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Jahrgang 2008 Nummer 1

Ein fast vergessener bayerischer Bischof

Georg von Oettl, Oberhirte von Eichstätt, ist in Gengham aufgewachsen

Georg von Oettl, Bischof von Eichstätt

Georg von Oettl, Bischof von Eichstätt
Die Oettls Kapelle in Gengham wurde 1827 fertiggestellt.

Die Oettls Kapelle in Gengham wurde 1827 fertiggestellt.
Der neugotische Altar in der Oettl-Kapelle in Gengham, die dringend einer Renovierung bedarf.

Der neugotische Altar in der Oettl-Kapelle in Gengham, die dringend einer Renovierung bedarf.
Einen Kilometer östlich von Palling, der ehemaligen Grenzgemeinde des Fürsterzbistums Salzburg, steht auf einer Anhöhe am Rand der Ortschaft Gengham an beherrschender Stelle eine Kapelle, die ihre Existenz einem Bischof verdankt. Dieser Georg Oettl, 1828 mit dem persönlichen Adelstitel »von« ausgezeichnet, spielte in der schwierigen bayerischen Kirchenpolitik des 19. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle, genoss aber auch als Seelsorger in seinem Bistum Eichstätt große Verehrung. Mit dieser Kapelle direkt neben jenem Bauernhof, in dem er am 26. Januar 1794 das Licht der Welt erblickte, hat er sich ein Denkmal gesetzt. Ansonsten aber ist sein Name in der bayerischen Geschichte fast vergessen.

»Es trauert mit uns das ganze Bistum des hl. Willibald; seine Herde hat ihren Hirten, die Kinder ihren besten Vater verloren«, sagte der Domprediger und bischöfliche Sekretär Max Beitelrock bei der Bestattungsfeier am 10. Februar 1866 im Dom zu Eichstätt, wo der vier Tage zuvor im Alter von 72 Jahren gestorbene Kirchenmann seine letzte Ruhestätte gefunden hat.  »Dichte Volksschaaren erfüllten die Straßen von Eichstätt, als der feierliche Zug zum Dome schritt«,  heißt es in einem »Lebensabriss« von Oettls, herausgegeben vom Diözesankapitel.

In der Tat hat Georg von Oettl als Bischof von Eichstätt durch sein seelsorgerisches Wirken große Achtung erlangt. Der »Bauernsohn aus der altbayerischen Hochebene«, wie es weiter heißt, schrieb zahlreiche Hirtenbriefe und unternahm bischöfliche Visitationen in den Pfarrgemeinden seines Bistums. Er begründete Bruderschaften und Tugend-Bündnisse,  Jungfrauen- und Gesellenvereine »als wirksamstes Mittel zur sittlich-religiösen Hebung und Bewahrung des Volkes«. Er gab »mit hoher Freude«  das von Papst Pius IX. verkündete Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) bekannt, führte Maiandachten in seiner Diözese ein und pflegte - auch noch auf dem Sterbebett - die Verehrung der Bistumspatrone Willibald und Walburga.

Wie sehr es Bischof Oettl auch um die Ausbildung der Priester in seiner Diözese gegangen ist, verdeutlicht  die Tatsache, dass er 1860 das Schloss Hirschberg erwarb und dieses zum Teil aus eigenem Vermögen finanzierte. Die im 12. Jahrhundert von den Grafen von Grögling und Dollnstein begründete Burganlage ging 1305 durch testamentarische Verfügung des letzten Grafen von Hirschberg, Gebhard VII., an das Bistum Eichstätt, auf dessen Grund es einst errichtet worden war. Im Jahr 1802 fiel das Fürstbistum Eichstätt im Rahmen der Säkularisation an Bayern; Domkapitel, Stifte und Klöster wurden säkularisiert, das Seminar entrechtet. Schloss Hirschberg wurde  1803 Eigentum des Großherzogs von Toscana, es wechselte in den folgenden Jahren noch mehrmals den Besitzer, ehe es Georg von Oettl für das Bistum zurückkaufte, um  Alumnen und Seminaristen des bischöflichen Seminars einen Ferienaufenthalt zu ermöglichen mit dem Ziel, sie »den verderblichen Einflüssen zu entziehen, welche ihre Zerstreuung bei dem Mangel entsprechender Aufsicht und Einwirkung für sie haben könnte«.  Heute ist Hirschberg Exerzitien- und Bildungshaus der Diözese Eichstätt.

Ehe Oettl als Nachfolger des an die Spitze des Bistums München-Freising berufenen Karl August Graf von Reisach den Eichstätter Bischofsstuhl besetzte, hatte er in der Münchner Kirchenpolitik eine wichtige Rolle gespielt, was nicht zuletzt auf die Freundschaft mit seinem ehemaligen Lehrer und Freund, dem Regensburger Bischof Michael von Sailer, zurückzuführen war.

Doch zurück zu den Wurzeln des Kirchenmannes, der als Sohn des Ehepaars Georg Oettl und Salome, geb. Huber, auf dem Öttlhof in Gengham das Licht der Welt erblickte. »Seine fromme Mutter legte in sein zartes Herz die ersten Keime jener erhabenen Tugenden, die sich bald so herrlich entfalteten«, heißt es weiter in der Trauerrede Beitelrocks. Die meisten Höfe des Dorfes Gengham liegen geschützt am östlichen Fuß eines Moränenhügels, der eine umfassende Aussicht  auf das im Tal gelegene Pfarrdorf Palling bietet. Die Brauerei und vor allem die Pfarrkirche beherrschten das Panorama des Ortes, obwohl das Gotteshaus damals noch weitaus bescheidener dastand als die 1875 im neugotischen Stil erbaute heutige Pfarrkirche mit ihrem 75 Meter hoch aufragenden Turm. Das Eichstätter Diözesankapitel stellt  dessen  frühe Tugenden in den Zusammenhang mit der Landschaft in diesem äußersten Winkel des Fürsterzbistums Salzburg: »Klarer Verstand, umfassendes Gedächtnis, blühende Phantasie und vor allem ein reines, tiefes Gemüt« beeindruckten Oettls Erzieher schon in dessen Kinderjahren. »Eine solche Seele in die Umgebung einer solchen Natur, wie sie Gängham (!) hat, gestellt, musste durch deren Lieblichkeit und Großartigkeit zur Aufnahme religiöser Empfindungen erregt werden.« Zunächst jedoch schien wenig auf die spätere Karriere des Bauernbuben hinzudeuten, denn nach beendeter Schulzeit wurde der junge Georg Dienstbube im Pfarrhof Harpfetsham. Dieses Gut der Edlen von Harpfetsham kam im 12. Jahrhundert durch Schenkung an Salzburg und wurde im 13. Jahrhundert den Pfarrherren von Palling als Wohnsitz zugewiesen. Bis 1941, also fast 700 Jahre, erfüllte es diesen Zweck; heute ist das Klostergut Harpfetsham, in dem der junge Oettl seine ersten Berufsjahre verbrachte, in Besitz der Franziskanerinnen von Schönbrunn; es diente früher als Schwesternerholungsheim und ist jetzt Ort für Exerzitien- und Besinnungstage.

Die Jugend Oettls war geprägt von den Napoleonischen Wirren, der Säkularisation, dem Ende des alten Reiches und des Fürsterzbistums Salzburg, der Gründung des Königreichs Bayern. Nach jahrelangem Hin und Her kam der später »Rupertiwinkel« genannte Teil Salzburgs links von Saalach und Salzach 1816 endgültig zu Bayern. Diese grundlegenden politischen Veränderungen haben den Wissensdrang des Genghamer Bauernbuben nicht aufgehalten, wie Pfarrer Heinrich Held in der »Geschichte der Pfarrei Palling« (1909) schreibt: »Die herrlichen natürlichen Anlagen des Knaben – Schärfe des Verstandes, Kraft des Gedächtnisses, Schwung seiner Phantasie – konnten aber ebensowenig verborgen bleiben, wie die Reinheit und Lauterkeit seines Herzens.« Der damalige Pfarrer Franz Xaver Margreiter (1807 bis 1825 in Palling) gab »dem geweckten Knaben den ersten Unterricht in den Studien«. 1807 trat Oettl in das Gymnasium Salzburg ein, wo er die Lehrer mit seinen Leistungen so beeindruckte, dass er »mit Übergehung der Oberklasse« die Erlaubnis zum Übertritt ins Lyzeum erhielt. »Oettl, der selbst fremder Beihilfe oder pecuniärer Verdienste nicht bedurfte«, wie es im Nachruf weiter heißt, »erteilte armen Knaben unentgeltlich Unterricht, um ihnen das Studium möglich zu machen«. Das Jahreszeugnis  1811 für die »zweyte grammatikal Klasse an der Königlich Bayerischen Studien-Anstalt zu Salzburg« attestierte dem 18-jährigen »Bauern-Sohn« von Palling, das jetzt zum bayerischen Salzach-Kreis gehörte, »bey vorzüglichen Fähigkeiten, vorzüglichen Fleiße, und vorzüglichen Sittlichen Betragen einen ausgezeichneten Fortgang«, »so daß er unter fünf und vierzig Mitschülern den zweyten Platz erhielt und vollkommen fähig befunden wurde, um in die nächst höhere Klaße überzutretten«. Laut Austritts-Zeugnis vom 30. November 1813 ist Oettl »nicht nur allein schon bey der Reform des hiesigen Gymnasiums im Studien-Jahre 1811/12 sogleich aus der 2ten Grammatikal-Klaße in die Unter-Mittel-Klaße des Gymnasiums versetzt worden, sondern hat auch durch die höchste Entschließung vom 19ten Novemb. d. J. die gnädigste Erlaubnis erhalten, mit Übergehung der Ober-Gymnasial-Klaße sogleich an das K. Lyceum überzutreten.«

1816 kam Oettl an die Universität Landshut, wo er am 21. Juni 1818 das »Universitäts-Absolutorium« im Fach Theologie mit der Note eines »ausgezeichneten Fortgangs« erlangte. Er besuchte neben verschiedenen theologischen Vorlesungen auch solche in Philosophie, Philologie, »Allgemeiner Weltgeschichte«, Archäologie und verschiedenen Naturwissenschaften. Dabei hatte er in den Fächern Katechetik, Homiletik, Pastoral und Liturgik sowie Religionsphilosophie und »Pflichten des Beichtvaters« einen Mann als Dozent, der noch eine wichtige Rolle im Leben des späteren  Priesters spielen sollte: Johann Michael Sailer.

Am 15. September 1817 wurde Oettl in Regensburg zum Priester geweiht; er half zunächst als Lehrer an der Studien-Schule in Landshut aus. 1818 wurde er Koadjutor in (Markt) Schwaben, 1820 bei seinem ehemaligen Regens Johann Peter Roider Kooperator in Zolling und nach dessen baldigem Tod Pfarrprovisor.

Dieser Johann Michael Sailer, geboren 1851 in Aresing bei Schrobenhausen, besuchte das Jesuitengymnasium in München, trat dann in diesen Orden ein und studierte in Ingolstadt, wo er mit den Ideen der Aufklärung in Kontakt kam. Sie sollten für Sailer, so schreibt Matthias Grätsch in einer Seminararbeit der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern, »einen sowohl positiven als auch negativen Beigeschmack« haben. Nach Aufhebung des Jesuitenordens 1773 durch den Papst wurde Sailer 1775 in Augsburg zum Weltpriester geweiht.  Er wurde Professor in Ingolstadt, dann aber im Streit um die Universitätsreform als »Exjesuit« und »Obskurant«, so Grätsch, 1781 durch Mitglieder der bayerischen Prälatenklöster entlassen. Sailer fand Unterstützung im Trierer Kurfürsten und Augsburger Fürstbischof Klemens Wenzeslaus, der ihn zum Professor nach Dillingen berief. Die Wege Sailers und Oettls kreuzten sich erstmals an der 1800 von Ingolstadt nach Landshut verlegten Universität, wo Oettl Sailers geschätzter Schüler wurde.

Der Brief des damaligen Kronprinzen Ludwig an seinen Vertrauten, den Arzt  Dr. Joh. Nep. Ringseis vom 28. Juli 1820, in dem er über Sailer einen Religionslehrer für seine Söhne sucht, darf in keiner Oettl-Biographie fehlen: »Schreiben Sie Sailern«, so der Kronprinz an Ringseis, »als von mir beauftraget, daß um Erzieher bei mir zu werden, religiöse und volksrechtliche Gesinnung Bedingung sine qua non ist daß ich ultraische dazu nicht brauchen kann, dieses schreiben Sie wörtlich Sailern, wie daß es zu dieser Stelle eines liebreichen, Heitern mit Festigkeit vereinigenden Gemüthes bedarf. Teutsch muß die Gesinnung sein. Solche Männer streben Sie gleichfalls mir aufzufinden, Sie die selbst teutsch, religiös, volksrechtlich gesinnt sind.« Sailer gab am 6. November 1821 Ringseis seine Wahl bekannt: »Der junge Mann heißt Oettl; er ist unter Roiders Zöglingen einer der gediegensten, kein Ultra, ein deutscher Mann, gewandt zur Bildung, fein im Äußern, Mannhaft im Innern.« Und so wirkte Oettl neun Jahre lang, bis 1831, als Erzieher der Söhne des Kronprinzen (seit 1925 König Ludwig I). Laut Brun Appel konnte Oettl das Vertrauen des Erstgeborenen Maximilian (des späteren Königs Max II.) kaum gewinnen, doch Otto, von 1832 bis 1862 König von Griechenland, war ihm zeitlebens eng verbunden.

Neben Oettl waren die Benediktiner M’Clan und McIver aus dem Regensburger Schottenkloster von Ludwig mit der Prinzenerziehung beauftragt. »Obgleich alle drei letztlich an ihrer Aufgabe gescheitert sind, wird man ihren Einfluss auf Maximilian nicht unterschätzen dürfen«, schreibt Egon Johannes Greipl. »Die in diesen frühen Jahren grundgelegte Ausrichtung auf den Mann des konfessionellen Ausgleichs zeigte sich noch 1861, als Maximilian II. dem Gedächtnis Johann Michael Sailers eine Stipendienstiftung widmete«, so Greipl im Hinblick darauf, dass Sailers Schriften zu Maximilians täglicher, vom Vater verordneten Lektüre gehörten. Überliefert ist übrigens eine Fußwanderung im April 1829 zusammen mit seinem Bruder Otto sowie dem »Kasperlgrafen« Franz von Pocci und Oettl, als der 17-jährige Kronprinz erstmals die Burg Schwanstein erblickte. Drei Jahre später kaufte Max die Burg, ließ sie aufwändig restaurieren und als Schloss Hohenschwangau zum Familiensitz ausbauen.

»Sie sollen dem Könige die Wahrheit sein«, ermahnte Sailer in einem Brief seinen Freund, dem er auch hohes Lob zollte für seine Vermittlung zur Stiftung des Klosters Metten 1832: »Liebster Oettelius, Freund und Prophet allda! … Der König hat das große Werk getan und 50.000 fl (Gulden) für Metten’s Dotation ausgesprochen, und zwar aus Seiner Cabinettskassa. … Tibi soli!« Dir allein! Im umfangreichen Briefwechsel zwischen Sailer und Oettl finden wir auch Reaktionen auf eine der vielen pikanten Affären Ludwigs, der zwar seine Frau Therese hoch verehrte, es mit der ehelichen Treue aber trotzdem nicht genau nahm, wie wir nicht nur beim Skandal um Lola Montez wissen.  So unternahm Ludwig öfter Reisen nach Italien, wo er sich mit einer gewissen »Mariannina« Florenzi traf, mit der er seit 1821 befreundet war. In einem Brief an Sailer (22. August 1826) ging Oettl darauf ein: »Ein ernstes Wort über ein gewisses europäisches Skandal möchte viel rathsamer seyn, wann ein neuer Römerzug beschlossen wird. Jetzt würde ein ernsteres Wort an der vermeintlichen Unschuld der Gesinnung scheitern – ein andersmal … noch ehe der Römerzug offenkundig wird, kann es ihn vielleicht verhindern. Zur rechten Zeit erhalten Sie einen Wink.« Oettl war sich also dessen bewusst, dass man dem König in dieser Beziehung nur mit großer Vorsicht und Diplomatie entgegentreten konnte.

Die »französische Umwälzung« (Juli-Revolution) 1830 erregte auch in Bayern die Gemüter. Zu der Zeit bemühte sich Oettl, im Streit über die gemischten Ehen »das gegenwärtige mildere Gesetz zur kirchlichen und staatlichen Anerkennung zu bringen«, wie es im »Lebensabriss« heißt. Oettl bemühte sich auch mit Erfolg bei der Wiederaufrichtung und Reformation des Klosters der Benediktinerinnen auf Frauenchiemsee, bei der ersten Einkleidung der Birgittinnen in Altomünster sowie bei der Berufung der Armen Schul- und Barmherzigen Schwestern. So erhielt Oettl vom Erzbischof am 10. März 1838 die Erlaubnis, den feierlichen Eröffnungsakt des Klosters auf der Fraueninsel vornehmen zu dürfen.

Oettl machte aufgrund seiner Nähe zum Königshaus »Karriere«: Er wurde bereits 1824 zum Königlichen Geistlichen Rat ernannt, 1828 in die Commission des k. Oberkirchen- und Schulraths, 1829 ins Metropolitankapitel von München und Freising berufen und 1832 zum Domdechant ernannt. 1833 wurde er Direktor des Metropolitan-Gerichts, 1841 zugleich Direktor des Allgemeinen Geistlichen Rats.

Seine Erfahrungen in der Verwaltung sollten Oettl später als Bischof zugute kommen, schreibt Brun Appel. Dabei vertrat Oettl häufig den greisen Münchner Erzbischof Lothar Anselm Freiherr von Gebsattel (1821 bis 1846), der ihn 1841 vom König vergebens als Weihbischof erbat. Nach Gebsattels Tod wurde der Eichstätter Bischof Karl August Graf von Reisach dessen Nachfolger auf dem Münchner Bischofsstuhl, während Oettl  am 3. Oktober 1846 von König Ludwig I. als Bischof von Eichstätt nominiert, am 21. Dezember vom Papst dazu ernannt, am 7. Februar 1847 von Reisach in München konsekriert und am 18. Februar 1847 inthronisiert wurde. In Eichstätt führte Oettl die von Reisach begonnene Erneuerung der Diözese fort, spendete an allen Dekanatssitzen die Firmung und sammelte den Klerus um sich, um ihn kennenzulernen. 1849 wurde Oettl als Reichsrat in die Ständeversammlung berufen, weshalb er in den ersten Jahren fast die Hälfte seiner Zeit in München verbrachte, jedoch in schriftlichem Kontakt mit seinem Generalvikar blieb.

Auch wenn Oettl nicht als »Ultramontaner«, also ein streng päpstlich gesinnter Kirchenmann galt, so ließ er an seiner Treue zum Papst keinen Zweifel. So nahm er Gesetze der Kirche und Anordnungen des Heiligen Stuhls »zur unverbrüchlichen Norm seines Verhaltens« (Lebensabriss). So wurde die Ergebnisadresse des Pius-Vereins in Eichstätt an den Heiligen Vater Pius IX. mit dem Apostolischen Segen belohnt. Für Oettl war die Reise nach Rom 1857 mit dem Besuch der Apostelgräber auch Ausdruck der Einheit mit dem römischen Stuhl. Oettl sei, so heißt es weiter im »Lebensabriss«, »ehrfurchtsvoll und gehorsam gegenüber dem Papst … und ergeben dem Könige und Vaterland auf dem Boden der Verfassung«. In den politischen Wirren im Kampf gegen den Kirchenstaat und die nationale Einigung Italiens stand Oettl ganz auf Seiten des Papstes: »Als die Revolution in Rom ihr blutiges Haupt erhob, und den hl. Vater nöthigte, vom Grabe des hl. Petrus zu fliehen, - und als nochmals die siegreiche königliche Ungerechtigkeit ihm den größten Teil seiner Staaten raubte, wurde der Schmerz … in Eichstätt von hoch und niedrig empfunden.«

Der »Geist des Unglaubens« veranlasste Oettl, in seiner Diözese Missionen abzuhalten, und zwar durch die Jesuiten (deren Wirken wieder erlaubt war), der Redemptoristen, Kapuziner und Weltpriester. In seinem Fastenhirtenbrief 1853 schrieb Oettl: »… wie viele, die von dem Pesthauch der Zeit ergriffen, bereits am Glauben und Gewissen Schiffbruch gelitten hatten, und geblendet von dem Hochmuth einer falschen Aufklärung, sorglos dem ewigen Tode entgegenreiften, sind durch die Macht des göttlichen Wortes wieder zum Glauben an Gott, an Jesus Christus und sein hl. Evangelium erweckt worden, und freuen sich, nun wieder Kinder Gottes und Hausgenossen seiner Kirche zu sein.«

Oettl war in den letzten Jahren seines Lebens ein gebrechlicher Mann.  Bis zum 40. Lebensjahr plagten ihn »gastritische und nervöse Übel«, und 1845 ist von heftigen Magenkrämpfen die Rede. »Er scheint ganz gebeugt nur mehr sein Grab zu suchen«, heißt es im »Lebensabriss«. In seinen letzten acht Lebensjahren war Oettl blind, was ihn nicht davon abhielt, Visitationen in seinen Pfarreien vorzunehmen. Mit Schreiben vom 27. Januar 1859 wurde Oettl von seiner Tätigkeit als Reichsrat in der Ständeversammlung entbunden, »bis die Hebung des geschilderten Augenleidens Eurer Exzellenz Ihre Anwesenheit in der Kammer zuläßt«. Mit Wirkung vom 22. Dezember 1860 hat Oettl diese Mitgliedschaft endgültig beendet. König Max dankte ihm in einem persönlichen Schreiben »für die Anhänglichkeit an Mich und die gewissenhafteste Erfüllung Ihrer wichtigen Pflichten«.

Oettl feierte auch weiterhin täglich die Messe im Dom. Das müssen ergreifende Szenen gewesen sein, »wie er mit von Andacht bewegter, von Begeisterung geschwellter, von Thränen erstickter Stimme sein ‚Gloria in excelsis‘ sang, … wie er die Hände aufhob, sein Volk zu segnen, da segnete an ihm nicht bloß Mund und Hand – es segnete sein ganzes großes Alle in Liebe umfassendes, sein wahrhaft apostolisches Herz«, schreibt das Diözesankapitel. Ende Januar kamen »Störungen der Unterleibsfunktion« dazu. Am Lichtmesstag 1866 (2. Februar) wurde Oettl um 6 Uhr morgens vom Schlag getroffen. Er nahm die telegraphischen Grüße seines Schützlings Otto, der nach seiner Vertreibung als König von Griechenland in Bamberg lebte, und von dessen Bruder Luitpold, dem späteren Prinzregenten, entgegen und segnete sie. Am 6. Februar 1866, gegen 7 Uhr abends, starb Bischof Georg von Oettl und fand nahe den Gebeinen des Bistumspatrons Willibald im Mittelgang des Doms seine letzte Ruhestätte.

Äußerer Ausdruck von Oettls Verbundenheit mit seiner Heimatpfarrei Palling war der Bau der Kapelle in Gengham im Jahr 1828. Am 8. Juni 1827 schrieb das Ordinariat an Oettl, »daß von Seite des Ordinariates dem beabsichtigten Kapellenbau zu Gengham um so weniger entgegen stehe, als der Herr Geistliche Rath zur fortwährenden Erhaltung derselben die nöthigen Fonds beizuschaffen sich erkläret hat, worüber die oberhirtl. Stelle einer weiteren Anzeige entgegen sieht.« Offenbar hat es dabei aber Probleme gegeben, wie einem Ordinariats-Schreiben, unterzeichnet von Generalvikar Dr. Benestrey, vom 14. April 1830 zu entnehmen ist. Dabei möge sich Oettl vorher erklären, »wie für den fortwährenden Unterhalt der Kapelle in Gengham gesorgt wird?«  Das Ordinariat (Generalvikar Dr. von Deutinger) unterrichtete Oettl am 15. Juli 1844 davon, »dass die von dem Herrn Domdekan Ritter von Oettl beabsichtigte Dotation der Capelle zu Gengham mit einem Capitale von 1000 fl nunmehr auch die Curatelgenehmigung erhalten habe. Es wolle daher seiner Zeit hieher zur Anzeige gebracht werden, wie diese Dotation rechtskräftig vollzogen und hierdurch der Fortbestand der Capelle für alle Zukunft sicher gestellt worden sey.«
Aus einem Schreiben der Regierung von Oberbayern ans Ordinariat vom 11. Juli 1844 geht hervor, dass die Kapelle bereits 1829 gebaut worden ist und eine  Dotation von 1000 fl sowie die Stiftung eines Jahrtags von Seiten eines Joseph Damberger mit einem Kapital von 70 fl vorliegt. Eine »Nota«, also ein Einzahlungsbeleg, des Bankhauses I. N. Oberdörffer über 1020,45 fl datiert von 23. August 1844. Dabei bestätigt Oettl in einem Brief an das Kgl. Bayerische Landgericht Tittmoning, dass 1000 Gulden mittels Staatsobligation zu 1000 Stück à 3 Prozent vorhanden seien.

Diese Stiftung war aber noch Jahre später nicht geregelt. Am 1. Mai 1844 teilt Oettl dem Ordinariat mit, dass er im Oktober 1830 die 1000 Gulden plus 100 fl »für momentane Bedürfnisse« dem Pallinger Prodekan Joseph Ostner übergeben habe mit dem Ersuchen, das Geld beim kgl. Landgericht zu deponieren. Der am 5. August 1840 plötzlich gestorbene Ostner  hat aber das Geld offenbar mit Zustimmung Oettls für andere Bedürfnisse der Pfarrei verwendet. Oettl erklärte sich bereit, »für alle Bedürfnisse der Kapelle solange ex propriis zu sorgen, bis das Stiftungskapital ordnungsmäßig verbrieft seyn wird«. Weitere Fakten zu dieser Stiftung sind nicht bekannt, doch Marianne Öttl, Ururgroßnichte des Bischofs, vermutet, dass das Stiftungskapital in den seither eingetretenen Geldentwertungen verloren gegangen ist. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Kapelle umfassend renoviert. An der Kapelle nagt jedoch der Zahn der Zeit. Feuchtigkeit ist ins Mauerwerk gedrungen, Farbe blättert an den Innenseite ab, Gestühl und Bilder bedürfen einer umfassenden Renovierung.
Im Vorraum der Kapelle lehnt ein stark verwitterter Grabstein, der einst das Grab von Oettls Eltern schmückte. Dessen Zustand ist – ebenso wie jener der Kapelle - symptomatisch für das verblasste Andenken an einen bedeutenden bayerischen Kirchenmann des 19. Jahrhunderts. Auch wenn sich die Kapelle im Privatbesitz der Familie Öttl befindet, ist sie doch ein wichtiges Denkmal von allgemeinem Interesse; ihr Schöpfer hat es nicht verdient, rund 140 Jahre nach seinem Tod vergessen zu sein.

Hans Helmberger


Literatur:
»Lebensabriss« Georgs von Oettl, Bischof von Eichstätt, herausgegeben vom bischöflichen Diözesankapitel (Eichstätt, 1866).
Brun Appel: Johann Michael Sailer und Johann Georg Oettl in ihrem Briefwechsel, Sonderdruck aus »Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg«, Band 16 (1982).
Heinrich Held: Geschichte der Pfarrei Palling. Selbstverlag, 1909.
Diözesanarchiv Eichstätt: Trauerrede von Domprediger Max Beitelrock, persönliche Unterlagen.
Internet: Wikipedia: Geschichte des Erzbistums München-Freising und des Bistums Eichstätt, Schloss Hirschberg.



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