weather-image
Jahrgang 2004 Nummer 31

»Es ist einfach ein wunderbarer Beruf«

Besuch bei Chiemseefischer Holmer Lex – Kormorane bereiten große Sorge

Das Zugnetz, mit dem die Insulaner bis etwa 1930 fischten, war 500 Meter lang. Acht Männer auf zwei Schiffen waren nötig, um es

Das Zugnetz, mit dem die Insulaner bis etwa 1930 fischten, war 500 Meter lang. Acht Männer auf zwei Schiffen waren nötig, um es auszulegen und einzuholen. Das Bild zeigt ganz links Johann Lex, den Vater von Holmer Lex.
Johann Lex, Vater von Holmer Lex, bei der aufwändigen und zeitraubenden Pflege der Netze, die bis in die 50er Jahre hinein noch

Johann Lex, Vater von Holmer Lex, bei der aufwändigen und zeitraubenden Pflege der Netze, die bis in die 50er Jahre hinein noch von Hand ge-strickt werden mussten.
»Die Kundschaft ist anspruchsvoller geworden« – Holmer Lex mit geräucherten Renken.

»Die Kundschaft ist anspruchsvoller geworden« – Holmer Lex mit geräucherten Renken.
Holmer Lex kann herzhaft lachen, wenn sein Enkelsohn eine Bemerkung macht wie »Ich werde kein Fischer, ich will Karriere machen«, denn er weiß nur zu gut um die schönen Seiten seines Berufs: Die Freiheiten, die er bietet, und die herrliche Ruhe auf dem See in den frühen Morgenstunden, wenn nur die Berufsfischer schon unterwegs sind und ihre Netze auslegen. Nach einem viertel Jahrhundert, das er bereits ihrer Genossenschaft vorsteht, weiß er auch, dass Nachfolgeprobleme bei den Fischern eher eine Seltenheit sind. »Es ist einfach ein wunderbarer Beruf«, sagt der 75-Jährige. »Man ist sein eigener Herr und immer im Kontakt mit der Natur.« Zudem ist die Arbeit in den letzten 150 Jahren deutlich leichter geworden – Kleidung und Schuhe wurden wasserdicht, die Netze transparent, robust und enorm »fängig«, und seit den 30er Jahren erleichtern die Außenbordmotoren die ehemals mühsame Fortbewegung auf dem See.

Als 1857 der Urgroßvater, Sebastian Lex, in das »Wicklfischerhäusl« auf der Fraueninsel einheiratete, konnte von alldem noch keine Rede sein, auch nicht von Selbstbestimmung. Die neun Inselfischer waren verpflichtet, ihre Renken, Brachsen und Zander an »königliche Fischaufkäufer« abzugeben. Das eigene Fischrecht – für das die Genossenschaft heute jährlich rund 50 000 Euro an den bayerischen Staat zahlt und das bis zur Säkularisierung 1803 Privileg der Kirche war, konnten sich die Fischer erst ab 1877 leisten – und dann begann sich das zu entwickeln, was heute die Lebensgrundlage der Chiemseefischer ist: Die Direktvermarktung an Touristen und die regionale Gastronomie. Bei 80 bis 100 Zentnern gefangenem Fisch pro Jahr kann eine Familie noch heute davon leben.

»Meine Großeltern,« erzählt Lex, der 1943 bei seinem Vater Johann in die Lehre kam, »sind noch jeden Sonntag nach der Kirche nach Stock gerudert und haben ihren Fisch mit dem Leiterwagen zum Bahnhof gebracht, oder ihn auf den Dorfplätzen aus dem Korb heraus verkauft.« Zu dieser Zeit war das »Netzstricken« die Winterbeschäftigung der Fischer; auch Holmer Lex hat das Stricken der Netze von Hand noch gelernt. Kaum zwei Jahre hielten die Netze aus Baumwolle oder Hanf, das Flicken war ebenso zeitraubend wie das Trocknen der Netze nach jedem Fischfang. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts war das Gesicht der Insel noch von den Tausenden Metern Netz geprägt, die am Ufer über Stangen in der Sonne hingen und das Eiland einhüllten wie ein Verband. Die Kunstfasernetze revolutionierten die Fischerei. Im gleichen Maß, wie sich damit die Arbeit der Fischer verringerte, nahm sie in der Fischverarbeitung zu. »Die Kundschaft ist viel anspruchsvoller geworden«, sagt Holmer Lex. »Wir verbringen heute die meiste Zeit des Tages mit dem Räuchern und Filettieren der Fische.«

Die »Wicklfischerei« gehört mittlerweile dem Sohn Thomas, der weitgehend ungetrübt in seine Fischerzukunft blickt – wären da nicht die Kormorane. Rund 80 Tonnen Fisch pro Jahr fangen die Chiemseefischer, weitere geschätzte 45 Tonnen gehen auf die Rechnung der Kormorankolonie am Achendelta. Dagegen schöpft er aus der saloppen Bemerkung des anderen Sohnes die Hoffnung, dass von einer Nachfolge-Diskussion auch er verschont bleiben wird, so wie all die anderen 16 Chiemseefischer, die ihr Handwerk seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben haben. »Ich brauche kein Englisch, ich werde doch eh Fischer«, hatte der Elfjährige kürzlich gesagt. Im Falle der »Wicklfischerei« stünde er für die sechste Fischergeneration, seit vor rund 150 Jahren sein Ururgroßvater auf die Fraueninsel kam. Der See ist noch immer der selbe, das Handwerk ist sich treu geblieben – nur die Bedingungen haben sich geändert.


Der Kormoran – ein Gesetzloser

Für die Chiemseefischer gelten strenge Regeln: Hechte dürfen beispielsweise erst ab einer Größe von 55 Zentimetern, Renken ab 30 Zentimetern gefangen werden. Kleinere Exemplare wandern ebenso zurück ins Wasser wie die seltenen Perlfische oder die Seeforellen. Dazu müssen die Fischer Schonzeiten einhalten. Über all das setzt sich der Kormoran, dessen Kolonie sich in den 90er Jahren mit 15 Nestern erstmals an der Achenmündung angesiedelt hat und deren Nester-Bestand seither auf 129 (Stand Zählung 2003) anwuchs, ebenso unwissend wie unbarmherzig hinweg. Außer den Fischern sieht kaum jemand die Scharen der Räuber, die in den Morgenstunden ausschwärmen – zu Hunderten, wenn im Spätsommer die Jungen flügge sind. Jeder Kormoran, der eine Flügelspannweite von bis zu 1,5 Metern erreicht, frisst ein halbes Kilo Fisch pro Tag. Während die Fischereigenossenschaft im Jahr 2002 mit staatlicher Genehmigung rund 60 Kormorane abschoss, wurde ihr die Erlaubnis für das vergangene Jahr verwehrt. Die Fischer haben nun nach einem erfolglosen Widerspruch bei der Regierung von Oberbayern Verwaltungsklage eingereicht. Dr. Michael Lohmann, Biologe beim Landesverband für Vogelschutz, versteht die Situation der Berufsfischer. »Eine Kolonie von 50 Nestern würde auch uns vollkommen genügen«, erklärt er seinen Standpunkt, »aber es bereitet uns Bauchschmerzen, wenn in einem Naturschutzgebiet und noch dazu zur Brutzeit gejagt werden soll. Zumal dabei auch noch andere Vögel wie etwa der Silberreiher in Mitleidenschaft gezogen werden.« Seiner Einschätzung nach richtet der Fischjäger an den Bächen und Flüssen höheren Schaden an als im Chiemsee selbst. Für eine zukunftsfähige Lösung, die alle Beteiligten zufriedenstellt, würde er sich einen »runden Tisch« wünschen – mit Fischern, Naturschützern und Vogelschützern.

CK



31/2004