Jahrgang 2003 Nummer 15

Erfolge und Irrwege der Züchtung

Die Domestikation der Haustiere ist eine gewaltige Kulturleistung

Der Ur oder Auerochse, der Vorfahre des Hausrinds, ist seit dem 17. Jahrhundert ausgerottet.

Der Ur oder Auerochse, der Vorfahre des Hausrinds, ist seit dem 17. Jahrhundert ausgerottet.
Kaum zu glauben – alle Hunderassen stammen vom Wolf ab.

Kaum zu glauben – alle Hunderassen stammen vom Wolf ab.
Die weißen Camargue-Pferde werden mit dunklem Fell geboren.

Die weißen Camargue-Pferde werden mit dunklem Fell geboren.
Die ersten Menschen lebten als Nomaden und hatten nur Hunde, Ziegen und Schafe bei sich. Später, in der mittleren Steinzeit, als der Mensch sesshaft zu werden begann und Niederlassungen errichtete, kam es zu näheren Kontakten zwischen Mensch und Tier.

Wildschweine durchwühlten die Abfallhaufen der Siedlungen, Auerrinder und Wildesel zertrampelten die Felder, und so ergaben sich manche Gelegenheiten, diese Tiere zu fangen und schließlich zu zähmen. Kleinere Tiere wie Katzen und Geflügel mögen sich zunächst aus Neugierde den menschlichen Wohnungen genähert und, wenn sie geduldet wurden, an den Menschen gewöhnt haben. Andere wurden vielleicht als Jungtiere gefangen und aufgezogen. Ihre Nachkommen zeigten dann gar keine Neigung mehr, wieder die Wildnis aufzusuchen und blieben dauerhaft Gäste und Helfer des Menschen.

Die Haustierwerdung oder Domestikation zog sich über einen langen Zeitraum dahin und erfolgte an verschiedenen Orten in Europa, Asien und Südamerika unabhängig voneinander. Im Vordergrund stand dabei die wirtschaftliche Nutzung durch den Menschen, dazu traten später auch religiös-kultische Gründe, wie uns das von der Verehrung heiliger Tiere in alten Kulturen bekannt ist.

Die Kenntnisse über die Abstammung der Haustiere sind bis heute lückenhaft. Die Verwandtschaft mit heute noch lebenden Wildformen wird durch Paarungsexperimente überprüft. Glückt die Paarung nicht und ergeben sich daraus nicht Nachkommen, die wieder untereinander fruchtbar sind, so gehören Wildform und Haustierform zu verschiedenen Arten. Außerdem vergleicht man den Bau der Tiere, insbesondere den Knochenbau, sowie neuerdings die Struktur der Erbsubstanz. In der Fruchtbarkeit der Tiere beobachtet man Abstufungen; so lassen sich Pferd und Esel fruchtbar paaren, aber die Nachkommen, Maultier und Maulesel, sind meistens unfruchtbar. In seltenen Fällen ist allerdings der weibliche Bastard mit einem Elternteil fruchtbar.

Der Hund stammt mit Sicherheit vom Wolf ab, das Rind vom Ur- oder Auerochsen, der Hausesel vom nubischen Wildesel, die Hauskatze von der Falbkatze, das Haushuhn vom indischen Bankivahuhn, die Gans von der Graugans, die Ente von der Stockente und die Taube von der Felsentaube. An der Entstehung der heutigen Schweinerassen sind das europäische Wildschwein und das ostasiatische Bindenschwein beteiligt. Von den Wildformen der Hausziege leben heute noch die Bezoarziege und die Schraubenziege, beide in Asien. Ob das Hauspferd nur vom Przewalski-Pferd, das heute noch in der Mongolei lebt, und vom ausgestorbenen Tarpan abstammt, ist umstritten.

Hand in Hand mit der Zähmung der Wildtiere ging ein Vorgang, den man als »künstliche Auslese« bezeichnet. Der Mensch wählte zur weiteren Vermehrung Tiere mit solchen Eigenschaften aus, die ihm für seine Zwecke am wichtigsten und vorteilhaftesten erschienen, also bei den Zugtieren Stärke und Fügsamkeit, beim Hund Wachsamkeit und Treue, beim Schwein guter Fettansatz, beim Schaf dichtes Wollkleid usw. Tiere mit weniger geeigneten Merkmalen schied er von der weiteren Fortpflanzung aus. So bestätigte sich der Mensch schon auf einer sehr frühen Kulturstufe als Züchter, ohne dass er die Vererbungsgesetze kannte, indem er sich einfach auf sein Gefühl und auf überlieferte Erfahrungen verließ.

Die Entstehung verschiedener, im Äußeren stark voneinander abweichenden Rassen, hat man sich ähnlich vorzustellen, wie es das Beispiel der vielen Hunderassen vom Bernhardiner bis zum Dackel veranschaulicht. Viele Jahrhunderte lang wählten die Züchter planmäßig immer nur Tiere zur weiteren Fortpflanzung aus, die ihren Zielvorstellungen am besten entsprachen – z. B. Hunde mit besonders feinem Spürsinn für die Jagd, gelehrige Hunde mit üppigem, krausigen Fell, kleinwüchsige Hunde für die Fuchsjagd, kräftige, große Hunde oder schlanke, schnelle Läufer.

Durch die Domestikation und durch die Züchtung veränderte sich nicht nur die äußere Gestalt, sondern auch der ganze Körperbau der Tiere und ebenso ihr Wesen, ihr Temperament. Bei Hunden, Kaninchen, Schweinen, Rindern, Schafen und Ziegen ist die Entwicklung von Hängeohren auffällig, die einhergeht mit einer Verminderung des Hörvermögens. Bei Hunden und Schweinen verkürzt sich der Gesichtsschädel (»Mopsköpfigkeit«). Das Hirngewicht vermindert sich bei allen domestizierten Tieren grundsätzlich um 20-30 Prozent, offenbar deshalb, weil das Leben im Schutz des Menschen das Tier weniger fordert als in der freien Wildbahn. Hier zeigt sich der bekannte biologische Grundsatz: Organe die nicht trainiert werden, bilden sich zurück. Stark vermindert im Vergleich zu den Wildtieren ist die Hormonproduktion der Haustiere. Der jahreszeitliche Fortpflanzungsrhythmus löst sich von der starren Bindung zu Gunsten der ganzjährigen Paarungsbereitschaft, auch die Instinkthandlungen gehen weitgehend verloren.

Bei einer Ausstellung im »Biohistoricum« in Neuburg an der Donau noch bis 27. April, die sich mit den Zielen und Methoden der Züchter befasst, werden auch einige äußerst fragwürdige Züchtungsergebnisse in Erinnerung gerufen: Hunde mit nackter Haut, die nur bei Zimmertemperatur existieren können; Rinder, deren Rieseneuter mit Netzen und Gurten hochgebunden werden muss; superschwere, aber zur Paarung unfähige Truthüher, die künstlich besamt werden müssen; Tauben mit Finkenschnäbeln, denen die Kropfmilch aus dem Rachen tropft, weshalb sie ihre Jungen nicht füttern können; Phönixhähne mit meterlangen Schwanzfedern, die in ihren Bewegungen so behindert sind, dass sie zu einem Leben als Säulenheilige auf der Stange verurteilt sind.

Es leuchtet sicher jedermann ein, dass solche bedauerlichen Auswüchse der Züchtung jeder artgerechten Tierhaltung Hohn sprechen und deutlich machen, dass sich der Mensch an der Natur versündigt, wenn er die Grenzen des Möglichen immer mehr erweitert, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, ob alles, was machbar ist, auch verantwortet werden kann.

Die Ausstellung erinnert daran, dass man in der Neuzeit schon lange vor der Gentechnologie gebann, den Menschen zum Zücktungsobjekt zu machen. Der Wissenschaftler Hermann Berneloth (gestorben 1938) experimentierte, unterstützt vom Evolutionsbiologen Ernst Haeckel, mit Kreuzungen zwischen Schimpansen und Menschen. Willibald Hentschel (1858-1947) plante die Errichtung eines Menschenparks namens Midgard und wollte dort mit ausgewählten Paaren den »neuen Menschen« züchten, wobei Unfruchtbarkeit der Frau als Entlassungsgrund zu gelten hatte.

Noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit ihrem Euthanasie-Programm machten sich deutsche Psychiater daran, Darwins These vom Überleben des Tüchtigsten im Kampf ums Dasein auf Geisteskranke und sonstige Behinderte anzuwenden, sie nach den Kriterien Gesund-Krank bzw. Lebenswert-Lebensunwert zu klassifizieren – die einen zur Auslese, die anderen zur Ausmerze, zumindest zur Zwangssterilisierung. Moralische Kriterien hatten in diesem vom Schlagwort der »natürlichen Zuchtwahl« bestimmten Denken keinen Raum. Von hier führte dann ein direkter Weg zu Hitlers Satz von den »lächerlichen Fesseln der sogenannten Humanität«, an deren Stelle die Natur treten müsse, um alles Schache wegzufegen und dem Starken Platz zu verschaffen.

Diese Erfahrungen einer leidvollen Vergangenheit sollten uns hellhörig machen gegenüber Forderungen, mit Hilfe der Gentechnologie das menschliche Erbgut zu manipulieren, Keimzellen gentechnisch zu verändern oder Menschen zu klonen. So erfolgreich die Züchtung bei den Tieren gewesen ist, so sehr müssen wir uns davor hüten, die Züchtungsideologie auf den Menschen auszudehnen – die Humanität bliebe dabei sehr schnell auf der Strecke.

JB



15/2003
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