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Jahrgang 2007 Nummer 35

Eine Reise in die erdgeschichtliche Vergangenheit

Das Naturkunde- und Mammut-Museum in Siegsdorf

Das eiszeitliche Mammut ist der Publikumsmagnet und das Prunkstück des Museums.

Das eiszeitliche Mammut ist der Publikumsmagnet und das Prunkstück des Museums.
Der architektonisch gelungene Bau, in dem 1995 das Museum eröffnet wurde.

Der architektonisch gelungene Bau, in dem 1995 das Museum eröffnet wurde.
Das Skelett eines Höhlenlöwen erinnert daran, dass auch noch andere Raubtiere die urzeitliche Welt im Chiemgau bevölkerten.

Das Skelett eines Höhlenlöwen erinnert daran, dass auch noch andere Raubtiere die urzeitliche Welt im Chiemgau bevölkerten.
Heute besuchen wir das Mammut-Museum in Siegsdorf. Der Ort ist über die Autobahnausfahrt Traunstein-Siegsdorf der BAB 8 zu erreichen. Der architektonisch gefällige Bau des Museums in der Ortsmitte ist nicht zu verfehlen. Bilder des urzeitlichen Mammut haben uns neugierig gemacht und Vorstellungen von Dinosauriern und Echsen wach werden lassen. Vielleicht haben wir auch Bilder von Science-Fiction-Filmen noch im Hinterkopf.

Ein mit urzeitlichen Vorstellungen verbundener Ammonit aus Bronze steht schon vor dem Museum. Er ist als Brunnen umgestaltet. Das vom Traunkanal abgeleitete Wasser treibt das Flügelrad einer Kugelmühle an. Durch den Wasserstrahl werden Steine in einer kreisförmigen Rinne bewegt und abgeschliffen. So wird uns die Veränderung des Gesteins durch Wasser verdeutlicht.

Auf dem 30 Meter langen Weg von der Straße bis zum Eingang des Museums sind Messingtafeln im Granitboden eingelassen, die uns die erdgeschichtliche Entwicklung verdeutlichen. Von der Entstehung der Erde an wird der Zeitablauf in Milliardenjahren bemessen. Ein Zentimeter des Erdstrahls entspricht einem Zeitraum von 1,5 Millionen Jahren. In dieser zeitlichen Dimension ist die Geschichte der Menschheit, etwa vom Bau der Pyramiden in Ägypten an, nur ein verschwindend kleiner Teil. Sie entspricht der Staubschicht, die sich in einem Monat auf einer Steinkante absetzt.

Ist so schon die Geschichte der Menschheit, gemessen am Ablauf der Erdgeschichte, sozusagen nur ein Flügelschlag der Zeit, so ist auch die Erde selbst nur mit einem Staubkorn in der Unendlichkeit des Weltalls vergleichbar. In diese Unendlichkeit der Schöpfung eingebettet, ist auch das eigene Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. »Durch den Stau auf der Autobahn haben wir schon fast zwei Stunden Zeit verloren«, sagte eine Besucherin neben mir im Museum. Vielleicht wird sie am Ende ihres Rundgangs diesen Zeitverlust auch in einer anderen Dimension sehen.

Nun haben wir uns ein wenig in vielleicht nebensächlichen Gedanken verloren und haben noch nicht einmal die Eintrittskarte gekauft. Eine Stunde werden wir nun für den Rundgang durch das Museum einplanen müssen. Das ist schon gut zu wissen, um nicht den gewohnten Zeitplan aus den Augen zu verlieren. Schließlich haben wir ja noch drei Stunden Fahrt auf der Autobahn, Staus nicht eingerechnet, bis zu unserem Ferienziel vor uns; drei Stunden in einer nach Milliarden Lichtjahren gemessenen Unendlichkeit.

Vor dem durch eine Markierung am Boden gekennzeichneten Rundgang durch das Museum blättern wir noch ein wenig im Museumsführer. So erfahren wir, dass die Gründung des Museums der Abenteuerlust von zwei Schülern zu verdanken ist. 1976 hat der damals 16jährige Bernhard Bredow mit seinem Freund mit einem Metallsuchgerät am Fuß des Zinnkopfes nach Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht. Anstelle des erhofften Waffenfundes kamen mehrere Rippen und Knochen eines urzeitlichen Mammuts ans Tageslicht.

Die beiden Hobbygeologen erahnten die Bedeutung der gefundenen Schätze und schworen sich gegenseitig, das Geheimnis ihrer Entdeckung zu wahren, bis sie selbst den Ruhm des sensationellen Fundes würden ernten können. Zehn Jahre lang wahrten sie ihr Geheimnis, bis sie es der Öffentlichkeit nicht mehr vorenthalten konnten.

Nachdem sich bei der Gemeinde die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass das Mammut-Skelett in einen größeren erdgeschichtlichen Zusammenhang eingebunden werden sollte, kam der Gemeinde der Zufall zu Hilfe. Der Münchner Josef Wührl stellte der Gemeinde seine recht umfangreiche Sammlung von Versteinerungen zur Verfügung, die er über Jahrzehnte hinweg in der Umgebung von Siegsdorf zusammengetragen hatte. Sie war die Grundlage für ein Gesamtkonzept des im Frühjahr 1995 eröffneten Museums.

Nun sind wir endlich, den Leitlinien am Boden folgend, in das Untergeschoss des Museums gelangt. Hier begrüßt uns der an einem Seil in eine Höhle abgeseilte Höhlenforscher Siegi. Siegis Innenleben besteht aus Sägemehl. Schon aus Gründen kommunaler Finanznot war Siegi ein einfallsreicher Ersatz für einen Dauerangestellten. Vielleicht ist die Figur des Museumsführers Siegi auch so zu deuten, dass sich die Ausstellung nicht nur an den geologisch vorgebildeten Fachmann wendet, sondern vor allem den Museumsbesucher ansprechen möchte, der sich von einzelnen attraktiven Exponaten einnehmen lässt und der ohne die Erwartung wissenschaftlicher Erkenntnis das Museum mit einer erfahrungsbereicherten Befriedigung verlassen möchte.

In dem der erdgeschichtlichen Urzeit vorbehaltenen Untergeschoss stehen wir vor dem Geowürfel, der ein 20 mal 20 Kilometer umfassendes Landschaftsbild des Chiemgaus mit den wichtigsten geologischen Bauelementen zeigt. Auf Knopfdruck kann der hintere Teil des Geowürfels an einer Schnittstelle nach oben bewegt werden. An dem senkrechten Profil wird sichtbar, dass die Erdschichten nicht horizontal, sondern in schräger bzw. senkrechter Schichtung unter der Erdoberfläche anstehen. Daraus ist zu schließen, dass gewaltige Druckkräfte die Verschiebung der Erdschichten bewirkt haben, die letztlich auch für die Auffaltung der Alpen maßgeblich waren. An der Wand gegenüber sind die, den verschiedenen Epochen zugeordneten, Gesteinsarten und Versteinerungen zu betrachten.

In der Abteilung »Altersbestimmung der Gesteine« und »Kontinentaltrift« wird versucht, wissenschaftlich komplexe Themen begreifbar darzustellen. Wir sehen ein Modell der aus mehreren Schichten aufgebauten Erdkugel, deren äußerste, erstarrte Kruste eine glutflüssige Kugel überspannt. Auf den Ozeanen »schwimmen« die Kontinente. Durch die Verschiebung der aufeinander zutriftenden Kontinente wurden die Kräfte freigesetzt, die, wie am Geowürfel dargestellt, zur Faltung der Gebirge führten.

Die Erkenntnis, dass alles fließt und in Bewegung ist, gilt auch für das Gestein, das durch Wind, Regen und Eis erodiert und einem radioaktiven Zerfall unterliegt, diesem Kreislauf der Gesteine ist auch die Entstehung der Bodenschätze zu verdanken, die im Land um Siegsdorf gefunden und abgebaut wurden. Torf, Kohle, Erdöl, Eisen, Blei, Salz und Mineralquellen sind Produkte der erdgeschichtlichen Verlagerung von Gesteinen und unter Druck verrotteter Pflanzen.

Viele dieser Bodenschätze waren den Menschen der Frühzeit schon bekannt, wurden ausgebeutet und dienten als Grundlage ihres Lebens. Die Spuren der Ausbeutung der Bodenschätze sind heute noch in der Landschaft sichtbar, wie etwa die Moore, aus denen Torf gewonnen wurde. An das »oberbayerische Ruhrgebiet« erinnern noch viele Ortsnamen wie Eisenärzt und die noch erhaltenen Bergmannsstollen im Kienberg und im Kressenberg. Die Adelholzener Primusquelle wurde schon zu Römerzeiten entdeckt.

Über die in einen Bergwerkstollen eingebaute Treppe erreichen wir das Erdgeschoß des Museums. Hier tauchen wir ein in die »Unterwasserwelt der vier Meere, die in vorgeschichtlicher Zeit die ostbayerische Landschaft mitgestaltet haben.« In einem Diorama ist die von Pflanzen und Tieren belebte Welt des Urmeers dargestellt. Die hier angesiedelten Lebewesen, die niedrig entwickelten Einzeller, einzellige Tiere und Pflanzen, aber auch Fische, Reptilien und Säugetiere umfassen, sind uns in Versteinerungen erhalten geblieben. Fossilien sind die versteinerten Reste von Pflanzen und Tieren.

Wie es zu diesen Versteinerungen kam und welche Schlüsse im Vergleich zu ihren noch heute lebenden Nachfolgern gezogen werden können, ist begreifbar erklärt. Die meisten Versteinerungen in der Fossilienabteilung sind Reste von Meerestieren, unter denen oft recht merkwürdige Formen zu finden sind. Korallen, Muscheln und Schnecken haben mit ihren bizarren Formen die Menschen schon oft in Staunen versetzt. In den Relikten des Salzmeeres wurden auch die Zähne eines Riesenhais gefunden. Er dürfte mit dem weißen Hai verwandt sein, dessen Konterfei uns in einer Nische beängstigend anstarrt.

Über eine Treppe erreichen wir das lichtdurchflutete Obergeschoß des Museums, in dessen Mitte das Mammutskelett steht. Seine Entdeckung war für die Gründung des Museums maßgeblich. Das Skelett, dessen Orginalknochen an der Wand gegenüber in ihrer Fundlage angeheftet sind, ist eine Nachbildung. Gleichwohl beeindruckt es durch seine überdimensionale Größe. Mit einer Schulterhöhe von 3,60 Meter war es das größte Mammut der Eiszeit.

Zu dem Mammut in der Mitte gesellen sich noch weitere Fundstücke von Tierknochen aus der Eiszeit. Besonders hervorzuheben ist der Höhlenlöwe, dessen Skelett einen imposanten Eindruck von diesem eiszeitlichen Raubtier vermittelt. Knochen und Zähne anderer Tiere aus der Eiszeit im Chiemgau ergänzen das Bild einer von furchterregenden Tieren bevölkerten Landschaft. Das Gletschermodell ergänzt dieses Bild und vermittelt einen Eindruck, wie die von den Alpen aus vorgeschobenen Gletscher das Bett des Chiemsees ausgeschoben haben und mit der vorgeschobenen Geröllschicht die Hügellandschaft des Chiemgaus geschaffen haben.

Den Abschluss des Rundwegs im Museum bildet das als Bärenhöhle ausgestaltete oberste Stockwerk. Nachdem sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hat, schauen wir durch einen Felsspalt in eine Höhle, in der sich eine imposante Bärengestalt erhebt. Vorbei an einigen Tropfsteinen erkennen wir im Halbdunkel auch eine Eule und Fledermäuse, alles Mitbewohner zum Hinweis auf eine ursprünglich am nahen Laubenstein durch den Museumsverein erschlossene Bärenhöhle.

Wir verlassen die Bärenhöhle, nicht ohne auch noch über die Spuren der Steinzeitmenschen zu Lebzeiten des Siegsdorfer Mammuts mittels Bild, Text und Fundstücke informiert worden zu sein.

Unsere Bodenmarkierung zum Ausgang führt uns nochmals vorbei am Mammut.

Einige Hintergrundgedanken sind vielleicht beim Anblick des Mammuts und seiner eiszeitlichen Umgebung noch angebracht: Wir sind gewohnt, in der für uns historisch nachvollziehbaren Zeitdimension zu denken. Kelten und Römer haben in diesem Raum gesiedelt. In der Keltenschanze bei Truchtlaching und in der rekonstruierten Keltensiedlung bei Stöffling haben die Kelten Spuren hinterlassen. Bedaium an der Alzmündung bei Seebruck war eine römische Siedlung an der Handelstraße im Norden des Chiemsees. Es bleibt die Frage, was war vorher.

Mit der Frage nach der geologischen Frühzeit des Chiemgaus, deren Spuren im Siegsdorfer Museum deutlich geworden sind, wird dem ewig fragenden Geist des Menschen Rechnung getragen. Die Spurensuche im Mammut-Museum führt uns in die den Menschen noch verschlossene Zeit, in der die dieser Natur angepassten Tiere und Pflanzen lebten. Sie sind die im Schöpfungsplan vorgesehene Voraussetzung der weiteren Entwicklungsgeschichte, an deren Ende der Mensch steht.

Neben den vielfältigen, naturwissenschaftlich beachtlichen Erkenntnissen, die das Museum vermittelt, ist wohl auch die Gesamtsicht von Bedeutung, die den Menschen in eine überdimensionale Einheit von Raum und Zeit eingebunden sieht. Eine Standortbestimmung seiner Lebensgeschichte ist auf dem Hintergrund der Geschichte der Menschheit und der Erdgeschichte zu betrachten, wobei der Erde selbst in der Unendlichkeit des Weltalls nur eine höchst untergeordnete Bedeutung zukommt. Dimensionen von Zeit und Raum können so auch für unser Leben einen anderen Maßstab gewinnen.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur: »Südostbayerisches Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf« (Museumsführer)



35/2007