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Jahrgang 2008 Nummer 49

Er brachte uns die Sterne näher

Das Fraunhofer Museum in Benediktbeuern wurde erweitert

Wenn heute die Astrophysiker weit entfernte Sterne und Sternsysteme beobachten, so ist das letztlich dem Optiker und Glastechniker Joseph Fraunhofer zu verdanken. Er hat vor zweihundert Jahren die dunklen Linien im Sonnenspektrum, die nach ihm benannten Fraunhoferschen Linien entdeckt und damit die Spektroskopie begründet, deren Analysemethoden die Grundlagen für die Erforschung des Weltalls bilden. Fraunhofers Grabinschrift »Er hat uns die Sterne näher gebracht« stimmt in zweifacher Beziehung: Er konstruierte die besten Fernrohre seiner Zeit und er ist ein Wegbereiter der modernen Weltraumerkundung.

Von 1809 bis 1819 arbeitete Fraunhofer in seinem Labor im ehemaligen Benediktinerkloster Benediktbeuern. Dort stand im ehemaligen Waschhaus die Glashütte mit zwei großen Schmelzöfen, in denen Fraunhofer sein eigenes Glas erzeugte, daneben lag die optische Werkstatt. Hier produzierte er mit knapp fünfzig Mitarbeitern neben Gebrauchsglas vorwiegend Linsen für Fernrohre und Mikroskope, aber auch Geräte für die Landvermessung; mit ihnen war es erstmals möglich, exakte Landkarten des Königreichs Bayern zu zeichnen, wie sie die Staatsverwaltung unter Graf Montegelas für das Steuerkataster und für militärische Zwecke benötigt.

In der historischen Glashütte in Benediktbeuern hat die Fraunhofer-Gesellschaft ein Museum eingerichtet, das jetzt nach längerem Umbau wieder zugänglich ist. Eine Wand wurde durchbrochen und die Ausstellungsfläche wesentlich vergrößert. Eine auf drei Seiten verglaste Kanzel gibt den Blick auf viele neue Exponate frei, darunter eine Zahnrad-Fräsmaschine, eine Glasschleifmaschine und weitere zeitgenössische Spezialwerkzeuge, originelle Schutzmasken für die Glaskocher gegen die Hitze, Rohglasproben, Linsen, Prismen, Mikroskope, Fernrohre und Vermessungsinstrumente. Sie befanden sich bisher im Münchner Stadtmuseum und bleiben als Dauerleihgabe in Benediktbeuern.

Die wichtigste Voraussetzung für qualitätvolle optische Geräte war für Fraunhofer klares, schlierenfreies Glas. Deshalb brauchte er zu dessen Herstellung die eigenen Schmelzöfen und analysierte mit peinlicher Genauigkeit die Zusammensetzung der Grundstoffe. Nicht minder großen Wert legte er auf den perfekten Schliff. So entstanden ganz hervorragende Linsen, die sogar die damals besten englischen Linsen in den Schatten stellten und dabei um ein Drittel billiger waren. Gleichzeitig nutzte er die von ihm gefertigten optischen Geräte für die eigene Forschung über das Verhalten des Lichts. Die Entdeckung des Sonnenspektrums machte es ihm möglich, anhand der Farbzerlegung einer Lichtquelle zu untersuchen, in welchen Wechselwirkungen die elektromagnetische Strahlung und die Materie stehen.

Joseph Fraunhofer ist das Muster eines erfolgreichen Selfmademans, der Wissensdurst und Erfindergeist, Einsatzbereitschaft und Organisationstalent in sich vereinte. Er kam im Jahre 1787 in Straubing als Sohn eines Glasers zur Welt und ging in München bei einem Spiegelmacher und Glasschleifer in die Lehre. Durch einen Zufall lernte er den Staats- und Hofkammerrat Joseph Utzschneider kennen, der vom Talent des Vierzehnjährigen beeindruckt war und ihm Lehrbücher der Physik und der Mathematik schenkte. Im Alter von zwanzig Jahren wurde Fraunhofer in das von Joseph Utzschneider und Georg Reichenbach gegründete Mathematisch-Mechanische Institut in München aufgenommen und mit der Herstellung von Okularen und Objektiven für Fernrohre beauftragt, zwei Jahre später machte ihn Utzschneider bereits zum Teilhaber der Firma und übertrug ihm die Leitung der Zweigstelle in Benediktbeuern.

Fraunhofers Meisterwerk und eine Spitzenleistung in der Geschichte der optischen Instrumentenherstellung ist der riesige Refraktor (Linsenfernrohr) für die kaiserliche russische Sternwarte in Dorpat im heutigen Estland. Es war das größte Fernrohr der damaligen Zeit, in dem Fraunhofers theoretischen und praktischen Kenntnisse und Erfahrungen voll zur Geltung kamen. Das schwere über vier Meter lange Instrument ließ sich aufgrund der guten Lagerung und Ausbalanzierung mit dem kleinen Finger bewegen. Der Tubus wurde durch ein uhrwerkbestücktes Getriebe so kontinuierlich nachgeführt, dass trotz der Erdumdrehung das Fixsternbild im Gesichtsfeld des Fernrohrs stehen blieb. Fraunhofer arbeitete dabei mit zwei Uhrwerken, von denen das eine die Arbeit der Massenbewegung, das andere die der Feinregulierung übernahm. Das Fernrohr wurde in 21 Kisten nach Russland geschickt, und schon drei Jahre später meldete der Dorpater Astronom, dass es ihm damit gelungen sei, über dreitausend Doppelsterne zu vermessen.

In Anerkennung seiner Leistungen wurde Fraunhofer zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt – ungeachtet des Widerstands missgünstiger Kreise, die an seiner fehlenden akademischen Ausbildung Anstoß nahmen. König Max Joseph erhob Fraunhofer in den persönlichen Adelsstand mit der Begründung, es sei sein unbestrittenes Verdienst, »dass die Physische Optik nunmehr eine neue Richtung genommen hat und es ihm mit seltener Beharrlichkeit gelungen ist, durch seine Forschungen die kühnsten Erwartungen der Astronomen zu übertreffen und seinen Namen in der ganzen zivilisierten Welt berühmt zu machen…«

Nach zeitgenössischen Berichten war Fraunhofer zwar von schwächlicher Konstitution, besaß aber eine unglaubliche Selbstdisziplin, die es ihm ermöglichte, die harten Arbeitsbedingungen in seiner Werkstatt durchzuhalten. Jahr um Jahr stand er im zugigen Schuppen vor den heißen Glasöfen, atmete Bleioxiddampf ein, zentrierte Objektive auch im Winter am offenen Fenster, führte stundenlange Versuche im abgedunkelten Labor durch, konstruierte und rechnete bis in die Nacht hinein. Urlaub kannte er nicht. Er blieb Junggeselle, hatte jedoch gute Freunde, mit denen er gerne Ausflüge in die Berge unternahm. Die letzte Bergtour führte ihn auf die Benediktenwand, von dort hinunter in die Jachenau und weiter nach Vorderriss. Nach dieser Wanderung über 25 Kilometer fuhr er mit einem Isarfloß nach München. Die nächsten Tage hatte er hohes Fieber und er war ans Bett gefesselt. Die Ärzte diagnostizierten eine fortgeschrittene Lungentuberkulose, an der er am 7. Juni 1826 im Alter von erst 39 Jahren starb. Die Stadt München stiftete ihm am Alten Südfriedhof ein Ehrengrab, für das Ludwig von Schwanthaler eine Marmorbüste schuf; sie ist leider im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

König Ludwig I. ließ in der Ruhmeshalle eine Büste Fraunhofers aufstellen und zwei Stücke Fraunhofer-Glas in den Neubau der Residenz einmauern. Die Stadt München gab ein großes Fraunhofer-Denkmal in Auftrag, das in der Maximilianstraße vor dem Völkerkundemuseum steht. Die im Jahre 1949 gegründete Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung ist die größte Forschungseinrichtung ihrer Art in ganz Europa mit über fünfzig Forschungsinstituten in Deutschland sowie Forschungszentren in den USA und in Asien. Die Gesellschaft weiß sich dem Geist Fraunhofers verpflichtet: »Fasst man seine Leistungen zusammen, ergeben sich klare Parallelen zum Wirken der Fraunhofer-Gesellschaft«, betont Präsident Professor Hans-Jörg Bullinger. »Fraunhofer vernetzte sich mit den führenden Köpfen seiner Zeit, er lieferte wissenschaftliche sowie technische Spitzenleistungen und lebte das Prinzip der angewandten Forschung.«

Julius Bittmann



49/2008