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Jahrgang 2008 Nummer 33

Ein orientalisches Schloss auf der Alm

Das Köngsschloss Ludwigs II. auf dem Schachen

Das Schachen-Schloss auf dem Schachen im Wettersteingebirge

Das Schachen-Schloss auf dem Schachen im Wettersteingebirge
Büste König Ludwigs II.

Büste König Ludwigs II.
Der maurische Salon im Obergeschoß

Der maurische Salon im Obergeschoß
Heute besuchen wir König Ludwig II. in seinem Schloss auf dem Schachen oberhalb von Garmisch-Partenkirchen. Den König, der schon 1886 gestorben ist, werden wir zwar nicht antreffen; wir werden aber vieles erfahren, was zum Verständnis der von der Realität fernen Märchenwelt Ludwigs von Bedeutung ist. Auch in seinem Schloss auf Herrenchiemsee, das dem Leser der Chiemgau Blätter bekannt sein dürfte, hat Ludwig seine Traumwelt in einem Prunkschloss umgesetzt. Ein Vergleich von Schloss Schachen mit Herrenchiemsee lässt einige Parallelen in der baulichen Verwirklichung realitätsferner Vorstellungen des Königs erkennen. Die Illusion vom fernen Orient auf dem Schachen und das Leben am französischen Hof im 17. Jahrhundert sind austauschbar.

In seinem Schloss auf Herrenchiemsee hat sich Ludwig gleichsam als »Untermieter« des französischen Königs Ludwigs XIV. gesehen. Dass der französische König schon zu Lebzeiten Ludwigs vor rund zwei Jahrhunderten gestorben war, focht Ludwig nicht an. Auch die Lage des Schlosses auf der Herreninsel im Chiemsee, weitab von seiner Residenzstadt, gibt einen Hinweis auf den Charakter Ludwigs II. Ob in der unzugänglich erscheinenden Bergwelt oder auf einer Insel im Chiemsee, immer wollte der König mit der abgeschiedenen Lage seiner Residenzen seine Weltfeindlichkeit zur Schau stellen. In Herrenchiemsee wollte der König nach der von den Bourbonenkönigen geübten »Bettregierung« seine Minister im Bett empfangen. Ebenso ungewöhnlich und dazu noch beschwerlich war der Empfang der Minister und anderer Bediensteter auf dem Schachen.

Wenn wir mit dieser Erinnerung an Herrenchiemsee einen Besuch des Schachen-Schlosses angehen, dann wird uns dabei vieles, was in der Vorstellungswelt König Ludwigs verwurzelt ist, etwas verständlicher erscheinen. Da das Schachenschloss in einer reizvollen Umgebung des Wettersteingebirges liegt, sei auch noch ein Wandervorschlag vorweg gestellt. Der Schachen ist ein Almengelände im Wettersteingebirge, das von Garmisch aus über die Parnachklamm oder auf bequemerem, allerdings etwas längerem Weg von Mittenwald aus über Schloss Elmau zu erreichen ist. Auch ohne den Schlossbesuch wäre der Schachen ein lohnendes Wanderziel. Die saftig grünen Almenwiesen, von den steil aufragenden Felskämmen des Wettersteins überragt, bieten eine grandiose Aussicht von der Dreitorspitze über das Rheintal hinweg zur Zugspitze und zur markanten Form der Alpspitze. Tief unten, wie aus einer Spielzeugkiste, liegen die Häuser von Garmisch und davon abgegrenzt von Partenkirchen.

Übrigens ist auch der unterhalb des Schachenschlosses angelegte Alpenpflanzgarten mit vielen, seltenen Pflanzen einen Besuch wert. König Ludwig hatte ein feinsinniges Gespür für Orte in den Bergen, die wegen ihrer besonderen Lage auf Menschen einen besonderen Reiz ausüben. Das Gefühl, dass hier der Mensch mit der Natur noch im Einklang leben kann, dass man hier bleiben möchte bis in alle Ewigkeit, kann der besinnliche Wanderer auch heute noch nachempfinden.

Ludwig hatte sich auch an anderen, vergleichbar romantisch gelegenen Orten Residenzen für seinen Rückzug bauen lassen. Zwischen Kochel- und Walchensee in der Vorderriss, am Hochkopf und am Herzogstand standen einst königliche Jagdhäuser, die schon der Vater Maximilan hatte errichten lassen, der hier seiner Jagdleidenschaft nachging, während Ludwig nichts vom Jagen hielt. Die königlichen Residenzen in den Bergen, von denen heute übrigens nur noch die Herzogstandhäuser erhalten sind, waren für den einsamen König Zufluchtsorte vor der Welt und wahrscheinlich auch vor sich selbst.

Das galt besonders für das Schachenschloss. Was für den König ein Traumschloss war, wurde bald für seine Umgebung zum Alptraum. Ludwig erwartete von seinen Bediensteten die gleiche Begeisterung für Romantik und weltabgeschiedene Einsamkeit. Wenn die zum Rapport auf den Schachen beorderten Minister über den weiten und beschwerlichen Weg von München her klagten, sah dies der König als bürgerliche Banalität.

Als das Schloss im August 1872 fertig gestellt war, mussten die Minister von München her schon bis Mittenwald eine lange Reise auf sich nehmen. Von da an fuhren die Kutschen auf der neuen Bergstraße durch einsame Bergwälder, die damals noch mit einem Hauch von Unheimlichkeit behaftet waren. Die Sagen erzählen von Unholden und bösen Geistern, die auf den Gipfeln der Berge wohnen und die Menschen ins Verderben locken. Da der König seine Minister meist zur abendlichen Stunde empfing und der Rückweg dann noch nachts anzutreten war, wurde die Fahrt zum Schachen für die betroffenen Hofbediensteten zum Alptraum.

Für den Bau der Bergstraße zum Schachen konnte die Trasse eines bestehenden Almweges verwendet werden. Dieser führte zu der schon seit 1403 bestehenden Wettersteinalm. Der Bau derartiger Bergstraßen war in der damaligen Zeit eine große Herausforderung an das technische Können. Zusätzlich musste die Straße so breit ausgebaut werden, dass der König mit einer vierspännigen Karosse sein Schloss erreichen konnte. Zunächst diente die Straße zur Beförderung des Baumaterials.

Danach wurde auf der Straße alles transportiert, was für den Unterhalt des Schlosses und für die Versorgung der Gäste notwendig war. Besonders aufwändige Transporte waren notwendig, wenn es galt, die vom König angeordneten Feste vorzubereiten. Dabei wollte Ludwig nicht auf den gewohnten Komfort verzichten. Der Leibkoch des Königs, Theodor Hierneis, berichtet darüber in seinen Erinnerungen, welcher Aufwand getrieben werden musste, um Geschirr, Kochtöpfe und anderes Material neben den vorbereiteten Speisen auf die Alpenresidenz Ludwigs zu transportieren.

Wenn wir heute Wanderer vom Schloss Elmau aus zum Schachen begleiten, dann wissen sie den gut ausgebauten Königsweg zu schätzen. Am Schachen werden sie in dem stattlichen Berggasthaus einkehren, wo in vielen Souvenirs und in Bildern an den Wänden an den König erinnert wird. Sogar die Speisekarte ist noch erhalten, aus der das dem König servierte Geburtstagsmenu zu ersehen ist. Gestärkt nach einer Brotzeit, wird man sich dem Führer anvertrauen, der die Besucher zu dem auf einer leichten Anhöhe gelegenen Schloss des Königs begleitet.

Da stehen wir nun vor dem zweistöckigen Holzhaus im Stile eines Schweizer Chalets. Mit einem breiten Satteldach und einem von Säulen gestützten Vorbau zur Talseite hin wirkt es in dieser Umgebung befremdlich. Die filigrane Holzverzierung unter dem Dach lockert das Mittelfeld des Bauwerks merklich auf. Der Schlossführer hat uns auf dem Weg vom Berggasthof zum Schloss schon vom König, von seiner Liebe zu den Bergen und wie es zum Bau des Schachenschlosses kam, erzählt. Dann dreht sich der riesengroße Eisenschlüssel im Schloss; Wir betreten die unteren Aufenthaltsräume des Schachenschlosses. Das Schlafzimmer für den König und drei Räume für die Gefolgschaft sind mit dunklen Zirbelholzwänden verkleidet. Eine Büste des Königs in der Ecke wurde erst nach dem Tode Ludwigs hier aufgestellt.

Eine enge Wendeltreppe führt in das Obergeschoß zum maurischen Salon. Decke und Wände sind mit filigranen Holzschnitzereien verziert, wie wir sie von Linderhof her kennen. Das durch die bunten Fensterglasscheiben fallende Licht verändert die Stimmung im Wechsel der Tageszeiten. In den Ecken des Salons stehen riesige Vasen und an den Seiten Sofas hinter kleinen Tischchen. Die Mitte des Salons nimmt ein Brunnen ein, aus dessen übereinander gesetzten Schalen Wasser herabrieselt. Darüber dient ein Aufsatz zur Verbrennung wohlriechender Kräuter.

Hier also saß der König in der Mitte seiner Lakaien, die er zum maurischen Fest auf dem Schachen eingeladen hatte. Auch wenn die Diener über den Mummenschanz lächelten und im Geheimen ihren Spott damit trieben, so war sich doch jeder der großen Ehre bewusst, die die Einladung für ihn bedeutete. Die Biographin des Königs, Luise Kobel, hat in ihren Erinnerungen eine Szene eines Festes im türkischen Salon so beschrieben:

»Hier saß in türkischer Tracht Ludwig II. lesend, während der Tross seiner Dienerschaft als Moslems verkleidet, auf Teppichen und Kissen herumlagerte, Tabak rauchend und Mokka schlürfend, wie der königliche Herr es befohlen hatte, der dann häufig überlegen lächelnd die Blicke über den Rand seines Buches hinweg auf die stilvolle Gruppe schweifen ließ. Dabei dufteten Räucherpfannen und wurden große Pfauenfächer durch die Luft geschwenkt, um die Illusion noch täuschender zu machen.«

Bleibt die Frage, was den König veranlasst haben mag, ein türkisches Schloss mitten in den bayerischen Bergen zu bauen und sich dort exotischer Lebensart hinzugeben. Die Vorstellung einer türkischen Kultur und Lebensart war dem König durchaus vertraut. Auf der Weltausstellung in Paris 1867 wurde Ludwig von der Faszination des Orientalischen beeindruckt. Ludwig ließ nach einem geeigneten Architekten nachforschen und stieß so auf Carl von Diebitsch, der als Hofarchitekt des ägyptischen Vizekönigs eine Reihe von Bauwerken geplant und gebaut hatte. In Berlin hatte Diebitsch Wohn- und Geschäftshäuser im maurischen Stil gebaut. Auch der maurische Kiosk im Park von Linderhof ist ein Werk von Diebitsch.

Das Schloss auf dem Schachen war gerade fertig geworden, als Ludwig den Entschluss fasste, im Graswangtal bei Linderhof einen byzantinischen Palast zu bauen. In den Gemächern des Palastes wollte der König byzantinisches Hofzeremoniell einführen. Damit verbunden war die totale Unterwerfung der Untergebenen vor dem Herrscher. Bei dessen Herannahen hatten sich die Diener mit der ganzen Länge ihres Körpers auf den Boden zu werfen. Ludwig wollte also nicht nur fremde Baustile kopieren, sondern auch in seinen Residenzen die damit verbundenen Umgangsformen übernehmen. Von dieser Vorstellung aus ist auch das Königshaus auf dem Schachen zu betrachten. Der türkische Salon war als Theaterkulisse gedacht. Auf dieser Bühne hatte der König seine Auftritte als orientalischer Herrscher, der von seinen Dienern in byzantinischer Kleidung umgeben war.

Schon vor der Planung des Schachenhauses hatte sich Ludwig intensiv mit Literatur über orientalische Architektur beschäftigt. Dabei stieß er auf das Buch »Konstantinopel und die Szenerie der sieben Kirchen in Kleinasien« von Thomas Allon. In diesem Buch fand Ludwig einen Stich der türkisch eingerichteten Räume des Schlosses Eyoub bei Istanbul. Davon war der König fasziniert. So musste sein Schloss auf dem Schachen aussehen.

Ludwig beauftragte unmittelbar, nachdem er dieses Buch gelesen hatte, den Architekten Röhrer, das Schloss auf dem Schachen nach dieser Vorlage zu planen. Als Röhrer darauf hinwies, dass die Mitte des Festsaales unausgefüllt sei, suchte Ludwig eine Vorlage in Allons Buch und fand dort den Brunnen eines türkischen Kaffeehauses für die Mitte des Saales. Während für die Ausstattung des Salons im Schachenschloss ein türkisches Schloss und ein Kaffeehaus als Muster genommen wurden, ergänzte der König die Ausstattung des türkischen Salons nach seinen eigenen, phantastischen Vorstellungen. Zur Beleuchtung wurden an der Decke Lüster und Ampeln aus buntem Glas aufgehängt.

Auf Räucherschalen wurden wohlriechende Kräuter verbrannt. Die Duftwolken wurden mit Fächern aus Straußenfedern im Raum verteilt. Durch die Fenster aus buntem Glasmosaik drang nur spärliches Licht. Für die orientalisch gekleidete Dienerschaft standen kleine Tischchen vor den Sofas an den Wänden. Am Rande des leise vor sich hinplätschernden Brunnens saß, in der Tracht eines orientalischen Herrschers, König Ludwig II. Wie in seinen übrigen Schlössern hatte der König jedes Detail selbst entworfen und seine Ausführung überwacht.

Die eigenwillige Art des Königs zur Gestaltung seiner heimlichen Residenzen in den Bergen stieß nicht überall auf ungeteilte Zustimmung. Neben dem Vorwurf der Geldverschwendung musste sich Ludwig auch mit der Kritik auseinandersetzen, dass der Schlossbau auf dem Schachen jeden Bezug zur Heimatverbundenheit vermissen lasse. Nahm sich doch das doppelstöckige Haus neben den niedrigen Almenhütten mit den steinebeschwerten Dächern geradezu grotesk aus.

Doch das focht den König nicht an. Er konnte sich schließlich darauf berufen, dass schon seine Vorfahren fremdländische Baustile in Bayern bevorzugt hatten. Ludwigs Vater, König Maximilian II. hatte von seinem Architekten Bürcklein die Maximilianstraße im englischen Tudorstil gestalten und die Pläne für ein Athenäum, das heutige Maximilianeum, entwerfen lassen. Als das Volk darüber murrte und dem König Geschmacklosigkeit vorwarf, schob er die Schuld seinem Architekten zu, der darüber geisteskrank wurde und sein Leben in einer Irrenanstalt beendete. Der Großvater Ludwigs II. machte aus seiner Vorliebe für die Antike kein Hehl und ließ die Ludwigsstraße mit Bauwerken aus der Renaissance und den Königsplatz mit griechischen Tempeln zieren. Bei Regensburg ließ er die Walhalla als griechischen Tempel bauen.

Ludwig II. hatte also von seinem Vater und Großvater genügend Vorbilder für fremde Baustile erhalten. In einer Beziehung unterschieden sich aber die Bauten Ludwigs II. von denen seiner Vorfahren. Ludwig I. und Maximilian hatten für das Volk gebaut; Ludwig II. dagegen nur für sich allein. Nach seinen eigenen, überlieferten Worten sollte das Volk davon abgehalten werden, seine Schlösser zu »besudeln«. So war auch das Schachenschloss kein Jagdhaus und keine Residenz für rauschende Feste einer heiteren höfischen Gesellschaft, sondern ein Ort der Einsamkeit, der den König immer mehr zu sich zurückführte.

Am 24. April 1885 feierte Ludwig II. auf dem Schachen seinen 40. Geburtstag. Nachts saß er im türkischen Salon im Scheine der Kerzen. Das schon oft geübte Zeremoniell ließ ihn ganz in seine orientalische Traumwelt versinken. Nachdem der König aus einer Schrift vorgelesen hatte, schwieg er lange Zeit. Die Diener wagten kaum zu atmen. Was mochte in ihm vorgehen? Was mochte die Triebfeder für das sich jeder verständigen Norm entziehenden Handeln sein? Nach seinem 40. Geburtstag auf dem Schachen sollte der König nur noch ein Jahr und zwei Monate zu leben haben. Am 13. Juni 1885 fand er zusammen mit seinem Arzt im Starnberger See den Tod. Über der Welt seiner einsamen Residenzen, zu denen auch das Schachenschloss gehört, steht das Wort, das von Ludwig selbst überliefert wird: »Ein ewiges Rätsel will ich bleiben, mir und den anderen.«

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur: Hans Nöhbauer »Auf den Spuren König Ludwigs II.« Prestel Verlag.



33/2008