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Jahrgang 2007 Nummer 41

Ein Flame im Dienste Bayerns

Leben und Leistung des Reichsgrafen Johann Tserclaes von Tilly

Tilly in schwarzem Harnisch. Ölgemälde um 1625 von einem unbekannten Münchner Hofmaler

Tilly in schwarzem Harnisch. Ölgemälde um 1625 von einem unbekannten Münchner Hofmaler
Tilly auf dem Totenbett. Kurpfälzisches Museum, Heidelberg

Tilly auf dem Totenbett. Kurpfälzisches Museum, Heidelberg
Tillyporträt von Gebhard Fugel in der Altöttinger Tillykapelle

Tillyporträt von Gebhard Fugel in der Altöttinger Tillykapelle
Johann Tserclaes Reichsgraf von Tilly war und ist in Bayern der populärste Feldherr des Dreißigjährigen Krieges. Als König Ludwig I. in München die Feldherrnhalle als Monument des bayerischen Kriegsruhms errichtete, ließ er darin ein überlebensgroßes Standbild von Tilly neben der Figur des Generals von Wrede, dem Heerführer in den napoleonischen Kriegen, aufstellen. Eine große Ehre für Tilly, den gebürtigen Flamen, der in Kleidung und Umgangsformen einem spanischen Edelmann glich und der die deutsche Sprache nur sehr unvollkommen beherrschte.

Bayern hat dem Feldherrn Tilly viel zu verdanken. In seinen Händen lag über zwanzig Jahre lang die militärische Führung sowohl der bayerischen Armee wie der Liga der katholischen Reichsstände. In beiden Positionen war Tilly der Stellvertreter von Herzog (ab 1623: Kurfürst) Maximilian I. Nach Wallensteins Sturz übernahm Tilly zusätzlich das Kommando über die kaiserlich-habsburgische Armee. Durch den Sieg in der Schlacht am Weißen Berg hat Tilly erreicht, dass Bayern die Kurwürde erhielt und dass die Oberpfalz an Bayern kam. Verständlich, dass die Wittelsbacher allen Grund hatten, Tilly über seinen Tod hinaus ein dankbares Andenken zu wahren.

Tilly kam im Februar 1559 auf Schloss Tilly, dem Stammsitz seines Geschlechts, zur Welt, etwa 30 Kilometer südlich der Hauptstadt Brüssel. Die Familie musste 1568 die Niederlande verlassen, da der Vater sich an den aufrührerischen Aktivitäten der Geusen beteiligt hatte. Johann besuchte zusammen mit seinem älteren Bruder Jakob zunächst das Jesuitenkolleg in Lüttich, später in Köln und erhielt hier eine strenge, vom Geist tiefer Frömmigkeit geprägte Erziehung, die für sein ganzes späteres Leben bestimmend wurde.

Die Mitgliedschaft bei der Marianischen Kongregation legte den Grund für seine intensive Marienverehrung. Wenn ihn später sein Weg in die Nähe einer Wallfahrtskirche führte, versäumte er es nie, das Gotteshaus aufzusuchen und darin lange im Gebet zu verweilen. Auf der Fahne von Tillys Leibregiment waren die Muttergottes von Altötting und die Gnadenkapelle abgebildet. Für die Wallfahrtskirche in Tuntenhausen bei Rosenheim stiftete Tilly den linken Seitenaltar zu Ehren der Erzbruderschaft vom hl. Rosenkranz. Der Altar ist mit Tillys Familienwappen, einem zweischwänzigen Löwen, geschmückt.

Nach der Begnadigung des Vaters trat der Siebzehnjährige in das spanische Heer ein, um – wie damals üblich – das Kriegshandwerk von der Pike an zu erlernen. Für die Annahme, dass er ursprünglich den geistlichen Stand wählen wollte, gibt es kein verbürgtes Zeugnis. Tatsache ist, dass der lebenslang unverheiratet gebliebene Tilly sittenstrenger und asketischer lebte, wie mancher Kleriker. Er habe nie im Leben eine Frau berührt, nie einen Tropfen Alkohol getrunken und nie eine Schlacht verloren, soll er später einmal in einer launigen Tischrede von sich bekannt haben. Das muss allerdings vor 1631, dem Jahr seiner Niederlage von Breitenfeld, gewesen sein.

Zunächst nahm Tilly als Fähnrich in einem wallonischen Regiment am Kölnischen Krieg (1583/84) teil, kehrte anschließend in den spanischen Dienst zurück und machte unter dem Kommando Alexander Farneses, des Herzogs von Parma, die Belagerung von Antwerpen mit. Dieser große Feldherr wurde Tillys wichtigster Lehrer und sein militärisches Vorbild. Nach dem Fall von Parma focht Tilly zuerst in einem spanischen Hilfskorps und dann in der lothringischen Armee gegen die Hugenotten. Mitte der neunziger Jahre stieg er in wechselhaften Kämpfen gegen die Türken bis 1605 zum Feldmarschall auf.

Während des Habsburgischen Bruderzwistes 1608 hielt er dem Kaiser die Treue und zog sich, nachdem es ihm misslungen war, Rudolf zu einem energischen Durchgreifen zu veranlassen, ins Privatleben zurück. Ein Jahr später bot ihm Herzog Maximilian von Bayern die Position des Generalleutnants des Ligaheeres an, und Tilly trat nach längeren Verhandlungen in den Dienst Maximilians. In den nächsten zehn Jahren war er mit organisatorischen Aufgaben beschäftigt, erst im Jahre 1620, als Tilly bereits 61 Jahre alt war, begann seine Karriere als Feldherr im großen Stile.

Ein Jahr nach der erfolgreichen Schlacht am Weißen Berg besetzte Tilly die Oberpfalz, zwei Jahre darauf mit den verbündeten Spaniern die Rheinpfalz. Trotz der anfänglichen Schlappe bei Wiesloch gelang es ihm, die überlegenen Streitkräfte Mansfelds, des Markgrafen von Baden und Christians von Halberstadts einzeln zu stellen und bei Wimpfen und Höchst zu schlagen. Vom Kaiser zum Dank für diese Erfolge in den Grafenstand erhoben, folgte Tilly 1623 Mansfeld und Christian von Halberstadt nach Nordwestdeutschland und bereitete dem Halberstädter bei Stadtlohn eine vernichtende Niederlage.

Im Niedersächsisch-Dänischen Krieg hatte Tilly mit dem neuen kaiserlichen Heer unter Wallenstein zusammenzuarbeiten. Durch seinen glänzenden Sieg bei Lutter am Barenberge gab Tilly dem Krieg die entscheidende Wende, doch drängte ihn Wallenstein in den folgenden Jahren immer mehr zur Seite. Im September 1631 unterlag Tilly bei Breitenfeld der überlegenen schwedischen Taktik, nachdem er im Mai die mit den Schweden verbündete Stadt Magdeburg erobert hatte. Ein halbes Jahr später wurde er bei dem Versuch, Gustav Adolf am Lech aufzuhalten, tödlich verwundet und starb am 30. April 1632 zu Ingolstadt. Sein Leichnam wurde seinem Wunsch entsprechend nach Altötting gebracht. Tilly wäre gern in der Gnadenkapelle bestattet worden, doch das war auf Grund eines päpstlichen Verbotes nicht möglich. Nur sein Herz fand links vom Eingang in die Kapelle die letzte Ruhestätte, gleich neben dem Herzbegräbnis von Kurfürst Maximilian. Tilly selbst wurde in der Gruft der Altöttinger St. Georgs-Kapelle beigesetzt, die seitdem Tilly-Kapelle heißt.

Wie urkundlich nachweisbar, hat Tilly zu Lebzeiten drei Mal den Wallfahrtsort Altötting besucht. Beim zweiten Mal übergab er der Kapellenverwaltung ein kostbares, mit Diamanten besetztes Schmuckstück, ein Geschenk der niederländischen Regentin für die ihrem Lande erwiesenen Verdienste. Es wurde später in die Kronen des Gnadenbildes eingearbeitet. Sein letzter Besuch in Altötting dauerte vier Tage und fand im Anschluss an den sogenannten Kurfürstentag in Regensburg statt, bei dem Tilly das Angebot erhielt, zum Oberbefehl über die Ligatruppen noch das Oberkommando über das kaiserliche Heer zu übernehmen. Tilly muss von bösen Vorahnungen geplagt gewesen sein, er zögerte lange, das Angebot anzunehmen. Der Überlieferung nach ließ er sich sogar einige Nächte in der Kapelle einschließen und betete darum, die Aufgabe möge an ihm vorübergehen. Erst ein Gespräch mit den Jesuiten, die an sein Pflichtbewusstsein und seine Feldherrenehre appellierten, soll ihn schließlich dazu gebracht haben, das doppelte Kommando zu übernehmen. Wie sich zeigen sollte, war der inzwischen 71 Jahre alte Feldherr damit überfordert, nicht zuletzt deshalb, weil es unmöglich war, die unterschiedlichen Vorstellungen des bayerischen Kurfürsten und des österreichischen Kaisers zur Deckung zu bringen. Bei diesem letzten Besuch in Altötting stiftete Tilly das sogenannte Tilly-Benefizium für eine tägliche Messe in der heiligen Kapelle.

Bald nach seinem Tod setzte in Bayern bei der Geistlichket, den Orden und den patriotischen Verbänden eine Welle der Verehrung des erfolgreichen Glaubenskämpfers und Kiegshelden Tilly ein, die gelegentlich peinliche Züge annahm, so wenn ihn ein Biograph als den »Heiligen im Harnisch« pries. Die protestantische Gegenseite tat alles, um Tilly herabzusetzen. Die von seinen Soldaten verübten Greuel bei der Eroberung Magdeburgs und der an verschiedenen Stellen der Stadt ausgebrochene Brand trugen Tilly den Schmähnamen »Mordbrenner von Magdeburg« ein. Heute sind sich die Historiker einig, dass der Brand nicht von Tillys Soldaten gelegt wurde und dass die Ausschreitungen seiner Soldaten – leider – durchaus zur damaligen Art der Kriegsführung gehörten.

Tilly war als Militär ein Kind seiner Zeit, oder, wie es der Historiker Tobias von Eisner ausdrückt, »ein Handwerker des Krieges, ausgestattet mit der Fähigkeit, in gläubiger Hingabe das große Räderwerk der kaiserlich-ligistischen Kriegsmaschinerie in Schwung zu halten«. Als Feldherr hat Tilly, entsprechend der Ethik seiner Zeit, dem militärischen Auftrag den Vorrang gegeben vor den Geboten der Menschlichkeit – nicht anders, als seine damaligen Gegner auf der Seite der Protestantischen Union. Kurfürst Maximilian fasste sein Urteil über Tilly in dem Satz zusammen: »Tilly hat seinesgleichen nicht gehabt.«

Julius Bittmann



41/2007