Jahrgang 2003 Nummer 25

»Etwas Besseres hat der Chiemgau nie besessen«

Auf Herrenchiemsee ist ein ganz anderer Julius Exter zu entdecken

Julius Exter Selbstbildnis, 1897, Mischtechnik auf Leinwand 75,5 mal 52,5 cm.

Julius Exter Selbstbildnis, 1897, Mischtechnik auf Leinwand 75,5 mal 52,5 cm.
Exter-Haus am Chiemsee in Übersee-Feldwies: Morgensonne im Garten am Exter-Haus.

Exter-Haus am Chiemsee in Übersee-Feldwies: Morgensonne im Garten am Exter-Haus.
Exter-Haus am Chiemsee in Übersee-Feldwies: See mit Segelbooten.

Exter-Haus am Chiemsee in Übersee-Feldwies: See mit Segelbooten.
Das Foto von 1906 in wuchtigem vergoldeten Rahmen neben dem kleinen Ölbild »Bei Prien« zeigt Jenny und Sidney Brown mit ihren drei Kindern. Der Technische Direktor der Firma Brown Boveri & Cie., Baden/Schweiz, war der wichtigste Mäzen des Malers, der die kleine Priener Landschaft neben dem Foto schuf: Julius Exter, vor 140 Jahren in Ludwigshafen geboren, 1939 gestorben. In Feldwies am Chiemsee. In der Schweizer Villa »Langmatt« besaßen die Browns nicht weniger als 17 »Exters«. Ob »Bei Prien« auch dabei war?

Noch ist Julius Exter nicht restlos erforscht. Elmar D. Schmid, Museumsdirektor der Bayerischne Seen- und Schlösserverwaltung, hat sich voll und ganz Julius Exter zugewandt. Mehrere Veröffentlichungen. Ein großartiger Katalog (»Aufbruch in die Moderne« zu der von ihm für die Bayerische Landesbank 1998 ausgerichteten Ausstellung). Der ständig wache Blick auf Exters Bilder, die noch lange nicht alle in »seinem« Museum oder im »Künstlerhaus Exter« in Übersee-Feldwies (Leiterin: Monika Kretzmer-Diepold) hängen, sondern – vielleicht – gerade auf dem nächstbesten Flohmarkt angeboten werden. 30 »neue« Werke von Julius Exter konnte Elmar D. Schmid nun dem ohnehin schon großen Bestand im Museum des ehemaligen Augustiner-Chorherrnstifts auf Herrenchiemsee hinzufügen. Begeisterung ohne gleichen bei Exter-Anwalt Schmid: »Etwas Besseres hat der Chiemgau nie besessen!«

Man könnte, nicht weniger euphorisch, hinzufügen: Und eine schönere Bleibe hätte Exter nicht bestellt werden können als die Gemäldegalerie auf der Herreninsel – Exters ehemaliges Wohnhaus am Südufer des Sees ist das persönliche Pendant zu dem weiträumigen, phantastisch beleuchteten, ehrwürdigen Öffentlichkeits-Gebäude. Die staatliche Schlösserverwaltung weiß, was sie daran hat: ein attraktives Vorzeige-Objekt mehr.

1931, acht Jahre vor seinem Tod, malte sich Julius Exter als Atelierkünstler in Mischtechnik noch einmal auf Leinwand. Die Palette mit vier Pinseln lässig in der Linken, stützt er die Rechte in die Hüfte, den Arm angewinkelt. Kahlköpfig. Starrer Blick. »Der Geisterseher«, kommt es aus Elmar D. Schmid. »Die Falten der Jacke: wie Totengerippe. Ich sage doch: Exter ist nicht nur der Chiemseemaler. Bei ihm steckt in jedem Bild noch etwas dahinter. Exter, der Symbolist. Sie werden sehen ...«

Exters Atelier stand in Übersee-Feldwies. Ein altes Bauernhaus. »Zum Stricker« hieß das Anwesen. 1898 erworben, von 1917 an ständiger Wohnsitz der Familie. Judith Anna Köhler, Malerin aus Darmstadt, schenkte zwei Exter-Kindern das Leben: Judith (geboren 1900) und Karl (1902), der auch Maler wurde. Den Vierjährigen stellte der Herr Papa als Lederhosen-Sepperl dar, mit was-Wunder-wieviel buntem Spielzeug, rund um den stehenden, strotzenden Jungen herum auf dem Teppich ausgebreitet. »Judith als Konfirmandin« (1913/14): ein frühreifes, dunkeläugiges, exotisch schönes Mädchen mit dicken Zöpfen. Die Lilien der Unberührtheit geben dem Bildnis einen Schuss zuviel Moral, Sittsamkeit. »Meine Frau mit beiden Kindern«, datiert 1904/05, im orginalen Zierrahmen: Die Porträtierten stehen im Großen Atelier des Exter-Hauses in Feldwies. Bücherregal unter Galerie. Wintersonne will in ein Kammerfenster dringen. Schnee im Garten draußen. Doch eine Idylle?

Ein Foto von 1903 gewährt ebenfalls Einblick ins Exter-Atelier: Vom Boden bis an die Decke reichen die fertigen oder halbfertigen Gemälde, der Künstler selbst legt soeben Hand an das auf der Staffelei angebrauchte übermannshohe (in der Ausstellung dann in der Realität zu bestaunende) »Porträt der Frau Melms«. Die Dame, eigentlich Juliet Melms-Brown (1869 bis 1943) war die jüngste Schwester von Sidney Brown. Und Exters Schülerin in seiner Malschule. Europaweit war sie, in München, auch in Feldwies bekannt. Zog vor allem Damen der Bolurgoisie an. Aus Odessa, aus Zürich, von Gott-weiß-woher kamen sie zu Julius Exter, um bei ihm zu lernen. Die Browns bauten zwischen 1905 und 1910 ihrer Villa im schweizerischen Baden eine Galerie an, in der die Exter-Kollektion untergebracht wurde. Bis dahin hatte sich Exter bereits einen guten Namen erworben. Schon 1881 bis 1887, während seines Akademie-Studiums in München, wurde er ausgezeichnet. Mitgleid der Münchner Secession und mit seinem späteren Gegenpart Franz von Stuck von einem gemeinsamen Aufenthalt in der Künstlerkolonie Osternberg bei Braunau am Inn bekannt, schuf Exter vor der Jahrhundertwende vor allem monumentale Gemälde mit religiöser und symbolistischer Thematik. War er damals schon »der ganz andere Julius Exter«?

Am Chiemsee freilich fühlte er sich wohl. Kein Wunder, dass er eintauchte in die »malerische« Landschaft, sie für sich und seinen zunehmend kühneren, freien Pinselstrich entdeckte. »Dorfbach«, »Dorfgraben«, »Ueberseer Bach«, »Der Werkkanal«, »Im Garten«, »Sommerabend«, »Bach mit Bäumen«, »Steg mit Kähnen«, »Sonniges Wetter«, »Hochgern«, »Kaisergebirge« ... – die Datierungen fehlten auf diesen expressionistischen »Chiemgaubildern« der Sommermalschule des Julius Exter. Mit Porträts, die an einen deftigen Renoir erinnern, mit Feldern und Wiesen, bei denen Van Goghs Farben durchglühen, nur sanfter, besonders in den zahlreichen weiblichen Aktstudien, Mädchen- und Frauenporträts. Längst sind die »Tanzenden Bauern« von 1901, länger noch ist der monumental-mythologisch aufgeladene »Zauberwald« von 1898 überwunden. Die »Dame in Rot« bekommt eine kränkelnde Laszivität beigemischt, von da an wird alles hitergründiger, zeichenhafter. Exters Ambivalenz, von der Elmar D. Shcmid überzeugt ist, schimmert durch. Verlässt einen beim Eintauchen in seine späteren Bilder nicht. Besonders in den Teil der Werke, die, an die dreißig sind es tatsächlich, neu hinzugehängt werden konnten. Wird Julius Exter noch lange unausgeschöpft bleiben?

1917, das sollte man bedenkten, ließ er sich scheiden, im Jahr seiner endgültigen Entscheidung, am Chiemsee zu bleiben. Dort fürderhin als Freilichtmaler zu arbeiten. Einladungen zur Pariser Weltausstellung, in den Münchner Glaspalast, den Professorentitel, die Ehrenmitgliedschaft der Münchner Kunstakademie hatte er bereits in der Tasche. Ausstellungen bei Brakl in München, in der Secession, später bei den sogenannten Juryfeien und im Münchner Kunstverein – Exter war ein bekannter Maler. Ist er es heute wieder?

Ihn als »Chiemseemaler« zu bezeichnen, als »Farbenfürst« (wie auch Elmar D. Schmid ihn noch vor 7 Jahren in seiner kleinen Publikation mit »unbekannten Werken aus dem Nachlass seiner Schülerin Olga Fritz-Zetter«) zu rühmen, genügt aus heutiger Sicht nicht mehr. Freilich stimmt, dass er am Chiemsee »seinen unverwechselbaren Stil« entwickelte, dass ihn die »bewegte Wasserfläche des Sees«, das »Wolkenspiel«, die »ausgedehnten Moorgebiete« und die »Alpenkette als Fernbild am Horizont« inspirierten, dass »vor der Natur skizzierte Gemälde von vitaler Farbenpracht« entstanden, »die zum einen dem Neo-Impressionismus, zum anderen dem Expressionismus in der Art der französichen ‘Fauves’ verpflichtet« waren. Ist Exter also schwer in eine kunsthistorische Schublade zu stecken?

Für Elmar D. Shcmid jedenfalls lapidar ein »phänomenal begabter Mann«. Wen hat er, seine Zeitgenossen bedenkend, denn nun nicht internalisiert? Corinth ist mit im Bild, Rodin-Anklänge sind zu spüren, Klinger, Böcklin, Munch. Auf der Nordseite des Chiemsees hatte Leo Putz das Sagen. »Der geht aber in die l àrt-pour-l àrt-Ecke«, winkt Schmid ab. Er begeistert sich an Exters Vitalnatur, die aber nie grobschlächtig malte, die Farben mit Bedacht und Hintergründigkeit (seine Blumen-Stillleben!) wählte und michte: »Im Wühlen in der Farbe findet er eine eigene Bildstruktur und Koloratur«, schwärmt Schmid. Manches sehe aus wie bildhauerisch modelliert. Die Lebendigkeit in den Figuren, die die Landschaften ruhig betreten, bliebe über ein ganzes Jahrhundert erhalten. Im Gegensatz zu seinem Antipoden Stuck komme Exter klar vom Barock, nicht von der Renaissance her. Daher auch das stets beigemengte Morbide in aller daseinsjuchzenden Fülle. Daher auch die frühen Szenen in heimatlicher Ausführung. Und nicht zuletzt die Vorliebe für das ewige Thema »Mann und Frau«. Lässt nicht die Wiener Schule von weit herübergrüßen?

Exters Weg als Maler führt vom Historismus über Phasen impressionistischen und symbolhaltigen Schaffens hin zu seinem farbensprühenden Spätwerk. Er ist ein Vorkämpfer der modernen Malerei, ganz ohne Zweifel. Nur als solcher kaum erkannt und noch immer ungenügend gewürdigt. Mit breiten Pinselbahnen trägt er satte Farbportionen auf. Er vereinfacht die Form mehr und mehr. Wählt stets das ungewöhnliche Bildmotiv: Landschaft, freier Akt, Porträt, religiöse Inhalte stehen im Zentrum. Die menschliche Existenz bei Exter: bedroht. »Gewitter«, eines der neu hinzugekommenen Werke, zeigt diesen Aspekt besonders deutlich. Hinten drauf: ein Zettelchen, erst kürzlich dem Kustoden aufgefallen: »Dr. Richard Strauss«. Mit dem Komponisten war Exter gut bekannt. Nimmt die Strauss-Forschung so etwas zur Kenntnis? Ein weites Feld – Kunst- und Musikgeschichte – tut sich auf.

Und erst recht mit der Wiederentdeckung des monumentalen Triptichons »Jubilate«. Eine Arbeit von 1911. Ausmaße, dass man sie mit mehreren Schritten abschreiten muss. Thema – wie viele von Exters Landschaften – »Sieg der Nacht über das Licht«: Der Mittelteil, ein Beitrag zur Erneuerung der christlichen Kunst zu Beginn des letzten Jahrhunderts, ein stark idealisierter Christuskorpus in der Grabhöhle liegend, nur symbolisch ausdeutbar. Engel, himmlische Heerscharen, teilweise antik ausgedeutet, noch nicht analysiert. Ein junger fahl schimmernder Mann, sitzend, blassrote Rosen im Schoß, schon nicht mehr von dieser Welt. Die undefinierbaren Gestalten im Mittelfeld lösen sich erst allmählich aus dem mystisch-nebulosen Hintergrund. Rätselhaftes Dunkel. Grabensstille. Karfreitagszauber besonderer Coleur. Gefasste Gipsreliefs unten zeigen Jesu Fischfang, das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, Jesu Anfeindung und Versuchung. Die alte, von Exter selbst gefertigte Rahmung – kaum zu glauben, dass das Werk lange in der Pfalzgalerie in Speyer lag, wohin es zu deren Gründung ausgeliehen worden war und seither als verschollen galt.

Judith Exter, die 1975 starb (ihr Bruder Karl überlebte sie um sieben Jahre), vermachte doch das von ihr unter großen Entbehrungen wohlgehütete Werk ihres Vaters und das Feldwieser Anwesen zwei Jahre vor ihrem Tod dem Freistaat Bayern. Die Schlösserverwaltung muss nun auch das von Elmar D. Schmid wieder an Land gezogene, »total verrottete, verrußte, verdreckte, verkohlte« Triptychon restaurieren lassen. Eine »horrende Summe« wird das kosten. Für Elmar D. Schmid ist die Inangriffnahme der Wiederherstellung (das Relief ist wesentlich besser erhalten als die Gemälde-Teile) nur eine Frage der Zeit. Für ihn ist das Stück der Hauptanlass der »neuen« Exter-Sammlung auf Herrenchiemsee. »Wer’s mag, soll’s mögen«, sagt er und führt das Wortspiel weiter: »Wer’s nicht mag, soll’s bleiben lassen.«

HG



25/2003
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