Jahrgang 2001 Nummer 7

Ein Münchner Haus von Weltruf

Das Bayerische Nationalmuseum ist über 100 Jahre alt

Hätten sie nicht so eifrig gesammelt, die Wittelsbacher – allen voran Herzog Albrecht V. und sein Sohn Kurfürst Maximilian I. –, so hätte es keiner repräsentativen Großbauten gebraucht, um all die aufgehäuften Schätze der bayerischen Fürsten unterzubringen. Freilich, die mit Kunstdingen vollgestopften Raritätenkabinette und Wunderkammern des Hochadels sollten ja auch bald dem »gemeinen Volke« zugänglich gemacht werden. Und so war es kein Wunder, daß sich vor rund 150 Jahren vieles regte, was in die Richtung »Kunst für alle« zielte. Namentlich König Maximilian II. (1848-1864) ließ sich nicht lumpen. Angefeuert von der 1853 in Dresden tagenden Versammlung der deutschen Geschichts- und Altertumsforscher, die auf die Gründung eines Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg drangen, kam dem bildungsbeflissenen Herrscher der Vorschlag seines treuen Staatsdieners Karl Maria von Aretin nur recht, in München ein »Wittelbachisches Museum« zu errichten.

Was heute in der Prinzregentenstraße steht und die Hausnummer 3 trägt – prachtvoll hingestreckt und zumindest in seiner Fassade seit kurzem in neuem Glanz erstrahlend –, wurde allerdings erst an dritter Stelle zum »Bayerischen Nationalmuseum«. Zunächst wurden die Kunstschätze auf dem Maximiliansforum einigermaßen zur öffentlichen Wirkung gebracht. Dann wurde, nach achtjähriger Bauzeit der Bau des Bayerischen Nationalmuseums gegenüber dem Regierungsgebäude von Oberbayern (dem heutigen Völkerkundemuseum) fertig. Das war 1867. Doch schon nach kurzer Zeit war das Haus zu klein, zu baufällig – und es ging erneut los: ein großes, geräumiges Bayerisches Nationalmuseum mußte her! Am 17. Mai 1892 bewilligte endlich die Bayerische Staatsregierung einen Neubau an der Prinzregentenstraße und stellte dafür gut viereinhalb Millionen Mark zur Verfügung.

Drei Projekte, bekannter Münchner Architekten – Leonhard Romeis, Georg Joseph von Hauberisser und Gabriel von Seidl – machten sich nun Konkurrenz. Man entschied sich, unter Einbezug des Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach als Gutachter, für den Entwurf des Grabriel von Seidl. Zusammen mit seinem Freund Rudolf von Seitz, der in der Münchner Liebigstraße sein Maleratelier hatte, gelang es Gabriel von Seidl, sein Vorhaben allmählich Wirklichkeit werden zu lassen. Er wurde zum »kgl. Specialkommissär für den Neubau des Bayerischen Nationalmuseums zu München« ernannt und bezog 1894 – es war Sommer – sein Büro im alten Nationalmuseum. Aus ihm wurden drei Jahre später die ersten historischen Holzdecken in den Neubau an der Prinzregentenstraße übertragen.

Beinahe hätte die Isar (zu deutsch: die Reißende) die Fertigstellung des Baus gefährdet; trat sie doch kurz vor Vollendung des Seidl-Vorzeigeobjekts 1899 gewaltig über ihre Ufer und flutete über die Baustelle hinweg! Am 29. September 1900 konnte dann – termingerechter ging’s nimmer! – das Bayerische Nationalmuseum an der Prinzregentenstraße eröffnet werden. In einem Vorbericht der »Münchner Neuesten Nachrichten« war zu lesen: »... zum ersten Male wird die Fluthder schaulustigen, wißbegierigen Menge durch die lichterfüllten Hallen, schimmernden Säle und behaglichen Gemächer strömen, welche jetzt da unten an der Prinzregentenstraße die Schätze des bayerischen Nationalmuseums aufgenommen haben. Das Museum könnte kaum zu einem günstigeren Zeitpunkt eröffnet werden, als jetzt, da Vertreter aller Gaue des Landes als Gäste des Münchner Oktoberfestes Gelegenheit finden zur Bewunderung des Museums, das König Max II. – seinem Volk zu Ehr’ und Vorbild – geschaffen hat.«

Die Feierlichkeiten, denen sich die heutige Leiterin des Bayerischen Nationalmuseums, Renate Eikelmann mit ihrem Team nicht verschloß, bildeten – 100 Jahre später – auf dem Museumsgelände so etwas wie ein Mini-Oktoberfest, während das weltberühmte Volksfest draußen auf der Theresienwiese gerade seinem Ende entgegenging. Mit Stelzentheater und Jazzmusik, einer Biergarten-Blaskapelle und Papiertheater für Kinder, einer Reihe von Führungen namentlich durch die neu erschlossenen Säle und Vorträgen über die verschiedenen Ausstellungsthemen wurde nicht nur im, sondern rund um das Museum gefeiert. Drei volle Tage lang.

Längst ist das Bayerische Nationalmuseum, ideell seit 145 Jahren ein Traum der Münchener, noch nicht im alten Glanze wiederhergestellt. Hitlers hirnrissige Anordnungen – etwa die Zerstörung des Architekturraums zugunsten der Straßenerweiterung – und der Bombenregen des von ihm angezettelten Weltkriegs haben bislang noch immer keinen endgültigen Heilerfolg zeitigen können. Nach und nach werden die schon seinerzeit in ihrer originellen Gestaltung erkannten und hochgelobten Sammlungsräume allesamt erneuert. Mit etwa 300 Objekten wurden erstmals aus Anlaß der Hundertjahrfeier bedeutende Teile der hauseigenen Sammlung zur Kunst des 19. Jahrhunderts in neu eingerichteten Sälen zugänglich gemacht. Noch in diesem Jahr ist vorgesehen, den Platz vor dem Museum von Autos völlig frei zu halten, um das Seidl-Prunkstück noch mehr – nein: jetzt erst recht – zur Geltung kommen zu lassen – nicht anders als vor hundert Jahren.

Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bezeichnete das Bayerische Nationalmuseum nicht zu unrecht als ein »Münchner Haus von Weltruf«. Als »wahres Schatzhaus der bayerischen Geschichte und Kultur« präsentiert es – erweitert durch einen mit 50 Millionen Mark errichteten neuen Restaurationsbau an der Oettingenstraße – derzeit Kunstwerke aus zehn Jahrhunderten.

Hans Gärtner



7/2001