weather-image
-2°
Jahrgang 2016 Nummer 17

»Eine Bombenwelle nach der anderen«

Die letzten Tage des II. Weltkriegs in der ehemaligen Gemeinde Haslach

Bauernhaus mit Zuhaus vor dem Bombenangriff.
Das Haus der Familie Georg Bachmaier nach dem Bombenangriff 1945.
Todesanzeige im »Traunsteiner Zeitung« vom 28./29. April 1945.
Das Bauernhaus »beim Brodmann« in Axdorf nach dem Bombenangriff 1945.

Vor über 70 Jahren, am 25. April 1945, war einer der schlimmsten Tage in der Geschichte der ehemaligen Gemeinde Haslach. An diesem Tag war ein unaufhörlicher Einflug von Bomberverbänden aus dem Süden. Um Mitternacht Großalarm! Ab 8.30 Uhr Alarm über Alarm ohne Ende. Erst um 15 Uhr Endalarm. Eine Bombenwelle nach der anderen, so schreibt der damalige Haslacher Pfarrer Josef Stitzl in die Pfarrchronik.

Um 11.15 Uhr fielen im Dorf Axdorf 20 schwere Bomben und richteten große Schäden an. Beim Bachmayer in Axdorf wurde das Ökonomiegebäude schwer beschädigt, das Zuhaus total zerstört und das Zimmereigebäude schwer in Mitleidenschaft gezogen. Von der im Zuhaus wohnenden Familie Pemler wurde die Frau und ihr Sohn Rudolf schwer verletzt aus den Trümmern geborgen und starben beide noch am gleichen Tag im Traunsteiner Krankenhaus. Die Söhne Adolf und Franz wurden glücklicherweise fast unverletzt geborgen. Die Nanni Bachmayer, eine Frau von 80 Jahren, war gerade beim »Schmarrnessen«, als der Einschlag erfolgte. Als man sie aus den Trümmern unter Staub und Dreck herausholte, konnte man feststellen, dass ihr gar nichts passiert war, ja nicht einmal den Schmarrnlöffel hatte sie aus der Hand gelassen. Die Retter konnten sich bei allem Ernst eines Schmunzelns nicht erwehren.

Eine Frau Dr. Auracher aus Mühlen, die gerade zur Stadt wollte, hatte sich mit Pferd und Wagen zum Schutz vor dem Angriff neben das Zuhaus geflüchtet und dabei den Tod gefunden. Schwer beschädigt wurde auch das Haus von Georg Bachmaier, in dessen Keller sieben Personen saßen. Der Keller wurde zum Teil verschüttet, doch niemand erlitt schwere Verletzungen. Die Bombeneinschläge, ihre Trichter hatten zehn Meter Durchmesser und fünf Meter Tiefe. Dieser Angriff galt wohl der naheliegenden Bahnlinie München - Salzburg, die sie aber verfehlten.

Schlimm genug sah es auch im nördlichen Teil der Gemeinde aus. Der Hauptangriff hatte dem Unterwerk bei Wegscheid gegolten. Wenige Meter vor der Haustüre des Hofmann- bzw. Lahrbauernhauses in Haslach schlug eine Bombe ein, öffnete einen mächtigen Trichter und richtete im Haus große Verwüstungen an. Die Bewohner waren im Keller und blieben unverletzt.

In Richtung Oberhaid fielen Sprengund Splitterbomben in Massen. Das Unterwerk war schwer zerstört, ebenso die Gleisanlagen. In Oberhaid war das Haus Marterer eingestützt, das Haus Bachmaier aufgerissen, das Haus Maier zur Hälfte zerstört, das Haus Steiner in der Wegscheid schwer demoliert und das Haus Schneider total verschwunden. Fast alle übrigen Häuser hatten schwere bzw. leichtere Schäden.

Gegen Abend des 25. April schreckte um 18 Uhr neuerlich ein Flugzeuggeschwader alle in den Keller, mit mächtiger Detonation ging bei Hufschlag eine Luftmine nieder. Damit waren die Bombenangriffe zu Ende, doch jetzt kamen Scharen von Tieffliegern und lähmten Arbeit und Verkehr. Am 29. April tauchten schon um 7 Uhr zehn Tiefflieger mit schweren Maschinengewehren in Haslach auf und beschossen einen Güterzug, der am Schrankenwärterhaus stand. Die Geschosse durchlöcherten die Lokomotive, zerfetzten die Wagen und durchschlugen sogar die Eisenbahnschienen. An diesem Vormittag wurden in der nächsten Umgebung sieben Lokomotiven zerstört.

Dass die Front immer näher kam, sah man schon an den zahlreichen Truppenverbänden. Unheimlich wurde es, als so viel SS auftauchte, die fast gefürchteter war als der Feind. Die Heeresleitung plante noch in den letzten Kriegstagen, eine Abwehrstellung in Axdorf aufzubauen. Der Ortsbauernführer, der Gamperlbauer Schröder, bat den zuständigen Offizier, den Stellungsbau zu unterlassen, da sonst Axdorf mit Sicherheit dem Erdboden gleichgemacht worden wäre. Der Offizier lehnte zwar die Bitte ab, aber die Stellung wurde nicht gebaut. Im Neulinger Wald lagen 400 Hitlerjungen mit Waffen und am Erlstätter Berg SS mit Panzerfäusten, um den Amerikanern den Einmarsch zu verwehren.

Dann kam der 3. Mai 1945. Gegen 13 Uhr begann eine Schießerei beim Hofmannbauern. Hier hatte sich eine SS-Kompanie verschanzt. Wird Traunstein verteidigt? Dann wehe Haslach und seiner Umgebung. Die Einwohner warteten fieberhaft auf den Einmarsch der Amerikaner. Viele hatten schon weiße Tücher ausgehängt, da erschienen nochmals einige SS-Leute und zwangen die Leute mit vorgehaltenen Waffen wieder zum Einzug ihrer weißen Flaggen. Eine halbe Stunde später verschwand die SS-Kompanie fluchtartig aus Haslach. Sogleich erschienen wieder die weißen Fahnen.

Die Amerikaner waren zu dieser Zeit schon sehr nahe. Bei Schweinbach gingen amerikanische Grenadiere in Stellung und feuerten auf das Anwesen Welkamer bei Traundorf, aus dessen Nähe deutsche Truppen geschossen hatten. Dabei fiel ein uniformierter Italiener und mehrere Häuser wurden beschädigt, so beim Reiter in Lohhäusl, beim Angererbauer in Traundorf und beim Metzger in Seiboldsdorf. Gegen 15.30 Uhr rückten die ersten drei Panzerspähwagen in Haslach ein. Freude über das Kriegsende mischte sich mit Angst vor den Amerikanern. Bürgermeister Polz trat zurück und der Gemeinderat wurde aufgelöst. Der Gemeindesekretär Michael Bernauer, bis zur Ernennung eines neuen Bürgermeisters als kommissarischer Bürgermeister von Haslach eingesetzt, hatte die Befehle der Militärregierung auszuführen. Der Einmarsch vollzog sich ruhig, ohne Widerstand und Opfer. Nachts kam dann die Einquartierung. Das Schloss bzw. der alte Pfarrhof wurde für längere Zeit als Kommandobesitz beschlagnahmt, ebenso viele Wohnungen in der Gemeinde.

Nach drei Tagen wurde Bernauer seines Amtes enthoben, die Amerikaner setzten als neuen Interimsbürgermeister wieder den Mayerbauer Josef Klauser von Haslach ein. Seine Ernennung wurde in englischer und deutscher Sprache an der großen Tafel am Rächlstall angeschlagen. Die Militärregierung befahl eine Ausgangssperre, die nur von 11 Uhr vormittags bis 13 Uhr nicht galt. Für Feldarbeit bestand keine Sperre, auch für die übrige Bevölkerung dauerte sie nicht lange. Es trat eine einheitliche Ausgangssperre von 23 Uhr bis 6 Uhr früh in Kraft. Am 15. Mai wurde Ludwig Geserer, ein Bruder des Kusenbauers von Axdorf, nach der Sperrstunde gegen 21 Uhr im Wald zwischen Wimpasing und Seiboldsdorf von einem Amerikaner angetroffen und angerufen. Als er weglief, wurde er auf der Flucht erschossen.

Das Kriegsende bescherte Haslach einen Autofriedhof. Fast 3000 Wagen aller Art und viele Geschütze, Mörser, Nebelwerfer usw. lagerten auf dem Axdorfer Feld, zwischen Haslach und Axdorf. Etwa 50 Tagwerk guter Grund und Boden fiel aus. Allmählich wurde der Platz durch Versteigerungen wieder geräumt.

Die Gemeindekanzlei wurde auf Anordnung der Militärregierung ins Gasthaus Bogner verlegt. Die Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen leitete die UNRRA. Vor allem die Versorgung mit Lebensmitteln bereitete immer mehr Schwierigkeiten, eine fürchterliche Hungersnot war zu erwarten. Eine weitere Sorge war die öffentliche Unsicherheit auf dem Land. In Gefahr waren besonders einzeln liegende Gehöfte.

Das schwere Jahr 1945 ging zu Ende. Groß waren die Opfer, schweren Schaden für Mensch und Gut hatte der Krieg über die Gemeinde gebracht. 52 Haslacher waren gefallen, 18 vermisst und sechs Gemeindebürger fielen Bomben zum Opfer. Viele Menschen mit wenigen Habseligkeiten wurden hierher verschlagen. Fast 50 Familien mussten im Gemeindegebiet Haslach untergebracht werden. Dazu kamen noch 36 Bombengeschädigte, die unter großen Mühen ihre Häuser wieder aufbauen und instandsetzen mussten.


Karl Rosenegger


Quellen:
Stadtarchiv Traunstein, Pfarrarchiv Haslach
Literatur: Geschichte der Gemeinde Haslach 1818 - 1978

 

17/2016