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Jahrgang 2012 Nummer 48

Ein Nikolaustag in den Kriegsjahren um 1940

Michl und Lenerl warten gespannt auf den Nikolaus

Es ist der 5. Dezember irgendwann in den Kriegsjahren um 1940 herum, der Tag, an dem am Abend der Nikolaus kommt. Von den abgelegenen Höfen draußen auf dem Land, dringt nur ein fahler Lichtschein in den anbrechenden Morgen hinaus. Vor einer Woche hat es zu schneien angefangen, sodass schon eine feste Schneedecke auf den Wiesen und Feldern liegt.

Lange zuvor hatte der Bauer zusammen mit dem Knecht den schweren, hölzernen Spitzschneepflug hergerichtet. Auch in der vergangenen Nacht hatte es wieder geschneit. Deshalb spannen beide noch im Finstern den Fuchs und den Blass vor diesen, um das Straßerl zum Hof herauf für den »Millifahrer« (Milchfahrer) auszuräumen. Derweilen sind im Stall draußen Marie und Rosi, die zwei Mägde, schon mit dem Melken fertig.

Das Lenerl mit seinen kaum sechs Jahren, sitzt schon seit »Sechse« in der Früh‘, auf einem Melkschemel hinter den Kühen. Der nur um ein gutes Jahr ältere Michl ist lieber beim Anderl im Rossstall. Dort ratscht er so gerne mit dem schon in die »Jahre gekommenen Knecht«, weil diesem die Geschichten nicht »ausgehen«, die er dem Michl zu erzählen weiß. Am heutigen Tag fängt er schon in aller Früh‘ mit dem Fragen an, – ob der Nikolaus heute auch wirklich zu ihnen herauf kommen wird? Der Anderl mistet gerade bei den Rössern aus und meint, sich auf seine Gabel stützend, bedächtig zum Michl, dass dieser ganz bestimmt zu ihnen heraufkommt. Wie kurz darauf alle mitsammen in der Kuchl drinnen am großen Tisch bei der Morgensuppe sitzen, flüstert der Michl dem Lenerl leise ins Ohr was der Anderl meint.

Es schaut so aus, als wollt‘ es heute gar nicht richtig Tag werden, als kurz darauf der Bauer zusammen mit dem Anderl und den zwei Mägden die knarrende Stiege zum Heuboden hinaufsteigen. Es ist wieder an der Zeit, das lange Heu mit der »Gsodmaschine« für die Kühe zum Füttern abzuschneiden. Die Bäuerin macht sich indessen im Haus zu schaffen; das Holz für den großen Küchenherd und für den Kachelofen in der Stube muss hereingebracht werden. Das Lenerl hilft der Mutter dabei jeden Tag, heute aber wundert diese sich schon recht, wie auch der Michl beim Reintragen fleißig mithilft. Auf Mittag zu schiebt der Postbote schnaufend sein Radl die Anhöhe herauf. Die Bäuerin hat ihn schon vom Küchenfenster aus gesehen und kommt mit einem Haferl heißen Lindenblütentee heraus. Mit einem »Gelts- Gott« zieht er einen Brief aus seiner großen, schwarzen Ledertasche heraus. Da fragt ihn das Lenerl auf einmal, ob er auf seinem Weg durchs Holz vielleicht dem Nikolaus begegnet sei? Dieser schaut daraufhin beide, den Michl aber besonders vielsagend an und meint dabei, es sei eher der Krampus gewesen, den er durch das Dickicht stapfen sah.

Beim Mittagessen drinnen in der Stube fragt Marie die ältere Dirn, den Michl recht scheinheilig, ob er, weil er heut gar so still sei, dem Krampus doch nicht ganz »Über den Weg« traue. Dieser zuckt entgegen seiner sonstigen Redegewandtheit, nur mit den Schultern.

Nach Mittag sind sich die Bauersleute einig, dass die Marie und die Rosi, weil es draußen heute gar so grausig ist, mit der Bäuerin zum Gutelbacken anfangen. Das freut besonders das Lenerl, weil sie ja mithelfen darf. Der Michl aber hält sich den ganzen Nachmittag mit dem Vater in der Werkstatt auf, wo der Anderl schon den alten, eisernen Ofen angeheizt hat, sodass es knistert und kracht. Ganz heimelig ist es dort drinnen und erst als Marie von der Haustür her zur Brotzeit hinüberschreit, merken die Drei, dass es schon ganz finster geworden ist.

Um halbfünfe, wie‘s Zeit zum Stallgehen ist, schleicht der Michl im Rossstall drinnen andauernd um den Vater und den Anderl herum. Bei den zwei kleinen Stallfenstern schaut er heute lieber nicht hinaus. Das Lenerl hingegen sitzt im Kuhstall drinnen vorne im großen Heuhaufen bei den zwei Katzen und späht von Zeit zu Zeit in die Dunkelheit hinaus. Beide bleiben im Stall draußen, bis alle mit der Stallarbeit fertig sind. Die Mutter hat das »Aufdnachtessen« schon hergerichtet, doch es schmeckt heute dem Lenerl nicht so recht, dem Michl aber gleich gar nicht.

Kurze Zeit später sitzen alle gemeinsam in der bacherlwarmen Stube. Der Michl setzt sich ganz brav zum Vater aufs Kanapee neben dem Kachelofen und das Lenerl auf die Ofenbank neben die Mutter. Vorne am großen Tisch unter dem Herrgottswinkel haben sich gerade die Dienstboten zusammengesetzt, als auf einmal schwere Ketten an die Stubenfenster scheppern. Als nun auch polternde Schritte immer näher kommen, steht der Vater, an den sich der Michl geklammert hat auf und meint zu den anderen, dass er doch den Nikolaus hereinlassen müsse. Er schiebt den schweren Riegel der Haustür zurück und bevor sich der Michl noch in die Ecke hinter dem alten Kachelofen verstecken kann, kommt der Nikolaus schon zur Stubentür herein. Jetzt, als der Bub allein mitten in der Stube steht, springt das Lenerl auf, stellt sich fast schützend neben ihren älteren Bruder und fast wie aus einem Munde kommt es: »Grüß Gott, Nikolaus«. Da schaut sogar der Nikolaus ganz verwundert, streckt den Beiden die Hand entgegen, blickt in die Runde und sagt: »Grüß Gott alle miteinand«. Da rumpelt es hinter dem Nikolaus und hervor kommt mit brummender Stimme, eine große Rute schwenkend, der Krampus hervor. Der Michl und‘s Lenerl zucken erschreckt zusammen, aber da gebietet der Nikolaus diesen zur Ruhe. Er schlägt sein großes Buch auf, liest kurz daraus und meint daraufhin zum Lenerl dass sie nur immer so brav bleiben solle, dann bringt das Christkindl auch bestimmt was Schönes. Den Michl aber mahnt er, dass er schon besser folgen müsse, auch die Marie dürfe er nicht immer so ärgern. Das Lenerl nicht immer tratzen und der Mutter öfter beim Holzhereintragen helfen.

Wie der Krampus daraufhin mit seiner riesigen Rute drohend auf diesen zugeht, hält ihn der Nikolaus zurück. Er befiehlt ihm, den großen, leeren Sack wegzutun und ihm dafür die beiden Sackerl für die Zwei zu geben.

Widerwillig befolgt der Krampus den Befehl; so gibt jetzt der Nikolaus lächelnd jedem sein Sackerl, fragt sie noch, ob sie auch was Beten können? Sie nicken, falten die Hände und fangen auch gleich an: »Jesukindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir...«

»Brav«, lobt sie daraufhin der Nikolaus; er gibt beiden die Hand, sagt »Pfüad Gott« und verspricht ihnen, das Christkindl bestimmt zu ihnen herunter zu schicken. Der Michl und‘s Lenerl sagen »Vergelts Gott« und der Bub sagt noch ganz ernst zu diesem, dass er sich auch bestimmt bessern werde. Nun sagen auch die Erwachsenen alle »Pfüad Gott« zum Nikolaus, der Vater geht noch mit in den Hausgang hinaus, als sich der Krampus noch einmal umdreht und ärgerlich brummt, dass er das nächste Jahr bestimmt den Michl in seinem Sack drinnen hat.

Als jetzt der Vater den schweren Riegel der Haustür wieder vorschiebt, hören sie in der Stube drinnen, wie sich die schweren Schritte langsam vom Haus entfernen. Als jetzt die beiden ihre Säckchen auf dem Stubenboden ausschütten, staunen sie nicht wenig, als zwischen den Guteln, Lebkuchen, gedörrten Zwetschgen und etlichen Feigen, auch für jeden ein schönes Malbuch mit einem roten und einem blauen Malstift dabei ist.

 

Elisabeth Mader


48/2012