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Jahrgang 2016 Nummer 50

Engel sind Boten Gottes

Sie sind wieder gefragt und haben in der Weihnachtszeit Hochkonjunktur

Weinender Puttenengel an einem Beichtstuhl. (Foto aus Wallfahrten in Bayern von Albert Bichler)

Engel begegnen uns zuhauf in diversen Darstellungen auf Karten und Bildern recht unterschiedlicher Qualität, vor allem aber in der vorweihnachtlichen Werbung, und da in einer sehr profanierten, verkitschten Form, die dem wirklichen Bild der Engel in keiner Weise gerecht wird und es verfälscht.

Engel haben zu allen Zeiten die Menschen fasziniert, wohl auch deswegen, weil sie ihnen unsichtbar sind. Das Interesse an ihnen ist gerade heute, in einer säkularisierten Zeit, besonders groß. Das zeigen auch die vielen Engelbücher, die den Buchmarkt überschwemmen.

Besonders hingezogen fühlen sich Menschen neuerdings zum Schutzengel. Nach einem Beitrag im »Spiegel« glaubt heute jeder Zweite in Deutschland, dass er einen Schutzengel habe. Und auch das erbrachte die Untersuchung: Mehr Menschen sind davon überzeugt, dass es Engel gibt, weit weniger aber glauben an die Existenz Gottes. Welche Motive liegen hinter der überraschenden Hinwendung zu den Engeln? Es scheint, dass hier das große menschliche Bedürfnis nach Hilfe, Trost und Geborgenheit zum Ausdruck kommt, gerade inmitten von Heimatlosigkeit. Ihren Ursprung hat dieses Denken in einem Psalm der Bibel: »Denn sein Engel wird dich behüten auf all deinen Wegen. Sie werden dich auf den Händen tragen, dass dein Fuß nicht an einen Stein stoße.«

Bei vielen Menschen haben sich bis ins Erwachsenenalter Engelvorstellungen aus der Kindheit verfestigt, die auch Eingang in die Volksfrömmigkeit gefunden haben. Denken wir nur an die Gebete zum Schutzengel, die früher die kindliche Vorstellungswelt von einem beschützenden Engel geprägt haben. Bekannt ist auch das Gedicht der Brüder Brentano, das Johannes Brahms vertonte: »Guten Abend, gut' Nacht, von Englein bewacht, die zeigen im Traum dir Christkindleins Baum«. Berühmt ist der Abendsegen in der Oper »Hänsel und Gretel« von Engelbert Humperdinck: »Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel um mich steh'n«.

In jüngster Zeit erlangte das oft zitierte Gebet des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer große Popularität, das er am 19. Dezember 1944 in der Berliner Todeszelle formulierte: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag«.

Wenn wir ein Bild von Engeln haben, so verdanken wir dies zahllosen Darstellungen, deren Anfänge bis in die heidnische Antike zurückreichen. In dieser Zeit entstanden erstmals auch Bilder, die Engel in Menschengestalt und mit Flügeln zeigen. Bilder von Engeln begegnen uns immer wieder in der Kunstgeschichte. Im späten Mittelalter erscheinen erstmals Darstellungen von Engeln in Kindergestalt, oft auch musizierend. Die putzigen Kinderengel erwecken im Betrachter die Vorstellung einer besseren, einer heilen Welt. Berühmt sind »Engelkonzerte« von Malern der Spätgotik und Renaissance, z. B. von Fra Angelico, Filipino Lippi, Boticelli und Matthias Grünewald. Viele kennen die Schutzengelgruppe des Rokokokünstlers Ignaz Günther aus dem Jahre 1763 in der Münchner Bürgersaalkirche. Kleine Kinderengel, »Putten« genannt, treffen wir in Fülle in unseren Barockund Rokokokirchen. Diese lieblichen Darstellungen prägen bis heute weithin das Engelbild vieler Menschen. Welche Aufgaben haben die Engel nach den Aussagen der Bibel? Ihr Hauptauftrag ist es, wichtige Botschaften Gottes zu den Menschen zu bringen. Die lateinische Bezeichnung für Engel ist »angelus«, d. h. Bote. In der Weihnachtsgeschichte treten die Engel immer wieder als Boten Gottes in Erscheinung.

Dem modernen Menschen vermitteln Engel das Gefühl von Geborgenheit in allen Lebenslagen und damit die Nähe des unsichtbaren Gottes. Oftmals deuten sie ihm auch sein Wirken in der eigenen Lebensgeschichte, sie machen verständlich, was zunächst nicht durchschaut werden kann. Ein ganz neuer Aspekt tut sich auf in der Vorstellung, dass Gottes Boten auch Menschengestalt annehmen und uns in unseren Mitmenschen begegnen können. Viele Menschen spüren die Nähe Gottes gerade in Menschen, die uns Gutes tun und uns einen Weg weisen. Da kommt es dann zu Worten: »Du bist ein Engel!« Für den Theologen Anselm Grün sind die Engel »Bilder der tiefen, bleibenden Sehnsucht nach Hilfe und Heilung, die nicht selber aus uns kommt«.

Eine zentrale Rolle kommt den Engeln in der Weihnachtsgeschichte zu. Hier treten sie mehrmals als Boten Gottes auf, um den Menschen etwas Wichtiges mitzuteilen. Der Engel Gabriel brachte Maria in Nazareth die Botschaft, dass sie Mutter des Herrn werde. In der Heiligen Nacht erschien ein Engel den Hirten auf dem Feld und sagte: »Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude!« Auf die Worte des Engels hin machten sich die Hirten auf nach Bethlehem und fanden das Kind in einer Krippe liegend.

Nach dem Besuch der drei Könige erschien dem Josef im Traum ein Engel und sagte: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten, denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten«. Ein Engel war es auch, der den Magiern im Schlaf befahl, nicht mehr nach Jerusalem zu Herodes zurückzukehren. Diese Szene hat ein unbekannter Künstler in einem Kapitell der gotischen Kirche St. Lazarus in Autun in Burgund besonders eindrucksvoll festgehalten: Mit seinem lang ausgestreckten Finger weckt er ganz vorsichtig die schlafenden Könige.


Albert Bichler

 

50/2016