Jahrgang 2009 Nummer 5

Ein Muster an Anpassung: Die Wechselkröte

Gelungene Rettungsaktion bewahrt eine Population vor der Vernichtung

Erwachsene Wechselkröte.

Erwachsene Wechselkröte.
Die Wechselkröte steht auf der Roten Liste der in Bayern vom Aussterben bedrohten Tiere und ist nur noch an wenigen Plätzen zu finden. Der Rückgang der früher weit verbreiteten Lurchart hängt mit der Veränderung unserer Landschaft, speziell der Regulierung vieler Bäche und Flüsse zusammen. Ihr bevorzugter Lebensraum waren die ausgedehnten Kiesbänke, die zeitweise trocken lagen, zeitweise von Wasser bedeckt waren und der Wechselkröte als ideale Laichgewässer dienten. Durch die Flussregulierungen, den Bau von Staustufen, die Trockenlegung von Tümpeln und die Anlage von befestigten Uferwegen sind jedoch viele periodische Kleingewässer und damit die notwendige Lebensgrundlage der Wechselkröte stark eingeengt worden oder gar verschwunden.

Durch ihren hellgrau bis grünlich gefärbten Rücken mit dunkelgrünen Flecken und einzelnen kleinen roten Punkte lässt sich die Wechselkröte leicht von anderen Krötenarten unterscheiden. Wie alle ihre Verwandten ist sie vorwiegend in der Dämmerung und bei Nacht aktiv, wo sie auf Nahrungssuche nach Würmern, Schnecken und Insekten geht. Die Laichzeit reicht von April bis Juli. Zum Ablaichen begeben sich die meist etwas lebhafter gefärbten Weibchen zu einem nahen Gewässer, das die Kaulquappen zu ihrer Entwicklung benötigen. Im Gegensatz zu den Jungtieren vertragen die erwachsenen Wechselkröten Trockenzeiten sehr gut, weil sie die feste drüsenbesetzte Haut vor dem Austrocknen schützt.

Über die Entstehung ihres Namens gibt es keine einheitliche Ansicht. Nach der einen Theorie hat ihre mitunter recht unterschiedliche Färbung den Namen Wechselkröte verursacht, eine andere Theorie bezieht den Namen auf die Tatsache, dass Wechselkröten in der Lage sind, wowohl im Süsswasser wie im Salzwasser zu leben. Sie haben nämlich die Fähigkeit entwickelt, bei Bedarf den Harnsäuregehalt im Blut so zu erhöhen, dass das Eindringen von Salzwasser in die Haut verhindert wird – eine Anpassung an unterschiedliche Umweltbedingungen, die im Tierreich äußerst selten vorkommt.

Heimat der Wechselkröte sind die trockenen, vegetationsarmen Steppen in Asien mit periodischen, oft salzhaltigen Seen. Vorn dort breitete sie sich allmählich bis nach Europa aus; stark vertreten ist sie etwa in der Ungarischen Tiefebene. Dass sie auch in das eher kühl-feuchte Oberbayern vorgedrungen ist, stellt einen weiteren Beweis für ihre Anpassungsfähigkeit dar. Voraussetzung für ihr Vorkommen ist in jedem Fall ein kleines oder größeres Gewässer, sei es eine Pfütze oder ein See, in dem sich die jungen Kröten entwickeln können, ohne ihren landlebenden Feinden – Libellen und Fluginsekten – zum Opfer zu fallen.

Wie die übrigen Krötenarten überwintert die Wechselkröte an Land und vergräbt sich einzeln oder zu mehreren in lockerem Boden. Wenn sie – meist im März – aus der Winterruhe erwacht, wandert sie zum Laichgewässer, wo sich bereits die Männchen eingefunden haben und die Weibchen mit ihren Rufen herbeilocken. Das Männchen umklammert seine Partnerin hinter deren Vorderbeinen und das Paar schwimmt solange umher, bis das Weibchen in Berührung mit irgendeiner Wasserpflanze kommt. Dort beginnt es seine Eier in langen Schnüren auszustoßen, die das Männchen besamt. Dieser Vorgang kann mehere Stunden dauern. Insgesamt werden vier- bis fünftausend Eier abgelegt.

Durch ihre Flexibilität ist es möglich, Wechselkröten in andere Standorte umzusiedeln, wenn der alte Lebensraum bedroht ist. Ein Beispiel dafür liefert eine von dem Umweltaktivisten Dr. Götz Fenske angeregte Umsiedlungsaktion im Landkreis Altötting. Dort drohte in der Nähe von Töging am Inn ein Kleingewässer mit einer Wechselkröten-Population am Bau eines Teilstücks der A 94 Pocking-München zum Opfer zu fallen. Dr. Fenske machte sich auf die Suche nach einer Ersatzfläche und fand eine solche in einer ehemaligen Kiesgrube in der Nähe des St. Anna-Kirchleins in Neuötting. Mit Unterstützung des Kiesgrubenbesitzers und der Autobahndirektion Süd wurde der Biotop entsprechend umgestaltet, dann brachte man die Tiere an den neuen Standort, der sich in der Nähe der Innauen befindet. Die Tiere haben den neuen Platz ohne Schwierigkeit angenommen. Einige Monate nach der Aktion wurden schon rund hundert Jungtiere gezählt.

»Die Wechselkröte ist jetzt eine Kiesgruben-Art geworden«, erklärt Dr. Fenske. Von ihrer neuen Ansiedlung in Neuötting aus könnten sich die wanderfreudigen Tiere bei Bedarf weiter in Richtung Innauen ausdehnen und dort zusätzlichen Lebensraum gewinnen. »Das Beispiel beweist, dass es möglich ist, einer vom Aussterben bedrohten Tierart das Überleben zu sichern, wenn man ihr rechtzeitig geeignete Lebensbedingungen zur Verfügung stellt«, fasst Dr. Götz Fenske die gewonnen Erfahrungen zusammen.

Julius Bittmann



5/2009