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Jahrgang 2015 Nummer 29

Eine Staatskrise im Königreich Bayern

Prinzregent musste für den kranken König Otto die Geschäfte führen

Schloss Fürstenried auf einem alten Stich
Prinz Otto in Offiziersuniform
König Ludwig II.
Prinzregent Luitpold
König Ludwig III.

»Der König ist wie ein Tier. Er hat eine Tasse Tee genommen … und gegen uns geschleudert mit einer großen Vehemenz, dann ist auf den Boden gekrochen und hat die Tasse aufgehoben. Das wiederholt sich täglich oft. Ein furchtbar trauriger Anblick, wenn man bedenkt, dass dies der Herrscher unseres Landes ist.«

So schilderten zwei Abgeordnete des bayerischen Landtags im Jahre 1913 einen Besuch bei dem schwer geisteskranken König Otto, der seit 20 Jahren in dem für ihn eigens umgebauten Schloss Fürstenried bei München interniert war. Die Volksvertreter waren nach Fürstenried gekommen, um sich ein Bild vom Zustand des kranken Königs zu machen. Wenn keine Aussicht auf Besserung bestand, war daran gedacht, die Verfassung so zu ändern, dass ein Nachfolger für den König bestimmt werden könnte.

Otto war der zweitälteste Sohn von König Maximilian II. und kam im Jahre 1848 als Siebenmonatskind zur Welt, drei Jahre nach seinem Bruder Ludwig, dem späteren König Ludwig II. Die Brüder verbrachten ihre Kindheit und Jugend vor allem auf Schloss Hohenschwangau, oft verweilten sie auch in der eigens für ihren Vater errichteten Königlichen Villa in Berchtesgaden. Otto schlug die militärische Laufbahn ein, mit 15 Jahren wurde er zum Unterleutnant, mit 16 Jahren zum Oberleutnant und mit Erreichen der Volljährigkeit zum Hauptmann ernannt und nahm sowohl am Deutschen Krieg wie am Deutsch-Französischen Krieg aktiv teil. Der Militärdienst war für den hochsensiblen, jungen Mann der völlig verkehrte Beruf. Nach der Rückkehr aus dem Deutsch-Französischen Krieg begann sich sein Gemütszustand rapide zu verschlechtern. In Hofkreisen wurde gemunkelt, Otto leide unter Verfolgungswahn, neige zu unkontrollierten Wutausbrüchen und rede mit unsichtbaren Personen. Deshalb stellte man ihn unter ärztliche Aufsicht, ab 1873 wurden ihm Räume im Schloss Nymphenburg zugewiesen.

Am Fronleichnamstag 1875 ereignete sich in der Münchner Frauenkirche, als Erzbischof Scherr gerade das Hochamt feierte, ein aufsehenerregender Zwischenfall. Otto, der aus Nymphenburg ausgerissen war, stürmte in Jagdkleidung in den Dom, warf sich auf den Altarstufen nieder, bezichtigte sich himmelschreiender Sünden und bat den Erzbischof um die Lossprechung. Jetzt ließ es sich nicht mehr vermeiden, Otto ganz aus der Öffentlichkeit zu verbannen und im Schloss Fürstenried gefangen zu halten. In der ersten Zeit kam sein Bruder Ludwig häufig nachts nach Fürstenried, und es gelang ihm als einzigem, den tobenden Otto zu beruhigen. Doch bald erkannte dieser seinen Bruder nicht mehr und Ludwig stellte die Besuche ein.

Im Jahre 1864 starb König Maximilian und Ludwig bestieg als König Ludwig II. den Königsthron. Als ältester Sohn war er der Kronprinz mit dem Recht auf Nachfolge. In den letzten Jahren seiner Regierung erregte er durch seine Bauwut und verschiedene Eskapaden Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit und kam unter nie ganz geklärten Umständen im Starnberger See ums Leben. Nun wurde der kranke Bruder Otto offiziell zu seinem Nachfolger proklamiert – und damit nahm eine Verfassungskrise, die sich zu einer Staatskrise ausweiten sollte, ihren Lauf. Es war nicht daran zu denken, dass Otto je das Amt des Königs ausüben konnte, er dämmerte im Schloss Fürstenried vor sich hin, doch sein Allgemeinzustand war nicht so, dass bald mit seinem Tod zu rechnen war. Der nächste Thronanwärter war der Onkel Prinz Luitpold, ein Bruder seines Vaters. Er führte fortan die Regierungsgeschäfte. König konnte er nicht werden, solange Otto am Leben war. Prinz Luitpold war gleichsam König auf Abruf und führte die Bezeichnung Prinzregent. Unter seiner Regierung erlebte Bayern eine beispiellose, wirtschaftliche und kulturelle Epoche, die unter dem Namen Prinzregentenzeit in die Geschichte eingegangen ist.

Als Luitpold nach 23 Jahren starb, war der in Fürstenried internierte Otto immer noch am Leben. In ganz Bayern mehrten sich die Stimmen, die ein Ende der königlosen Zeit forderten. Auch im Landtag wurde diese Forderung laut. Luitpolds Sohn Ludwig war nach dem Tod seines Vaters dessen Nachfolger als Prinzregent geworden. Nun wurde beschlossen, in die Verfassung ein Gesetz aufzunehmen, das dem Regenten das Recht einräumte, bei einer mehr als 10 Jahre dauernden Regierungsunfähigkeit des Königs den Thron für erledigt zu erklären und sich selbst zum König zu proklamieren.

Vor der Abstimmung über die Verfassungsänderung wollte sich der Landtag ein Bild über den Zustand des kranken Königs Otto machen. Der Bericht der zwei Abgeordneten, die ihm in Fürstenried einen Besuch abstatteten, war erschütternd. »Wir haben Dinge gesehen, die uns das Herz abschnürten«, stellen sie fest. »Der König hat uns mit einem Blick angesehen, der uns durch und durch gegangen ist … Der Mann hat eine Riesenkraft. Wenn er ins Bad gebracht werden soll, müssen ihn fünf Männer niederringen.«

Nicht weniger traurig war der Bericht über König Ottos Leben in Fürstenried, den eine österreichische Zeitung veröffentlichte und der offenbar auf Informationen eines königlichen Bediensteten oder Pflegers zurückging. Der unglückliche König bewohne im Erdgeschoß des Schlosses ein elegantes Appartement, erfuhr der Leser, die Fenster seien vergittert, seit er einmal sämtliche Scheiben zertrümmert habe. Er trage einen bis auf die Brust reichenden Vollbart, wehre sich aber vehement, ihn schneiden zu lassen. Er sei ein leidenschaftlicher Raucher und rauche pro Tag 30 bis 40 Zigaretten. Da er zum Anzünden jeweils eine ganze Handvoll Zündhölzer nehme, sei der Verbrauch an Zündholzschachteln enorm.

Des Königs Blick sei meist stier ins Leere gerichtet, schrieb der ungenannte Autor. Nur wenn die alte Dienerin Marie, die den König schon als kleinen Jungen auf den Armen trug, in seine Nähe komme, rufe er sie mit seinem sonoren Bariton ziemlich laut an und gebe in kurzen Worten den Befehl, ihm irgendeinen Gegenstand, z. B. ein Glas Bier, zu bringen, was er aber gleich wieder vergesse. An allen anderen Personen gehe der Monarch vorüber, als wären sie Luft. Häufig sehe man ihn in einer Zimmerecke stehen, mit Händen und Füssen gestikulieren und sich lebhaft mit einer Person seiner Einbildung unterhalten. Die danach eintretende Apathie könne stunden- bis tagelang anhalten. Bei der ganz zeremoniell gestalteten Mittagstafel sitze die Majestät am oberen Ende des Tisches, nach einem Zwischenraum folgten seine Adjutanten, dann der Arzt und der Hofmarschall. Die Mahlzeit verlaufe bei völligem Schweigen. Seine Lieblingsgetränke seien Bier und Sekt, die jeweils ein Diener auftrage, wenn der Arzt seine Zustimmung erteilt.

Als ein psychiatrisches Gutachten zum Ergebnis kam, dass Ottos Zustand keine Besserung erwarten lasse, gab der Landtag grünes Licht für die Ergänzung der Verfassung, der Prinzregent erklärte Otto für regierungsunfähig und bestieg im Jahre 1913 als König Ludwig III. den bayerischen Königsthron. Damit hatte die Staatskrise nach 27 Jahren ein Ende gefunden. Drei Jahre später starb König Otto und wurde in der Theatinerkirche in München bestattet, sein Herz kam nach altem Brauch der Wittelsbacher in einer kunstvollen Urne in die Gnadenkapelle in Altötting.


Julius Bittmann

 

29/2015