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Jahrgang 2013 Nummer 52

»Ein guot selig ior«

Auf uralten Neujahrs-Wünschen durfte das Christkind nicht fehlen

»Ich haiss ihs« (Ich heiße ihs) – Neujahrswunschblatt, 1460 - 71, vermutlich Ulm.
»Ein guot selig ior« (Ein gutes, glückseliges Jahr) – Neujahrswunschblatt, Ende 15. Jahrhundert.
»Ein gut ior« (Ein gutes Jahr) – Neujahrswunschbildchen, circa 1470, Elsass.
»Sic tibi sit foelix …« (So werde glücklich …) – Neujahrswunschblatt, 16. Jahrhundert.
» … vn e lage lebin …« (… und ein langes Leben) – Neujahrswunschblatt, circa 1470, mittelrheinisch.

Noch vor den Weihnachtstagen kommt in stillen Stunden ein seit langem im Familienbesitz befindliches, mit Sorgfalt gehegtes Buch auf den Tisch, das vor ein paar Jahren gerade noch einem Wasser- und Sturmschaden entkam und auch deshalb besondere Hochschätzung genießt: »Neujahrswünsche des XV. Jahrhunderts«. Paul Heitz gab es im Geburtsjahr der Schwiegereltern, 1899, in seiner eigenen Edition in Strassburg heraus. »Verzeiht, es ist ein groß‘ Ergötzen / Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen!« Dieses Goethe-Wort ließ Heitz auf dem grauen Einband des etwa 36 mal 55 Zentimeter großen, schmalen Folianten drucken. Will man ihn anschauen, sind zwei Leinenbänder zu öffnen.

An 43 Abbildungen in Originalgröße, »wovon 14 auf Papier des XV. Jahrhunderts und 10 farbig« sind, kann man sich nicht satt sehen. Die Vertiefung in die schönen Darstellungen gehört seit langem zum vorweihnachtlichen Ritual. Jedes Jahr wird, seit das Buch im eigenen Hause ist und hier zum gehüteten Print-Inventar gehört, mit einigen Betrachtungen beschlossen – geht es doch um den uralten Brauch, sich an Neujahr und fürs Neujahr viel Gutes zu wünschen. »Ein gout selig jor« oder so ähnlich steht auf jedem der Blätter, die freilich keine Originale, sondern (handkolorierte) Faksimile sind, die sich allerdings zum größten Teil auf »echtem« Papier der Zeit, der sie entstammen, präsentieren – und das muss genügen. Der Herausgeber schreibt sehr ehrlich von den kaum bezahlbaren fast 500 Jahre alten Blättern, zum großen Teil anonymen Holzschnitten, deren Kolorierung oft nur in Andeutung oder unvollständig geschah, was allerdings den Reiz der Blätter eher erhöht als schmälert.

Das imposanteste der eingeklebten zehn farbigen Neujahrswunschblätter erstreckt sich, 42 mal 31 Zentimeter groß, über zwei der grün gefärbten Buchseiten. Es liegt etwa in der Mitte des Buches, das man, um das Blatt zu betrachten, also zu sich her, nach links, drehen muss. Der Jesusknabe sitzt auf einem orientalisch gemusterten Polster mit Quasten auf einem zartgrünen Wiesenstück, von einem geflochtenen Weidenzaun begrenzt. Rechts steht ein sogenannter Maibaum, wie er auf Renaissance- und Barockaltären üblich war und später auch in die Volkskunst übernommen wurde: In einer Vase stecken frische grüne Zweige mit Fantasie- Blumenblüten. Das splitternackte Christkind umgibt ein dreigeteilter, nach innen gezahnter kreisrunder Nimbus. Das »Kindl« trägt eine Kette aus kugeligen roten Perlen, aus denen auch der Reif um die linke Handfessel besteht, und hält einen giftgrün gefiederten Vogel mit beiden Händen fest, der sich sichtlich gegen den festen Zugriff des Knaben sträubt, dem er mit seinem roten Schnabel in die linke Hand beißt.

Auf zwei zusammengehörigen Spruchbändern, die die linke und rechte obere Hälfte des Bildes einnehmen, steht: »Ich haiss ihs das ist wär: Un gib mich uch zu aim gute Jar / Und wer mich Im hertzen lieb Hant Dem gib ich mich an sin leste nät.« Das Jesuskind gibt sich also als »ihs« zu erkennen, als Heiland, vertreten durch das uralte Monogramm, das mit »Jesus – Heiland – Seligmacher« naiv, mit »Jesus« (griechisch) und »in hoc salus, in hoc signo« (Zeichen für das Heil der zu Erlösenden) wohl richtig übersetzt wird. Voraussetzung für die Erlösung aber, so teilt das göttliche Kind mit, sei die unbedingte Liebe der Menschen zu ihm. Heitz vermutet als Druckort Ulm, als Drucker »Meister« Michel Schorpp und als Entstehungszeit die Jahre zwischen 1460 und 1471. Das Original dieses großartigen Blattes fand Heitz in der Marienbibliothek in Halle.

Haupt-Person der für dieses Buch, dessen zweiter Teil Neujahrssprüche und Illustrationen aus alten Kalendern bringt, ist das Christuskind. Bald schreitet es im wehenden Mantel siegessicher aus einer stilisierten Rose in einer geradezu tänzerisch anmutenden Bewegungsgeste heraus, im Hintergrund das Kreuzesholz und von einem mehrmals gewundenen Schriftband begleitet, das den Wunsch präsentiert: »Ein guot selig ior«, bald ist es, mit seiner Mutter und einem Posaune blasenden Engel in einer Art Nussschale als Segelschiff auf hoher See, als Steuermann zu erkennen, der die große Rahe richtet und mit der Linken auf ein Spruchband weist: »Zuch uff den segel wir sint am land / und bringen gut ior manger Hand«.

»Gut ior«, »guot ior«, »Ein guot seligs ior« oder »fil god iar« – dieser in kleinen Abwandlungen vorhandene Wunsch fehlt selten auf einem der Blätter. Das Blatt, welches das textilfreie Jesusbaby auf einem Brokatkissen, mit Maibaum, Vogel und rotem Perlenschmuck auf blühender Wiese sitzend zeigt, hält sich mit Hinweisen auf reiche Gaben, die das neue Jahr bringen soll, nicht zurück. Ein Häschen- Paar weist auf den Wunsch der Fruchtbarkeit hin, fliegende Bewohner der Luft stehen für Reinheit und Freiheit, und Behältnisse – eine Spanschachtel voller Süßigkeiten und ein Karton mit einer großen Anzahl Wunschzetteln – dazu die Weltkugel mit der Siegesfahne des Auferstandenen umgeben den neugeborenen Garanten für ein gedeihliches Werden. Auf einem nicht kolorierten Holzschnitt steht der bekleidete Jesusknabe, mit Weltkugel und Golgatha- Kreuz, bereit, den Menschen, dem er »Glück« wünscht (»foelix«), durch das »novus annus«, das neue Jahr, zu geleiten. Das weiche Brokatkissen und die blühenden Blumen dürfen dabei nicht fehlen: Reichtum und Überfluss, dazu Blüten als Höhepunkte des Werdens und als Repräsentanten der (allerdings vergänglichen) Schönheit fügen sich symbolisch zu der im Gesicht des Gottessohnes ablesbaren Zuversicht. Wer sehen kann, versteht, wovon diese Wunsch-Blätter künden.

Das Werden, so war neulich in einem scherzhaft formulierten Rätsel zu lesen, meint ja nicht schon immer auch das Vergehen, sondern, zunächst jedenfalls, das Altern. Diesem kann sich keiner von uns Geschöpfen entziehen. Deshalb gibt es auch keinen Wunsch, den die uralten Blätter tradieren, der sich quasi gegen das Altwerden stemmt. Dagegen ist nun einmal kein Kraut gewachsen. Das »Guot iar« meint ja auch ein Altwerden auf gute, ersprießliche, zumindest erträgliche Weise.


Dr. Hans Gärtner

 

52/2013