Jahrgang 2010 Nummer 46

Ein stiller Geburtstag für die Garchinger Strecke

100 Jahre Bahnverbindung Trostberg-Garching

An diesem Wochenende ist es soweit: Dann sind auf den Punkt einhundert Jahre vergangen, seitdem die erste Eisenbahn von Trostberg in Richtung Garching gerollt ist.

Mit einem Foto des Trostberger Fotografen Josef Käser berichtete vor 100 Jahren die Lokalzeitung, daß sich am 14. November kurz nach 9 Uhr der festlich geschmückte Eröffnungszug am Bahnhof Trostberg in Bewegung setzte. Böllerschüsse begleiteten die Abfahrt des Zuges, der mit vielen namhaften Gästen aus Politik und Wirtschaft besetzt war. Die Stadtkapelle Traunstein, die ebenfalls im Zug mitfuhr, spielte an jeder Bahnstation ein Ständchen. Überall wurde die Bahn mit Jubel und Begeisterung empfangen. In Garching schwenkten Schulkinder kleine Fähnchen. Auf der Rückfahrt legten die Ehrengäste einen längeren Halt in Wiesmühl ein, wo Ökonomierat Josef Wieser, ein großer Förderer der neuen Bahnverbindung zum Frühschoppen geladen hatte. Mit einem Festakt in Trostberg klang dieser wichtige Tag aus. Seit dem 15.November 1910 rollen auf der Strecke fahrplanmäßige Züge.

Mit der Gründung der Bayerischen Stickstoffwerke AG (BStW) 1908 begann die Geschichte der Kalkstickstoff-Produktion im »Südostbayerischen Chemiedreieck« und auch die Geschichte der heutigen Industrie-Standorte Trostberg, Schalchen und Hart. Schon bald wurden in Trostberg große Mengen Kalkstickstoff produziert. Es war das erste Werk in Deutschland, in dem dieses Düngemittel in industriellem Maße gefertigt wurde. 1913 produzierten die BStW bereits 20.000 Tonnen. bis Ende des ersten Weltkriegs stieg die Produktion auf über 200000 Tonnen. Davon wurde der größte Teil per Bahn verfrachtet. Der maßgebliche Rohstoff Carbid, aus Kalk und Koks gewonnen, wurde anfangs in der Carbidfabrik Schalchen (1910 bis 1925 in Betrieb), ab 1919 im 15 km nördlich gelegenen Hart an der Alz erzeugt.

Trostberg war damals schon von Traunstein her an das bayerische Eisenbahnnetz angeschlossen. Den Güter- und Personentransport von Trostberg nach Norden besorgte aber noch neben diversen Fuhrunternehmen die »Motorpostlinie Trostberg-Altötting«.

Nach der Errichtung der bayerischen Tauernbahnstrecke 1908 von Mühldorf über Garching nach Freilassing wurde schliesslich von den Gemeinden an der Alz darauf gedrängt, die Lücke zwischen Trostberg und Garching zu schliessen und damit eine durchgehende Verbindung zwischen Traunstein und dem ostbayerischen Bahnnetz mit dem Knoten Mühldorf herzustellen. Der Aufbau der Kalkstickstoff-Aktivitäten im Alztal war ein zweiter nicht unwesentlicher Grund für den Bau der Bahnstrecke, nutzten doch die Stickstoffwerke fortan die Schiene zum Gütertransport zwischen ihren Standorten.

Im Heimatmuseum Trostberg ist übrigens die Bahnstrecke symbolhaft dargestellt: Im Maßstab 1:86 zieht eine Dampflok der Baureihe 50, wie sie bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts am Bahnhof Trostberg stationiert war, die typischen Karbid-Flaschenwagen der SKW, die vermutlich schon vielen Lesern auf der Strecke zwischen Hart und Trostberg aufgefallen sind

Vor hundert Jahren war die Bahn das wichtigste Verkehrsmittel. Autos gab es nur wenige, und für weitere Reisen oder den Gütertransport gab es kaum Alternativen zur Eisenbahn. Ab dem 15.11.1910 verkehrten an 7 Tagen in der Woche vier Personenzugpaare und zwei Güterzugpaare. Die Strecke Traunstein-Garching warf schon in den ersten Jahren Gewinne ab. Seit jener Zeit aber, vor allem in den letzten vierzig Jahren, hat sich vieles geändert. Fast jede Familie besitzt mindestens ein eigenes Auto, ein dichtes Straßennetz ermöglicht schnellen Transport von Personen und Gütern über beliebige Routen zu Zielen weitab von Bahntrassen. Der Individualverkehr steht im Vordergrund, der öffentliche Personenverkehr tritt in den Hintergrund und wird nicht selten zum Zuschußbetrieb. Die Bahn – zu weit weg, zu langsam, zu wenig oft – das sind die Gründe, warum viele lieber das eigene Auto nehmen. Als Autofahrer fühlt man sich frei, in seiner Zeiteinteilung nicht durch Fahrpläne eingeengt. Und wenn man auch oft irgendwo im Stau steht, an die Alternative, mit der Bahn zu fahren, denken da leider die wenigsten. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum heute kaum einer weiss oder es kaum einen interessiert, daß die Bahnstrecke Trostberg-Garching am 14. November ihren 100. Geburtstag feiern kann. »Wir müssen sie erhalten«, meint Garchings Bürgermeister Wolfgang Reichenwallner und erhofft sich starken Aufwind, wenn »hoffentlich bald der zweigleisige Ausbau der Strecke Mühldorf-Freilassing kommen würde.« Alfred Mauerer vom Heimatverein Garching, hatte bereits zum »Tag des offenen Denkmals« am 12.September eine kleine Ausstellung »100 Jahre Bahnstrecke Garching-Trostberg2 organisiert.

Die meisten Bahnstrecken, die noch in Betrieb sind und in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag feierten, begingen dieses Jubiläum gebührend mit Sonderzugfahrten und anderen Veranstaltungen.

Für die Garchinger Strecke wird es wohl eher ein stiller Geburtstag. Nicht zuletzt vielleicht deshalb, weil am 14.November 2010 "Totensonntag" ist. Laut bayerischem Feiertagsgesetz ist dies ein »stiller Tag«, und an stillen Tagen sind öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen, die nicht dem ernsten Charakter dieses Tages entsprechen, verboten.

Aber gratulieren dürfen wir und sie nicht vergessen, schon unserem Umweltbewußtsein zuliebe. Unsere Schüler nutzen die Bahn nach wie vor intensiv, der Alpenverein propagiert »umweltschonend in die Berge« zu fahren, und die Firmen im Alztal nutzen ebenfalls die Bahn für ihren Gütertransport. Vor allem die AlzChem-Gruppe als größter Nutzer der Bahnstrecke stellte in ihrem im Internet veröffentlichten Umweltbericht heraus, wieviel Tonnage sie 2008 umweltschonend auf der Schiene transportierte, nämlich fast sechshunderttausend Jahrestonnen. Also Glückwunsch zum 100sten und fahr weiter, Traun-Alz-Bahn!


Arthur G. Pauli



46/2010