Jahrgang 2020 Nummer 50

Erinnerungen an den Advent in meiner Schulzeit

Eine vorweihnachtliche Geschichte

Seitdem ich damals als gut sieben Jahre altes Mädchen, ein neues Zuhause bekommen hatte veränderte sich für mich gar vieles. Vor allen waren es die Tage und Wochen in der Adventszeit, in denen ich mich nach meinen Großeltern und der ganzen großen Familie in Pittersdorf sehnte. Auch unser kleines Pfarrdörfchen, die vertraute Schule und meine Freundinnen vermisste ich sehr.

In jenen Tagen hatte ich einen Brief von meiner Tante Thea erhalten. Sie schrieb mir, ich solle froh sein, jetzt bei dem vielen Schnee keinen langen Schulweg mehr zu haben. Wusste sie doch genau, wie sehr ich mich gerade in dieser Zeit nach dem einsamen, verschneiten Gehöft und meinem Schulweg sehnte. Zusammen mit meiner Freundin dem Bubenbauern Math'l von Grilling, stapfte ich jeden Morgen frohgemut durch den tiefen Schnee unserer Schule zu.

In der Adventszeit mussten wir uns noch um eine gute halbe Stunde früher in der Dunkelheit auf den Weg machen, denn das Engelamt vor Schulbeginn wollten wir ja nicht versäumen. Der Großvater hatte mir jeden Tag draußen vor der Haustür die kleine Laterne angezündet und sie mir fest in meine Hand mit den dicken Wollhandschuhen gedrückt. Zuvor aber langte die Großmutter jedesmal in den Weihwassertiegel neben der Stubentür und machte mir ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Schon in den Jahren bevor ich zur Schule ging, durfte ich mit ihr jeden Tag zeitig in der Früh', als es noch stockdunkel war, durch den Wald, zum »Rorate«, dem Engelamt, mitgehen.

Einige Jahre später in meinem neuen Zuhause in Grassau war natürlich auch jeden Tag ein Engelamt, für die Schulkinder war jedoch nur jeden Donnerstag ein Schulgottesdienst. Das war so ungewohnt und die große Kirche so fremd für mich. Auch das Schulhaus kam mir so groß vor und ich hatte Angst, als ich zum ersten Mal zögernd die Stufen hinauf ins Klassenzimmer ging.

Schon bald aber wurde die Schule für mich eine Gemeinschaft, zu der ich gehörte. Sie half mir besonders in der Adventszeit, das Heimweh nach meinen Großeltern zu verdrängen. Die Mutter einer Mitschülerin band einen großen Adventskranz, den wir dann mit unserer Lehrerin oben an der Decke aufhängen durften. Das war gar nicht so leicht und kostete eine Naturkundestunde, die wir gerne ausfallen ließen. In der allwöchentlichen Singstunde stieg die Lehrerin jedesmal auf einen Stuhl hinauf und zündete die Kerzen an. Wir lernten und sangen dazu schöne, alte Lieder und die Stunde verging immer viel zu schnell für mich.

In der sechsten Klasse ist es unser neuer Lehrer gewesen, der trotz seiner Strenge mit uns Kindern in dieser Vorweihnachtszeit so manche Lernstunde strich und uns viele alte Lieder und Weisen lehrte.

Besonders diese Stunden waren es, in denen ich meine Gedanken von dem einsamen, verschneiten Hof ablenken konnte. Doch fragten mich meine Mitschülerinnen dann, woher ich so viele schöne Lieder kannte, erzählte ich ganz stolz: »Natürlich von Daheim«. – Ist doch in dieser staaden, heimeligen Zeit kein Tag vergangen, an dem ich nicht ums Finsterwerden mit meinen Tanten drinnen in der Stube oder auch draußen im warmen Stall, beim Ausmisten und Melken gesungen habe.

Natürlich lernten wir bei unserem Lehrer damals auch die schönen, alten Gedichte rund um den Nikolaus und seinen rauen Gesellen, dem Krampus. In diesen stillen Tagen probten wir drinnen im Schulzimmer auch immer ein Gedicht oder eine kurze Geschichte ein, so spielten wir einmal: »Von draus' vom Walde komm' ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr – überall auf den Tannenspitzen, sah ich goldene Lichtlein blitzen«, da kam auch schon der Nikolaus vom hintersten Eck' des Klassenzimmers daher gestapft. (Der Franze war's, einer der größten in unserer Klasse).

Auch das Christkindl, das vom Himmel oben dem Nikolo zurief, »sich zu sputen«, fehlte nicht bei unserem Spiel. Die Christa durfte selbiges spielen, denn zum einen passte ihre Stimme dazu und zum anderen hatte sie lange, blonde Locken. Von Zeit zu Zeit warf der Lehrer ein paar Holzscheitel in den alten Kachelofen der fast bis zur Decke hinauf reichte. Wenn dann im dämmrigen Schulzimmer die Scheitel krachten, dann fühlte ich mich fast geborgen.

In der siebten Klasse war es die ungekürzte »Heilige Nacht« von Ludwig Thoma, die wir einstudierten.

»Im Woid is' so stad', alle Weg san' vowaht, alle Weg' san' voschniehm', is' koa' Steigerl' ned' bliem«. Einige Buben und Mädchen waren davon gar nicht begeistert, denn das Auswendiglernen und auch noch Aufsagen mochten sie gar nicht. Bei diesen machte die Lehrerin eine Ausnahme, sie brauchten nur zuzuhören. Ich selbst aber war mit großem Eifer dabei und bekam die Rolle der geizigen Frau des Vetters aus Bethlehem, welche vom Fenster hinunter dem Josef unter anderem zugerufen hatte: » …a' Vetter, – des hätt' da' gedaugt«.

An einem Nachmittag waren die Eltern zu uns ins Schulzimmer eingeladen und brachten selbstgebackene Guatl mit. Wir sangen vertraute Lieder, die meistens auch die Eltern noch kannten. Meine Mutter war nie zu solchen besinnlichen Stunden gekommen denn mein Stiefvater wollte es nicht, ich bin traurig darüber gewesen.

In der achten Klasse, unserem letzten Schuljahr hatte unsere Lehrerin ein besonders schönes Krippenspiel für uns ausgesucht. Weil es recht schwierig zum Einlernen war, hatten wir schon Anfang Dezember mit dem Einlernen angefangen. Ich spielte einen von den Hirten auf dem Feld, der als erstes den Stern leuchten sah, der diese zum Stall von Bethlehem führte.

Am Hl. Abend durften wir bei der Christmette vorne beim Altar, unsere »Heilige Nacht« spielen. Es war mäuschenstill in der vollgefüllten Kirche und wir waren natürlich furchtbar aufgeregt. Aber es wurde ein ganz schönes Krippenspiel und keiner hatte einen »Batzer« gemacht, nicht einmal der kleinste Hirte, der Franzi, er war nämlich bei der letzten Probe noch »steckengeblieben«. Am Weihnachtstag vor dem Festgottesdienst lobte uns der Herr Pfarrer vor den ganzen Kirchgängern. Da waren wir natürlich ganz stolz.

Diese für uns zwar aufregenden aber dennoch so heimeligen Tage und Wochen, sind für mich kostbare Erinnerungen, fern von jeglicher Nostalgie, an eine zwar ärmere und dennoch reichere Zeit.

 

Elisabeth Mader

 

50/2020

 

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