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Jahrgang 2012 Nummer 41

Ein Gang durch das Schattenreich des Todes

Die Salzburger Residenzgalerie stellt Bilder zum Thema »Einmal Unterwelt und zurück« zur Diskussion

Darstellung der Höllenqualen nach Sirach 40, Österreich, 18. Jahrhundert.
Anselm Feuerbach: Dante und Vergil in der Unterwelt, 1857
Luca Giordano: Auferstehung, nach 1665
Beschneidungsamulett, 19. Jahrhundert, Seidenband mit 17 Münzen, Jüdisches Museum München.

Wer von dieser Welt geschieden ist, betritt, bildlich gesprochen, die »Anderwelt«. Vom Diesseits führt die Reise ins Jenseits. Es wird von den einst Diesseitigen und geheimnisvollen dämonischen Mächten bewohnt. Für den, der in die »drübere Welt« gegangen ist, ob als Gerechter oder Gestrafter, gibt es kein Zurück. Ein Toter wird nicht mehr lebendig. Der Titel der neuen Ausstellung der Salzburger Residenzgalerie über die »Erfindung des Jenseits« heißt dennoch »Einmal Unterwelt und zurück«. Damit kann die Diskussion schon anfangen. Sie berührt Fragen, die sich alle Religionen stellen.

Den in Christus Gestorbenen winkt nicht ewige Finsternis, sondern lichtvolle Klarheit. Wir Christen werden verwandelt. Wir dürfen hoffen – auf ein Leben, das in der Helle, nicht in der Hölle weitergeführt werden kann. Im »Schattenreich des Todes« flackern für den gläubigen Christen die Sterne des Paradieses, nicht die Flammen des alles verzehrenden Feuers. Wie sieht es aus im Paradies? Nur ahnen können wir‘s. Das »Reich Gottes« ist, Christus zufolge, »nicht von dieser Welt«. Dieser christlichen Vorstellung vom Ort der Abgeschiedenheit gingen antike Mythen voraus. Bevor Dante Alighieri vor 700 Jahren sein allegorisch-lehrhaftes Gedicht »Die Göttliche Komödie« schrieb, das die Hölle als Strafraum« in überbordenden Sprachbildern ausmalte, waren längst Odysseus, Herakles, Orpheus, Theseus und Aeneas den Toten im Jenseits begegnet, um sich bei ihnen Auskunft und Wissen zu holen, oder sie - wie im Falle des Sängers Orpheus - ins Diesseits zurückzuholen.

Mythen und Märchen sind von der Fantasie der Diesseitigen durchdrungen wie es Bilder und Bücher der Künstler durch die Jahrhunderte bis heute sind. Das gilt quer durch alle Genres, insbesondere der bildenden Künste: Malerei, Zeichnung, Grafik, Bildhauerwerke, Textilien, Fotografie bis hin zur heutigen Installation und Objektkunst, die oftmals mit Verfremdungen arbeitet und Film und Video einbezieht. Literatur und moderne Medien spielen das Thema »Unterwelt« durch. Künstlerische und religiöse Vorstellungen vom Jenseits thematisiert die Residenz-Galerie in Salzburg bis zum 4. November mit einer in Einzelbereiche geordneten Fülle an ausführlich beschrifteten und kommentierten Werken alter und neuer Kunst. Sie versetzen den Betrachter bald in Euphorie, bald in Angst und Schrecken, provozieren bewusst und regen zur Diskussion an.

Unberührt von gelegentlich skurrilen, rätselhaften und verschlüsselten Darstellungen bildgewordener Jenseitsgedanken, die der Erklärung und »Übersetzung« bedürfen, geht niemand aus dieser Schau. Spürt er in dem einen Bild die »unerträgliche Kälte«, das »unauslöschliche Feuer«, den »unsterblichen Wurm«, den »unerträglichen Gestank«, die »handgreifliche Finsternis« und »schreckliche Vereinigung der Dämonen«, wovon Papst Gregor der Große sprach, um dem Gläubigen die Hölle zu schildern, gibt die »Auferstehung« des Neapolitaners Luca Giordano Grund zur Zuversicht: Der Erlöser strebt mit ausgebreiteten Armen dem Himmel entgegen.

Gewährt ein Gunter Damisch (1986) in seinem Gemälde »Rotfeldfließen« Einblick durchs Schlüssel-Loch ins zugesperrte Totenreich, verweist Carlos Aires (2010) mit »Llorando« (schwebende Messer über einem von Blattgold überzogenen Grablege- Leichnam Christi) auf die Manier des südspanischen Barock. Der 1860 in Rumänien geborene Adolf Hirémy- Hirschl zeigt auf dem riesigen Tafelbild »Die Seelen am Acheron« Gott Hermes/Merkur als Seelenführer in der Rolle des Fährmann über den Fluss Acheron im Hades. Kein Wunder, dass dieses aus dem Wiener Belvedere entliehene Monumentalwerk zum Plakatmotiv der sehenswerten, zu geistigen und geistlichen Ausflügen in unser aller nächste und endgültige Lebens- Sphäre gewählt wurde: Nachtblau der Umhang des schönen, jugendlichen Gottes, mit Flügeln ist sein Hut bestückt. Er hält den zaubermächtigen Stab in Händen. Auf blühendes Leben der schmachtenden toten Seelen lassen ihre Blumenkränze schließen. Doch ihre Haut glänzt matt und fahl, die Augen sind geschlossen. Der graue Schleier des Ungewissen hüllt die bewegte Szene ein.

Dieses und mindestens ein weiteres Kunstwerk wird dem Betrachter haften bleiben: Javier Pérez' Skelett (2010), bestehend aus Bronze, Polyesterharz und Pergament. Pérez spiele, so einer der Kuratoren im schweren, lohnenden Begleitbuch, »mit der Transformation des Materials in neue Formen« hinein. Er bringe »gleichsam die Brüchigkeit und Vergänglichkeit von scheinbar fundamental geglaubten Zuständen unseres Lebens zum Ausdruck«.

Wie selten eine Ausstellung führt diese mit dem Aufgebot selten zu sehender - bis in die »Brüchigkeit« von Bühnenmodellen, Theaterkostümen und Schmuck hineinleuchtenden - Bildwerke und Objekte und kurzen Abstechern ins Judentum (etwa mit einem Amulett-Band zur gegenwärtigen Beschneidungs-Debatte) dem Besucher die Endlichkeit des Daseins in bewundernswerter Facettierung vor Augen. Der Residenz-Galerie Salzburg gelang es erneut, die zeitliche Spannbreite der Kunst mit Inhalt und Aussage der Festspiele zu verbinden.


Hans Gärtner


Info
»Einmal Unterwelt und zurück. Die Erfindung des Jenseits«, Ausstellung der Residenzgalerie Salzburg. Katalog 24,90 Euro. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 - 17 Uhr. Dauer: bis 4. November 2012. Reichhaltiges Rahmenprogramm: Lesungen, Führungen, Kasperltheater für Kinder, Matineen. Wissenschaftliche Tagung: Montag, 8. Oktober ab 9 Uhr in Kooperation mit den Salzburger Universitäten »Paris Lodron« und »Mozarteum«. www.residenzgalerie.at.

 

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