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Jahrgang 2010 Nummer 52

Ein Weihnachtslied, das die Welt eroberte

Plädoyer für »Stille Nacht, Heilige Nacht!«

»Stille Nacht! Heilige Nacht!« Längst tönt dieses Lied jeden Tag wieder aus den Lautsprechern der Warenhäuser und Einkaufsstraßen, um die Menschen in die rechte Kaufstimmung zu versetzen. Nicht zuletzt dadurch wird es gern als schmalzig und kitschig abgetan. Auch wenn es in den Gesangbüchern der Kirchen zu finden ist bzw. wieder aufgenommen wurde, gibt es in den Gemeinden mancherorts Bedenken, das Stille-Nacht-Lied im Gottesdienst singen zu lassen. Es wird also immer wieder der „Christkindromantik“ zugeordnet, und es muss gefragt werden, warum für manchen ohne dieses Lied Weihnachten nicht Weihnachten ist und warum es für viele so viel bedeutet. Was ist das für ein Lied, das inzwischen auf der ganzen Welt gesungen wird?

Erstmals gesungen, also uraufgeführt, wurde es am Weihnachtsabend des Jahres 1818 in einer Landgemeinde etwa 20 Kilometer nördlich von Salzburg, in Oberndorf an der Salzach, gegenüber der Stadt Laufen, mit der der kleine Ort vor der Grenzziehung durch den Wiener Kongress eng verbunden war. Hochwasser, Brände, Missernten und Zerstörungen durch die napoleonischen Kriege hatten den Menschen dort sehr zugesetzt. Diese Lage fanden der Hilfspriester Joseph Mohr und der Organist Franz Xaver Gruber ( zugleich Schullehrer in einem Nachbardorf) vor, als sie ihren Dienst in der Kirchengemeinde von Oberndorf versahen. Genau dies dürfte dazu geführt haben, dass die beiden Männer mit einem Lied ein Zeichen des Trostes und der Hoffnung setzen wollten.

Am 24.Dezember 1818 überreichte Mohr Franz Gruber einen zwei Jahre vorher verfassten Text und bat ihn, hierfür eine passende Melodie für zwei Solostimmen und Gitarrenbegleitung zu schreiben. Gruber übergab Mohr noch am gleichen Abend die Komposition, die dann in der Kirche St. Nikola gesungen wurde.

Durch einen Orgelbaumeister aus dem Zillertal gelangte das Lied nach Tirol. Als eine Tiroler Sängerfamilie 1831 und 1832 Tiroler Lieder in Leipzig vortrug, war das Publikum vor allem von dem Stille-Nacht-Lied sehr angetan. Damit begann der Siegeszug des Liedes, das zusammen mit drei anderen „ächten Tiroler Liedern“ in Dresden auch gleich gedruckt wurde. Durch eine Anfrage aus Berlin fand man heraus, dass es ganz zufällig nach Tirol gekommen war und erfuhr auch den Namen des Komponisten, für den sich bisher kaum jemand interessiert hatte.

Dabei dürfte es vor allem der Komponist Franz Xaver Gruber gewesen sein, der dem Lied zu so großer Beliebtheit verholfen hat. Aus einem schlichten, rhythmisch gestalteten Motiv entwickelt sich eine ganz dem Text des ersten Verses angemessene Wiegenlied-Melodie, die in dieser Form im 19.Jahrhundert nicht selten vorkam. Das Fest der Geburt Christi und die damit verbundene weihnachtliche Stimmung haben freilich auch dazu beigetragen, dass dieses Lied so sehr bekannt wurde.

Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar,
holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh,
schlaf in himmlischer Ruh

Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kund gemacht
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da,
Christ, der Retter ist da!

Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt!

Kritik richtet sich vor allem gegen den Text, gegen Ausdrücke wie die vom »trauten hochheiligen Paar« oder vom »holden Knaben im lockigen Haar2. Sicher sind solche Begriffe künstlich überhöht und längst ungebräuchlich, doch ist es nicht angebracht, den Text als Ganzes abzulehnen, in dem es schließlich unter anderem heißt »Christ, der Retter ist da!« Es ist zwar zu bedauern, dass die Verse 3 bis 5 nicht mehr in den Gesangbüchern zu finden sind, doch hat das Lied auch, so wie es jetzt ist, für unzählige Menschen große Bedeutung. Es kann Hoffnung, Geborgenheit und Trost vermitteln, auch wenn es vermarktet und verspottet wird. Es lässt die Vergangenheit aufleben und eine andere Welt erahnen, wenn es gesungen wird oder erklingt.

Nach Oberndorf kommen am Heiligen Abend tausende Menschen verschiedener Nationen, um »Stille Nacht« an der Stelle der Uraufführung zu hören. Die Kirche St. Nikola existiert nicht mehr. Sie musste wegen der schweren Hochwasserschäden abgerissen werden. An ihrer Stelle steht seit 1937 eine Kapelle, die daran erinnert, dass hier 1818 das bekannteste Weihnachtlied erstmals erklang, das inzwischen in über 300 Sprachen und Dialekte übersetzt wurde und von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt mit Freude und Ergriffenheit gesungen wird.


Hans Feist



52/2010