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Jahrgang 2016 Nummer 52

Eine überraschende Begegnung in der Christnacht

Durch den dunklen Wald zur Christmette in das Dörfchen der Kindheit

An jenem Heiligen Abend, von dem ich erzählen möchte, hatte es in der vorhergehenden Nacht ununterbrochen geschneit. Als um sieben Uhr in der Früh der Schneepflug mit lautem Geratter einen Weg zu dem kleinen, verschneiten Anwesen gebahnt hatte, war schon ein Lichtschimmer hinter den Fenstern zu sehen. Der Vater war gerade in die Küche gekommen, in der es schon nach dem Morgenkaffee gerochen hatte. Vom Herd strömte es wohlig warm zu den Zweien am Tisch hinüber.

Der Vater wunderte sich, dass die Mutter entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, ihm noch dies und jenes aufzutragen, an diesem Morgen merkwürdig still gewesen ist. Als er schließlich beiläufig fragte, warum sie heute keine besonderen Aufträge für ihn hätte, da rückte die Mutter endlich mit ihrem recht ungewöhnlichen Entschluss heraus. Sie werde heute Nacht in das Dörfchen ihrer frühen Kindheit zur Christmette gehen. Das was sie zu tun gedenke erstaunte ihn zwar erst einmal, doch er nickte zustimmend, ahnte er doch, weshalb die Mutter sich zu diesem schon recht seltsamen Gang entschlossen hatte. Sie wolle nämlich das letzte Stück durch den Wald noch einmal zu Fuß gehen, fügte sie noch hinzu, so wie sie es damals mit ihrer Freundin immer getan hatte.

Der Vormittag verging schnell, die Mutter erledigte noch die letzten Vorbereitungen für den morgigen Christtag, damit, wenn die Kinder und Enkelkinder zu Besuch kamen, alles in Ordnung war. Der Vater kümmerte sich um genügend Holzvorrat draußen in der Tenne, auch der Schnee zur Werkstatt musste weggeräumt werden. Nach dem Mittagessen richtete die Mutter an jenem Heiligen Abend den Christbaum besonders liebevoll her. War sie doch heute mit ihren Gedanken noch mehr als sonst an dem Ort ihrer Kindheit.

Als sie später drinnen in der Stube die Kerzen am Baum anzündete, da fragte der Vater, wie bald sie denn schon zur Christmette aufbrechen wolle? Sie müssten ja mit dem Auto schon fast eine halbe Stunde fahren, bis sie zu Fuß weiter gehen wollte. Um 23 Uhr war der Beginn der Mette, deshalb beschlossen die zwei um 22 Uhr fortzufahren. So brachen sie schließlich, warm eingepackt, zeitig auf, denn die Frau gab zu bedenken, sie wüsste ja nicht mehr so genau, wie lange sich der Weg durchs Holz hinzog.

Jetzt um diese Uhrzeit kam ihnen nur vereinzelt ein Fahrzeug entgegen, die Nebenstraße, in die sie bald einbogen, war menschenleer. Als sie schließlich in der ihr von früher her noch vertrauten Gegend angekommen waren, musste der Vater ganz langsam fahren, damit die Mutter das abzweigende Straßl auch nicht übersah. An der richtigen Stelle also blieben sie stehen, schneller als sonst war die Frau ausgestiegen und suchte gleich darauf »ihr Wegerl«. Inzwischen war auch der Vater mit seiner großen Taschenlampe herangekommen.

Die Mutter war sich ganz sicher, dass der von ihr jetzt entdeckte Pfad, der richtige war. Er war fast zugewachsen, aber für einen der von diesem wusste, doch noch sichtbar. Den Vorschlag ihres Mannes, vielleicht doch mit ihr zu gehen, wehrte diese ab. Er solle nur drüben beim Pfarrkircherl auf sie warten, meinte sie bestimmt, zog die dicke Haube fester über die Ohren und nahm die Taschenlampe in die Hand. Der eisige Wind hatte nachgelassen und es fing zu schneien an, als sich die Mutter anschickte, auf dem eingeschlagenen Pfad weiterzugehen. Mit ihrem langen Stecken in der anderen Hand war sie gleich darauf in der Dunkelheit verschwunden. Ja, sie hat das alte Schul- und Kirchenwegerl wirklich wieder gefunden.

Die Frau kommt nur ganz mühsam voran, auch muss sie immer wieder stehen bleiben, um sich den von den Ästen heruntergefallenen Schnee, von Haube und Mantel zu schütteln. Dabei gehen ihr viele Gedanken durch den Kopf; kein Wunder, dass niemand mehr hier durchs Holz geht, die Jungen kennen es ja gar nicht mehr, wo doch alle bloß noch, wenn überhaupt, mit dem Auto ins Pfarrdorf fahren.

Immer öfter muss die Frau stehen bleiben und sich vergewissern, dass unter den morschen Zweigen und Gestrüpp sich das kaum noch sichtbare Wegerl verbirgt. Damals, so redet sie leise vor sich hin, ja damals da ist sie jeden Tag darauf gegangen, mit anderen, aber auch oft allein. Dann hatte an der Stelle, wo der Wald bald zu Ende war und ein schmales Straßl von der anderen Seite mit dem ihrigen zusammentraf, meistens das »Mathl« schon auf sie gewartet. Damals haben die zwei Dirndl, wenn es in der Früh noch recht finster gewesen ist, jedes eine kleine Laterne von daheim mitbekommen. Das letzte Wegstückerl aber sind sie, ob Sonne, Regen oder Schnee, immer zusammengegangen.

Jetzt müsste sie eigentlich gleich an dieser Stelle angelangt sein, auch kommt es ihr so vor, als würde sich der Wald langsam lichten und die Lichter vom Kircherl müssten auch bald zu sehen sein. Plötzlich hielt sie inne, hatte sie sich getäuscht, oder war vielleicht ein Reh durchs Dickicht gesprungen? Sie hatte doch deutlich unweit von ihr ein knacksendes Geräusch gehört. Jetzt noch einmal, es hörte sich fast nach Schritten an. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals als sie, so leise sie es vermochte, ein paar Schritte weiter ging. Da vorne, ja genau dort war die Stelle, an der die beiden Wege aufeinandertrafen. Dort drüben, blinkte da nicht ein fahles Licht durch die dichten Fichtenzweige?

Sie war wie angewurzelt stehen geblieben als sie nur wenige Meter neben sich, eine menschliche Gestalt erkennen konnte, oder sah sie etwa schon Gespenster? Doch schon nach wenigen Augenblicken hatten sich die beiden einsamen »Mettengeherinnen« von damals, ganz fest umarmt und ihre Freudentränen vermischten sich mit den dichten Schneeflocken. Fest eingehängt stapften die zwei Freundinnen so wie einstmals, rechtzeitig beim »Zusammenläuten« zur Christmette, zwar müde aber glücklich die letzte Anhöhe zur Kirche hinauf.


Elisabeth Mader

 

52/2016