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Jahrgang 2016 Nummer 41

»Eine zwecklose und schädliche Einrichtung«

Mit einem Federstrich wurde in Altbayern das Eremitenwesen aufgelöst

Vor der Eremitenklause – wie der romantische Maler Moritz von Schwind sich das Einsiedlerleben vorstellte.
Die Eremitage bei Stein an der Traun um das Jahr 1926.
Historisches Bild von der Wallnerklause am Königssee.

»Da das Institut der Eremiten oder Klausner schon längst als zwecklos und schädlich anerkannt worden ist, so wird es unverzüglich aufgelöst. Die Eremiten haben den Habit abzulegen, die Priester der Kongregation können Weltpriester werden. Die Klausnergebäude werden eingezogen, wenn sie nicht Schul- und Mesnerhäuser sind. Jene Eremiten, welche als Schullehrer, Mesner und Organisten zu brauchen sind, sollen durch einen verhältnismäßigen Schullehrergehalt schadlos gehalten werden.«

Dieses Regierungsdekret aus München vom 12. Mai 1804 bedeutete den Todesstoß für die Kongregation der Klausner oder Waldbrüder, die seit dem 17. Jahrhundert über ganz Altbayern verstreut an einsamen Orten lebten und sich neben Frömmigkeitsübungen einfachen Handarbeiten, dem Gartenbau, der Obstbaumzucht, der Volksmedizin aber auch dem Mesnerdienst und dem Schlagen der Orgel widmeten. Hauptinhalt ihres Lebens waren aber nicht diese nützlichen Tätigkeiten, sondern das Gebet und das Gotteslob, die – wie es die Tradition verlangte – acht Stunden täglich in Anspruch nahmen. Wenn das Einkommen nicht ausreichte, zogen die Klausner von Haus zu Haus auf die »Kollektur«, um bei der Bevölkerung um freiwillige Spenden zu bitten. »Mit der Zeit kam es so weit, dass man sich einen Klausner, der nicht bettelte, kaum vorstellen konnte«, schreibt Joseph Heigenmooser in seiner Untersuchung über die Eremiten in Altbayern (Berlin 1903).

Es konnte nicht ausbleiben, dass sich auch zweifelhafte Existenzen wie Arbeitsscheue und Tagdiebe unter die Waldbrüder mischten, unter dem Deckmantel der Kutte Almosen erbettelten und so den Stand der Eremiten in der Öffentlichkeit in Verruf brachten. Das war der Grund dafür, dass sich in Bayern im Jahre 1668 in Zusammenarbeit mit den staatlichen und kirchlichen Stellen die Kongregation »Institut der eremitischen Korporation im Bistum Freising« konstituierte, der jeder beizutreten hatte, der sich als Eremit niederlassen wollte. Mit der Mitgliedschaft war die Verpflichtung zur Einhaltung der Satzung verbunden, die das gesamte Leben der Mitglieder durch eingehende Bestimmungen regelte. Auf ausdrückliches Verlangen des Bischöflichen Ordinariats waren die Eremiten in der Satzung auch zur Lehrtätigkeit aufgefordert worden - und zwar »zur Unterweisung der armen Bauernjugend in Gegenden, wo keine Schulen sich befinden«. Das lag auch im Interesse des Staates, der die Schulbildung der Jugend verbessern wollte und auf diese Weise das Geld für die Bezahlung eines Schullehrers sparte. Und ein positiver Nebeneffekt für den Staat: Wenn ein Eremitenlehrer nichts taugte, konnte er leicht wieder nach Hause geschickt und durch einen anderen ersetzt werden, was bei einem mit Weib und Kindern versehenen Lehrer nicht ohne Beschwernis möglich war.

Der Aufnahme in die Gemeinschaft hatte eine Vorbereitungszeit (Noviziat) vorauszugehen, das mit einer Prüfung abschloss. Wer dieser Vereinigung nicht beitrat, sollte nicht das Recht haben, die Kutte zu tragen und sich als Eremit niederzulassen - eine Bestimmung, die in der Praxis nur schwer durchsetzbar war.

Die Zentrale der Eremiten befand sich in der schon seit dem 8. Jahrhundert bestehenden Emeritage St. Emmeran bei Oberföhring. Hier residierte auch der jeweilige Altvater, wie der Vorsitzende der Kongregation genannt wurde. Zu seinen Aufgaben zählte die jährliche Visitation aller Klausen. Bei den regelmäßig am 28. und 29. August stattfindenden Kapitelversammlungen wurden aktuelle Probleme sowie Disziplinarfälle besprochen und gleich geahndet. Ein Beispiel findet sich im Protokoll der Sitzung vom 29. August 1769, bei der sich ein Franz Anschütz aus Kronwinkel wegen »Nachlässigkeit im Schulehalten und öfterem Wirtshausbesuch« zu verantworten hatte. Der Urteilsspruch: Der Angeklagte musste »unter öffentlicher Tischzeit im Refektorio (Speisesaal) auf dem Boden sein Mahl einnehmen und dabei den Katechismo um den Hals tragen«.

Aufschlussreich ist auch das Protokoll über die Vorstellung und Prüfung neuer Kandidaten beim Kapitel von 1769. Zehn Männer im Alter zwischen 16 und 40 Jahren bewarben sich um Aufnahme, darunter zwei Bauernsöhne, ein Weber, ein Schneider, ein Schreiber und ein Schulmeister.

Ein einziger – ein »absolvierter Student, ein frommer und guter Mann, erfahren im Choral und Orgelschlagen« - wurde aufgenommen, musste aber zuvor noch 40 Gulden für die Kutte zahlen. Alle übrigen wurden auf nächstes Jahr verwiesen, weil bei den meisten die musikalischen Kenntnisse nicht ausreichten. »Kann keine Musik, will sie aber lernen«, heißt es über einen 29-Jährigen aus Neuburg an der Donau. Und über einen Weber aus Schwindkirchen liest man: »Wird angewiesen, sich mehreres in Choral und Orgel zu perfektionieren«. Bei zwei Bewerbern haperte es sogar an den Grundkenntnissen im Rechnen, Lesen und Schreiben, sie wurden zu fleißigem Üben gemahnt und könnten dann nächstes Jahr wieder antreten. Das Gewicht, das bei der Prüfung auf Singen und Orgelspiel gelegt wurde, deutet auf einen späteren Einsatz im Kirchendienst hin, während Schreiben, Lesen und Rechnen natürlich Voraussetzung für das Schulehalten bildeten.

Zur Ausbildung und Fortbildung von Eremitenlehrern wurde in der Eremitage auf dem Kalvarienberg bei Tölz ein zweites Noviziat ins Leben gerufen. Es war dem Ordinariat in Freising, dem Ortspfarrer und dem Altvater unterstellt und sollte die Absolventen befähigen, »die Kirchendienste in den Pfarreien zu versehen, taugliche Schulmeister zu sein und das unwissende Bauernvolk in den Glaubenswahrheiten zu unterrichten«. Offensichtlich arbeitete die Einrichtung mit Erfolg, wie es ein Bericht des Landgerichts Tölz an den Geistlichen Rat in München bezeugt: »Viele tausend Schulkinder auf dem Lande sind in den letzten 20 Jahren sehr nützlich und gut und ohne Beschwerde allhier instruiert worden, sodass solche Eremiten vom ganzen Oberland verlangt werden«. In der Tölzer Niederlassung war auch eine Seniorenabteilung untergebracht »für die alten, nach 20 bis 30 Jahren durch die Unterweisung der von Natur aus ungestümen Bauernjugend ganz entkräfteten Brüder«, berichtet ein altes Schriftstück. Gut verständlich, wenn man bedenkt, dass zu jener Zeit Schulklassen mit 40 bis 60 Kindern keine Seltenheit gewesen sind.

Über die Anzahl der Eremiten in Bayern gibt es nur einige wenige Anhaltspunkte, und diese beziehen sich auf die Mitglieder der amtlichen Eremiten-Kongregation, der im Jahre 1695 insgesamt 41 Klausner angehörten, ohne die sogenannten »vagabundierenden Waldbrüder« zu erfassen, von denen es mindestens ebensoviele gab. Im Jahr der Aufhebung gehörten der Kongregation bereits 133 Eremiten an, die Zahl der offiziellen Klausen lag bei 108. Allerdings verschwanden auch nach dem staatlichen Verbot die Eremiten in Bayern nicht völlig von der Bildfläche, denn man konnte nicht verhindern, dass sich Männer auf eigenen Entschluss hin in die Einsamkeit - eventuell sogar in eine ehemalige Klause – zurückzogen und dort einige Jahre oder bis an ihr Lebensende als Aussteiger verbrachten.


Julius Bittmann

 


Eine großherzige Schlossherrschaft

Die Schlossherrschaft Stein bei Altenmarkt, Bezirksamt Traunstein, erließ bei Aufnahme eines Klausners 1713 folgende für diesen bindende Bestimmungen:

»Ein Klausner zu Stain hat sich vor allem eines christlich frommen und auferbaulichen Lebenswandels zu befleißen, an Festtagen, wenn eine Hochmesse ist, nicht nur den Choral, sondern auch die auf jedes Fest eingerichteten Gesänge zu singen und auch noch all thunlichen Fleiß anzuwenden, die Kinder in haltender Schul christ-kathol. Gebrauch nach zu lehren und zu unterrichten; wo ihm jedoch von jedem Kind alle Quatember 15 kr. Schulgeld einzubringen erlaubt ist. Das Sammeln wird verboten.

Er hat folgende Bezüge: An Geld 8 fl. alle Quatember. Für Licht- und Baumöl 2 fl, Getraid in Münchner Maß: 3 Metz Weiz, 1 M. Gerste, 1 Viertl Erbsen. Holz so viel nötig, Sauer- und Süßkraut, auch Kräutlwerk so viel nötig, ebenso Essig, wöchentlich 1 Laib Brod von 6 Pfd., wöchentlich ½ Pfd. Schmalz. An Freitagen und Samstagen, im Advent, in der Fasten alle Tage süße Milch, im Winter 1 Kändl, im Sommer 1 Viertl, täglich ein Maß Bier. Zu hl. Zeiten Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fasching, Kirchweih 1 Pfd. altes und 1 Pfd. junges Fleisch, alle 3 Jahre einen Habit.

Quelle: Joseph Heigenmooser »Eremitenschulen in Altbayern«, Berlin 1903.


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