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Jahrgang 2007 Nummer 32

Eine Zugfahrt mit Verspätung

Sommerferien bei den Großeltern

Dortmals vor rund 60 Jahren ist es gewesen, als endlich die »Großen Ferien«, die ich schon kaum mehr erwarten konnte, angefangen haben. Nicht etwa weil ich nicht gerne in die Schule gegangen bin, ganz im Gegenteil, ich ging gerne dort hin, denn seit ich von meinen Großeltern fort musste, war die Schule in Grassau, meinem neuen Zuhause, bald schon der eigentlich einzige Ort, wo ich wieder mit neuen Freundinnen lachen konnte. Auch zu meinem neuen Lehrer hatte ich schnell Zutrauen gefunden und so machte ich mich zusammen mit einer Schulfreundin, am letzten Schultag, mein Zeugnis fest in der Hand haltend, frohgemut auf den Heimweg. Die zweite Klasse war zu Ende, aber obwohl in meinem Zeugnis nur »Einser drin standen«, bekam ich, zuhause angekommen, kein Lob und mein Stiefvater hat nicht einen Blick darauf geworfen. Aber eigentlich hat mir dies gar nicht so arg viel ausgemacht, denn ich hatte schon von weitem an der Haustür meine jüngste Tante aus Pittersdorf erspät, die mir ja in einem Brief versprochen hatte, mich abzuholen, heim zu den Großeltern in die langen Sommerferien. Da wird sich mein Großvater bestimmt umsomehr über mein »gutes Zeugnis« freuen und ebenso die Großmutter, habe ich mir gedacht und dabei meiner Tante schon von weitem fröhlich zugerufen.

So um 11 Uhr rum ist es gewesen an diesem schönen Sommertag, meine Mutter hat Sofie, meiner Tante, und mir noch schnell ein paar »Ochsenaugen« (Spiegeleier) gemacht, denn wir beide wollten den Mittagszug von Staudach, unserer nächsten Bahnstation nach Übersee, noch erwischen. Übernacht bleiben konnte Sofie nicht, denn erstens war am morgigen Tag viel Heu zum Heimbringen und auch hat Babbe, der Großvater gemeint, dass »sein Dirndl« bestimmt schon gerne gleich heute »heimkommen« würde. So hatte meine Mutter schon alles Nötige für mich in einen großen und einen kleineren Rucksack eingepackt, ich legte mein Zeugnis in eines meiner Schulhefte und tat dieses ganz vorsichtig, dass es ja nicht zerknittert wurde, in Sofis große Handtasche. Mit einem »Pfüadi Lisbeth und Pfüadi Sofie und schöne Grüaß an Dahoam«, verabschiedete sich meine Mutter von uns beiden und ich, schon den Rucksack auf dem Buckel, sagte noch schnell: »Pfuadi Mama« und rannte schon, vorbei an meinem Stiefvater, der kein Wort zu mir sagte, durch die offene Haustür hinaus. So ungefähr eine halbe Stunde brauchte man schon von Grassau nach Staudach, doch trotz meines Rucksackes, der eigentlich zu groß für meinen kleinen Rücken gewesen ist, und der immer mehr aufkommenden Mittagshitze, bin ich kein bisschen müde gewesen, wie wir beide bei dem kleinen, hölzernen Bahnhäuschen angekommen sind. Während Sofie nun gleich an dem kleinen Schalter die Fahrkarten kaufte, spähte ich erwartungsvoll in Richtung Marquartstein, von wo auch schon das laute Pfeifen und gleich darauf das Pfauchen unseres herankommenden Zuges zu hören war. Zusammen mit noch etlichen Wartenden, haben Sofie und ich gleich darauf gerade noch einen Sitzplatz auf einer der hölzernen Lattenbänke gefunden, doch es sind ja nur einige Kilometer nach Übersee, der nächsten Bahnstation gewesen, wo alle umsteigen mussten in den »großen Zug« der uns, mit nur einem ganz kurzen Aufenthalt in der kleinen Station Bergen, nach Traunstein bringen sollte. Auf dem »riesigen« Bahnhof dort, mit dem für mich dem Einöderdirndl mit seinen acht Jahren, verwirrenden Durcheinander der vielen Gleise, mussten Sofie und ich dann schnell den richtigen Zug in Richtung »Trostberg-Garching« finden, um nachher bei unserem kleinen Bahnhof in Matzing auszusteigen.

So standen wir beide nun fast ein bisschen verloren zwischen den vielen Gleisen, ich schaute Sofie fragend an und meinte zu ihr, wo unser Zug wohl stehen würde?

Dass wir diesen gleich dort drüben auf dem Gleis sehen könnten, gab diese mir zur Antwort, nahm mit einem: »Komm, geh’ weita’«, meine Hand und gemeinsam sind wir nun schnell auf einen unweit vor uns haltenden Zug zugegangen. Dass gleich da vorne auch ein solcher steht, meine ich etwas unsicher zu Sofie und was für Einer nun der richtige sein wird?, fügte ich hinzu. Doch wie diese mir, nach einigem Zögern versicherte, dass es kein »falscher« sei, in den wir einsteigen, war ich wieder beruhigt, denn, so habe ich mir gedacht, meine Tante ist ja schon erwachsen (17 Jahre war diese gerade), und wird es bestimmt wissen. So habe ich auch noch gedacht, wie wir beide gleich darauf in diesem besagten Zug, einen schönen Fensterplatz gefunden haben und Sofie meinte zu mir, dass wir von hier aus auch gleich sehen konnten, wenn wir uns Matzing, unserer Endstation, näherten.

Weil wir alle zwei merkten, dass wir auch Hunger bekommen haben, kramte ich aus meinem Rucksack zwei große Butterbrote heraus, die uns beiden gleichermaßen geschmeckt haben. So ist unser Hunger zwar gestillt gewesen, doch an den Durst hatten wir, als wir uns in Grassau auf dem Weg gemacht haben, nicht gedacht, doch Sofie meinte da zu mir, dass wir gleich in Matzing sein müssten, dort kaufen wir uns in dem Kramerladen gleich neben dem Bahnhof, eine Flasche »Kracherl« (Limonade), bevor wir uns auf den langen Heimweg durchs Holz machen. So waren wir beide recht froh gelaunt, doch wie Sofie sich nun ein bisschen aus dem offenen Fenster gebeugt hatte, um zu schauen, ob sie nicht schon die bekannte Gegend um Matzing sehen konnte, da ist sie weggewesen, die frohe Laune. Wie gleich darauf der laute Pfiff der Lokomotive ankündigte, dass wir am Ziel sind, beziehungsweise sein sollten, da schaute mich Sofie ganz erschrocken an und meinte zu mir: »Lisbeth, i’ glaub, mir san mit dem falschn Zug gfahrn«.

»Bahnstation Bergen, Weiterfahrt nach Übersee«, haben wir gleich darauf den Schaffner mit lauter Stimme, neben dem anhaltenden Zug, rufen hören, als mich meine Tante auch schon am Arm gepackt hat und mit einem »Schnell geh’ weida, mir müaßn aussteign«, hüpften wir auch gleich darauf die Stufe aus dem Zug hinunter: »So jetzt san mir wieder z’ Bergn, anstatt z’ Matzing – was doan mir jetzt?«, das waren Sofies erste Worte, wie wir nun alleine neben dem kleinen Bahnhäuschen gestanden sind und dem »falschen Zug«, der in Richtung Übersee, bald unseren Blicken entschwunden ist, nachgeschaut haben. »Nachat fahrn mir halt mit dem nachstn wieder auf Traunstein zruck«, meinte ich da zu Sofie »und derweil setzen wir uns da auf des Bankerl und warten a’ bissl’« und dabei hatte ich auch schon meinen Rucksack auf besagte Bank hingestellt. Diese jedoch hat das nicht so einfach gesehen wie ich und während sie nach allen Seiten Ausschau gehalten hat, meinte sie zu mir, dass der nächste Zug ja wahrscheinlich erst in einer Stunde kommen würde. Doch der Bahnvorsteher, ein schon älterer gemütlich ausschauender Mann, der gerade von dem kleinen Holzhäuschen herausgekommen ist, hat uns beruhigend zugeredet, dass es bestimmt nur eine gute halbe Stunde dauern würde und der Weg zu Fuß zurück nach Traunstein, wäre ja nun doch zu weit für uns beide und warf dabei einen Blick auf unsere beiden Rucksäcke. Während Sofie sich nun doch neben mich auf die schattige Bank gesetzt hatte und immerzu jammerte: »Na’, Na’, Na’, wia gibts denn dös’, sand mir wieda z’ruck’ gfahrn, jetzt warn mir aber scho’ fast dahoam«, kam der freundliche Schaffner wieder ums Eck herum und eine Kracherflasche in der Hand haltend, meinte er schmunzelnd, dass uns bestimmt dürsten würde. Nun musste auch Sofie lachen und genussvoll haben wir die ganze Flasche ausgetrunken.

So war uns das Warten nun doch gar nicht so arg lange vorgekommen und zusammen mit noch ein paar Leuten, die vom Ort heraufgekommen waren, sind wir beide bald darauf, wiederum in dem Zug nach Traunstein gesessen: »Jetzt pass’n mir aber guat auf, dass ma diesmal a wirklich nach Matzing fahrn«, dieses sagten wir uns nun gegenseitig mehrmals und so sind wir schließlich und endlich, zwar mit einiger Verspätung, aber eigentlich recht zufrieden, in Matzing ausgestiegen.

So um fünf Uhr rum, wird es gewesen sein, wie wir aber jetzt doch schnellstens vom Matzinger Bahnhof weg, auf das Kiesstraßl, das durch einen langgezogenen Wald, nach Pittersdorf geführt hat eingebogen sind, denn eine dreiviertel Stunde brauchten wir bestimmt noch, bis wir daheim waren. Ein Stück des Weges waren wir schon durchs Holz gegangen, da meinte Sofie auf einmal zu mir, ob der Babbe schimpfen wird, weil wir nicht rechtzeitig zum Stallgehen heimkommen? Da aber war ich anderer Meinung, ich war nämlich fest davon überzeugt, dass dieser sich schon um uns zwei sorgte und bestimmt schon von der Anhöhe in Pittersdorf nach uns Ausschau halten würde, ob wir nicht, vorbei beim Obermeisinger, endlich auf dem Kiesstraßl herauf, zu sehen sind. Dass das freilich auch sein kann, gab Sofie mir zur Antwort und da fiel ihr auf einmal ein, dass uns ja bestimmt alle gleich fragen würden, warum wir denn so spät erst heimgekommen sind. »Darfst es gar niemand erzähln, dass wir in den falschn’ Zug eingstiegen sand, sonst lachens uns alle aus«, das musste ich Sofie ganz fest versprechen.

Auf sechs Uhr ist es zugegangen an diesem meinem ersten Ferientag, wie wir endlich schnaufend das letzte Stück Weg nach Pittersdorf hinauf, hinter uns gehabt haben und ich, auf einmal kein bisschen mehr müde, glücklich auf meinen Großvater zugelaufen bin, der wie ich ja im Geheimen gehofft hatte, wirklich schon im Hof draußen auf uns gewartet hatte. »Ich hab unsere »verlängerte Zugfahrt« auch gar niemanden erzählt damals, ausgenommen natürlich Babbe, meinem Großvater, denn ich hatte diesem ja schon vor langer Zeit einmal fest versprochen, ihm allweil »alles Wichtige« zu erzählen.

Elisabeth Mader



32/2007