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Jahrgang 2009 Nummer 10

Eine Kunst- und Wunderkammer in München

Herzog Albrecht V. legte den Grundstock für die bayerischen Museen

Herzog Albrecht V. von Bayern

Herzog Albrecht V. von Bayern
Titelblatt des Ficklerschen Kunstkammerinventars

Titelblatt des Ficklerschen Kunstkammerinventars
Römische Larenstatuette aus der Kunstkammer, Holzschnitt 1534

Römische Larenstatuette aus der Kunstkammer, Holzschnitt 1534
Die Kunstkammer, die der bayerische Herzog Albrecht V. in der Münchner Residenz anlegte, gilt als eine der ersten derartigen Sammlungen aus der Zeit der Renaissance in Deutschland. Doch anders als in einem modernen Museum, enthielt die herzogliche Kunstkammer nicht nur Bilder und Skulpturen, sondern auch Bodenfunde, Erinnerungsstücke aus der eigenen Familie, Zeugnisse von geschichtlichen Ereignissen und von Persönlichkeiten sowie höchst wunderliche und skurrile Gegenstände, die ihr den Charakter eines Kuriositätenkabinetts verliehen. So ist auch die Bezeichnung »Wunderkammer« für die Kunstkammer verständlich.

Zu den Absonderlichkeiten zählten beispielsweise ein Stiefel von Herzog Johann von Sachsen »mit einer ubermeßigen weitte und grösse«, wie es in einem alten Inventarverzeichnis heißt, Bilder von Missgeburten, von riesenhaften »wilden Männern«, von Zwergen und von Menschen mit abnorm starkem Haarwuchs (»Hypertrichose«), aber auch merkwürdige Edelsteine, exotische Muschel- und Schneckenschalen und farbige Gläser. Einen breiten Raum nahmen exotische Gegenstände aus der Neuen Welt, aus Asien und Afrika ein. Das Prunkstück der Kunstkammer war ein ausgestopfter Elefant, ein herrschaftliches Geschenk Kaiser Maximilians an seinen bayerischen Schwager; der Dickhäuter fand nach den Luftangriffen im zweiten Weltkrieg ein ruhmloses Ende, als man seine Haut zu Schuhsohlen verarbeitete.

Die Kunstkammer befand sich in der Neufeste, dem Vorgängerbau der heutigen Residenz, mit deren Bau 1385 begonnen worden war und die durch Um- und Anbauten immer mehr erweitert wurde. Als Kunstkammer diente das Obergeschoss der sogenannten Alten Münz. »Die Kammer ist vortrefflich reich an jeder Art erlesener Köstlichkeiten, welche Natur oder Menschenkunst subtil und wunderbar geschaffen haben«, heißt es in den »Civitates Orbis Terrarum«, einem Städteführer von 1588. »Wer auch immer sie mit Wissbegier betritt, er findet stets etwas ihm Neues zu bewundern. Ein dermaßen schöner, vielseitiger Bestand bietet sich dem Auge des Besuchers.«

Herzog Albrecht V. war einer der großzügigsten Mäzene des Hauses Wittelsbach. Er machte München zur Kulturstadt ersten Ranges, so dass die »bairische Pracht« im ganzen Reich sprichwörtlich wurde. Er hatte an der Universität Ingolstadt seine klassische Bildung erworben und sie durch Reisen nach Italien verfeinert. Als Kunstkenner war er sehr wohl im Stande, den Wert der Plastiken und Bilder zu würdigen, die ihm seine Agenten in Venedig und Rom zusammenkauften. Die antiken Funde ließ er im Antiquarium der Residenz aufstellen, dem größten Renaissanceraum nördlich der Alpen. Das Obergeschoß barg die kostbaren Handschriften und die Bücher der Hofbibliothek, der Vorgängerin der heutigen Staatsbibliothek.

Der Hofjurist Johann Baptist Fickler, Erzieher des späteren Kurfürsten Maximilian, verfasste im Auftrag von Herzog Albrecht ein Inventarverzeichnis der Kunstkammer, deren über dreitausend Katalognummern ein umfassendes Bild von der herzoglichen Sammlung vermitteln. Die Exponate müssen für die damalige Zeit wirklich sensationell gewesen sein. So ist ein Bericht eines Besuchers aus Mailand überliefert, der zwei Tage lang »mit höchster Gründlichkeit und Verwunderung und mit solcher Begierde die Kunstkammer angesehen hat, dass er fast nicht in Ruhe essen oder schlafen konnte«.

Weniger begeistert waren die herzoglichen Räte von der Sammelleidenschaft ihres Landesherrn. In einem Gutachten kritisierten sie anno 1557: »Es verursacht ihm kein Kopfzerbrechen, woher man das Geld nehmen, wie man bezahlen solle, ob es auf der Kammer schon vorhanden ist oder nicht… Alles, was man Fremdes, Köstliches oder Seltsames sieht, wovon man hört, besonders was zur Freude und Lust dient, das will man haben, das muss man haben.« Um die herzogliche Kasse immer wieder aufzufüllen, drehte Albrecht skrupellos an der Steuerschraube und ließ seine Untertanen für die Kosten seiner Sammelwut büßen. Schon zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt erhöhte er drastisch die Abgaben, die Landstände führen Klage darüber, dass die Steuer praktisch vervierfacht worden sei und die Grundnahrungsmittel für viele Bewohner unerschwinglich seien.

Leider war der Kunst- und Wunderkammer kein langer Bestand beschieden. Schon ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung fiel sie im Dreißigjährigen Krieg den Truppen von König Gustav Adolf von Schweden zum Opfer. Die Stadt München wurde zwar verschont, doch die Residenz wurde gnadenlos geplündert. Manche Münchner Kunstwerke befinden sich seitdem in Schweden oder im Gebiet deutscher protestantischer Fürsten, die im schwedischen Heer als Offiziere dienten. Vieles, was des Mitnehmens nicht wert erschien, wurde vernichtet. In einem Bericht der kurfürstlichen Räte von 1632 wird lapidar festgestellt: »Mit Ausnahme von wenigen Gegenständen ist alles, was nit abwekh gebracht werden khinden, verrissen, erworffen und erschlagen worden.«

Zum Glück hatte Kurfürst Maximilian wertvolle Stücke in Sicherheit bringen lassen. Diese Überbleibsel aus der Kunstkammer bilden den ältesten Grundstock der heutigen Museen in München.

Julius Bittmann



10/2009