weather-image
-2°
Jahrgang 2010 Nummer 43

Eine Trutzfeste des neuen Glaubens

Ausstellung über Renaissance und Reformation in Oberösterreich

Stich aus der Topographie von Georg Matthäus Fischer (1672): Ansicht von Schloss Parz.

Stich aus der Topographie von Georg Matthäus Fischer (1672): Ansicht von Schloss Parz.
Abordnung der oberösterreichischen Stände unter Führung des Grafen Paul Starhemberg bei Kaiser Ferdinand II.: Der Kaiser blickt

Abordnung der oberösterreichischen Stände unter Führung des Grafen Paul Starhemberg bei Kaiser Ferdinand II.: Der Kaiser blickt hilfesuchend auf den Gekreuzigten. Aquarell von Edward von Steinle.
Wolfgang IV: Jöger von Tollet, einer der einflussreichsten Adeligen des Innviertels, Stich von Hieronymus Hopfer um 1520.

Wolfgang IV: Jöger von Tollet, einer der einflussreichsten Adeligen des Innviertels, Stich von Hieronymus Hopfer um 1520.
In keinem Teil von Bayern und Österreich haben die Reformideen Martin Luthers einen so starken Widerhall und so zahlreiche Anhänger gefunden, wie im Innviertel, dem späteren Habsburger Kronland ob der Enns, das im wesentlichen dem heutigen Bundesland Oberösterreich entspricht. Von Historikern wurde das Innviertel deshalb als eine „Trutzfeste des Protestantismus“ in der Zeit zwischen 1525 und 1625 in den ansonsten streng katholischen Habsburgischen Erblanden bezeichnet. Die reformatorische Bewegung hatte über den Adel und über Städte wie Linz, Steyr, Wels und Freistadt Fuß gefasst, sehr früh hatten sich Beziehungen nach Wittenberg angebahnt, wie die Korrespondenz zwischen Luther und einigen Adelsfamilien, die Reisen prominenter Adeliger nach Sachsen und die Entsendung protestantischer Prediger nach Oberösterreich beweisen.

Dieses wenig bekannte Kapitel der Kirchengeschichte untersucht die diesjährige Oberösterreichische Landesausstellung ( bis 7. November ) im Schloss Parz bei Grieskirchen unter dem Titel »Renaissance und Reformation in Oberösterreich«. Der Ausstellungsort ist ideal gewählt, zählt doch das Landschloß Parz mit dem dazu gehörenden Wasserschloß zu den bedeutendsten Renaissancebauten Österreichs. Einmalig ist der Freskenzyklus an der Südseite des Schlosses , der mit seiner Mischung aus antiken und christlichen ikonographischen Elementen die Weltsicht eines humanistisch-protes-tan-tischen Landadeligen am Ende des 16. Jahrhunderts verkörpert.

Eine Besonderheit des politischen Lebens im Innviertel war die starke Stellung der Landstände mit einem enormen Übergewicht des Adel- und Herrenstandes. Beide verfügten im ein- bis zwei Mal jährlich tagenden Landtag über 180 Sitze gegenüber nur 20 Sitzen der Prälaten und sieben Sitzen der Bürger. Adel und Herrenstand verlangten vom Kaiser geschlossen die Garantie zur Predigt der »reinen Lehre des Evangeliums«, später auch der »Augsburger Konfession« (»Confessio Augustana«). Dem Kaiser, der vom Landtag dringend die Zustimmung zu erheblichen Steuererhöhungen brauchte, blieb nichts anderes übrig, als auf die Forderungen einzugehen, er befristete aber die Garantie »bis zu einer künftigen Religionsvergleichung«, die jedoch nie zustande kam.

Bei der Ausstellung sieht man einen Brief Luthers aus dem Jahre 1824 an Bartholomäus Starhemberg, , den Sproß eines der ältesten oberösterreichischen Adelsgeschlechter, dessen Frau gestorben war. Aus Sorge um ihr Seelenheil setzte er eifrig all jene Praktiken ein, die von der katholischen Kirche damals angeboten wurden, um mit Seelenmessen, Vigilien, Gebeten und frommen Werken die Pein ihrer Seele im Fegfeuer abzukürzen. Luther rät dem Grafen, von derlei Bemühungen abzulassen, da sie zu nichts nütze seien. Die Seele der Frau habe Gott zu sich gerufen, der Überlebende könne und brauche nichts mehr für sie tun. Gott wolle nicht einen Gottesdienst für die Toten, sondern für die Lebenden. Obwohl es schmerze, wenn Gott das wieder zu sich nehme, was letztlich ihm gehöre, so solle man wie Hiob sprechen: Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name des Herrn sei gepriesen…

Adelige wie Starhemberg holten protestantische Prediger und Schulmeister in ihre Hofmarken und förderten die Verbreitung reformatorischer Flugblätter und Druckschriften. Begabte junge Männer wurden nach Wittenberg zum Studium geschickt, um als Prediger nach Oberösterreich zurückzukehren. Die von der neuen Lehre betonte »Freiheit des Christenmenschen« stieß bei allen Bevölkerungsschichten auf starke Sympathien, denn sie befreite von Gewissenszwang, Höllendrohungen, Ablaßwesen, Sündenangst und übertriebenen Frömmigkeitsübungen. Was sich als nachteilig herausstellte, war der Mangel an einer durchorganisierten Kirchenstruktur und einer eigenen Ausbildungsstätte für den Theologennachwuchs. Zunächst stellten nur ein paar Städte eigene Statuten für das Gemeindeleben auf, bis man sich 1587 auf eine für das ganze Land geltende gemeinsame Kirchenordnung einigte.

Kaiser Maximilian II., der auf die Zusammenarbeit mit den Ständen angewiesen war, verfolgte jahrzehntelang eine moderate Religionspolitik. Eine Trendwende erfolgte unter seinem Nachfolger Ferdinand II. Stein des Anstoßes waren zum einen fanatische calvinistische Adelige, die sich dem böhmischen Aufstand gegen die Habsburger anschlossen, zum anderen die Innviertler Bauern, die gegen die seit 1620 bestehende bayerische Besetzung des Innviertels aufbegehrten. Nach dem böhmischen Desaster und der Niederwerfung der Bauernrebellion packten Kaiser Ferdinand und Kurfürst Maximilian in einer konzertierten Aktion die Rekatholisierung an. Die Rädelsführer des Widerstands wurden wegen Majestätsbeleidigung gefangen gesetzt, evangelische Prediger und Schulmeister des Landes verwiesen.

Kaiser Ferdinand verzieh den Adeligen zwar großmütig ihr Vergehen, verlangte aber im Gegenzug einen symbolischen Akt extremer Unterwerfung in Form eines Kniefalls vor der kaiserlichen Majestät. Von Religionsfreiheit war künftig nicht mehr die Rede. Wer nicht katholisch werden wollte, hatte das Land zu verlassen. Eine nicht unerhebliche Zahl von Protestanten ging in den Untergrund, besuchte die katholische Messe und die Sakramente, pflegte aber allein oder in kleinen Zirkeln als »Geheimprotestanten« den evangelischen Glauben. Erst 150 Jahre später sollte ihnen durch das sog. Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. die freie Ausübung ihrer Konfession erlaubt werden.


Julius Bittmann



43/2010