weather-image
Jahrgang 2008 Nummer 31

Eins so schön wie das andere

Walter Spiegl zeigt in Waldkraiburg Spitzenstücke seiner Biedermeierglas-Sammlung

Was Walter Spiegls Braut zur Hochzeit geschenkt bekam, war schon den jung Vermählten zu zerbrechlich: zwei Rosenthalgläser, schlank, zart, auf zerbrechlichem Fuß. Man suchte nach Beständigerem im jungen Haushalt, wo gern ein Gläschen getrunken wurde. Kam von München über Salzburg nach Wien – und entdeckte, was den Anfang einer bald ansehnlich wachsenden Sammlung bildete, einfache und dickwandige Trinkgläser. Lauter Einzelstücke, eins so schön wie das andere, die aber gerade deshalb, weil sie verschieden waren, so hübsch zusammenpassten. Das Interesse für altes Glas und seinem »Wer? Was? Wie? und Warum?« war geweckt im Hause des damaligen Lektors und Übersetzers für Desch und Ullstein, später Scherz und Heyne. »Meißner Porzellan« hieß denn auch Walter Spiegls zweites, vor 30 Jahren erschienenes Buch über sein Lieblings-Thema aus der Welt der Gebrauchs-Antiquitäten.

In seinem Fachbuch-Erstling »Böhmische Gläser« (1976) spürte der 1934 im westböhmischen Asch geborene, in Pfaffing bei Rott am Inn lebende Autor dem weltbekannten Produkt seiner alten Heimat nach. Viele weitere Publikationen folgten, der Autor ist heute als Glas-Experte gefragt, und in der Familie wird bis dato fortgesammelt, nur allzu gern geschliffenes Glas des Biedermeier. Eine schöne Sammlung entstand. Das Stadtmuseum Waldkraiburg, selbst im Besitz einer zum 50-jährigen Jubiläum 2010 neu zu präsentierenden gut bestückten Nordböhmen-Glaskollektion, darf sie jetzt in einer Sonderausstellung zeigen: hochkarätige Stücke, noch nie in dieser Breite der Öffentlichkeit dargetan, farbenprächtig überfangenes Glas, Deckelpokale, Andenkenbecher, Werke berühmter böhmischer Glashütten und anonymer Veredler – mit Ausnahme des namentlich bekannten Graveurs Dominik Biemann.

Der mit einem Buch über das Glasdorf Falkenau des Waldkraiburgers Harry Zahn beschenkte Leihgeber war selbst zur Eröffnung erschienen, erzählte von den kuriosen Anfängen als Glas-Sammler und gab die schweren Bedingungen zu bedenken, unter denen das heute als hohe Kunst in den Museums-Vitrinen Bewunderte – grünes Alabasterglas, achtfach geschälter Trinkbecher, Ranftbecher mit gestickter Perlenmanschette, Tasse und Untertasse mit Bronzemontierung – vor knapp 200 Jahren hergestellt und von Adel und dann mehr und mehr vom Bürgertum Geschätzte gefertigt wurde. (Bis 17. August, Dienstag bis Sonntag 14 bis 17 Uhr, Haus der Kultur, Waldkraiburg, Telefon 08638 959308).

Hans Gärtner



31/2008