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Jahrgang 2020 Nummer 29

Erster Atlantikflug 1928 von Ost nach West

Der bayerische Pilot Hermann Köhl landet mit dem letzten Tropfen Treibstoff vor der Küste Kanadas

Hermann Köhls Karriere als Flieger begann im Ersten Weltkrieg.
Mit dieser Maschine vom Typ Junkers W 33 schaffte Köhl 1928 die erste Atlantiküberquerung eines Motorflugzeugs von Ost nach West. (Repros: Mittermaier)
Umjubelte Helden: Hermann Köhl (Mitte, mit Hut in der Hand) und Ehrenfried von Hünefeld (rechts hinten im Wagen) werden in New York gefeiert.

Hermann Köhl und seinen Mitstreitern blieb am Ende nur eine Hoffnung: dass der Motor ihrer Junkers W 33 sie auch nach fast zweitägigem Dauerbetrieb nicht im Stich ließ und so lange durchhielt, bis sie wieder festes Land unter sich hatten. 37 Stunden lang war der aus Neu-Ulm stammende Pilot mit zwei Kollegen von Irland aus unterwegs, die Maschine von eisigen Nordwinden durcheinandergeschüttelt, ehe sie, mit den letzten Resten an Öl und Treibstoff auf einer Insel vor Kanada schließlich notlanden konnten. Ihr Ziel, als Erste mit einem Motorflugzeug den Atlantik von Ost nach West zu überqueren, hatte das Trio trotz der verkürzten Route, die eigentlich erst in New York zu Ende gewesen wäre, dennoch erreicht.

Hermann Köhl kam am 15. April 1888 in Neu-Ulm zur Welt, als zweites von acht Kindern des späteren Generalleutnants der bayerischen Armee, Wilhelm Köhl, und dessen Ehefrau Walburga. 1897 zieht die Familie aufgrund einer Versetzung des Vaters nach München. Hermann ist damals das Sorgenkind des Herrn Papa: Das Abitur schafft er nur auf Umwegen und aus dem bayerischen Kadettenkorps fliegt er bald wegen Ungehorsams. 1909 tritt er als Fahnenjunker in die Württembergische Armee ein, schafft die Kriegsschule wider Erwarten und beginnt 1913 ein Studium an der Militärtechnischen Akademie in Berlin, das er bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs aber abbrechen muss.

Inzwischen Leutnant, wird Köhl an die Westfront versetzt, wo er sich in den Vogesen eine schwere Schussverletzung am Schienbein zuzieht. Nach seiner Genesung lässt er sich zur Fliegertruppe der Deutschen Luftstreitkräfte versetzen.

Der Einsatz von Luftfahrzeugen hatte in Deutschland in den 1880er Jahren mit Fesselballonen und Luftschiffen begonnen; 1912 war die Fliegergruppe mit Motorflugzeugen hinzugekommen.

Köhl besaß zwar keine Erfahrung als Pilot, hatte aber durch sein Studium technische Kenntnisse, die ihm einen Posten als Flugzeug-Beobachter einbrachte, die Piloten auf Flügen mit geographischen und militärischen Informationen versorgten. Er sei so unbedarft an seine neue Arbeit herangegangen, dass er sich vor dem ersten Einsatz noch nicht einmal nach dem Wetterbericht erkundigt habe, schreibt Köhl in seinen 1928 veröffentlichten Lebenserinnerungen »Unser Ozeanflug«.

Mit offenen Cockpits, in denen sie Nebel, Wind und Regen ausgesetzt waren und Motoren, die nur im Idealfall eine längere Flugstrecke durchhielten, brauchten damalige Flieger und ihre Begleiter schon eine gehörige Portion Chuzpe, doch am Wagemut fehlt es Köhl ganz sicher nicht. Allerdings will er sich auf Dauer auch nicht mit der Rolle als Begleiter zufriedengeben.

Während eines Fronturlaubs macht er im Schnelldurchlauf den Pilotenschein, muss allerdings weiter Dienst als Beobachter verrichten. Ende 1916 wird seine Maschine während eines Luftkampfs abgeschossen, doch Köhl überlebt und muss nur einige Zeit im Lazarett verbringen. Wieder im Einsatz, gerät er im Mai 1918 nach einer Notlandung zusammen mit seinem Piloten in französische Gefangenschaft. Nach 16 Monaten – der Krieg ist mittlerweile längst zu Ende – gelingt ihm im September 1919 eine waghalsige Flucht durch halb Frankreich zurück nach Deutschland. Dort will er seine Karriere eigentlich fortsetzen, doch der Friedensvertrag von Versailles verbietet es dem Deutschen Reich militärische Fliegertruppen zu unterhalten. Köhl wird deshalb in eine Kraftfahrabteilung versetzt, was seine Leidenschaft für Flugzeuge aber nicht abschwächt.

1925 quittiert er den Militärdienst und zieht mit seiner Frau Elfriede nach Berlin, um dort für die Junkers Luftfahrt AG zu arbeiten. Sein Auftrag: ein internationales Netz für zivile Nachtstreckenflüge aufzubauen. Köhls Arbeitgeber, der Ingenieur und Unternehmer Hugo Junkers ist eine der prägenden Figuren der frühen Luftfahrtgeschichte. 1915 hatte der gebürtige Rheinländer das weltweit erste Ganzmetallflugzeug entwickelt, die »J1«. Seine Konstruktionen sollten über Jahre den europäischen Luftverkehr dominieren. Doch ständig neue Modelle zu entwickeln war ein kostspieliges Unterfangen und Mitte der 1920-er Jahre steht Junkers vor dem finanziellen Aus. Eine Fusion mit der »Deutschen Aero Lloyd« rettet seine Firma ger ade noch vor dem Untergang. Der Name der neuen Gesellschaft mit Sitz in Berlin: »Deutsche Luft Hansa AG«. Hermann Köhl behält sein Aufgabengebiet nach der Fusion zwar bei, doch er kann nun nicht mehr am Großteil dieser Flüge selbst teilnehmen, was ihn so frustriert, dass er darüber nachdenkt, ob er nicht nach Amerika auswandern soll – in jenes Land, das seit den Motorflügen der Gebrüder Wright 1903 ebenfalls im Flugfieber war.

Köhl verfolgt aufmerksam die Karrieren amerikanischer Pioniere wie Charles Lindberghmit, der es im Mai 1927 als erster Pilot geschafft hatte, die Strecke New York – Paris nonstop und ohne Begleitung zu bewältigen. Eine »Großartigkeit, die sich mit Worten gar nicht beschreiben lasse«, kommentiert Köhl diese Leistung. Wenige Wochen nach Lindbergh gelingt dessen Landsmann Clarence Chamberlin die erste Atlantiküberquerung mit einem Fluggast: Am 6. Juni 1927 landet die Maschine des Amerikaners auf dem Flugplatz Eisleben.

Als Köhl auf dem Flugplatz Tempelhof in Berlin die Nachricht von der geglückten Mission erfährt, beschließt er, einen insgeheim schon länger gehegten Traum in die Tat umzusetzen: Er will den Atlantik nonstop von Ost nach West überfliegen, was bislang noch kein Pilot geschafft hat. Als er mit seinem Plan bei seinem Arbeitgeber vorstellig wird, sichert ihm die »Luft Hansa« Unterstützung zu und bald hat Köhl auch einen Mitstreiter gefunden: Ehrenfried von Hünefeld, Sprössling einer ostpreußischen Adelsfamilie, der sich zuvor in den verschiedensten Berufen, unter anderem als Gemeindienstler und Diplomat versucht hatte, ist wie Köhl begeisterter Flieger und hat ebenfalls schon an ein derartiges Projekt gedacht, das in Pilotenkreisen wegen der im Vergleich zur West-Ost-Überquerung weitaus schwierigeren Windbedingungen bislang eigentlich als undurchführbar gilt.

Hünefeld hat Köhl gegenüber einen großen Vorteil: Er ist ziemlich vermögend und erwirbt aus eigener Tasche zwei Junkers W 33, die »Bremen« und die »Europa«, mit denen er und Köhl, sowie zwei Junkers-Werkspiloten, sich im August 1927 aufmachen, um die Atlantiküberquerung in Angriff zu nehmen. Schlechtes Wetter über den britischen Inseln zwingt die beiden Maschinen jedoch schon bald zur Umkehr. Den nächsten Anlauf wollen Köhl und Hünefeld, dann alleine mit der »Bremen«, erst im folgenden Jahr versuchen, und sich dann auch besser auf das Wagnis vorbereiten.

Die »Luft Hansa« hatte nach dem misslungenen Versuch ihre Unterstützung zurückgezogen, aus Angst, dass ihr Name bei einem neuerlichen Fehlversuch Schaden nehmen könnte. Köhl lässt sich trotzdem nicht von seinem großen Traum abbringen und auch sein Kompagnon Hünefeld drängt auf einen zweiten Versuch. Der 35-jährige Ostpreuße hat gewichtige Gründe, warum er möglichst schnell wieder loslegen will: Schon seit jungen Jahren mit einer schlechten Gesundheit geplagt, die ihm neben einer chronischen Nierenkrankheit auch eine Magenverkleinerung mit einem künstlichen Ausgang beschert hatte, weiß Hünefeld, dass ihm nicht mehr allzu viel Zeit auf Erden beschert ist und die will er mit der Erfüllung seines Traums nutzen.

Ende März 1928 startet das Duo mit der »Bremen« von Tempelhof aus zu einem Flug, der offiziell nur nach Dessau gehen sollte – tatsächlich aber die erste Etappe für ihr Mammutvorhaben war, das sie diesmal aber am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit in Angriff nehmen wollten. Offizieller Startpunkt war deshalb auch nicht Berlin, sondern der irische Flugplatz von Baldonnel, den sie bei früheren Erkundungsflügen ausgewählt hatten. Als die beiden mit ihrer aufgerüsteten Junkers in Irland landen, stehen die Vorzeichen für eine gelungene Überquerung allerdings alles andere als gut: ZweiWochen lang regnet es ununterbrochen, was die Nerven der beiden Abenteurer auf eine gehörige Probe stellt. Die scheinbar unendliche Wartezeit hat allerdings auch eine positive Seite: der Kommandant des Flughafens, James Fitzmaurice, selbst ein erfahrener Pilot, der im Jahr zuvor ebenfalls eine Überquerung versucht hatte, bietet sich als dritter Begleiter an und Köhl und Hünefeld nehmen das Angebot gerne an.

Hermann Köhl berichtet in seinen Erinnerungen, was ihm in der letzten Nacht vor dem Abflug in Irland durch den Kopf ging: »So manches gänzlich Ungeklärte wie die Eisnebel von Neufundland, die Weststürme und Zyklone des Ozeans … und letztendlich die Frage, ob der Motor durchhalten würde«, hätten ihn trotz aller Zuversicht um den so dringend benötigten Schlaf gebracht. Mit etlichen Kissen, Thermosflaschen und Proviant ausgerüstet, besteigt das Piloten-Trio um fünf Uhr früh des 12. April die Junkers W 33 und nach einem holprigen Start, der beinahe in den irischen Dünen schon wieder zu Ende gewesen wäre, brummt die Maschine ihrem so fernen Ziel entgegen. Bei zunächst idealem Flugwetter wechseln sich die drei alle zwei Stunden am Steuerknüppel ab.

Ausgerechnet als die lange Dunkelheit beginnt, wendet sich das Wetter und es ziehen starke Nordwinde mit gewaltigen Wolkenbänken auf, die unaufhörlich an derMaschine und ihren Insassen rüttelten und schüttelten. Dass die Sicht praktisch null ist und die Fluginstrumente auch alles andere als präzise funktionieren, lässt das bis dahin so glatt verlaufene Unternehmen bald zum Himmelfahrtskommando geraten.

Umkehren war wegen des inzwischen verbrauchten Treibstoffs keine Option mehr und so blieb dem bangenden Trio nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass sich irgendwann bewohntes Festland unter ihnen auftat. Ein wenig beruhigter konnten die Abenteurer sein, als sich endlich Wald statt Wasser unter ihnen auftat. Doch in der Wildnis kamen sie, ohne Funk und Telefon auch nicht weit und so mussten sie weiterfliegen. Nach 37 langen Flugstunden kamen dann endlich die so lang ersehnten Behausungen in Sicht und es gelang ihnen, die Maschine auf einem angrenzenden Schneefeld aufzusetzen. Wie sich herausstellte, waren sie auf der Insel Greenly Island vor der kanadischen Küste gelandet, deren Bewohner über den ungewöhnlichen Besuch nicht schlecht staunten.

Die Geschichte von den drei Fremden und ihrem sensationellen Coup verbreitete sich in Windeseile und baldwusste die ganze Weltvomnicht für möglich geglaubten Erfolg Köhls und der Copiloten. Ihren Plan, auf Ersatzteile zu warten, um die Junkers wieder soweit flugtauglich zu machen, dass sie nach New York fliegen könnten, mussten die drei allerdings aufgeben. Ein amerikanischer Pilot holte die drei mit seiner Maschine von der Insel ab und übernahm den Transfer in die US-amerikanische Metropole. Der Empfang dort ist atemberaubend: Tausende von jubelnden Zuschauern säumen die Straßen, als die beiden Deutschen und ihr irischer Kompagnon unter Konfettiregen in einem offenen Cabrio durch die Stadt chauffiert werden. Nach ausgiebigen Feiern geht es für die Drei dann wieder zurück nach Deutschland – auf dem Seeweg.

In der Heimat wartete dann wieder der Alltag, der es mit den beiden allerdings bald nicht mehr allzu gut meint: Hünefeld, der sich noch im gleichen Jahr in eine anstrengende Flugreise nach Asien stürzt, ist Anfang 1929 gesundheitlich so angeschlagen, dass er im Alter von nur 38 Jahren an den Folgen einer Unterleibsoperation stirbt. Hermann Köhls weitere Karriere gerät durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ins Abseits: Ehemalige Fliegerkameraden aus dem Ersten Weltkrieg, mit denen er sich damals überworfen hat, sitzen nun an einflussreichen Positionen und stellen ihn kalt. Dazu kommt, dass auch der gebürtige Neu-Ulmer unter einer schlechten Gesundheit leidet. Am 7. Oktober 1938 stirbt Hermann Köhl im Alter von 50 Jahren an den Folgen eines Nierenleidens, das er sich beim Fliegen zugezogen hatte.

 

Susanne Mittermaier

 

29/2020