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Jahrgang 2016 Nummer 42

»Eine grausame, unerhörte und ungesehene Krankheit«

Joseph Grünpeck beschreibt 1496 als erster Syphilis – Burghauser Sekretär bei Kaiser Maximilian I.

Joseph Grünpeck auf dem einzigen von ihm existierenden Porträt. (Repros: Mittermaier)
Albrecht Dürer hat 1496 das Aussehen eines Syphilitikers festgehalten.
Kaiser Maximilian I. verschaffte Grünpeck einen Posten als Sekretär am Wiener Hof.

»Viele begehren bald zu sterben, weil sie so von innerem Eiter und fauligem Blut gepeinigt sind. Das Brennen bedrängt sie unablässig, sie werden von Entzündungen gemartert und es juckt sie mit den schlimmsten Schmerzen«, beschreibt Joseph Grünpeck eine »grausame, unerhörte und ungesehene Krankheit«, die man das »Böse Franzos« nenne. 1496 hat der gebürtige Burghauser diese Zeilen zu Papier gebracht und ist damit in die Geschichte eingegangen, als erster Autor, der die damals scheinbar aus dem Nichts aufgetauchte Seuche näher beschreibt, die später den Namen »Syphilis« erhalten und die Menschheit jahrhundertelang in Angst und Schrecken versetzen wird: Besonders tragisch: Grünpeck beschreibt in seinem Traktat »von dem ursprung des Bösen Franzos, das man nennet die Wylden Wärtzen« zwar, wie man sich vor einer Ansteckung schützen könne, infiziert sich einige Jahre später aber trotzdem selbst.

Obwohl der Oberbayer neben diesem ersten Werk über die Syphilis unzählige, vor allem astrologische und historische Schriften herausgebracht hat und lange als Schreiber und Kaplan König Maximilians – ab 1508 Kaiser Maximilians von Österreich fungiert, ist er heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich seine Biographie nur bruchstückhaft rekonstruieren lässt – über seine familiäre Herkunft und Jugend in Burghausen ist zum Beispiel gar nichts bekannt. Sein Geburtsjahr soll auf das Jahr 1473 datieren, eine exakte Quelle fehlt aber auch hier. 1487 taucht der Burghauser dann erstmals Schwarz auf Weiß in den Matrikelbüchern der Universität Ingolstadt auf, wo er nach dem damals für alle Scholaren gleichen Grundstudium Theologie und Medizin belegt. Diese Kombination war offenbar nicht ungewöhnlich, denn Grünpecks späterer Biograph Albin Czerny nennt als Beispiel für weitere Geistliche, die gleichzeitig als Ärzte praktizierten, die um 1460/70 in Passau tätigen Priester Georg Mayr und Georg von Amberg. 1491 beendet Grünpeck sein Studium mit dem Magister, geht anschließend auf eine Bildungsreise, die ihn unter anderem nach Krakau führt, wo er an der dortigen Hochschule Vorlesungen über Astrologie hört. 1495 zieht es den Burghauser nach Rom, von wo er über die Lombardei zurück nach Deutschland reisen will. Dabei wird er zum Augenzeugen einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen französischen und österreichisch-mailändischen Truppen. Frankreichs König Karl VIII. befand sich damals auf dem Rückzug von Neapel, wo er zunächst mit dem Mailänder Herzog Lodovico Sforza an seiner Seite, die Herrschaft an sich reißen wollte. Sforza hatten dann aber Zweifel befallen, ob der Franzose in seinem Machtrausch nach Neapel nicht womöglich auch nach Mailand die Fühler ausstrecken könnte, weshalb er das Bündnis aufkündigte und mit seinen Mannen zurück in die Heimat zog. Während Karl erkennen musste, dass seine Absichten in Neapel gescheitert waren, hatte der Mailänder Herzog inzwischen eine Allianz mit dem österreichischen König Maximilian geschlossen, worauf der Habsburger Truppen über die Alpen schickte, die gemeinsam mit Sforzas Heer dafür sorgen sollten, dass Karl sich mit seiner Armee wieder nach Frankreich zurückzog. Dabei kam es im Juli 1495 in der Nähe von Parma zu einem Gefecht zwischen den beiden Parteien, das für beide Seiten mit hohen Verlusten endete. Noch schwerwiegender, und das nicht nur für die beteiligten Militärs, sondern für die gesamte Bevölkerung Europas, sollte sich allerdings ein unfreiwilliges »Mitbringsel« auswirken, das Karls Truppen mit nach Norditalien geschleppt hatten. Während sie Neapel belagert hatten, war im französischen Heer (daher auch der Name »Böse Franzos« oder »Franzosenkrankheit«) eine mysteriöse Krankheit ausgebrochen, die, wie die moderne Wissenschaft inzwischen nachgewiesen hat, von Seeleuten um Christoph Kolumbus von dessen erster Südamerika-Fahrt 1493 mit nach Europa gebracht worden war und in Neapel als einem der Zentren der damaligen Seefahrt nun erstmals in großem Stil auftrat. Symptome der Seuche begannen mit Geschwüren an den Genitalien, danach folgten juckende Pusteln am ganzen Körper, gepaart mit Fieber und anhaltenden Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen. In späteren Stadien führten die Geschwüre äußerlich, vor allem im Gesicht, zu furchtbarer Entstellung, zum Beispiel an Mund und Nase, sowie innerlich zu Knochenfraß und Organversagen.

Langfristig drohte dazu auch noch die Zerstörung von Rückenmark und Gehirn – mit der Folge, dass etliche Syphilis-Patienten am Ende in geistiger Umnachtung starben. Wie groß die Angst der Menschen vor dieser unbekannten Krankheit war, die sich, ähnlich wie zuvor die Pest, rasend schnell über Europa ausbreitete, zeigt ein Zitat Albrecht Dürers, der 1506 aus Venedig schreibt: »Ich weiß nichts, was ich jetzt mehr fürchtete, denn fast jeder hat sie (die Syphilis). Viele Leute fressen die Geschwüre ganz auf, dass sie daran sterben.« Grünpeck hatte sich, nach seiner Rückkehr aus Italien aus Angst vor der »Bösen Franzos« – die Franzosen selbst nannten die Seuche übrigens »Italienische Krankheit« – von Ingolstadt, wo er zunächst als Lateinlehrer tätig war, nach Augsburg geflüchtet, wo offenbar noch keine Fälle aufgetreten waren. Auch hier verdiente er sich seine Brötchen als Lehrer für die hiesigen Patriziersöhne und schreibt nebenbei Theaterstücke. In einem der Texte mit dem Titel »Streit zwischen Virtus und Fallacicaptrix vor Maximilians Richterstuhl« geht es hauptsächlich um die Lobpreisung König Maximilians, womit Grünpeck ein entscheidender Schachzug in Sachen Karriere gelingt. Der Magister hat nämlich ganz anderes im Sinn, als nur verwöhnten Bengeln die Feinheiten der deutschen und lateinischen Sprache einzutrichtern; sein Ziel ist es, einen Posten an einem der fürstlichen Höfe zu ergattern. Am bayerischen Hof ist ihm dies nicht gelungen, doch als der von ihm literarisch so umschmeichelte, österreichische König bei einem Besuch Augsburgs im November 1497 höchstpersönlich dem ihm zugedachten Schauspiel beiwohnt, geht Grünpecks Traum postwendend in Erfüllung: Maximilian gewährt ihm am Wiener Hof nicht nur einen Posten als Sekretär und Kaplan, sondern belehnt ihn auch noch mit der »Dichterkrone«, einer auf antiken Traditionen beruhenden Auszeichnung, die der König damals alljährlich an Literaten vergab. Der Habsburger kann mit dieser Auszeichnung zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen präsentiert er sich öffentlichkeitswirksam als Förderer der schönen Künste und gleichzeitig hat er mit Grünpeck nun einen Gelehrten an der Hand, der in seiner Dankbarkeit geradezu erpicht sein wird, die Großmut seines Brötchengebers in die Welt hinaus zu posaunen. Maximilian hat nämlich schnell erkannt, dass die neue Technik des Buchdrucks eine probate Möglichkeit bietet, PR in eigener Sache zu betreiben, weshalb er eine ganze Schar an Schreibern beschäftigt, die nur damit beschäftigt sind, Texte für Flugblätter und dergleichen zu produzieren, mit denen des Königs Ruhm und gute Taten in die Öffentlichkeit getragen werden sollen. Joseph Grünpeck fungiert darüber hinaus auch als astrologischer Ratgeber Maximilians. Dass ein Herrscher vor wichtigen Entscheidungen einen Sternendeuter bemüht, ist damals nicht ungewöhnlich, denn der damaligen Vorstellung nach wird alles Geschehen auf der Erde durch die Konstellation der Sterne und Planeten beeinflusst. Dieses Weltbild widerspricht auch keineswegs der biblischen Lehre, denn die Allmacht über das Universum liegt auch hier noch bei Gott, der die Gestirne sozusagen »lenkt«. Genau dieser Sichtweise folgte auch Grünpecks Erklärung über die Entstehung der »Bösen Franzos«. Die Krankheit sei durch eine unheilvolle Stellung von Jupiter und Saturn sowie einer nachfolgenden Sonnenfinsternis ausgelöst worden, geschickt worden sei sie aber von Gott, der mit dieser Plage die Menschen für ihre Sünden bestrafen wolle. Dass Seuchen wie die »Böse Franzos«, Pest oder Cholera von winzig kleinen Erregern verursacht und übertragen werden, ist eine Erkenntnis, die erst 400 Jahre nach Grünpeck bewiesen werden konnte, im Fall der Syphilis gelang es erst 1905 zwei Wissenschaftlern der Berliner Charité, Fritz Schaudinn und Erich Hoffmann, den Erreger »Treponema pallidum«, mikroskopisch nachzuweisen, und das einzig wirksame Mittel gegen bakterielle Infektionskrankheiten, Penicillin, kam in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt. Entsprechend gering war die Jahrhunderte zuvor auch das Wissen über die tatsächlichen Übertragungswege.

Grünpeck schreibt zwar ganz richtig, dass man sich zur Vermeidung der Krankheit »der Frauen enthalten soll«, doch was er und seine Zeitgenossen damals nicht wissen konnten: Die Syphilis verläuft in mehreren Stadien mit unter Umständen jahrelangen Latenzphasen dazwischen, in denen die Symptome oft ganz verschwinden. Das führte lange Zeit zur fatalen Annahme, dass ein Erkrankter, wenn die Geschwüre und das Fieber verschwanden, geheilt war. In Wirklichkeit ruhte die Syphilis aber nur und die Betroffenen blieben weiter ansteckend. Die eigentliche Übertragung erfolgt durch sexuelle Kontakte, doch auch der Ausfluss aus Geschwüren ist, besonders zu Beginn der Krankheit, hochinfektiös, weshalb auch Ärzte und Pflegepersonal in Gefahr kamen, sich die »Lustseuche« zuzuziehen. Die von Grünpeck empfohlenen Mittel wie etwa die Wohnstube mit Weihrauch, Wacholderbeeren oder Lorbeerblätter auszuräuchern, Speisen mit Essig oder Zitronen zu versetzen und keine Süßigkeiten wie Konfekt oder Honig zu essen, richten zwar keinen Schaden an wie das später gegen Syphilis verwendete Standardmittel Quecksilber, das die Patienten langsam aber sicher vergiftete; Schutz vor der »Lustseuche« boten diese Hausmittelchen aber auch nicht. Joseph Grünpeck selbst soll sich 1501 bei einem Besuch in Augsburg mit der »Bösen Franzos« infiziert haben, als er für seine Begleiter vom Wiener Hof ein Fest organisieren musste, zu dem auch etliche Damen des horizontalen Gewerbes geladen waren, deren Dienste der königliche Schreiber dann ebenfalls in Anspruch nahm. Mit der Erkrankung tritt ein Bruch in Grünpecks Leben ein, dessen tatsächliche Hintergründe leider im Dunkeln bleiben. Er bezeichnet sich zwar weiter als »königlicher Schreiber« und erhält wohl auch finanzielle Bezüge vom Wiener Hof, worauf auch die Übertragung eines Lehens 1518 in Form einer Mühle samt Grundbesitz hindeutet, doch Grünpeck hält sich nach seiner Infizierung offenbar nicht mehr längere Zeit bei Hof auf. Ein weiteres Syphilis-Traktat, das mit dem Satz endet: »Im Mai 1503 in Burghausen fertiggestellt«, deutet darauf hin, dass sich der Gelehrte längere Zeit in seiner Geburtsstadt aufgehalten hat. 1505 wird Grünpeck dann in Regensburg aktenkundig, als er sich die Erlaubnis einholt, eine Poetenschule zu eröffnen, wozu ihm der Rat 40 Gulden zuschießt. Ein Jahr später ist er jedoch wieder in Augsburg zu finden und wieder ein Jahr später in Nürnberg, wo er in einem Kloster an einer Geschichte Karls des Großen arbeitet. Möglicherweise reiste Grünpeck ja umher, weil er irgendwo eine Behandlung zu finden hoffte, die ihn von der Syphilis kurierte, doch das bleibt nur Spekulation, denn Grünpeck erwähnt in keiner seiner überlieferten Schriften oder Briefe, wie stark ihn die Seuche tatsächlich erwischt hatte und was er dagegen unternahm. Da er aber nachweislich bis mindestens 1532 gelebt hat – angesteckt hatte er sich 1501 – kann er nur an einer leichteren Form gelitten haben, die möglicherweise irgendwann auch ganz ausheilte. Doch auch wenn er nicht mehr laufend am Hof präsent war, hat sich der Gelehrte nicht aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; 1507 ist er zum Beispiel beim Reichstag in Konstanz zu finden, wo er den versammelten Fürsten ein auf König Maximilian gemünztes Horoskop vorstellt. Die folgenden Jahre verbringt er wieder an unterschiedlichen Orten, teils in der Schweiz, teils in Regensburg, Landshut, Salzburg und Nürnberg, wo er wieder in den örtlichen Klöstern literarische Arbeiten fertigt oder Horoskope erstellt, die sich nicht nur auf das zukünftige Schicksal einzelner Personen, sondern auch auf ganze Städte beziehen konnten. Diese Arbeiten haben ihm sicher den einen oder anderen Gulden eingebracht, wobei er von 1500 bis 1510 auch Gelder aus einer Chorherrenstiftung in Altötting bezog, wobei nicht klar ist, warum er diese Unterstützung nach zehn Jahren nicht mehr in Anspruch nahm. Grünpecks letzte Schrift datiert auf das Jahr 1532 – da ist der gebürtige Burghauser 60 Jahre alt. Wo er seine letzten Jahre verbrachte, wann und wo er starb, ist jedoch nicht bekannt.


Susanne Mittermaier

 

42/2016