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Jahrgang 2012 Nummer 10

Einbrecher im Pfarrhaus

Eine Geschichte vom Herrn Pfarrer und seinem Panzerschrank

Es ist im ersten Kriegsjahr 1939 gewesen – so hat mir meine Tante unlängst erzählt – wie sie damals gerade einige Wochen im Pfarrhaus im Dienst gewesen ist. Gleich nach ihrer Schulentlassung wurde sie beim Herrn Pfarrer in Hart mit ihren 13 Jahren Hausmädchen und musste sich gleichzeitig um die Geißen, sowie das viele Federvieh kümmern.

Das Schlafzimmer meiner Tante und auch das von Rosi, der schon älteren Köchin, waren im ersten Stock des großen Pfarrhauses. Der Herr Pfarrer aber hatte sowohl sein Wohnzimmer als auch das Schlafzimmer unten im Erdgeschoß. Gegenüber der geräumigen Küche war eine große Waschküche und daneben gab es noch ein »Allzweckzimmer«, in dem unter anderen auch ein alter, wuchtiger Panzerschrank stand. In diesen versperrte der Pfarrer das Geld von den angegebenen Ämtern und Messen für die Verstorbenen. Auch das »Opferstockgeld« war dort, so dachte er sich, in guter Verwahrung.

Die schwere, hölzerne Haustür wurde jeden Tag schon auf den frühen Abend zu gut verschlossen und verriegelt. Außerdem waren die Fenster am ganzen Haus mit Eisengittern versehen, worüber Rosi und meine Tante recht froh gewesen sind, denn, so dachten sie sich, konnte selbst in dieser unruhigen Zeit kein Einbrecher ins Pfarrhaus eindringen.

Eines Nachts aber kam es ganz anders.

Es ist gegen zwei Uhr früh gewesen dortmals, als der Pfarrer durch ein merkwürdiges knackendes Geräusch aufwachte. Es musste die Tür zum Zimmer in welchem der Panzerschrank stand, sein, durchfuhr es ihn. Fast gleichzeitig dachte dieser daran, dass der Schlüssel zum öffnen desselben, ja im Schreibtisch, gut versteckt war. Dieser wiederum stand in des Pfarrers Wohnzimmer, also musste zuvor dort schon jemand gewesen sein.

Ganz leise und vorsichtig machte er den Schubladen des Nachtkästchens auf, in dem zwei Pistolen immer griffbereit lagen, denn abgesehen von den abgelegenen Bauernhöfen, waren es auch die Pfarrhäuser, die vor keinem Einbruch sicher waren und von dem »Gesindel« hatte jeder eine Waffe dabei. Also nahm auch der Pfarrer, ohne lange zu überlegen, seine beiden Pistolen, öffnete gleich darauf fast lautlos die Tür und spähte vorsichtig, in jeder Hand eine Waffe, in den dunklen Gang hinaus. Ein fahles Licht drang aus einem Zimmer, auch konnte er jemand leise flüstern hören und das Rascheln von Papier, als gleich darauf zwei Männer mit Pistolen aus dem Dunkeln auftauchten. Der Herr Pfarrer schoss blitzschnell mit seinen zwei Pistolen in die Richtung der Einbrecher, als jetzt auch noch meine Tante, vom Lärm aufgewacht, ängstlich und erschreckt die Stiege herunter gekommen war.

Genau in diesem Augenblick trafen drei, auf den Pfarrer und meine Tante gerichteten Schüsse, das massive, steinerne Stiegengeländer. Inzwischen wurde im Bäckerhaus gleich gegenüber, ein Licht aufgedreht und kurz darauf kam der Bäcker, von den Schüssen aus dem Schlaf aufgeschreckt, schon die paar Stiegen zum Pfarrhaus heraufgerannt und konnte noch die Flüchtenden sehen, wie diese die steinigen Stufen, die zu dem friedlichen Gottesacker hinaufführen, hinaufhasteten und in der Dunkelheit verschwanden.

Das nächste und auch einzige Telefon in dem sonst so friedlichen Dörfchen hatte der Wirt, etwa fünf Gehminuten weit entfernt, dorthin rannte nun der Bäcker mit der Hoffnung, die nächste Polizeistelle zu erreichen.

Es war schon Tag geworden, als die »Drei« vom Pfarrhaus einen »Vaterunser« dafür beteten, dass ihnen nichts passiert ist.

Den beiden Geflohenen aber hatte ihr Einbruch gar nichts gebracht, denn alles Geld von den »Messen und Ämtern« und auch die »Opferstockkasse« , waren vor etlichen Tagen erst abgerechnet worden.

Es ist aber noch etwas im Panzerschrank gewesen, nämlich ein kleines Kuvert mit einem größeren Geldbetrag darin, das war öfters so, denn wenn es galt, in diesen unruhigen Kriegsjahren, für längere oder kürzere Zeit einen Geldbetrag sicher zu wissen, so bewahrten es die Dorfbewohner beim Herrn Pfarrer im »Schrank« auf.

Als nun der Pfarrer zusammen mit Köchin und Dienstmagd, die einzelnen, losen Papierblätter, die von den Dieben achtlos herausgeworfen wurden, sorgfältig aufhoben, kam auf einmal das unscheinbare »Geldkuvert« mitsamt seinem Inhalt zum Vorschein.

Auch mit den sonstigen »Materialien« hatten die Einbrecher nur Pech. So auch mit etlichen Flaschen »Messwein«, den diese schon zuvor aus dem Keller geholt haben mussten und sie gleich oberhalb der Stiege, in einer Nische in der »Gottesackerwand« versteckt hatten. Sogar das sorgsam eingewickelte Stück Butter, das die Köchin Rosi im Keller aufbewahrt hatte, fand meine Tante ganz hinten in der Ecke beim »Messwein«.

Meine Tante meinte dann noch lächelnd, dass sie heute noch, jedesmal beim Vorbeigehen, die Flaschen mit dem Messwein und dem Butter in der Nische liegen sieht.


ElisabethMader



10/2012