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Jahrgang 2020 Nummer 2

Ein frommer Künstler aus Tengling

Sebastian Stief war ein vielseitiger Porträtist und Kirchenmaler

Der heilige Rupert erblickt die Ruinen von Salzburg.
Der heilige Virgil erbaut den ersten Salzburger Dom.

Der im Jahre 1811 in Tengling geborene Maler Sebastian Stief hat vor allem Bilder mit religiösen Themen sowie Porträts bekannter Persönlichkeiten geschaffen. Er wird zu den sogenannten »Nazarenern« gerechnet, die bestrebt waren, die Kunst im Geiste des Christentum zu erneuern. Das Wort Nazarener war ursprünglich ein Spottname, wandelte sich aber bald zum selbstbewussten Gruppennamen.

Stief stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Schneider im damals zu Salzburg gehörenden Dorf Tengling. Schon früh zeigte sich sein Talent zum Zeichnen und zum Porträtieren. Mit Kreide oder Kohle soll er die Köpfe seiner Altersgenossen auf Hauswände oder Scheunentore gezeichnet haben. Eine originelle Methode der Eigenwerbung für sein Talent!

Die ersten Zeichenstunden erhielt er beim Traunsteiner Maler Johann Neumüller, musste aber infolge einer Augenkrankheit eine längere künstlerische Zwangspause einlegen. Schließlich ermöglichte ihm ein königliches Stipendium den Besuch der Münchner Kunstakademie. Hier war er Schüler der damals gefeierten Maler Peter von Cornelius und Julius Schnorr von Carolsfeld. Beide Künstler waren von König Ludwig nach München geholt und mit wichtigen Aufträgen in der Residenz und der Glyptothek betraut worden. Der König hatte zumindest eine Zeit lang große Sympathien für die Nazarener, missbilligte jedoch ihre ausschließliche Konzentration auf christliche Bildinhalte. Durch seine Lehrer wurde Stief in die Richtung des nazarenischen Stils gelenkt, dem er sein Leben lang treu bleiben sollte.

Eine hohe Ehre war es für ihn, als ihm König Ludwig den Auftrag erteilte, zwei seiner Töchter und seinen ältesten Sohn zu porträtieren – ein Beweis für Stiefs Wertschätzung im Porträtmalen und eine glänzende Empfehlung für seine künstlerische Zukunft.

Im Jahre 1839 wechselte Stief nach Salzburg. Er heiratete die Tochter eines erzbischöflichen Beamten und erwarb ein Haus in der Pfeifergasse, das er bis zu seinem Tode mit seiner Familie bewohnte. Seinen Biographien zufolge war er in Salzburg der meistbeschäftigste Maler seiner Zeit, dessen Werkverzeichnis 821 Nummern umfasst, davon 555 Porträts. Eine riesige Zahl! »So gut wie alle angesehenen Salzburger Bürger, Honoratioren, weltliche und geistliche Würdenträger, unter ihnen zwei Erzbischöfe, gehörten zu seinen Kunden, die er in spätbiedermeierlich-trockener Manier porträtierte«, liest man in einer Kunstgeschichte. Stiefs Altarblätter und Fresken schöpfen ihre Themen naturgemäß aus der Bibel und der Heiligenlegende, ebenso seine Gemälde, von denen zwei in der Erzbischöflichen Residenz in Salzburg hängen und sehr populär geworden sind: Die Ankunft des heiligen Rupert in Salzburg und St. Virgil beim Bau des ersten Salzburger Doms. Beides sind keine Historienbilder im strengen Sinn, sondern märchenhafte Phantasien, geboren aus einem romantischen Wunschdenken nach dem Motto: »So könnte es gewesen sein ...«

Arbeiten von Sebastian Stief finden sich in den Kirchen von Maria Burg bei Tengling (Seitenaltäre), in Seekirchen, Piesendorf, Hallwang, Kuchl und Thomatal. Alle seine Bilder verkörpern in gekonnter Technik volkstümliche Bildauffassungen in naiver Manier. Stief gehört zwar nicht zur ersten Garnitur der Nazarenermaler, sondern steht am Übergang zur Biedermeierkunst des späten 19. Jahrhunderts.

 

Julius Bittmann

 

2/2020