Jahrgang 2010 Nummer 17

Elfenbein wie Edelstein

Faszinierende Mittelalter-Kunst im Bayerischen Nationalmuseum

Byzantinischer, gut 900 Jahre alter, ursprünglich für Schmuck, Urkunden und Münzen, später für Reliquien bestimmter Rosettenkast

Byzantinischer, gut 900 Jahre alter, ursprünglich für Schmuck, Urkunden und Münzen, später für Reliquien bestimmter Rosettenkasten.
Abtskrümme mit der Krönung Mariens als Motiv.

Abtskrümme mit der Krönung Mariens als Motiv.
Turmreliquiar aus der Hüpsch’schen Sammlung aus dem 12. Jahrhundert.

Turmreliquiar aus der Hüpsch’schen Sammlung aus dem 12. Jahrhundert.
Als »elfenbeinerner Turm« wird die Gottesmutter in der Lauretanischen Litanei angerufen. Nicht weniger erlesen als die »geistliche Rose« oder das »goldene Haus« ist ein himmelragendes Bauwerk aus dem weiß leuchtenden Material des Elefantenstoßzahns. Bis zu drei Meter lang kann so ein beinerner Kopfauswuchs eines Dickhäuters werden; wiegt gar an die hundert Kilogramm. Was Elfenbein genannt wird, stammt auch vom ausgestorbenen Mammut. Walross, Narwal und Flusspferd liefern ähnliches »Bein«, das allerdings nicht so haltbar und weniger gut zur Bearbeitung geeignet ist wie das »echte« Elfenbein vom afrikanischen Elefanten. Das nach dem unteritalienischen Wallfahrtsort Loreto benannte Wechselgebet, das Maria mit einem »elfenbeinernen Turm« vergleicht, ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Bis zu sieben Jahrhunderte älter sind überaus kunstvoll geschnitzte Arbeiten aus »Elfenbein«. Die meisten von ihnen gehören, wie die Lauretanische Litanei, in die kirchlich-religiöse Sphäre. Etwa 100 solcher kostbarer Gegenstände zeigt, mit einigen profanen, zurzeit das Bayerische Nationalmuseum (BNM) in einer Sonderschau.

Zusammengeführt wurden die BNM-eigenen (vierzig) Objekte mit Arbeiten aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Schon 1993 präsentierte man dort die »Sammlung Hüpsch« neu. Experte Theo Jülich, dem eine perfekte Darstellung dieser Kollektion in Buchform (bei Schnell und Steiner) glückte, freut sich mit BNM-Direktorin Renate Eikelmann über die gelungene Zusammenführung zweier Original-Bestände mittelalterlicher Elfenbeinkunst. Und das Haus Wittelsbach, das neben der Privatsammlung von Martin Joseph von Reider, Bamberg, dem BNM einiges an Elfenbeinstücken vermachte, dürfte nicht weniger jubeln, nun mit ebenbürtigen Exemplaren – wenigstens für ein paar Monate – vereint zu sein und die Öffentlichkeit über sonst nur im Depot schlummernde Schätze des mittelalterlichen Kunsthandwerks staunen zu lassen.

Der sich mmer wieder in der Ausstellung meldende Baron von Hüpsch, vor 280 Jahren geboren, mit 75 Jahren 1805 verstorben, war ein Unikum, ein Kauz. Seit 1755 in Köln ansässig, schrieb er unablässig und reichlich über Naturwissenschaftliches und Naturhistorisches. Als Sammler war er manisch. Elf Räume seines Kölner Kabinetts im Lützeroder Hof fand man bereits Ende des 18. Jahrhunderts vollgestopft mit allem möglichen »Gedöns« aus der Ferne – Versteinerungen, Präparate, Skulpturen – und dem engeren Umfeld – Waffen, Kleidung, Kunstobjekte, nicht zu reden von der immensen vielsprachigen Bibliothek, die Völker und Kontinente umgriff.

Besonders elfenbeinerne Tragaltäre und Tafeln hatten es dem verschrobenen Gelehrten angetan. Ganz wild soll er auf mit Elfenbeintäfelchen geschmückte Bucheinbände gewesen sein. Der Baron, einem habsburgisch niederländischen Beamtenadel entsprossen, verstand es, Privatpersonen und Kirchenleuten so manche von ihm hoch geschätzten Werke aus Elfenbein der Zeit von 900 bis etwa 1500 abzuschwätzen. 40 unschätzbare Stücke brachte er durch List und Tücke, auch durch Verzögerungstaktiken und Rückgabeverweigerungen, zusammen. Sie stammen meist aus dem Maasland und vom Niederrhein. Aus Geldmangel veräußerte er wenige Jahre vor seinem Ableben einen Teil des Elfenbeinschatzes an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt, dem er schließlich sein ganzes Hab und Gut vererbte.

1805 gelangte die »Hüpsch’sche Sammlung« (man kann gerne auch »hübsche Sammlung« daraus machen) in den Besitz des Darmstädter Museums. Hier wäre sie nur allzu gern mit ähnlichen Piecen aus dem Bein von Elefant, Walross, Narwal und (seltener) Pottwal, dazu Einhorn und Nashorn vereint worden – doch nur ein byzantinischer, gut 900 Jahre alter, ursprünglich für Schmuck, Urkunden und Münzen, später für Reliquien bestimmter Rosettenkasten konnte vom großherzoglichen Hofgraveur Johann Lindenschmit hinzuerworben werden. Gleichviel – die Darmstädter Sammlung genoss hohes Ansehen. Gipsabdrucke von außergewöhnlichen Exemplaren aus dem ehemaligen Fundus des Barons von Hüpsch wurden veräußert, unter anderem auch nach München verkauft. Das BNM erwarb 1857 etwa 40 Abgüsse von Darmstädter Elfenbein-Arbeiten und war natürlich immer etwas neidisch auf die großherzoglichen Schätze im Nachbarland Hessen. Auch wenn es dem BNM nicht gelang, diese für immer zu integrieren – jetzt sind beide Bestände kurzfristig vereint. Sie ergeben eine grandiose, für jeden Liebhaber mittelalterlicher Kabinettkunst und relativ frühen europäischen Kunsthandwerks verpflichtende Sonderschau. Über die BNM-eigenen Stücke gibt, klug ausgewählt und verlässlich beschrieben, das an der Ticketkasse und im BNM-Shop zu erwerbende Heft »Mittelalterliche Elfenbeinarbeiten« präzise Auskunft.

Neidlos sei zugestanden: Die spektakulärsten Stücke hat jener neugierige, begehrliche Kölner Baron um die 19. Jahrhundertwende zusammengebracht, und so ist auch eines der (überdies ältesten) Vorzeige-Exemplare, das Fragment einer Himmelfahrt Christi, Maße: 14 x 9 cm, vom Anfang des 9. Jahrhunderts, dessen Habseligkeiten entnommen. Wohl für ein spätantikes Diptychon konzipiert, entstammt das Fragment der Hofschule Karls des Großen zu Aachen. Obwohl seitlich und oben beschnitten und ursprünglich mehr als doppelt so hoch – die obere Hälfte scheint verloren gegangen zu sein – ist es als Rarität nicht hoch genug zu veranschlagen. 1200 Jahre alt, wirkt die dicht gedrängte Apostelgruppe mit ihrer expressiven Gestik und Mimik, Maria, die Mutter des Herrn umstellend, modern – als hätte sie ein »Beinschneider« unserer Tage gefertigt. Für die karolingische Epoche war die dichte Staffelung der Zeugengruppe (Judas fehlt ja im Kreis der Jünger Christi, also sind es nur elf Apostel) typisch. Es muss nicht Wunder nehmen, dass der Auffahrende selbst fehlt. Doch ist er, in gewisser Weise, anwesend. Ein kleines Mysterium in Elfenbein – in Edelstein!

Ebenfalls aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt ist das knapp 13 cm große quadratische Elfenbeintäfelchen entliehen, das als Plakatmotiv der Ausstellung gewählt wurde. Geschnitzt zwischen 962 und 973 in Mailand, dürfte es zu einem Antependium gehört haben, das Kaiser Otto I. dem Magdeburger Dom stiftete. Christus – hinter ihm ist unter anderem Petrus an den zwei Schlüsseln erkennbar – fungiert als Exorzist beim Besessenen von Gerasa. Der Dämon entfährt dem von einer Gruppe Betreuender zum Heiland vorgeschobenen Kranken als schlankes geflügeltes Wesen. Schon warten in der rechten unteren Ecke die Schweine, in die das dem Menschen entfleuchte Ungeheuer einfahren kann.

Lange steht man staunend vor einem der Turmreliquiare aus der Hüpsch’schen Sammlung, das Ende des 12. Jahrhunderts in Köln aus Knochen hergestellt wurde. Holz, Wachs, Bronze und vergoldetes Kupfer wurden ebenfalls verwendet. Das anfangs von einem verloren gegangenen Dach gedeckte Obergeschoß ist abklappbar. Patriarchen und Propheten reihen sich hier. Unten sind Christus, Maria, die Apostel und, eindeutig, die Heiligen Drei Könige zu sehen: Kaspar, Melchior, Balthasar.

Tafeln wechseln mit Figuren, Behältnissen, Kapseln, Beschlägen aus Elfenbein und dem ihm eng verwandten, meist synonym gesetzten Material. Am Eingang zur Ausstellung wird seine tierische Herkunft, konkret wie im Zoologischen Lehr-Institut, handfest und monumental zur Anschauung gebracht. In einer Vitrine liegt das Bearbeitungswerkzeug aus: Laubsäge und Greifzirkel, Stecher und Schaber, Lupe und ein ganzes Sortiment an Feilen. Oft staunt man über die eigenartige Krümmung – etwa einer Madonnen-Statuette. Erklärbar ist ihre leicht gebogene Haltung aus der Krümmung des Tierzahns, der der Schnitzer oblag.

Welche Gerätschaften für die Herstellung der womöglich aus dem bayerischen Niederalteich stammenden, mit Sicherheit in Frankreich um die Mitte des 14. Jahrhunderts gefertigten elfenbeinernen Abtskrümme mit der Krönung Mariens als Motiv nötig waren, kann wohl heut gerade einmal ein Angehöriger des Internationalen Zentrums für Elfenbeinforschung der Universität Mainz sagen. Oder auch einer aus dem Deutschen Elfenbeinmuseum in Erbach im Odenwald. Weiter helfen könnte auch die Berufsfachschule für das Holz- und Elfenbein verarbeitende Handwerk in Michelstadt/Odenwald. Ein 14-minütiger Film will keineswegs die Faszination, die von den wunderschönen musealen Objekten ausgeht und den Betrachter gefangen nimmt, ablenken. Aber die Absicht, zu zeigen, dass alle Kunst von (handwerklichem) »Können« kommt, ist unverkennbar.

Aus der Reider’schen Sammlung, Bamberg, stammt eine Elfenbeintafel mit der Darstellung der Geburt Christi, entstanden in Niederlothringen um 1100. Das bestimmt 230 Jahre ältere Flügelaltärchen, das eine kaum mehr als 15 cm hohe französische Elfenbein-Madonna mit Kind aus dem 14. Jahrhundert birgt, hat wohl dem König Ludwig I. von Bayern so gut gefallen, dass er sie 1827 von Köln nach München hat holen lassen. Der auf dem Foto abgebildete untere Teil lässt die Fächer zum Einlegen von Reliquien ebenso erkennen wie er zwei der insgesamt vier Tafelbilder preisgibt: Jesu Geburt links und die Taufe am Jordan rechts. Erst in der Kombination mit Farbe kommt das schlichte, weiße, keusche Elfenbein zur Wirkung, als wär es in der Tat kein Bein, sondern ein Stein, ein Edelstein. Nicht zu vergessen: Vielfach waren die heute rein weiß schimmernden Elfenbeinarbeiten bemalt. An einigen Exponaten ist die frühere Kolorierung in Resten noch sichtbar, so etwa an der Abtskrümme aus Niederalteich, deutlicher noch an den drei Marien, die, aus dem Rheinland des 14. Jahrhunderts stammend, wohl zu einer Kreuzigungsgruppe gehörten. Wer genau hinschaut, kann die Farbreste an Haupthaar und Augenbrauen ausmachen und die einstige Vergoldung zumindest erahnen. Man muss nicht, aber man sollte mit der Lupe in diese einmalige Ausstellung gehen, um damit geradezu kriminalistisch den Feinheiten auf die Spur zu kommen, die diese durchweg anonymen Kunstwerke auszeichnen.

Dr. Hans Gärtner



17/2010