Jahrgang 2020 Nummer 46

Ein Museum für den vierten Stamm Bayerns

Rundgang durch das neue Sudetendeutsche Museum in München

Neben den Altbaiern, Schwaben und Franken wurden die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertriebenen Sudetendeutschen der vierte Stamm Bayerns genannt. Ihnen ist das neueste Museum in Bayern gewidmet, das Sudetendeutsche Museum in der Hochstraße in München, das Ministerpräsident Markus Söder seiner Bestimmung übergab. In die Baukosten von 26 Millionen Euro haben sich Bund und Freistaat geteilt. Entstanden ist ein architektonisch faszinierender Bau mit einer Fassade aus Naturstein und Messing, kein Raum mit einer rechtwinkligen Ecke, gestaltet vom Münchner Architekten Johannes Probst und Partnern.

An der Eingangsfront des Museums steht ein Satz des einstigen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, den dieser vor dem Deutschen Bundestag im Jahre 1979 gesprochen hat: »Es gibt nichts Geringeres und nichts Größeres als das Erleben namens Heimat«. Der Begriff Heimat zieht sich als roter Faden durch das nach modernsten museumspädagogischen Methoden gestaltete Haus. Zahlreiche Wissenschaftler und nicht zuletzt die Sudetendeutsche Stiftung als Trägerin des Hauses haben in jahrelanger Kleinarbeit alte Gebrauchsgegenstände, Trachtenkleidung, Bilder, Briefe, Zeitungen, Spielwaren, Liederbücher und anderes Archivmaterial zusammengetragen, dazu kommen Leihgaben aus tschechischen Museen, so wie auch tschechische Experten, die als Berater mitgewirkt haben.

Für die Gründung des Museums war es höchste Zeit, betonte die Staatsministerin Monika Grütters (Berlin) bei der Eröffnung. Die Erlebnisgeneration der Sudetendeutschen ist zum größten Teil gestorben, ihre Kinder und Enkel haben sich in die einheimische Bevölkerung integriert und die Bezeichnungen »sudetendeutsch« und »Sudetenland« geraten mehr und mehr in Vergessenheit. Insofern dient das Sudetendeutsche Museum der Aufklärung vor allem der jüngeren Generation. Es entwirft anhand von 900 interessanten Exponaten ein Bild von dieser alten deutschen Kulturlandschaft, von ihrer Geschichte, ihrem Brauchtum und ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Identität. Gleichzeitig macht es deutlich, wohin übersteigerter Nationalismus führt.

Der fast 400 km lange Gebirgszug der Sudeten mit den höchsten Erhebungen Schneekoppe und Altvater war der Namensgeber für die Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Jahrhundertelang gehörte das Land zur ÖsterreichischUngarischen Monarchie. Nach dem 1. Weltkrieg wurde es auf Beschluss der Siegermächte gegen den Willen der Bevölkerung Teil der neugegründeten Tschechoslowakei. Von Anfang an eine ungeliebte Verbindung! Obwohl die Deutschen ein Drittel des Staatsvolks ausmachten, hatten sie Anlass, über mangelnde Gleichberechtigung zu klagen. Mit der Parole »Heim ins Reich« gerieten die Sudetendeutschen ins Schlepptau Hitlers, der sie zum Werkzeug seiner Ostpolitik machte. Der von ihm geschaffene Sudetengau zählte 3,5 Millionen Einwohner, Gauhauptstadt war Reichenberg. Nach der deutschen Niederlage 1945 beschloss Tschechien, sich mit der als »Odsun« (Abschub) bezeichneten Vertreibung der deutschen Minderheit ein für allemal zu entledigen. Von den rund drei Millionen Deutschen fanden rund ein Drittel in Bayern eine neue Heimat.

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt im vierten Stockwerk. Eine Tondusche nimmt den Besucher in Empfang, man hört Gesprächsfetzen in deutscher, tschechischer, jiddischer und polnischer Sprache, ein Hinweis für das multisprachliche Sudetenland. Ein Erbe der k.k. Monarchie mit ihren über ein Dutzend Nationalitäten und Idiomen. Für Insider gedacht ist die Hörstation mit Mundartproben vom Böhmerwald bis zum Kuhländchen. Wer weiß, wie lange sich noch jemand findet, der sie auf Anhieb identifizieren kann.

Herrscher aus dem böhmischen Geschlecht der Premysliden begannen seit dem 12. Jahrhundert, das dicht bewaldete böhmisch-mährische Grenzgebiet unter den Pflug zu nehmen. Die von ihnen ins Land geholten Siedler kamen aus Bayern und Sachsen, dem Rheinland und Schlesien. Sie machten das Land urbar, gründeten Städte und trieben Handel. Ihr Fleiß und Erfindungsgeist ließ sie zu Spezialisten werden, deren Produkte im Museum zu bestaunen sind: Gablonzer Modeschmuck, Spitzen aus dem Erzgebirge, Schönbacher Musikinstrumente, Kunert-Damenstrümpfe, Klöppelarbeiten aus dem Isergebirge, Thonet-Möbel aus Mähren und der Kräuterlikör »Altvater«. Auch das längste Serienmotorrad der Welt, die 3,30 Meter lange, dreisitzige »Böhmerland« kommt aus dem Sudetenland – desgleichen der erste Gartenzwerg. Und natürlich gibt es eine Reihe Persönlichkeiten, die aus dem Sudetenland stammen oder dort ihre Wurzeln haben, von Ferdinand Porsche und Harald Schmidt bis Otfried Preussler und Luise Kinseher.

Mit dem Auseinanderbrechen der friedlichen Koexistenz von Deutschen und Tschechen befasst sich der letzte Teil des Rundgangs. Bilder, Plakate, Broschüren und Hörstationen lassen die aufgeheizte Stimmung des übersteigerten Nationalismus lebendig werden. Der Einmarsch Hitlers ins Sudetenland und die Besetzung Böhmens traumatisierten die Tschechen, ihre Vertreibung der Deutschen nach dem Ende von Nazi-Deutschland kam einem Genozid gleich. »Es war kein Akt der Gerechtigkeit, es war Rache«, urteilte später Vaclav Havel. Alle Sudetendeutschen wurden ohne Entschädigung enteignet, schikaniert, mussten die Kennzeichnung N (Nemec = Deutscher) tragen und wurden über die Grenze abgeschoben. Holzkisten für die 30 kg Gepäck und ein Leiterwagen sind im Museum traurige Symbole der Vertreibung.

»Nachkriegszeit und Neubeginn« heißt die letzte Station des Rundgangs, in der die Aufbauleistung der Sudetendeutschen gewürdigt wird. Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte, die man anhand vieler Beispiele nachvollziehen kann. Die Vertriebe nen bauten sich nicht nur eine neue Existenz auf, sondern gründeten neue Ortschaften wie Neugablonz, Traunreut, Waldkraiburg und Bubenreuth. Tagungen, Besuchsfahrten in die alte Heimat und die Übernahme von Städtepartnerschaften waren Schritte zur Versöhnung von Tschechen und Deutschen in einem friedlichen, von alten Ressentiments freien Europa. Bernd Posselt, der Sprecher der Volksgruppe, brachte es bei der Museumseröffnung auf den Punkt: »Wir Sudetendeutschen leben nach der Devise 'Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß nicht wohin er geht, weil er nicht weiß, wo er ist.'«

Das Museum ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, bis Jahresende bei freiem Eintritt. Anmeldung und Info Tel. (089) 4800 0337.

 

Julius Bitttmann

 

46/2020

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