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Jahrgang 2012 Nummer 31

Er brachte Spiel und Musik nach Salzburg

Ausstellung im Dommuseum über Erzbischof Marcus Sitticus

Der Erzbischof mit Dom und Schloss Hellbrunn, Gemälde von Arsenio Mascagni (1616).
Das Wappen von Marcus Sitticus mit Legatenhut, Salzburger Löwen (oben) und dem Steinbock von Hohenems.
Schloss Hellbrunn wurde nach römischem Vorbild einer Villa suburbina erbaut.
Der Gästetisch in Hellbrunn – nur der Platz des Gastgebers blieb vom Wasserstrahl.
Marcus Sitticus auf dem Epitaph im Dom.

Der Salzburger Dom und das Schloss Hellbrunn mit seinen Wasserspielen sind für viele Touristen die Höhepunkte bei ihrem Besuch in der Salzachstadt. Beide Sehenswürdigkeiten entstanden zur Regierungszeit des Fürsterzbischofs Marcus Sitticus von Hohenems, der zwar nur sieben Jahre an der Spitze des Landes stand, das Stadtbild von Salzburg aber nachhaltig prägte. Er baute drei Stadttore neu, renovierte das Residenzgebäude, gewann den Benediktinerorden für die Gründung der Universität und legte mit dem Gymnasium dazu den Grundstein. Durch seine Musik- und Theateraufführungen hat er wesentlich dazu beigetragen, Salzburg auf kulturellem Gebiet zu dem zu machen, was es auch noch heute ist. In einer Ausstellung im Salzburger Dommuseum werden bis Ende Oktober Leben und Wirken des wenig bekannten Landesfürsten in Wort und Bild nachgezeichnet.

Marcus Sitticus war ein Vetter seines Vorgängers, des Salzburger Fürsterzbischofs Wolf Dietrich von Raitenau, der aus politischen Gründen zum Amtsverzicht gezwungen worden war. Er kam im Jahre 1574 im heutigen Vorarlberg als Sohn eines Reichsgrafen zur Welt. Seine Mutter war eine Schwester des später heilig gesprochenen Kardinals Karl Borromäus, über seine Großmutter war er mit dem Mailänder Geschlecht der Medici und Papst Pius IV. verwandt. Für eine klerikale Laufbahn hätte es kaum bessere Voraussetzungen geben können. Schon nach wenigen Studienjahren in Italien bekam er ein Amt im Vatikan, wurde Domherr in Augsburg, Konstanz und Salzburg, Ämter, die damals ausschließlich adeligen Bewerbern zugänglich waren.

Erzbischof Wolf Dietrich hatte sich wegen Streitereien um die Salzlieferungen durch das Nachbarland Bayern zur Besetzung des Stiftes Berchtesgaden hinreißen lassen, dessen Propst ein Bruder des bayerischen Herzogs Maximilian war. Im Gegenzug rückte der Bayernherzog mit einem Heer gegen Salzburg vor. Wolf Dietrich floh in Richtung Kärnten, seine Lebensgefährtin Salome Alt und die Kinder hatte er schon zuvor in ihre Heimat Wels geschickt. Er wurde auf der Flucht ergriffen, nach Salzburg zurückgebracht, zum Amtsverzicht gezwungen und auf der Festung Hohensalzburg fünf Jahre bis zu seinem Tod interniert.

Das Domkapitel wählte Marcus Sitticus mit großer Mehrheit zum Bischof, auch von Herzog Maximilian kam Zustimmung, nachdem der Kandidat versprochen hatte, die Kriegskosten zu ersetzen, einen neuen Salzvertrag mit Bayern abzuschließen und bayerische Adelige bei der Besetzung von Domherrenstellen zu bevorzugen. Vor der Weihe zum Bischof, die in der Franziskanerkirche stattfand, musste Marcus Sitticus erst noch die Priesterweihe empfangen, weil er bisher nur

Diakon gewesen war. Schon im Jahre darauf gab Marcus Sitticus den Auftrag zum Bau des Schlosses Hellbrunn. Im Gegensatz zur Bezeichnung Lustschloss, das an einen reinen Vergnügungspark denken lässt, hatte Hellbrunn ursprünglich neben dem weltlichen auch einen geistlichen Bereich, und zwar im östlichen Teil des Parks. Hier gab es Höhlen mit Darstellungen von Einsiedlern und Kreuzwegkapellen mit den Stationen »Christus am Ölberg«, »Judaskuss«, »Schmerzensmutter«, » Kreuzigung«, » Kreuzabnahme« und »Auferstehung«. Nach alten Berichten wurde dieser Bereich von Hellbrunn zeitweise tatsächlich von Eremiten bewohnt. Das Nebeneinander von vergnüglichen Wasserspielen, mythologischen Skulpturen aus der Antike und religiöser Erbauung das in Hellbrunn realisiert ist, entspricht ganz dem barocken Lebensgefühl, wie es in einer Inschrift im Festsaal des Schlosses Hellbrunn zum Ausdruck kommt: »Numen vel dissita iungit - Der göttliche Wille verbindet die Gegensätze«.

Seine Vorliebe für Spiel und Theater brachte Marcus Sitticus auch bei der Gestal-tung des Kirchenjahres zum Ausdruck. Nie zuvor habe Salzburg eine derartige Menge prächtiger Umzüge, Schau- und Singspiele, Theatervorstellungen, Bankette und Paraden erlebt, als unter Marcus Sitticus, schreibt sein Chronist Johann Stainhauser. Am dreitägigen Fastnachtstreiben beteiligte sich neben den Bürgern auch der ganze erzbischöfliche Hof mit Köchen, Kellerpersonal, Hofjägern, Mägden, Kammerdienern, Edelknaben, Hoflakaien, Kanzlisten, alle in unterschiedliche bunte Trachten gekleidet. Hofbaumeister und Hofmaler hatten einen Wagen arrangiert, auf denen allegorischen Figuren der menschlichen Tugenden zu sehen waren.

Neu gestaltet und ausgeweitet wurde auch die Karfreitagsprozession, in der biblische Gestalten wie Maria Magdalena, Herodes, Pilatus, die Apostel und die Marterknechte, aber auch Engel mitzogen und an 15 Stationen den Leidensweg Christi hoch dramatisch vorführten. Ähnlich ging es bei der Fronleichnamsprozession zu. An den vier Altären wurden nicht nur die Evangelien verlesen, sondern auch Szenen aus dem Alten Testament nachgespielt wie die Opferung Isaaks, der Traum Josephs von Ägypten, Elias und der Engel und König David als Harfenspieler. Einen wichtigen Part hatten dabei die diversen bürgerlichen Bruderschaften. Indem sie die Spiele vorbereiteten und durchführten, wurden sie aktiv in das kirchliche Leben miteinbezogen und erlebten sich als wichtige Mitglieder der Pfarrgemeinde.

Außerhalb der Stadt Salzburg war es um das religiöse Leben der Bevölkerung schlecht bestellt, wie eine von Marcus Sitticus anberaumte Visitation des Erzbistums ergab. Die wenigsten Pfarrer verfügten über die nötigsten Kenntnisse und Einkünfte, die meisten lebten mit Frauen zusammen. Vor allem die Ausbreitung der lutherischen Lehre bereitete den Kirchenoberen Sorge, in Gastein bezeichnete sich nur mehr ein Drittel der Bergleute als katholisch. Marcus Sitticus ging die Gegenreformation entschieden an. Er schickte Kapuziner, Hofbeamte und Soldaten in die Gemeinden, um die Bewohner zu befragen und Durchsuchungen nach »ketzerischen« Büchern durchzuführen. Wer sich nicht zum katholischen Glauben bekannte und hartnäckig blieb, musste das Land verlassen. Die Kontrolleure verteilten Rosenkränze, geweihte Medaillen und Katechismen. Die jährliche Osterbeichte musste durch die Abgabe des Beichtzettels nachgewiesen werden. Als Zeichen der vollendeten Bekehrung ließ der Erzbischof im Frühjahr 1615 Dankprozessionen abhalten und Erfolgsmeldungen an den Kaiser und an den Herzog von Bayern senden. Doch das Luthertum lebte verdeckt weiter. Noch hundert Jahre später kam es im Land Salzburg zur Ausweisung von zweitausend Protestanten, sie wurden vom Preußenkönig aufgenommen und fanden in Ostpreußen eine neue Heimat.

Die aus heutiger Sicht völlig verfehlte Religionspolitik wirft ein schlechtes Licht auf Marcus Sitticus, ebenso seine rigorose Behandlung seines internierten Vetters Wolf Dietrich. Er stellte sich taub gegen seine Bitten um Hafterleichterung und ließ sogar die Fenster seiner Wohnräume in der Festung mit Brettern verschlagen, um ihm die Sicht auf die Stadt unmöglich zu machen. Auch seinen Wunsch nach einer einfachen Beerdigung erfüllte Marcus Sitticus nicht. Wahrscheinlich aus Sorge um die gute Nachrede ordnete er an, Wolf Dietrich mit einem festlichen Begräbnis und allem Pomp beizusetzen.


Julius Bittmann

 

31/2012