war. Wie sich herausstellte, hatte der 27-jährige Verdächtige schon vor der Tat in Nürnberg einiges auf sein Kerbholz geladen und dafür auch etliche Jahre hinter Gitter verbracht. In Kirchbach im Bezirk Kötschach in Kärnten beheimatet, war der gelernte Schneidergeselle im zarten Alter von 17 Jahren schon dreifach wegen Diebstahls vorbestraft, als er im November 1898 wegen neun gestohlener Fahrräder im Wert von mehr als 1000 Gulden erneut vor Gericht stand. Bei seiner Verhaftung hatte er zudem eine falsche Identität angegeben und behauptet, er heiße Christian von Egger und sei Buchhalter in Graz. Dass er beim Diebstahl der Drahtesel so »ausgiebigen Erfolg« hatte, wie es das Grazer Volksblatt am 23. November 1898 bezeichnet, liege daran, »dass er ein so gewandter Radfahrer sei« – in den Anfängen des Zweiradsports eine Fähigkeit, die eher die Ausnahme als die Regel war. Ebenfalls nicht üblich war es damals offenbar, Räder zum Schutz vor Langfingern abzusperren, weshalb Rettl, wenn er auf seinen Streifzügen durch Graz ein lohnendes Objekt entdeckt hatte, einfach aufsteigen und losstrampeln konnte. Einmal, als er, laut Reporter »mit Windeseile dahinflog« sei er dabei von einem Wachmann aufgehalten worden, der ihn aber, weil Rettl sofort lautstark protestierte, weiterfahren ließ. Beim letzten Diebstahl vor seiner Verhaftung 1898 wich der 17-Jährige dann von seinem üblichen Muster ab. Statt sich ein abgestelltes Rad unter den Nagel zu reißen, suchte er einen Verkäufer auf und gab sich als interessierter Kunde aus. Ehe er sich entschied, wollte er das angebotene Rad aber erst noch ausprobieren, so seine Bitte. »Es wurde ihm dies gestattet, er bestieg das Rad, fuhr einige Male darauf herum, plötzlich aber sauste er davon und wurde erst im Gerichtssaal wieder gesehen«, so die Kurzzusammenfassung des Grazer Berichterstatters, der den Prozess verfolgte. Da Georg Rettl damals schon einschlägig vorbelastet war, wurde er für die gestohlenen Drahtesel zu fünf Jahren schweren Kerkers mit einmal hartem Lager alle Vierteljahre verurteilt. Nach seiner Entlassung musste er sich außerdem unter Polizeiaufsicht stellen. Das »harte Lager« war eine nach dem österreichischen Strafgesetzbuch von 1852 verschärfte Strafe, bei der Häftlinge zu bestimmten Zeitpunkten auf bloßen Brettern ohne Bettzeug schlafen mussten.

Nachdem er seine fünf Jahre in der Strafanstalt Karlau in Graz abgebüßt hatte, zog es den Schneidergesellen um 1904 nach Bayern – wahrscheinlich, weil er so der angeordneten Polizeiaufsicht entging, denn die konnte Rettl in seinem neuen Leben genauso wenig brauchen wie noch vor seiner Zeit im Gefängnis. Zwar versuchte der Mittzwanziger nun, was man ihm durchaus zu Gute halten muss, sich seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise mit Nadel und Faden zu verdienen; doch wenn sich Gelegenheit zu einer Gaunerei ergab, geriet der Kärntner schnell wieder in alte Fahrwasser. 1907 wurde Georg Rettl dabei erwischt, wie er in München ein gestohlenes Rad in einer Pfandleihanstalt versetzen wollte, was ihm vier Monate Gefängnis einbrachte. Wegen seiner »Eigentumsgefährlichkeit«, wie es die Münchner Polizeidirektion im Beamtendeutsch damaliger Zeit formulierte, wurde der Österreicher nach Verbüßung der Haft des Landes verwiesen. Laut »Salzburger Chronik« vom März 1909 kehrte Rettl daraufhin in sein Heimatland zurück, tauchte aber ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1908, unter dem Namen Josef Glorin« in Nürnberg auf, wo er etliche Monate in seinem erlernten Beruf tätig war. Dass er ausgerechnet in der Noris gelandet war, hatte einen guten Grund: Dort gab es einen echten Josef Glorin, dessen Heimatschein Rettl sich »ausgeliehen« hatte. Dabei handelte es sich um eine Art Personalausweis, den man zum Beispiel brauchte, wenn man eine neue Arbeitsstelle antrat oder um sich Behörden gegenüber auszuweisen. In Zeiten, in denen Betteln und Streunen gesetzlich verboten war, diente der Heimatschein auch als Legitimation, wenn man in eine Polizeistreife geriet, die auf der Suche nach verdächtigem Gesindel war. Obwohl Rettl in Nürnberg Arbeit bekam, geriet er auch hier schnell wieder auf die schiefe Bahn. Dabei brach er Anfang August 1908 ins Handels- und Putzartikelgeschäft des Kaufmanns Max Jahn in der Kaiserstraße ein. Wer sich vielleicht wundert, warum Rettl sich ausgerechnet einen Laden mit »Putzwaren« als Tatort ausgesucht hatte: So wurden damals Läden genannt, die Hüte und entsprechendes Zubehör verkauften und nicht, wie heute unter dem Begriff verstanden, Reinigungsmittel.

Die Beute, die Rettl dort mitgehen ließ, war aber auch ohne Seife und Scheuermittel noch ungewöhnlich genug: Neben 30 Stück Straußenfedern klaute er einen Karton mit Seidenbändern und 15 Bücher aus der Serie »Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens«. Um nicht vor Ort beim Verhökern des Diebesguts erwischt zu werden, schickte Rettl die heiße Ware nach München – an Josef Glorin, der das Diebesgut dann in der Wirtschaft »Zum Soller« verhökerte. Nun offenbar so richtig in Fahrt, schlug Rettl eine Woche nach dem Einbruch beim Kaufmann dann erneut zu. Diesmal sollte es aber ein ganz großer Coup werden, bei dem er keine Kinkerlitzchen wie Federn, Bänder oder Bücher erbeuten würde, sondern kostbares historisches Geschmeide, ausgestellt im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Am Sonntag, 17. August 1908, begab sich Rettl als Besucher getarnt an den Tatort und schlenderte durch die Räume, um einen passenden Moment abzuwarten. Ob der Dauerdieb die Preziosen bereits zuvor ausgekundschaftet hatte, erwähnen die zeitgenössischen Berichte nicht, doch es ist anzunehmen, denn in der Kürze der Zeit, in der gerade kein Wächter anwesend war, ein lohnendes Objekt ausfindig zu machen und dann auch noch die Beute an sich zu bringen, wäre wohl doch sehr dreist. Wie auch immer, bis zum späten Nachmittag hatte sich der gebürtige Kärntner entschlossen, sein Glück an einem verschlossenen Schrank im Saal Nummer sechs zu versuchen. Dass er beim Berühren des Möbels Alarm auslösen würde, musste Rettl nicht fürchten.

Die Idee der elektronisch gesteuerten Warnmelder geht zwar bis auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, Objekte in Museen mit einer derartigen Technik zu sichern, wurde jedoch erst in den 1940er Jahren populär. In Rettls Fall lag die Bewachung der ausgestellten Gegenstände allein bei menschlichen Wächtern. Der für den Saal mit dem Schmuck zuständige Aufseher, Georg Schweitzer, sagte später vor Gericht aus, dass die betreffenden Stücke an jenem 16. August, einem Sonntag, gegen halb drei Uhr auf jeden Fall noch an Ort und Stelle gewesen seien, denn da habe er den Schrank das letzte Mal kontrolliert und alles zur besten Zufriedenheit vorgefunden. Anschließend habe er sich in andere Räume und schließlich in den Hof begeben, um mit dem Absperren der Türen zu beginnen, da die Öffnungszeit sich dem Ende zuneigte. Als er anschließend gegen fünf Uhr wieder in den Saal kam, sei ihm sofort aufgefallen, dass die Schranktüren angelehnt und nicht wie vorher verschlossen waren und der Schmuck – ein Armband, eine Brosche, ein Ring und Ohrringe fehlten. Bei der anschließenden Befragung durch die Polizei erinnerte sich Schweitzer dann an einen Mann, der schon am Vormittag dagewesen sei und ihm aufgefallen war, weil er ein weißes Taschentuch auffällig an seine rechte Backe gehalten hatte – warum Rettl dies tat, wurde nicht weiter erläutert. Neben Schweitzer gaben auch andere Bedienstete an, sie hätten den Verdächtigen zur fraglichen Zeit im Museum gesehen. Einen Tag später erschien bei verschiedenen Goldarbeitern und Juwelieren in Nürnberg dann ein Mann, der altes Gold und einen größeren Brillanten zum Kauf anbot und dessen Beschreibung ebenfalls auf Georg Rettl passte. Verhaftet werden konnte der Kärntner damals aber nicht, denn er hatte sich mittlerweile auf und davon gemacht. Zwei Monate später ging der Gesuchte dann aber der Polizei in Salzburg ins Netz, wobei er das große Pech hatte, dass die Beamten damals gerade auf der Suche nach Schmuckdieben waren, die bei einer Einbruchserie in Hotels in Bad Ischl und Zell am See fette Beute gemacht hatten. Alle einschlägigen Salzburger Händler waren deshalb aufgerufen worden, sofort die Behören zu verständigen, sollte jemand versuchen, Edelsteine an den Mann zu bringen. Rettl hatte von den Hoteldiebstählen offenbar nichts mitbekommen und tappte nun nichtsahnend in die Falle. Dabei gab er sich zunächst als ein Mechaniker namens Paul Nässe aus und wollte dies mit einer Fahrradkarte, die er auch beim versuchten Verkauf der gestohlenen Steine als Legitimation benutzt hatte, belegen. Als die Beamten seine Habseligkeiten durchsuchten, kamen 54 ungefasste Brillanten zum Vorschein, von denen er behauptete, er habe sie in der Nähe des Nürnberger Rangierbahnhofes »gefunden«. Zuvor wollte er einen Mann beobachtet haben, der sich dort in der Erde zu schaffen gemacht hatte. Er habe dann an der Stelle gegraben, als der Mann wieder weg war, und dabei sei die Schachtel mit den Schmucksteinen aufgetaucht.

Als Georg Rettl, der in der »Salzburger Chronik« als mittelgroßer, krankhaftaussehender Mann mit kleinem Schnurrbart und schielendem Blick beschrieben wird, diese Geschichte vor Gericht wiederholte, kamen ihm wohl schon selbst Zweifel, dass die Geschworenen ihm das abkaufen würden, weshalb er sich schnell noch eine andere Story zusammenbastelte, »was ihm jedoch gänzlich misslang«. Die aus Nürnberg einbestellten Zeugen gaben dann auch übereinstimmend an, dass es sich bei dem Angeklagten um jene Person handle, die sowohl im Museum gesehen worden war als auch anschließend versucht hatte, das Diebesgut zu verhökern. Als entscheidendes Merkmal zur Identifizierung nannten die Befragten dabei unter anderem den in Nürnberg fremden »Alpendialekt«. Bei der Vernehmung dieser Augenzeugen kam es dann noch zu einer skurrilen Szene, als der Vorsitzende Richter einen der Herren, einen Kaufmann namens Stein, für einen Angehörigen des jüdischen Glaubens hielt und ihm deshalb die auf seine Religion zugeschnittene Eidesformel abnehmen wollte. Stein antwortete daraufhin erbost, er sei kein Vertreter der mosaischen Glaubensrichtung, sondern »freireligiös«, worauf der Richter, sichtlich irritiert nachfragte: »Sie glauben aber doch an den Herrn?«, was Stein mit folgendem Satz konterte: »Ach, glab überhaupt nix an ein Gott«. Der Richter verzichtete daraufhin auf eine Vereidigung und ließ Stein ohne Schwur aussagen. Der Angeklagte selbst blieb bis zum Schluss bei seiner Angabe, er habe mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun, wobei auch der Rat des Richters, es könne sich, angesichts der unzähligen Vorstrafen, nur günstig auf sein Strafmaß auswirken, wenn er ein Geständnis abliefere, ins Leere lief. Für die Geschworenen war am Ende aber klar, dass sie den für den Diebstahl im Nationalmuseum Schuldigen vor sich hatten, worauf sie den 27-Jährigen zu sieben Jahren schweren Kerkers verurteilten. Erschwert bedeutete, dass Georg Rettl Fußfesseln erhielt und zudem nur mit Personen, die »unmittelbar auf seine Verwahrung Bezug haben« sprechen durfte. Die Unterhaltung mit anderen Gefangenen wurde ihm »nur in ganz besonderen und wichtigen Fällen« gestattet.


Susanne Mittermaier

 

2/2016