Jahrgang 2001 Nummer 46

Eine unbekannte Krippe in St. Oswald?

Nach den Quellen des Pfarrarchivs soll es eine gegeben haben

»Bereits 1851 hatte ein Stadtbrand in Traunstein gewütet, bei dem auch die St. Oswaldkirche zerstört worden war. Ob es damals schon eine Krippe gegeben hatte, ist nicht bekannt« (Martin Bittel: »Rekonstruktion und Restaurierung der Fürst-Krippe« in: Der Bayerische Krippenfreund, 317/Sep. 2001, S. 67ff).

Die Existenz einer Krippe in St. Oswald geht hinter dieses für Traunstein so dramatische Datum zurück: mindestens bis 1653, wenn nicht gar noch einige Jahrzehnte weiter (s. Traunsteiner Wochenblatt, Beilage: Chiemgaublätter, 24. Dezember 1993, Seite 1-4 mit 16 Zitaten von 56 archivalischen Eintragungen). Hier soll nun eine bislang wohl unbekannte Krippe in der Stadtpfarrkirche, ein theatrum sacrum in St. Oswald, knapp nachgezeichnet werden, da alle Eintragungen ein echtes Novum darstellen in den Rechnungsbüchern der Jahrgänge 1703 und 1704 im Vergleich zu den voraufgehenden Dokumenten. Um es gleich vorwegzunehmen: es handelt sich dabei um eine große Rarität, die ihresgleichen sucht in Bayern, zumindest was die Archivalien und deren Aussagen betrifft. Die wenigen und doch hinreichend klaren Aussagen der Rechnungsbücher geben ein ansehnliches Bild auch vom Stellenwert dieses Glaubenszeugnisses im damaligen öffentlichen Leben und Bewußtsein.

Das 18. Jahrhundert wird gleich mit einer Überraschung eingeleitet, von der bis zur Auffindung der archivalischen Grundlagen lange wohl niemand mehr etwas wußte. »Dann hat man Geörgen Weiss dischlern wegen aines Zum Kripel ausgeschnitten christkindlein, sambt unser lieben frauen, dem heyl. Joseph und 2. hürtten alles in mansgröss. Item wegen zwayer Zum Staffley Und gemachten antritt, und anderen mehr verrichten kleinen flickhs arbeith Vermög yberreichten Specificaon sein verdienst entricht mit 3 f. 5 kr.« (Pfarrarchiv St. Oswald/Traunstein, R 1/1703, Seite 36b). Es wurde also offensichtlich eine ganz neue Krippe angeschafft. Ob das von dem gewandelten Zeitgeschmack abhing und/oder vom Erhaltungszustand des vorhandenen Bestandes der älteren Krippe, geht nicht aus dem Text hervor.

Zwei Angaben machen aber doch hellhörig; da heißt es einmal »ausgeschnitten«. Das kann in dem damaligen Sprachgebrauch dieses Wortes bedeuten: aus dem Block geschnitten, also dreidimensional. Es kann aber auch meinen: zweidimensional, also Bretterfiguren. Ebenso interessant klingt die Maßangabe »mansgroß«, also ca 1,60 m. Vor allem Letzteres ist erstaunlich aus doppeltem Grund: Wozu so groß, wenn die Krippe im Langhaus bzw. einer Seitenkapelle aufgestellt wurde? Und zum Zweiten: Aus dieser Zeit ist zwischen Salzburg, Rosenheim, Mühldorf und Alt- sowie Neuötting keine lebensgroße Krippe archivalisch bekannt und auch nicht erhalten. Ob man hier Tittmoning und Raitenhaslach (je ca. 80 cm), sowie Laufen, Frauenchiemsee und Reisach am Inn (je ca. 60 cm) übertreffen wollte?

Hier könnte ein Eintrag in demselben Rechnungsbuch eine Seite weiter vielleicht etwas Klarheit verschaffen: »Widerumb ist ersagtem (Mahtiasen, Anm. d. Autors) Paumbgarttner mallern ... der im choraltar uf holz gemahlten Geburt Christi sambt 2-en hürthen sein verdienst yber abbruch 30 kr. nach Zaig Zötls abgeführt worden mit 3 f.« (s. o./S.. 37b). Damit wird die Vermutung bestätigt, daß es sich um eine Krippe für einen Wandelaltar handelte: Das Altarbild für den Jahreskreis konnte aufgerollt (zB Mettenheim/Mü, Diessen/LL) oder ausgehängt werden, um eine bühnenmäßige Darstellung des jeweiligen Festes zu zeigen. Man kann fast davon ausgehen, daß auf allen Altären, über denen das Bild verschwinden konnte, eine solche Installation für die Weihnachts- bzw. Passionszeit vorhanden gewesen sein könnte, z. B. in Form der Ölberge und Hl. Gräber. Aus der Entfernung zu Langhaus erklärt sich somit die Größe der Figuren, aber nicht eindeutig ihre zwei- bzw. dreidimensionale Ausführung.

Aber angesichts der relativ hohen Arbeitslöhne für den »dischler«, der damals auch Bildhauerarbeit leistete, wie für den »mallern« wird man davon ausgehen können, daß es sich hier um Skulpturen gehandelt haben dürfte. Als Beleg dafür könnte ein archivalischer Beleg aus Altötting gelten: »Joseph Dietrich Bildthauern zu Neuenötting vor 2 geschnidtene Figuren zum Krippl, nemblich Adam und Eva, zu volge Scheins 1 fl.« (Chiemgau-Sondernummer: Der bayerische Krippenfreund, Nr. 7, Dezember 1918/S. 3). Auch wenn sich diese Notiz auf das Jahr 1744 bezieht, kann sie doch auch ebenso für Traunstein gelten – muß es aber nicht. Die Hl. Familie sowie die beiden Hirten nehmen so viel bzw. so wenig Platz ein, daß sie leicht in die Breite des Hochaltarbildes gepaßt haben dürften. Bei der Tiefe hatte man mehr Spielraum. Ein gutes anschauliches Beispiel dazu bildet die Hochaltarkrippe der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Bad Tölz, die Anton Fröhlich 1823 anfertigte.

Dieses Konzept bot nicht nur optimalen Schutz der Krippe, denn schon 1628 mußte in der Laufener Stiftskirche der »das Khripl aufstellende Schreiner ein Gatter um es aufrichtet« (Berliner, Weihnachtskrippe, S. 18). Ein Jahr zuvor wurde zum erstenmal eine Krippe auf Frauenchiemsee aufgerichtet: »Es war ein großer Aufbau, der das Abheben des Altars (=Retabel) der Kapelle... nötig machte« (Berliner, S. 77). Hier diente in der Weihnachtszeit der Altar nicht der Meßfeier, was aber in St. Oswald nicht der Fall war und offensichtlich auch bleiben sollte. Daß lebensgroße Krippenfiguren in dieser Zeit nicht unbekannt waren, belegt folgende Tatsache: In der Kirche des heutigen Klosters St. Konrad/Altötting wurde 1680 eine Krippe mit knapp lebensgroßen geschnitzten und gefaßten Figuren aufgestellt; aber vom Altar oder gar dem Altarbildraum ist auch hier nicht die Rede (»75 Jahre Krippenfreunde Altötting, Festschrift 1994, S. 22).

Eine Altarkrippe aus den 1703 voraufgehenden Jahren in Bayern gibt es jedoch, die eventuell Pate gestanden haben könnte: Hans Deglers Anbetung der Hirten im Hochaltarretabel von St. Ulrich und Afra in Augsburg von 1604 ff, aber mit dem Unterschied, daß es sich hier um festmontierte Figuren handelt, was in St. Oswald nicht der Fall war. Eine weitere Krippe dieser seltenen Art schuf 1678 Thomas Schwanthaler für die Pfarrkirche in Gmunden/Traunsee, die aber ebenso fest montiert das ganze Jahr über dem Tabernakel steht und das Patrozinium darstellt. Ob die gotische Krippe von ca. 1450 im Augsburger Dom eine Altarkrippe war, kann hier nicht gesagt werden; doch legt sich die Vermutung nahe, wenn auch aus einem anderen Grund: in ihrer ersten Phase befanden sich die Krippen durchwegs auf den Altären und verdeckten dabei oft die Retabel. Erst als die Figurenzahl wuchs, suchte man neue Orte vor dem Altar und noch später im Langhaus.

Diese Altarkrippen waren vor Jahrhunderten noch wesentlich verbreiteter, illustrierten sie doch für das Volk während der Weihnachtsmesse und -zeit in sinnenfälliger Weise das Festgeheimnis und das, was sich im Weihnachtsevangelium und im Hochgebet vollzieht: die sich im menschgewordenen Gottessohn Jesus Christus zur Welt hinneigende Liebe Gottes. Auch wenn diese Altarkrippen bei uns in Bayern sicherlich bekannt gewesen sein dürften, so waren sie mit großer Wahrscheinlichkeit eher selten. In ihrem Ursprungsland Italien sind sie heute noch zahlreich anzutreffen: Bologna 1370, Modena 1480, Calvi/Umbria 1546, Leonessa 1500 und mindestens 12-15 festgemauerte Objekte aus dem 15. und 16. Jahrhundert in Apulien, um nur einige zu nennen. Meist war ihre Entstehung und Auftragsvergabe mit einer Ewigen Meßstiftung verbunden zu »Ehren der Menschwerdung Jesu«, wie es auf der steinernen Stiftungstafel von 1587 rechts neben dem gemauerten Krippenaltar in der Kathedrale von Altamura/Apulien heute noch deutlich zu lesen ist. Aber zurück in unsere Region!

Auch wenn die archivalischen Unterlagen leider nichts Konkretes aussagen über das Aussehen der »ausgeschnitten« Figuren, so dürfte es sich dabei doch wohl nicht um stoffgekleidete handeln. Diese wären auf jeden Fall leichter zu tragen, aber auch wesentlich empfindlicher. Zudem wären bei der Größe mit Sicherheit entsprechende Ausgabenposten zur Bekleidung im Rechnungsbuch zu finden gewesen. Einen ungefähren Eindruck von der liturgischen und raumgestalterischen Bedeutung und Wirkung, die diese Altarkrippe in St. Oswald besessen haben dürfte, kann man sich heute noch in der Pfarrkirche Bad Tölz holen.
In den Jahren vor der Neuanschaffung von 1703 hat der Mesner »Johann Kürchmayr für aufmach und abbrechung« sowie den Bilderwechsel der einzelnen Darstellungen immer denselben Betrag erhalten: 2 f. 30 kr. Das blieb auch in diesem Jahr so. Aber es hat sich, wohl als Echo auf die neue und etwas ungewohnt monumentale Krippe, etwas Anderes noch geändert. »Das Aufgerichte Stöckhl bey dem Krippl« enthielt 1697 6 f. 15 kr. (PA St. Oswald/TS, R 1/1697, S. 23b) und 1698 etwas mehr: 9 f. 59 kr. (s. o., 1698, S. 22) In diesem Jahre 1703 stieg die Summe gleich auf 16 f. 1 kr. (s. o., 1703, S. 19b) Das ist zu verstehen als ein deutliches Spiegelbild der Wertschätzung der neuen Krippe. Im Jahr darauf, 1704, hält sich der Betrag noch einmal (s. o., 1704, S. 24).

Schon in diesem zweiten Jahr des Bestehens der neuen Altarkrippe in St. Oswald – es ist das Jahr des ersten großen Stadtbrandes im August 1704 – liest man in den Archivalien: »Nitweniger hat Er Paumbgarttner dem kriplboden und hervordere seithen Gemahlen und hierumben verdient 30 kr.« (s. o., 1704, S. 43B). Bei den »hervorderen seithen« dürfte es sich um Prospektteile handeln, die im Unterschied zu sehen sind zu der nicht erwähnten rückwärtigen Seite. Wie in der Altarkrippe in Bad Tölz der Altarbildrahmen gleichzeitig auch den Krippenrahmen bildet, so wäre es auch in St. Oswald zu denken. Dann wären die »hervorderen seithen« als die nach vorn begrenzenden linken und rechten Seitenteile der Kulisse zu verstehen, möglicherweise mit perspektivischer Tiefenwirkung und/oder optischem Abschluß. So würde das Licht aus dem rückwärtigen Fenster nicht blenden und gleichzeitig die Weihnachtsdarstellung nicht isoliert im Raum stehen. Die archivalisch nahegelegte Ähnlichkeit zu Bad Tölz dürfte gegeben sein, selbst wenn 120 Jahre kunstgeschichtlicher Entwicklung dazwischen liegen.

Wer sich mit der Krippengeschichte nicht nur der eigenen Region befaßt, wird immer wieder erstaunt sein, wie rasch die vielfältigen Neuerungen und zum Teil auch technischen Erfindungen sich ausgebreitet haben und gern übernommen worden sind. Es sei hier nur einmal erinnert, wie schnell die Dekrete des Trienter Konzils (1545-1563) von dem 1534 päpstlich bestätigten Orden der Jesuiten auch in Sachen religiöser Kunst umgesetzt und auf jeweils ganz aktuellem Stand angewandt worden sind. Ebenso geschah es mit den genialen barocken Theater- und Kulissenarchitekturen des Ordensmitglieds Andrea Pozzo (1642-1709), der ab ca. 1700 in kaiserlichen Diensten in Wien stand. Seine Arbeit in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, aufruhend auf den Schultern Pietro da Cortonas und Gian Lorenzo Berninis, gewann große Bedeutung für die repräsentativen Trauerkatafalke, gigantischen Fassadenverkleidungen für wichtige Feste und kirchliche Feiern mit ihren illusionistischen Raumtiefen und perspektivischen Raffinessen. Seine Schrift »Il Teatro« erschien 1685 und fand rasche Verbreitung. Dazu trug das jesuitische Personalsystem bei, die Kommunikationsflüsse und neuesten Kenntnisse durch häufige Versetzungen und regelmäßige Tätigkeitsberichte zu optimieren. So wußte jede ihrer zahlreichen Niederlassungen sehr bald Bescheid über die neuesten Trends. Daraus erklärt sich auch das baldige Auftauchen der ersten Krippen am Münchner Hof (1577); die familiäre Verbindung mit Innsbruck zeigt auch hier den Einfluß der dortigen Jesuitentätigkeit. Dann 1601 die erste öffentliche Krippe in der Jesuitenkirche in München, 1602 Jesuitenkrippe in Altötting, 1603 Jesuitenkrippe in der Pfarrkirche in Neuötting ...

Mit derselben Geschwindigkeit hat sich auch Andrea Pozzos Werk ausgebreitet im Bereich von Theater und Dekoration, wozu im weitesten Sinne auch die Krippe gehört; diente doch auch sie dazu, die Macht der Glaubenswahrheit sinnlich zu veranschaulichen und die Gläubigen darin zu bestärken. Jesuitenniederlassungen in München, Innsbruck, Steyr und Altötting lassen Traunstein sofort in das Fadenkreuz der internen Kommunikation geraten. Warum da nicht auch neueste Entwicklungen in Traunstein möglich wären, hat zwar hier konkret nur mit Vermutung zu tun. Aber je mehr man sich mit der künstlerischen Kommunikation in jener Zeit befaßt, desto überraschter ist man oft, wie schnell doch manches ging. In jener Zeit waren die Krippen derart in höchster Wertschätzung, daß es nur zu verständlich ist, wenn neueste Trends übernommen wurden.

Selbst wenn die Altarkrippe entwicklungsgeschichtlich eher ein Zeugnis einer früheren Zeit ist – Ausnahmen gibt es immer – und somit eher ein konservativer Rückgriff, so deutet die Malerei der Seiten unter Umständen auf ein damals sehr modernes Element hin.

Es ist faszinierend, wie anhand von nur 2 Rechnungsbüchern des Pfarrarchivs St. Oswald nicht nur ortsansässige Handwerker (dischler, maller), sondern ebenso eine ganze Epoche mit ihren vielfältigen Strömungen in den Blick kommen, selbst wenn dies nicht sofort erkennbar ist. An anderen Aspekten der Altarkrippe wäre das Konservative und ebenso das Modern-Modische auch nachweisbar in ihrem eigenartigen Zusammenspiel.

Joachim Huneke



46/2001