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Jahrgang 2012 Nummer 50

Ellen Ammann: Mutiger Kampf gegen Hitler

Mit Leib und Seele der Fürsorge verpflichtet – Erste Abgeordnete im Bayerischen Landtag

Eine Schwedin schreibt Geschichte in Bayern: Ellen Ammann, geborene Sundström (1870 -1932).
Mit Plakaten sollten junge Frauen davor gewarnt werden, sich von Fremden ansprechen zu lassen.
Gefahrenzone Bahnhof: Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission fingen junge Frauen vom Land schon auf dem Bahnsteig ab, um sie vor unseriösen Angeboten abzuschirmen.
1923 ist Ellen Ammann maßgeblich daran beteiligt, dass Hitler mit seinem Putsch scheitert. Vor der Feldherrenhalle kommt es dabei zu einer Schießerei mit 21 Toten.

Obwohl sie beim Hitlerputsch 1923 »mehr Mut als so manche Herren in Männerhosen« bewiesen hat, wie der damalige Stellvertretende Ministerpräsident Franz Matt respektvoll anerkannte, können heute die wenigsten mit dem Namen Ellen Ammann etwas anfangen. Und das, obwohl die gebürtige Schwedin das gesellschaftliche und politische Leben in Bayern über vier Jahrzehnte fleißig mit geprägt hat.

Es gibt sicher mehrere Gründe, warum ihr in der historischen Forschung bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Der entscheidende Punkt ist aber vermutlich die Funktion, in deren Zusammenhang sie noch am ehesten Erwähnung findet: als Gründerin des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes 1911: Die damit verbundenen Assoziationen gehen dann gerne in Richtung Kaffeekränzchen und Häkeldeckchen. – Nichts also, womit sich die wissenschaftliche Forschung beschäftigen müsste. Wer so denkt, hat sich noch nicht mit der tatsächlichen Geschichte von Frauenvereinigungen und ihren langfristigen Zielen befasst, nämlich der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern. Ellen Amman, die 1870 geboren wurde und 1932 im Alter von 62 Jahren starb, hat sich beinahe ihre ganzes Leben lang diesem Thema gewidmet und dabei selbst mehrfach Geschichte geschrieben: Unter anderem war sie eine der wenigen Frauen, die nach der Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen in Bayern schon 1919 einen Sitz im Landtag erhielten.

Dass ihre Tochter einmal in Bayern landen würde, um dort ihr ganzes Erwachsenenleben zu verbringen, damit haben die Eltern der kleinen Ellen Sundström bei deren Geburt am 1. Juli 1870 in Stockholm sicher nicht gerechnet. Doch schon ihre Kindheit verläuft für ein Mädchen der damaligen Zeit so ungewöhnlich, dass ein ebenso ungewöhnlicher, weiterer Lebensweg beinahe unausweichlich ist: Ellen schließt ihre Schullaufbahn nicht nur mit dem Abitur ab, ihr Vater hat ihr im Heimunterricht auch noch Latein beigebracht, was ihr den Zugang zur Universität ermöglicht. Und das zu einer Zeit, in der Frauen noch gern das Vermögen zu höheren geistigen Tätigkeiten abgesprochen wird. Vater Sundström ist von Beruf Ornithologe und spannt schon seine kleinen Töchter – nach Ellen kommt noch ein weiteres Mädchen, Harriet, zur Welt – in seine ausgiebigen Forschungsausflüge auf einem Schoner in die Stockholmer Schären mit ein. Karl Sundström beschäftigt sich jedoch nicht nur mit Tieren, über 20 Jahre schreibt er politische Artikel für das »Stockholmer Dagblatt«.

Seine Frau Lilly Sundström ist im tiefprotestantischen Schweden heimlich zum Katholizismus konvertiert. Ihre beiden Töchter sind zwar protestantisch getauft, erzogen werden sie jedoch ebenfalls katholisch. Dass Lilly Sundström dabei aber alles andere verkörpert als eine frömmelnde, glaubensfanatische Hausfrau, zeigt sich beim überraschenden Tod ihres Mannes 1889, als sie kurzentschlossen dessen journalistische Arbeit weiterführt und als erste Frau in Schweden für den außenpolitischen Teil einer Zeitung verantwortlich ist. Ellen wird diese Tatkraft von ihrer Mutter übernehmen; in Kombination mit dem katholischen Glauben wird sie damit in ihrer zukünftigen Heimat Bayern zur Vorkämpferin der kirchlich orientierten Frauenbewegung.

Nach dem Abitur beginnt Ellen ein Studium der Heilgymnastik. Dabei lernt sie einen jungen Mann kennen, der ihr Leben gehörig auf den Kopf stellen wird: Dr. Ottmar Amman, 27 Jahre und aus München, der sich ebenfalls in Heilgymnastik weiterbilden möchte. Auf der Suche nach einer Bleibe landet er im Haus der Familie Sundström zur Untermiete. Der Hausherr, Karl Sundström ist vor Kurzem gestorben und seine Witwe und die beiden Töchter sind froh über ein bisschen Gesellschaft. Dr. Ammann wiederum verliebt sich Hals über Kopf in die 19-jährige Ellen. Nach kurzer Zeit macht er ihr einen Heiratsantrag, den die junge Frau nach einigen Wochen Bedenkzeit annimmt. Genau ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung findet die Hochzeit in Stockholm statt, anschließend bringt der Arzt seine junge Frau, die ihr Studium bei der Eheschließung aufgegeben hat, mit nach Bayern. Die ersten Ehejahre in München sollten der jungen Frau einiges abverlangen: »Ohnehin in einem liberalen, weltoffenen Haus erzogen, war sie durch ihre Jugendzeit im fortschrittlichen Schweden zu einer selbstbewussten, sportlichen, modernen Frau herangewachsen, die es gewohnt war, deutlich ihre Meinung zu sagen. Hatten die Bayern schon mit den vielen zugereisten Preußen ihre liebe Not, so kam ihnen eine besserwisserische Ausländerin, die sich dauernd in ihre inneren Angelegenheiten einmischte und nicht einmal fehlerfrei deutsch sprach, gerade recht«, schreibt Karin Sommer in einer Porträtserie über die ersten Frauen im Bayerischen Landtag. In dieser Anfangszeit in München kriselt es auch zwischen den Eheleuten. Erst als 1892 das erste Kind auf die Welt kommt, beruhigen sich die Wellen etwas. In den nächsten elf Jahren wird Ellen noch elfmal schwanger, sie bringt fünf Söhne und eine Tochter zur Welt und muss zusätzlich sechs Fehlgeburten über sich ergehen lassen. Im Alter von 33 Jahren erklärt sie die Familienplanung für abgeschlossen und führt von da an mit ihrem Mann nur noch eine »Josephsehe« mit getrennten Schlafzimmern. Ottmar Ammann hat in der Zwischenzeit eine eigene Privatklinik für Orthopädie gegründet, in der Ellen die Leitung des hauswirtschaftlichen Bereichs übernimmt. Es sind keine leichten Zeiten für das junge Ehepaar und die stetig wachsende Kinderschar: Immer wieder müssen Ammanns von der schwedischen Verwandtschaft finanziell unterstützt werden, um sich halbwegs über Wasser zu halten. Vielleicht ist es gerade diese positive Erfahrung von Unterstützung, die Ellen dazu bringt, sich selbst für andere Menschen einzusetzen. München ist im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer Großstadt angewachsen, die mit allen Problemen einer sich stetig verändernden Gesellschaft konfrontiert ist: Allein von 1880 bis 1890 ziehen jedes Jahr 12 000 neue Bewohner vom Land zu auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Zwar wächst die produzierende Industrie in der Landeshauptstadt weniger schnell als in Ballungszentren wie Nürnberg oder gar außerhalb Bayerns in Berlin. In »sozialen Problemlagen« wie man es heute ausdrücken würde, befinden sich aber auch in München tausende Angehörige der sogenannten unteren Schichten. Miserable Wohnverhältnisse, mangelnde Ernährung und fehlende finanzielle Absicherung kennzeichnen den Alltag von Fabrikarbeitern, Dienstpersonal und kleinen Angestellten.

Besonders gefährdet in der von Armut und Not bedrohten Bevölkerungsgruppe sind Frauen und Mädchen und das nicht erst dann, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren oder ungewollt schwanger werden. Schon bei der Übersiedlung in die Großstadt lauern ernste Gefahren auf unbedarfte »Gänschen« vom Land: Prostitution und Mädchenhandel sind nicht etwa Erfindungen reißerischer Groschenromane, sondern, wie auch Ellen Ammann erkennen muss, eine reelle Bedrohung für alle jungen Frauen, sobald sie ihren Fuß aus der Eisenbahn setzen. Mit einer erschreckenden Parallele zu heute blüht gerade die Verschleppung junger Mädchen aus den östlichen Ländern Europas. Vor allem bitterarme Jüdinnen aus Galizien, einer Provinz im Habsburgerreich, werden mit verlockenden Angeboten in die Großstädte gebracht, um dann aber nicht wie versprochen als Hausmädchen oder Verkäuferin unterzukommen, sondern im Rotlichtmilieu südamerikanischer Länder wie Argentinien oder Brasilien zu verschwinden, wo eine ungeheure Nachfrage nach »jungfräulichen« Europäerinnen herrscht. Deutsche Mädchen sind von diesen Zwangsverschleppungen zwar nicht in dem Maß betroffen, doch Landpomeranzen, die zuvor nie aus ihren Dörfern herausgekommen sind, geraten auch in Städten wie München schnell in Situationen, in denen sie keinerlei Schutz vor finanzieller und teilweise auch sexueller Ausbeutung haben.

Um diese Mädchen vor Unheil zu bewahren, gründet Ellen Ammann, selbst erst 25 Jahre alt, 1895 mit einer Gruppe Gleichgesinnter den »Marianischen Mädchenschutzverein«, sowie 1897 die erste katholische Bahnhofsmission Deutschlands. Dass Frauen sich für caritative Projekte engagieren, hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer »standesgemäßen« Beschäftigung auch für bürgerliche und adelige Ehefrauen entwickelt, die an sich selten berufstätig waren, weil das ihrer gesellschaftlichen Stellung widersprochen hätte. Fürsorge für Bedürftige ist zwar von je her mehr oder minder dort präsent, wo Menschen zusammen lebten; doch die Art und Weise, wie Hilfe verstanden und organisiert wird, hat sich inzwischen entscheidend gewandelt. Es wurde jetzt von weiten Teilen der Politik und anderen Funktionsträgern anerkannt, dass Hilfsbedürftigkeit nicht generell aus persönlichem Unvermögen entsteht, sondern auch auf Missständen innerhalb von Gesellschaften beruht. Dass diese Zusammenhänge überhaupt öffentlich diskutiert werden, ist zum großen Teil das Verdienst von Frauen. Aus allen Teilen der Bevölkerung heraus hatten sie im ausgehenden 19. Jahrhundert begonnen, sich zu organisieren. Die Zielsetzung der Frauen unterschied sich dabei, je nach »Verortung« ihrer Vereinigungen. Während die bürgerlichen Frauenvereine hauptsächlich karitative Hilfe im Vordergrund ihrer Satzungen stehen hatten, traten die Gruppen, die der proletarischen Arbeiterbewegung nahe standen, von Anfang an auch mit politischen Absichten auf. Das war damals ein keineswegs leichtes Unterfangen und musste vor allem heimlich geschehen, denn Frauen war es bis 1908 nicht erlaubt, sich politisch zu engagieren, ja sie durften noch nicht einmal politische Versammlungen besuchen. Frauengruppen mit politischen Absichten, mussten sich deshalb nach außen hin einen »unverdächtigen « Anstrich geben, zum Beispiel als »Strickkränzchen« oder »Liedertafel«, um kein Vereinsverbot zu riskieren. Die bürgerliche Frauenbewegung war in ihrer Zielsetzung zwar »gemäßigter « als die sozialistischen bzw. proletarischen Frauengruppen, doch auch deren Zielsetzung veränderte sich immer mehr in Richtung gesellschaftliche Mitbestimmung. Ellen Ammann zum Beispiel setzte sich dafür ein, dass Frauen bessere Chancen auf eine berufliche Ausbildung bekamen. Als sie mit ihrem Mann nach ihrer Heirat nach Bayern kam, gab es dort weder Gymnasien für Mädchen, noch die Möglichkeit regulär an einer Hochschule zu studieren. Und selbst in Berufen, die keinen höheren Schulabschluss verlangten, hatten Frauen oft keine Chance oder wurden wesentlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Selbst von Posten in der kommunalen Wohlfahrt waren weibliche Wesen ausgeschlossen: Ehrenamtliche Armenpfleger der Gemeinden wurden nämlich gewählt – und wer selbst nicht wählen durfte, konnte natürlich auch nicht von anderen gewählt werden und Berufsarmenpfleger waren von Haus aus männlich. Frauen durften zwar jederzeit warme Socken für Bedürftige stricken oder Essen in der Suppenküche verteilen; die tatsächliche Teilhabe innerhalb der Fürsorge mit Entscheidungsbefugnissen mussten sie sich erst noch hart erkämpfen. Ellen Ammann verstand es, in ihrer Ausgestaltung karitativer Arbeit beide Strömungen der Frauenbewegung geschickt miteinander zu verbinden. Mit ihren Vereinskolleginnen schuf sie Angebote zur Soforthilfe, wie das Beispiel Bahnhofsmission zeigt: Ziel der dabei tätigen Frauen war es, Geschlechtsgenossinnen, die mit dem Zug in die Stadt kamen, um sich dort Arbeit zu suchen, schon am Bahnsteig zur Seite zu stehen, ihnen seriöse Unterkünfte und Arbeitsstellen zu vermitteln und sie über die Fallstricke einer Großstadt aufzuklären. Mit Plakataktionen und Druckwerken sollten auch die Mädchen, die noch auf dem Land lebten sowie die Öffentlichkeit vor den Maschen unseriöser Arbeits- und Quartiervermittler oder gar Schleppern gewarnt werden.

Parallel dazu entwickelte Ellen Ammann Pläne für eine bessere Ausbildung von Frauen, um ihnen neue Berufsfelder zu eröffnen, zum Beispiel in der Wohlfahrtspflege. Dazu gründete sie 1909 in der Theresienstraße die »Sozial-caritative Frauenschule«, die in den 1970er Jahren zur »Katholischen Stiftungsfachhochschule« umstrukturiert wurde und bis heute als eine der führenden Hochschulen für Soziale Berufe in Deutschland existiert. Auch in der Vereinsarbeit war Ellen Ammann weiter aktiv: 1904 gründete sie den Münchner Zweigverein des Katholischen Frauenbundes (KFB) und wurde auch zu dessen Vorsitzender gewählt; 1911 folgte die Gründung des Bayerischen Landesverbandes des KFB, heute Katholischer Deutscher Frauenverband. 1914 tritt Ammann in den Drittorden ein, einer Laiengemeinschaft der Franziskaner; im gleichen Jahr erhält sie für ihre karitative Arbeit den päpstlichen Orden »Pro Ecclesia et Pontifice«. Nach dem Ersten Weltkrieg gründet Ellen Ammann sogar einen eigenen Laienorden, die »Vereinigung Katholischer Diakoninnen«, heute das Säkularinstitut »Ancillae Sanctae Ecclesiae« in München. Doch im Vordergrund steht für Ammann in diesen Jahren ein völlig neues Betätigungsfeld: Die hohe Politik. Frauen dürfen ab sofort nicht nur wählen, sie können auch politische Ämter ausüben. Zehn Jahre nachdem Frauen noch jegliche Aktivität untersagt war, sitzt die gebürtige Schwedin für die Bayerische Volkspartei nun als eine von sieben Abgeordneten im Landtag. Sie wird bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 auch die Frau sein, die am längsten ein Mandat innehat.

Ellen Amman engagiert sich auch in ihrem neuen Beruf für die Themen, die ihr ein Leben lang am Herzen gelegen sind: sozial benachteiligte Frauen und kinderreiche Familien. Dabei bezieht sie aber auch klar Stellung zu allgemein- politischen Tendenzen. Dass sie bei allem Ernst ihrer Themen auch ihren Humor nicht verloren hat, beweist sie in der ersten Sitzung des Landtags 1919. Als die Abgeordneten beschließen, dass die Redner ihre Vorträge zukünftig mit »Sehr geehrte Frauen und Herren« beginnen sollen, ruft Ellen Ammann trocken dazwischen: »In dieser Kammer gibt es keine Damen, was aber sagt ihr, dass es dort auch keine Männer geben soll?«

Dass sie selbst durchaus in der Lage ist, »die Hosen anzuhaben«, beweist sie, wie oben schon erwähnt, beim sogenannten »Hitlerputsch« im November 1923.

Es war nicht das erste Ereignis, bei dem Ellen Ammann sich öffentlich gegen Hitler und seine Anhänger gestellt hatte: Als Anfang 1923 ein Nationalsozialistischer Schlägertrupp über eine Gruppe Pazifisten herfällt, fordert Ellen Ammann zusammen mit den Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann beim Bayerischen Innenminister Franz Schweyer die sofortige Ausweisung Adolf Hitlers wegen Volksverhetzung. Doch die zuständigen Stellen unternehmen nichts in dieser Sache, mit dem Resultat, dass Hitler weiter ungehindert agieren kann. Die politischen Verhältnisse in Deutschland sind vier Jahre nach dem Krieg immer noch alles andere als stabil. Aus Protest gegen die Politik der Reichsregierung in Berlin – die Gründe hierfür zu erläutern fehlt an dieser Stelle der Platz – ernennt die bayerische Regierung den vor kurzem zurückgetretenen Ministerpräsidenten Gustav von Kahr zum Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten. Im September 1923 erklärt Kahr den Ausnahmezustand für Bayern. Adolf Hitler und seine nationalsozialistischen Schergen wollen diesen Zustand der politischen Schwäche ausnutzen, um sich selbst an die Macht zu putschen. Als Kahr am 8. November im Bürgerbräukeller vor etwa 3000 Zuhörern eine Rede hält, wird die Versammlung von Adolf Hitler, Erich Ludendorff, Hermann Göring und einem Trupp Schläger gestürmt. Hitler ruft dabei die »nationale Revolution« aus und zwingt Kahr und seine Begleiter, ihm ins Nebenzimmer zu folgen. Dort versucht er unter vorgehaltener Waffe, die Politiker auf seine Linie zu bringen.

Was Hitler zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Kahrs Parteikollegin Ellen Ammann ahnt, was die Nationalsozialisten vorhaben. Eine Bekannte hatte sie angerufen und ihr von einem Gespräch zwischen Nazi-Anhängern berichtet, dessen Inhalt sie belauscht habe. Demnach würden »die Schwarzen gerade eine Überraschung erleben«. Ellen Ammann zählt zwei und zwei zusammen und trommelt alle Mitglieder der Regierung zusammen, die sich nicht mit Kahr im Bürgerbräu befinden. Hitlers Aktion mit der »Gefangennahme« von Kahrs ist inzwischen nach außen durchgesickert. Ammann und Co. bereiten daraufhin eine Proklamation vor, die vom Stellvertretenden Ministerpräsident Matt unterzeichnet wird. Darin wird bekräftigt, dass die verfassungsmäßige Regierung weiter bestehe, selbst wenn die im Bürgerbräu festgehaltenen Politiker das Gegenteil erklären. Hitler muss im Laufe des Abends im Bürgerbräu einsehen, dass seine Überrumpelungstaktik offenbar nicht zum erhofften Ziel führt und auch eine Erpressung von Kahrs nicht viel bringt. Kahr selbst hatte Hitler – wie er später angeben wird, im Angesicht einer Pistolenmündung – zwar sein Ehrenwort gegeben, nichts gegen den Putschversuch zu unternehmen, einige Stunden später widerruft er jedoch das »Stillhalteabkommen« und gibt in einer Rundfunkansprache um drei Uhr früh die Auflösung der NSDAP bekannt.

Während Ernst Röhm, der mit 400 Putschisten das Kriegsministerium besetzt hatte, am Mittag des 9. November einem Waffenstillstand zustimmt, ziehen Hitler und seine Helfer zur gleichen Zeit vom Bürgerbräu ab. Sie wollen sich noch nicht geschlagen geben: Auf der Ludwigsbrücke gelingt ihnen die Entwaffnung von 30 Landespolizisten, anschließend marschieren sie zum Marienplatz und von dort Richtung Odeonsplatz mit Ziel Kriegsministerium, wo sich Röhm mit seinen Mannen verschanzt hat. Doch den Soldaten der Landespolizei in der benachbarten Residenz gelingt es, das Ministerium abzuriegeln und Röhms Truppen kalt zu stellen. Vor der Feldherrnhalle treffen jedoch Polizisten und Hitlers Marschtrupp aufeinander. Plötzlich fallen Schüsse - von welcher Seite zuerst konnte nie ganz geklärt werden - und die ersten Opfer stürzen zu Boden. Am Ende hat die Polizei vier Tote zu beklagen, dazu kommt ein getöteter Zivilist. Von den Putschisten kommen 16 Mann ums Leben. Hitler, der von zwei Anhängern im Kugelhagel gedeckt wird, gelingt die Flucht mit einem Sanitätsauto. Er wird jedoch einige Tage danach im Landhaus Ernst Hanfstaengls am Staffelsee entdeckt und verhaftet.

Lida Gustava Heymann wird in ihren Erinnerungen zum Hitlerputsch schreiben: »Dass dieses ganze, geradezu törichte Unterfangen nicht in einem furchtbaren Blutbade endete, sondern nach wenigen Stunden zusammenbrach, ist meines Erachtens auf die Initiative einer Frau, Ellen Ammann (...) zurückzuführen, die vorausschauend, instinktiv und nach sicheren Anzeichen erkannte, dass sich eine Katastrophe vorbereitete, und daraufhin ihre Maßnahmen traf.«

Bei all den politischen Aufregungen, die jene Zeit mit sich bringt und ihrer unermüdlichen Tätigkeit im Landtag und ihren Vereinen, erlebt Ellen Ammann wenigstens privat ruhigere Jahre. Ihr Mann, der sich während des Krieges einer Blinddarmoperation mit schweren Komplikationen unterziehen musste, hat sich wieder erholt und arbeitet weiter in seiner Klinik. Die meiste Zeit plagen ihn zwar finanzielle Probleme, aber mit Ellens Verdienst aus dem Abgeordnetenmandat kommen sie inzwischen ganz gut über die Runden. Und auch die Kinder haben ihren Weg gefunden: Der älteste Sohn Albert ist nach dem Theologiestudium in den jesuitischen Orden eingetreten. Der Nächstgeborene Rolph leitet einen Industriebetrieb, ist mit einer Ärztin verheiratet und hat seine Mutter zur zweifachen Oma gemacht. Hugo lebt zeitweise in Hongkong und arbeitet sich zum Kompagnon in einer Exportfirma hoch, in der auch Bruder Erik nach Wanderjahren in Argentinien unterkommt. Der jüngste der Söhne, Franz, absolviert ein Ingenieursstudium und geht anschließend in die Industrie. Die einzige Tochter, Maria, bleibt unverheiratet. Sie hat in München und Stockholm Nationalökonomie studiert, promoviert und führt das wohltätige Erbe ihrer Mutter weiter, u.a. als Leiterin der Sozial-caritativen Frauenschule in München.

Ellen Ammann stirbt so, wie sie die ganzen Jahrzehnte über gelebt hat: mitten in der Arbeit: Am 22. November 1932 steht sie am Rednerpult im Landtag und spricht über ihr »Steckenpferd«: Die Unterstützung von kinderreichen Familien. Sie scheint sehr müde zu sein, denn ihre Kollegen berichten, sie habe in der Sitzung zuvor ihren Kopf schon mehrmals auf ihre Schreibunterlage gelegt, um sich für ein paar Sekunden Ruhe zu gönnen. Als sie ihre Ansprache vor dem Plenum beginnt, fordert sie der Präsident auf, etwas lauter zu sprechen, da niemand sie verstehe. Ellen Ammann ringt sichtlich um Atem, setzt ihre Rede aber bis zum Schluss fort. Danach geht sie langsam auf ihren Platz zurück, lässt sich auf den Stuhl fallen, verschränkt die Arme auf ihrer Lade und lässt den Kopf sinken. Ihr Sitznachbar bemerkt noch, dass seine Parteikollegin blass bis an die Haarspitzen wird, da kippt sie auch schon ohnmächtig von ihrem Sitz. Ellen Ammann ist wieder teilweise bei Bewusstsein, als sie in eine Klinik gebracht wird. »Kopf hoch, Kopf hoch«, murmelt sie ihren Helfern zu. Nach einem erneuten Anfall nur wenige Stunden nach ihrem Zusammenbruch im Landtag stirbt Ellen Ammann im Beisein ihrer Familie im Krankenhaus. Ihr Tod sorgt nicht nur in München für tiefe Betroffenheit. Aus ganz Deutschland treffen Beileidsbekundungen ein, die zeigen, wie sehr Ellen Ammann geschätzt und verehrt wird. So unerwartet ihr Tod zu diesem Zeitpunkt auch war; eines blieb der 62-Jährigen aber wenigstens erspart: Sie musste nicht miterleben, wie es dem Mann, gegen den sie vor zehn Jahren ins Feld gezogen war, zwei Monate später, am 30. Januar 1933, schließlich doch gelingt, die Macht an sich zu reißen.

Adolf Hitler hat Ellen Ammanns Rolle beim missglückten Putschversuch und ihre Forderung auf Ausweisung nie vergessen:

Als ein Jahr nach ihrem Tod die von Marie Amelie von Godin verfasste Biographie über sie erscheint, gibt Hitler die Anweisung, die gesamte Auflage von 60 000 Büchern einzustampfen. Zum Glück für die Nachwelt ist ihm das nicht gänzlich gelungen, denn im Antiquariat ist noch das eine oder andere Exemplar erhältlich. Die Autorin schreibt zwar in einem aus heutiger Sicht äußerst schwülstigen Stil, die interessante Lebensgeschichte Ellen Ammans lässt sich aber trotzdem gut nachlesen.


Susanne Mittermaier

 


Literatur:
Godin, M.A. von: Ellen Ammann. Ein Lebensbild, München 1933 Sommer, Karin: Eine frauenbewegte Schwedin von »nordischer Vehemenz«, Porträtserie Frauen und Politik in der Weimarer Zeit (1918-1933) in: Maximilianeum, Beilage der Bayerischen Staatszeitung, Juni 2001.

 

50/2012