Jahrgang 2020 Nummer 26

Eine Ikone der Volksmusik

Vor 105 Jahren wurde Wastl Fanderl geboren

Wastl Fanderl.

Volksmusik ist heute so populär und vielfältig wie nie zuvor. Zu verdanken ist dies vor allem Musikern wie der Musikantenfamilie Well, Hans-Jürgen Buchner (Haindling), Hubert von Goisern, Stefan Dettl (LaBrassBanda) oder Herbert Pixner, die ohne Berührungsängste traditionelle Volksmusik mit Elementen aus Jazz, Folk und Rock verbanden und so neuen Schwung (und ganz neue Töne) in die Szene brachten. Eine Entwicklung, die von Wastl Fanderl, dem Papst der bayerischen Volksmusik und Miterfinder des reinen alpenländischen Dreiklangs, bei Weitem nicht so negativ gesehen wurde, wie allgemein vermutet. Das geht jedenfalls aus einem Beitrag von Christoph »Stofferl« Well (Biermösl Blosn) in der Zeitschrift MUH hervor, in dem Well von einer Singund Tanzwoche in Südtirol Mitte der 70er Jahre erzählt, wo Fanderl Couplets und Gstanzl sang, die eigentlich als »halbseiden« bzw. »schlüpfrig« galten.

Einige Jahre später, als die Biermösl Blosn wegen ihrer umgeschriebenen Bayernhymne »Gott mit Dir, Du Land der BayWa« beim Bayerischen Rundfunk in Ungnade gefallen war und Fanderl darauf angesprochen wurde, meinte der bloß: »Des san hoit junge Leit ...De machan's hoit amoi aso.« Dazu passte auch seine Absage an die Fundamentalisten und Trachtler: »Beim Singen geht es nicht ums Knöpfezählen.«

Seine Herkunft fasste Fanderl im Jahr 1952 einmal so zusammen: »Ich bin das 5. und letzte Kind der Baders- und Friseurseheleute Josef und Anna Fanderl. Meine Mutter war eine geborene Voggenauer, Wirtstochter von Frasdorf bei Rosenheim. Mein Vater stammte aus Dietfurt im Altmühltal in der Oberpfalz. Ich kam am 24. Juni 1915 in Bergen im alten Schulhaus (das heutige Gemeindeamt) im ebenerdigen Südzimmer auf die Welt. Mein Vater, 'Der Bader Fanderl', war ein recht beliebter Mann. Er war Gründungsvorstand des Gebirgs-Trachten- Erhaltung-Vereins-Bergen (gegr. 1895). Ich habe ihn leider nur noch als kranken Mann in Erinnerung. Im Oktober 1924 starb er. Meine Mutter führte das Friseurgeschäft weiter und hatte nur einen einzigen Wunsch: daß ihr jüngster Sohn Sebastian das Friseurhandwerk lernt und das Geschäft übernimmt. Ich habe es ihr zuliebe getan, war aber nicht glücklich dabei. Sie starb im Traunsteiner Krankenhaus im Jahr 1948 und liegt im dortigen Friedhof begraben.«

Da im Elternhaus viel musiziert und gesungen wurde, erwachte auch im jungen Fanderl schon früh die Liebe zur Volksmusik, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollte. Als glückhaft und zugleich folgenreich erwies sich dabei seine erste Begegnung mit dem Kiem Pauli, der im November 1927 auf einer seiner Sammelreisen bei den Fanderls aufkreuzte, um die ebenfalls im Haus wohnende, ehemalige Sennerin (Maria) Hallweger Moidl zu besuchen. Wie sich diese Begegnung genau abgespielt hat, ist umstritten, dem Vernehmen nach sollte die Sennerin dem Pauli vorsingen, rief aber in ihrer Verlegenheit Fanderls Mutter zu Hilfe: »Der Wasti soll kemma mit seiner Zither, da is a Narrischer da, der sammelt Lieder!«

Bereits vier Jahre später soll es zu ersten Rundfunkaufnahmen im Münchner Sender gekommen sein – es gibt aber keine Dokumente, die das belegen würden. 1935 dann, mit knapp 20 und hauptberuflich noch sehr unglücklich als Friseur tätig, beginnt sein beispielloser Aufstieg, wobei sich »Fanderls vielfältige Aktivitäten (Sänger, Musikant, Organisator, Veranstalter, Lehrer, Sammler, Texter, Moderator) gegenseitig stützen und ergänzen.« Nach sechs Jahren Kriegsdienst heiratet er kurz vor Kriegsende, am 24. Februar 1945, in Garmisch-Partenkirchen Elisabeth (Lisl) Mayer, damals Lehrerin am Kindergärtnerinnenseminar in Leoni am Starnberger See. Ihr erstes Kind, Monika Elisabeth, kommt am 12. Juli 1945 in Bischofswiesen zur Welt. Zwei weitere Töchter, Elisabeth Anna (geb. 1949) und Regina Maria (geb. 1954) werden folgen. 1963 übersiedelt die Familie von Bergen nach Frasdorf. Schon bald nach dem Krieg begann Fanderl seine Tätigkeit – auch als Vermittler zwischen Volksmusik und modernen Medien – beim Bayerischen Rundfunk wieder aufzunehmen und sich eine Fan-Gemeinde aufzubauen, angefangen mit der beliebten Hörfunksendung »A weni kurz, a weni lang«, die in ganz Bayern begeistert aufgenommen wurde. Auch beim Fernsehen wurde man schnell auf Fanderl aufmerksam – von der Sendereihe »Bairisches Bilder- und Notenbüchl« wurden bis in die 90er Jahre fast hundert Folgen bundesweit ausgestrahlt. Als Herausgeber vieler Liederbücher und der Gründung der »Sänger- und Musikantenzeitung« (heute »Zwiefach«) – er war dann der erste Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern – hatte er einen maßgeblichen Anteil daran, dass an bayerischen Schulen wieder mehr gesungen wurde.

Und um abschließend noch einmal Christoph »Stofferl« Well zu zitieren: »Fanderl konnte Lieder aus dem Volk und für das Volks schreiben. Nie kam er dabei in die Nähe der Volkstümlichkeit, höchstens in die der Romantik. Er liebte die Menschen, den Klang und die Landschaft des Alpenraums, und was man liebt, verkauft man nicht. Er starb am 25. April 1991 in Frasdorf«.

Wer sich umfassend über Fanderl und sein Werk informieren möchte, dem sei die Biographie »Wastl Fanderl: Volkskultur im Wandel der Zeit« empfohlen, verfasst von dem Salzburger Universitätsprofessor Dr. Karl Müller auf Anregung von vom Volksmusikarchiv Oberbayern. Ein sehr kenntnisreiches, flüssig geschriebenes und reich bebildertes Buch, basierend auf intensivem Quellenstudium. In der Einleitung dazu heißt es: »Ein einheitliches Fanderl-Bild ist nicht zu haben. Es sind unterschiedliche Sichtweisen auf seine Person und sein Wirken zu berücksichtigen, einerseits jene der das Bild Fanderls für sehr lange Zeit prägenden und mächtigen 'Fanderl-Gemeinde', – manche sprechen neuerdings umstandslos von 'der ihn umgebenden lobbyistischen Bewegung' – und andererseits jene von Fanderls Kritikern, deren Stimmen seit seinem Tod 1991 an Zahl zugenommen haben und lauter geworden sind, die aber auch eine neue Möglichkeit wissenschaftlicher Diskussion über ihn und sein Werk eröffnen. Beide Positionen abzuwägen versucht dieses Buch zu leisten.«

Die großen Lebenslinien Fanderls verbinden sich in dieser Darstellung mit den historischen Entwicklungen – Nationalsozialismus, unmittelbare Nachkriegszeit sowie die Zeit der gesellschaftlichen Neuorientierung der 50er und 60er Jahre bilden den Rahmen für sein Wirken. Karl Müller beschreibt das bewegte Leben des Volksmusikers, seinen Weg zur Musik und seine Karriere. Er stellt das Leben und Handeln des Musikers aber nicht nur in seinen Erfolgen, sondern auch in seinen Brüchen und Widersprüchen dar und zeigt zugleich die Konsequenz, mit der Fanderl seine Ideale umzusetzen versucht hat. Die angeführten Zitate stammen aus diesem Buch.

 

Wolfgang Schweiger

 

Quellen: Karl Müller: »Wastl Fanderl: Volkskultur im Wandel der Zeit«. Christoph »Stofferl« Well: »Granden der Volksmusik« (MUH 35). Tobias Grill: »Volksmusik wie aus dem Bilderbüchl. Inszenierung, Rezeption und Wirkung idealistischer Konstrukte in der Lied- und Musikpflege Wastl Fanderls«. Diverse Zeitungsartikel (SZ, Münchner Merkur). Die Fotos sind dem Band »Wastl Fanderl: Volkskultur im Wandel der Zeit« entnommen«.

Repros: Marietta Heel

26/2020

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