Jahrgang 2001 Nummer 20

Erinnerungen an den »Vater der Wüste«

Ausstellung über Ladislaus von Almasy im Haus der Natur in Salzburg

Ladislaus E. Almasy

Ladislaus E. Almasy
Blick in die Ausstellung mit der Schreibmaschine und dem Motorrad Almasys (links), einem Expeditionszelt und der lebensechten Sp

Blick in die Ausstellung mit der Schreibmaschine und dem Motorrad Almasys (links), einem Expeditionszelt und der lebensechten Sprechpuppe (rechts)
Vor zehntausend Jahren waren die Täler und Hügel der Sahara grüne Weideflächen.

Vor zehntausend Jahren waren die Täler und Hügel der Sahara grüne Weideflächen.
Am 22. März 1951 starb in Salzburg Graf Ladislaus von Almasy, ein damals sehr bekannter Expeditionsgeograph, Afrikaforscher und Entdecker der prähistorischen Felszeichnungen in der Libyschen Wüste. Ältere Leser werden sich vielleicht noch an den vielfach preisgekrönten Spielfilm »Der englische Patient« erinnern, der in freier Form Leben und Wirken von Ladislaus Almasy schildert.

Aus Anlaß seines 50. Todestags veranstaltete Ende März die Salzburger Geographische Gesellschaft zusammen mit der Universität ein Gedächtniskolloqium mit einer Kranzniederlegung an seinem Grab am Kommunalfriedhof und einem Gedenkgottesdienst in der Stiftskirche St. Peter. Ladislaus von Almasy steht auch im Mittelpunkt einer Ausstellung, die bis September 2002 im Haus der Natur in Salzburg unter dem Titel »Die Wüste lebt« gezeigt wird und die besonders Schülern aller Alterstufen sehr zu empfehlen ist.

Graf Almasy stammte aus einer alten ungarischen Adelsfamilie und kam im Jahre 1895 auf Burg Bernstein im heutigen Südburgenland zur Welt. Sein Vater schickte ihn nach England, wo er nach dem Besuch einer Eliteschule Maschinenbau studierte und schon mit 17 Jahren den Pilotenschein erwarb. Im ersten Weltkrieg meldete er sich als Freiwilliger zu den Husaren und wurde als Spähtruppführer und Marineaufklärer eingesetzt. Nach dem Krieg machte der begeisterte Rennfahrer und Pilot seine Hobbys zum Beruf und nahm bei einer großen Autofirma die Stelle eines Werkfahrers und Verkaufsleiters an. Zur Erprobung neuer Fahrzeugtypen kam Almasy 1925 erstmals in die Libysche Wüste, die für ihn zum Schicksalsland werden sollte.

Unter Almasys Leitung gelang im Jahre 1929 einer Expedition die erste Auto-Durchquerung der Wüste Sahara von Mombasa über Nairobi und Khartum bis nach Kairo. Anschließend unternahm er mehrere Wüsten-Expeditionen unter internationaler Beteiligung. Im Zweiten Weltkrieg wurde er ungeachtet seiner ungarischen Staatsbürgerschaft aufgefordert, im Stab von General Erwin Rommel als Experte am Afrikafeldzug teilzunehmen. Dabei kam ihm seine Ortskenntnis und seine Bekanntschaft mit den libyschen verantwortlichen Stellen natürlich voll zugute. Er war der eigentliche »Wüstenfuchs« des Afrikakorps, der die deutschen Fernspähtrupps geschickt einsetzte und Spione durch die britischen Linien bis ins Niltal lotste. Bei den Beduinen galt Almasy als einer der Ihren, sie gaben ihm den Namen »Abu Ramla – Vater der Wüste«.

Nach dem Zusammenbruch ließ sich Graf Almasy in Salzburg nieder. Hier erreichte ihn der ehrenvolle Ruf des ägyptischen Kultusministers, die Leitung des Wüsteninstituts in Kairo zu übernehmen. Erwartungsvoll bereitete sich Almasy auf diese Aufgabe vor. Doch er konnte den Posten nicht mehr antreten, denn im Alter von erst 56 Jahren erlag er in Salzburg der Amöbenruhr, die er sich offenbar bei einem Studienaufenthalt in Libyen zugezogen hatte.

Bei der sehr geschickt zusammengestellten Ausstellung im Haus der Natur sieht man Ausschnitte aus dem Spielfilm »Der englische Patient«, aus dem Dokumentarfilm »Durch Afrika mit dem Automobil« (1929) und Videos über das heutige Leben der Nomaden. Man kann sogar Ladislaus von Almasy persönlich begegnen in Gestalt einer Sprechpuppe und ihm zuhören, wie er von seinem Leben und seinen Reisen berichtet.

Almasys größte wissenschaftliche Leistung ist die Entdeckung von Felsbildern in der Sahara mit der Darstellung von Tieren und Menschen. Am bekanntesten wurde eine Zeichnung, die er »Schwimmer in der Wüste« nannte und die auch seinen Grabstein schmückt. Die Felsbilder deutete Almasy als Zeugen dafür, daß die Sahara in früheren Zeiten wasserreich und von Tieren und Menschen bevölkert gewesen ist. Diese Ansicht wurde durch spätere Forschungen voll bestätigt. Wie Schautafeln bei der Ausstellung erläutern, besteht die Sahara zwar schon seit über einer Million Jahren. Doch während Europa in dieser Zeit mehrmals von Eiszeiten heimgesucht wurde, erlebte die Sahara einen mehrmaligen Wechsel von Regen- und Trockenzeiten. Die letzten 20 000 Jahre waren von zwei Feuchtperioden geprägt, in denen Tiere und Menschen aus den angrenzenden Steppengebieten einwandern konnten. In der Zeit zwischen 10 000 und 6 500 vor Christus hinterließen steinzeitliche Jäger ihre Spuren in der Sahara, von 5 000 bis etwa 2 500 vor Christus lebten dort seßhafte Bauern, die ihr Vieh auf die grünen Berge trieben.

In einem von Dr. Rüdiger und Gabriele Lutz von der Universität Innsbruck zusammengestellten Teil der Ausstellung kann man die Entwicklung des Menschen in Afrika über einen Zeitraum von zwei Millionen Jahren studieren. Das Forscherehepaar hat die Spuren von Almasy verfolgt, Steinwerkzeuge gesammelt und Felsgravuren fotografiert. Die auf den Felsbildern dargestellten Tiere – Elefanten, Nashörner, Giraffen, Löwen, Flußpferde und Krokodile, Büffel und Schafe – entsprechen den heute noch in den Savannen Afrikas lebenden Arten. Als Waffen waren Pfeil und Bogen, Schlagstöcke und Wurfhölzer in Gebrauch. Merkwürdig muten uns die riesigen »Fangsteine« an. Das sind eiförmig bearbeitete Felsbrocken mit einer tiefen Kerbe in der Mitte. Am Stein war ein Seil mit einer Schlinge befestigt, in der sich das Tier mit einem Bein verfing, wenn es zur Tränke ging. Fangsteine dienten der Jagd auf Auerochsen, Nashörner, Giraffen und Strauße. Ihre Größe war so bemessen, daß sie vom Tier mitgeschleift wurden, bis es vor Mattigkeit nicht mehr weiter konnte und von den Jägern getötet wurde.

Junge Ausstellungsbesucher werden sich über die interaktiven Modelle, die Videosequenzen und die zwei Multimedia-Computer freuen, an denen man alles Wissenswerte zum Thema Wüste erfährt. Außerdem kann man ein originales Nomadenzelt samt Ausstattung bewundern, aber auch lebende Wüstentiere wie Rennmäuse, Hornvipern und Dickschwanz-Skorpione. Mit Hilfe eines Fragebogens kann jeder am Schluß prüfen, ob er beim Rundgang durch die Ausstellung gut aufgepaßt und sich das Wichtigste gemerkt hat.

Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich mit der seit einigen Jahrzehnten zu beobachtenden Ausdehnung der Sahara nach Süden in die Sahelzone hinein, die früher Viehzüchtern und Nomaden ausgedehnte Weideflächen geboten hat. Die ehemaligen Nomaden sehen sich jetzt gezwungen, ins südliche Land der seßhaften Bauern vorzudringen, was natürlich zu Konflikten führt. Um den Streit um das Wasser zu entschärfen, hat man verschiedene Strategien entwickelt: Die Nutzung des Meerwassers durch Entsalzen, das Anzapfen fossiler Grundwasserreserven oder die Anlage von Salzpflanzen-Kulturen mit der Bewässerung durch Meerwasser. Diese prekäre Situation kann uns eine Vorstellung davon vermitteln, was auch bei uns einmal eintreten kann, wenn Trinkwasser immer knapper und damit kostbarer werden sollte.

Julius Bittmann



20/2001