Jahrgang 2010 Nummer 27

Erinnerungen an meine Volksschuljahre

Eine Geschichte vom ersten bis zum letzten Schultag

Es war Ende des Sommers 1945 als mir mein Großvater endlich zum erstenmal den alten, ledernen Schulranzen von meiner jüngsten Tante auf den schmalen Buckel schnürte. Beim Hinausgehen aus der Stube langte die Großmutter noch ins Weihbrunntiegerl und machte mir mit dem Weihwasser ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Der Großvater begleitete mich noch hinaus vor die Haustür und gemahnte mich, ich dürfe ja nicht in ein Seitenwegerl einbiegen. Ich versprach es ihm und lief gleich darauf auf dem Weg durch die Wiesen den Abhang zu unserem Nachbarn, den Untermeisinger hinunter.

Ich kannte meinen Schulweg schon lange, wo ich doch auf selbigen von ganz klein auf mit den Tanten und den Großeltern ins Pfarrdörfchen zur Kirche gestapft bin. Durch den Wald, der sich gleich nach dem gachen (steilen), steinigen Berg lichtete, wurden meine Schritte jedesmal schneller. Bald darauf konnte ich das vertraute Dörfchen mit der schmucken Kirche auf der kleinen Anhöhe erblicken. Auf dem letzten Stück des Weges durch die Wiesen traf ich mit einigen Schulfreundinnen von den verschiedenen Einöden zusammen. Gemeinsam ging es dem kleinen Schulhaus zu, wo uns das schon »ältere Fräulein« Knorr die ersten Lernschritte beibrachte. Nach der anfänglichen Scheu hatte ich diese schnell ins Herz geschlossen. Ich ging gerne in die Schule, war brav und fleißig und unsere Lehrerin, die auch schon meine Mutter und die Tanten unterrichtet hatte, lobte mich oft. Bald hatte ich neue Freundinnen, in den Pausen liefen wir gemeinsam die paar Stufen auf die Schulwiese »hinunter«, spielten schöne Reigen von denen wir so viele wussten oder »Fangamandl« und Seilspirngen.

Ich war fröhlich und so glücklich in diesen ersten Schuljahren und glaubte, es würde immer so bleiben. Doch schon nach eineinhalb Jahren kam ein großer schmerzlicher Einschnitt in meine unbeschwerte Schulzeit. Im Jahre 1947 – zwei Wochen vor dem Weihnachtsfest war es, als ich Abschied nehmen musste – von den Großeltern, den Tanten und somit auch von meiner liebgewordenen kleinen Schule – von Frl. Knorr und den Schulfreundinnen. Meine Mutter hatte in einen kleinen Hof in Grassau eingeheiratet, somit wohnte ich nun mitten im Dorf. Bei meinem ersten Gang in die Schule begleitete mich meine Mutter dorthin – nach Hause, meinte sie zu mir, würde ich bestimmt alleine wieder finden.

Die neue Schule war um vieles größer als die unsere in Hart und obwohl der Schulweg nun um vieles kürzer war, verlief ich mich doch beim Heimgehen. Waren es doch mehrere Straßen die von der Schule weg in die verschiedenen Richtungen führten und mir fremd waren. Weder ein Haus noch jemand von den Leuten die mir begegneten waren mir bekannt. Ich getraute mich niemand nach dem Weg zu fragen – so kam ich schließlich irgendwann am Nachmittag weinend in meinem neuen Zuhause an.

Meine neue Lehrerin konnte ich vom ersten Augenblick an nicht leiden, was sich auch bis hin zu den Osterferien nicht änderte. So dachte ich voll Grauen und Angst an das nahende Ferienende. Da gab es für mich in der immer noch fremden Schule eine unerwartete erfreuliche Wende. Wir bekamen nämlich einen neuen Lehrer welcher erst vor kurzem nach Grassau zugezogen war, zu ihm hatte ich von Anfang an großes Vertrauen und ich mochte ihn. Nun war die Schule endlich wieder etwas auf das ich mich freuen konnte, wie ehemals in Hart bei Frl. Knorr. Jetzt lernte ich auch wieder gerne und eifrig, ebenso war ich nun auch als neue Mitschülerin aufgnommen. Über die festeingeplanten Singstunden bei Herrn Grabmüller, unserem neuen Lehrer, freute ich mich ganz besonders, denn seit ich von daheim fort war hatte keiner mehr mit mir gesungen. Wir sangen die echten deutschen Volkslieder wie »Am Brunnen vor dem Tore« und lernten die schönen Gedichte wie: »Es blüht der Wald von weißen Anemonen«.

Lehrer Grabmüller unterrichtete uns knappe zwei Jahre – als schüchternes verängstigtes Mädchen hatte dieser im Gegensatz zu meinem Stiefvater, mein ganzes Vertrauen gewonnen. Am letzten Schultag verließ die ganze Klasse seltsam still das Schulzimmer.

In der vierten Klasse bekamen wir Frl. Wörndl als Lehrerin, diese wohnte oben in den Dachzimmern im neuen Schulhaus – es gab auch noch das »alte Schulhaus«, dazwischen war der große Pausenhof. Die Buben in unserrer Klasse wurden immer frecher, so gab es bei Frl. Wörndl des öfteren »Datzen«. Jedoch das »Datzensteckerl«, das immer griffbereit vorne neben dem Pult lag hinderte einige Buben keineswegs daran, den Unterricht durch »Schwätzen« und nichtaufpassen zu stören. Auch eine halbe Stunde in der Ecke vorne neben der hölzernen Tafel mit dem Gesicht zur Wand stehen zu müssen, wirkte nicht besonders abschreckend. Frl. Wörndl erfreute sich nicht sonderlicher Beliebtheit und war unseren Viertklassler Buben nicht ganz gewachsen. Was mich betrifft so lernte ich zwar auch bei dieser gerne, jedoch war ich keineswegs traurig als dieses Schuljahr zu Ende ging.

Nach den Sommerferien ging ich nun schon in die fünfte Klasse und wir zählten uns nun voll Stolz zu den »Alten«. Herr Lindlacher wurde unser neuer Lehrer, der uns die nächsten zwei Jahre unterrichten sollte – mit gemischten Gefühlen schauten wir den kommenden Schuljahren entgegen, galt dieser doch als »strenger Lehrer«. Ich sehe ihn noch genau vor mir – meistens hatte er seine lederne Bundhose angezogen und war von großer Statur. Dies trug noch mehr dazu bei, dass die Mehrheit unserer Klasse großen Respekt vor ihm hatte. Nichtdestoweniger aber mochte ich diesen Lehrer – haben wir doch sehr viel mehr für später als nur den vorgegebenen Stoff bei ihm gelernt. Es hat keiner von ihm »Datzen« bekommen, jedoch konnte sich unser Lehrer des öfteren fürchterlich ärgern und aufregen. Besonders über ein paar Buben, die es immer wieder darauf anlegten, geriet dieser so in Wut, dass nach einer Jagd zwischen den Schulbänken ein paar »gescheite Watschn« folgten. Daraufhin war die ganze Klasse mäuschenstill und bei den Buben war wieder eine Zeitlang Ruhe.

Neben seiner Strenge aber hatte Lehrer Lindlacher nicht zuletzt auch sehr viel für die Musik und das Singen übrig. Besonders in der Weihnachtszeit lernten wir bei ihm eine große Vielzahl der schönen, doch leider heute kaum mehr gesungenen Lieder und Weisen: »Es wird scho’ glei’ dumpa«, usw. Ich sang von jeher die »zweite Stimme« und es ergab sich, dass wir zu Dritt etliche bayerische Volkslieder, die dieser uns einstudierte, bei Veranstaltungen singen durften.

Schnell vergingen diese beiden Schuljahre der fünften und sechsten Klasse mit Herrn Lindlacher – ich habe ihn bis heute in guter Erinnerung.

Im Herbst des Jahres 1951– ich war zwölf Jahre alt geworden, begannen für uns die letzten beiden Schuljahre in denen uns Frau Schaeper unterrichten würde. Diese war keine Unbekannte mehr für uns, denn die Lehrkräfte standen in den Pausen meistens im Schulhof beisammen und unterhielten sich. Dabei schweiften ihre Augen auch über die Vorgänge im Schulhof, wo wir Mädchen eifrig unsere Säckchen mit »Spatzkugeln« leerten um sie in die immer größer werdenden Mulden auf dem Pausenhof zu schießen. Zusammen mit den Buben waren die den größten Teil des Pausenhofes ausfüllenden Spiele: »Fürchtet ihr den schwarzen Mann?« oder »Der Kaiser schickt Soldaten aus«, sehr beliebt. Weil es da oftmals wild zuging, griffen Herr Lindlacher oder Frau Schaeper schon dann und wann dazwischen.

Wir »zogen« nun um in das alte Schulhaus, wo gleich bei der großen Eingangstür im Ergeschoß links unser Klassenzimmer für diese zwei letzten Jahre war. Frau Schaeper wohnte mit ihrer Familie die alte breite Stiege hinauf im ersten Stock. Ich sehe sie noch genau vor unerer Klasse stehen – mittelgroß, so um die vierzg Jahre mochte sie gewesen sein und ihr dunkles Haar hatte sie hinten zusammengesteckt. Mit ihrer ruhigen, ausgeglichenen Art und Weise gewann unsere neue Lehrerin schon bald das Vertrauen und auch die Herzen ihrer Schüler.

Weil Deutsch und Geschichte nach wie vor meine Lieblingsfächer waren, habe ich die vielen Aufsätze wie zum Beispiel »Erinnerungen an die Kriegszeit«, die wir schrieben, allesamt noch in der damals gebastelten, bunten Mappe für meine Enkel aufbewahrt. Oft auch denke ich an die vielen Lieder die wir lernten, sowohl alte bayerische, als auch die vielen echten, deutschen Volkslieder.

Frau Schaepers Vorliebe galt den Gedichten – es hatten fast alle, ob kurz oder lang einen tieferen Sinn und sie legte besonderen Wert darauf, diese richtig zu betonen. Ich setzte mich zuhause in eine stille Kammer und lernte Zeile für Zeile auswendig, von der »Bürgschaft« von Schiller bis zu »Mondnacht«. Den meisten von den Buben allerdings war das »Gedichtaufsagen« ein Greuel.

Diese letzten zwei Schuljahre vergingen für mich viel zu schnell. Als die Zeit des Abschiednehmens von der Schulzeit immer näher rückte, übten wir schon einige Wochen zuvor etliche Lieder und Gedichte ein. Ich war stolz weil ich bei der kleinen Abschiedfeier, zu der auch die Eltern eingeladen waren unter wenigen anderen das Gedicht »Der alte Brunnen« von Hans Carossa »vortragen durfte.

Als Abschluss dieses letzten Zusammenseins sangen wir alle gemeinsam das schöne Lied: »Morgen muss ich fort von hier und muss Abschied nehmen.« Damals sagte Frau Schaeper zu uns: »Erst später, mit den Jahren werdet ihr dieses Lied und auch so manches gelernte Gedicht erst richtig verstehen« – ich bildete mir ein, sie sagte dies besonders auch zu mir.
Sie war eine Lehrerin, die es verstand das Vertrauen und zugleich den Respekt ihrer Schüler zu gewinnen. Sie gab uns weit mehr fürs Leben mit als nur Lesen, Schreiben und Rechnen.

Elisabeth Mader



27/2010