Jahrgang 2020 Nummer 30

Eine bayerische Sphinx

Zum 100. Todestag von Ludwig Ganghofer

Ganghofer Portrait.
Ganghofer Grab in Rottach-Egern.
Skulptur Ganghofers von W. Angerer d. J. in Berchtesgaden. Fotos und Repros M. Heel

Auch wenn er heutzutage kaum mehr gelesen wird, so zählt der Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer (1855 bis 1920) dennoch zu den erfolgreichsten Autoren, die Deutschland je hervorgebracht hat, mit einer Gesamtauflage von mehr als 30 Millionen Büchern, von denen die meisten auch verfilmt wurden, manche sogar mehrmals. Eine »bayerische Sphinx«, wie der Schauspieler und Vortragskünstler Gerd Anthoff den Schriftsteller in seinem Ganghofer-Programm »Perlen aus dem Schmonzettenmeer« bezeichnet. Denn Ganghofers Leben und Werk weise höchst unterschiedliche Facetten auf, so der Schauspieler: Einerseits ein erfolgreicher Schriftsteller, der die Betrachtung der Natur als literarischen Gegenstand entdeckte, ein Förderer des künstlerischen Nachwuchses, ein begehrter Gesellschafter in Künstlerkreisen. Andererseits ein Mann mit scheinbar mangelndem politischen Instinkt, begeisterter Kriegsberichterstatter, der Schöpfer des Bayernklischees, ein Meister der Lebensinszenierung zwischen ländlicher Bodenständigkeit und städtischem Salonvergnügen.

Geboren wurde Ludwig Ganghofer am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren. Seine Eltern waren der Ministerialrat August Ganghofer, der später zum Leiter der Königlich-Bayerischen Forstverwaltung ernannt wurde, und dessen Frau Karolina (Rufname: Charlotte), geb. Louis. Er verbrachte einen Teil seiner Kindheit (1859 bis 1865) in Welden bei Augsburg, machte 1873 am Königlich-Bayerischen Gymnasium in Regensburg das Abitur und arbeitete danach ein Jahr lang als Schlosser und Monteur in einer Augsburger Maschinenfabrik. 1875 begann er ein Maschinenbaustudium am Polytechnikum in München, wechselte jedoch später zu Literaturgeschichte und Philosophie in München, Berlin und Leipzig. 1879 promovierte er in Leipzig.

Sein erstes Schauspiel »Der Herrgottschnitzer von Ammergau« schrieb Ganghofer 1880 für das Münchner Gärtnerplatztheater. Das Stück wurde bald wieder vom Programm abgesetzt, aber ein Gastspiel in Berlin war mit über 100 Aufführungen einen Riesenerfolg. Es folgten Tätigkeiten als Dramaturg am Wiener Ringtheater (1881), als freier Mitarbeiter für das Familienblatt »Die Gartenlaube« und als Feuilletonredakteur des »Wiener Tagblatts« (1886 bis 1891). Seinen Durchbruch als Schriftsteller erzielte er mit seinen Hochlandgeschichten bzw. Hochlandromanen, als erstes mit der Prosafassung des bis dahin erfolglosen Bühnenstücks »Der Jäger von Fall« (1883). Viele weitere Romane folgten, darunter »Der Klosterjäger« (1892), »Die Martinsklause« (1894) oder »Das Schweigen im Walde« (1899). Daneben inszenierte er z. B. 1898 in München noch Hugo von Hofmannsthals »Der Thor und Tod« und gründete die Münchner Literarische Gesellschaft.

Während dieser Zeit lernte Ganghofer in Wien die Sängerin und Schauspielerin »Kathinka« Catharina Engel (1859 bis 1930) kennen, die er 1882 auch heiratete und mit der er vier Kinder hatte, alle in Wien geboren: »Lolo« Maria Charlotte Ganghofer (1883 bis 1973), später verheiratete Wedekind, verheiratete Horstmann; »Mizerl« Martha Anna Hermine Ganghofer (1886 bis 1891); Sophie Ganghofer (1890 bis 1952), später verheiratete Thörl, und August Ganghofer (1890 bis 1968). Zunächst vorwiegend in Wien ansässig, unternahm die Familie dabei Reisen an den Königssee und nach Ruhpolding, bevor sie 1895 nach München zog und sich in der Steinsdorfstraße im Lehel eine Wohnung einrichtete. Als im Advent 1896 das Wohnzimmer in eine Talentbühne für Künstler umfunktioniert wurde, hatte der 14-jährige Schreinerlehrling Valentin Ludwig Frey alias Karl Valentin in diesem Rahmen seinen ersten Bühnenauftritt.

Ganghofer führte mit seiner Familie ein sehr gastfreundliches Haus. Sowohl in München als auch in seinem großzügig ausgebauten Jagdhaus »Hubertus« bei Leutasch in Tirol, wo der leidenschaftliche Jäger zusammen mit einigen Mitpächtern ein großes Jagdrevier gepachtet hatte, waren bekannte Persönlichkeiten der Zeit seine Gäste, so unter anderem Ludwig Thoma, Friedrich August von Kaulbach, Franz von Stuck, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal oder Richard Strauss. Freundschaftlich verbunden war er in seiner Wiener Zeit auch mit Johann Strauß (Sohn), der ihm seine Polka »Auf zum Tanze« op. 436 widmete.

Aber Ganghofer war nicht nur ein höchst produktiver Schriftsteller, er war auch ein glühender Patriot, der mit seinen 59 Jahren noch gerne in den Ersten Weltkrieg gezogen wäre. Als untauglich eingestuft, machte er stattdessen Karriere als Kriegsberichterstatter und avancierte zum Lieblingsreporter des Kaisers. Diesen Umstand nahm Karl Kraus zum Anlass, in seinem monumentalen Antikriegs-Epos »Die letzten Tage der Menschheit« Ganghofer eine Szene zu widmen, in der auch eine gewisse »Dicke Berta« eine wichtige Rolle spielt. Allerdings muss man anfügen, dass er vielleicht gar nicht so fanatisch und unverzeihlich blauäugig war, wie es immer den Anschein hatte. Seine privaten, bislang kaum ausgewerteten Tagebücher würden dies zumindest andeuten, wie Gerd Anthoff in seinem Ganghofer-Programm anmerkt.

Nach Beendigung seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter war Ganghofer bis zu seinem Tod am 24. Juli 1920 in Tegernsee weiter als Schriftsteller aktiv, sein letztes Werk, »Das Land der Bayern in Farbenphotographie«, widmete er König Ludwig III. von Bayern. Seine autobiografischen »Erinnerungen eines Optimisten« sind trotz ihrer ca. 1.000 Buchseiten unvollendet geblieben. Ansonsten spielen viele seiner Werke, die meist vom Leben einfacher, tüchtiger und ehrlicher Menschen handeln, im Berchtesgadener Land, wo er sich regelmäßig auch aufhielt, überwältigt von der Schönheit des Landes. Oder mit seinen Worten gesagt: »Wen Gott liebt, den lässt er fallen in dieses Land.« Ein von ihm selbst geplantes Theater für seine Werke – am Originalschauplatz in Berchtesgaden – wurde nicht realisiert.

Nach seinem Tod übergab die Familie seine Hinterlassenschaft dem Stadtmuseum in Kaufbeuren. Dieser Bestand aus etwa vierhundert Stücken bildete auch den Fundus für die Gedenkausstellung im Jahr 2005, die viele interessante Exponate enthielt, in den Begleittexten aber auch kritische Töne anschlug, wenn es beispielsweise hieß: »Ludwig Ganghofer wurde schon zu Lebzeiten zum Markenartikel, die heile Bergwelt seiner Romane zum Sehnsuchtsort für die nach Gesundung suchenden Menschen des Industriezeitalters. So ist das Ganghofer-Klischee zum Werbeträger eines ungetrübten Bayernbildes geworden und in der Tourismusindustrie bis heute geblieben«.

Von den Enkeln Ganghofers sind der Schriftsteller Bernhard Horstmann, der unter dem Pseudonym Stefan Murr Kriminalromane und Thriller schrieb, und der Publizist Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing bekannt geworden. Ganghofers Grab befindet sich auf dem Friedhof von Rottach-Egern, neben dem seines Freundes Ludwig Thoma.

 

Wolfgang Schweiger

 

Sekundärliteratur:

Gerd Thumser »Ludwig Ganghofer. Alpenkönig und Kinofreund«, Bachmaier Verlag, München 2005. Werner Koch »Der Kriegsberichterstatter Ganghofer«, in: Argumente, 4./5. Oktober 1972, Seite 425 bis 430.

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