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Jahrgang 2013 Nummer 20

Ein ehemaliger Tanzsaal gilt als die Wiege des Europaparlaments

Fast 150 Jahre war der Immerwährende Reichstag in Regensburg das Machtzentrum Mitteleuropas

Der Reichssaal im Alten Rathaus in Regensburg. Das Ständeparlament des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation hatte von 1663 bis 1806 fast eineinhalb Jahrhunderte lang im Alten Rathaus Regensburg getagt. (Fotos: Armin Weigel/dpa)
Der Turm des Alten Rathauses in Regensburg
Eine lange Bank im Reichssaal im Alten Rathaus in Regensburg. Von den langen Bänken, auf denen die Gesandten saßen und diskutierten, kommt der Ausdruck: »Etwas auf die lange Bank schieben«.

Ein ehemaliger Tanzsaal gilt als die Wiege des Europaparlaments. Das Ständeparlament des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation tagte von 1663 bis 1806 fast eineinhalb Jahrhunderte im Alten Rathaus Regensburg – und machte die Stadt so zu einem wichtigen Schauplatz europäischer Politik. Kaiser, Fürsten und Kirchenoberhäupter machten hier nicht nur Politik, auch gesellschaftlich und sprachlich wurden an der Donau Maßstäbe gesetzt. Heuer feiert die Domstadt den Beginn des Immerwährenden Reichstages vor 350 Jahren. Das ganze Jahr wird mit Veranstaltungen, Vorträgen und Konzerten an die ruhmreiche Vergangenheit erinnert.

Regensburg war in dieser Zeit ein politisches, diplomatisches und gesellschaftliches Zentrum Mitteleuropas. Hier rangen die Landesherren um europäische Kompromisse. Wenn man den Immerwährenden Reichstag mit dem Europäischen Parlament in Straßburg vergleicht, fallen einem also viele Parallelen ein.

Der historisch so bedeutungsvolle Saal mit seiner mächtigen freischwebenden Holzdecke wurde Mitte des 14. Jahrhunderts gebaut. Mit 22,5 Metern Länge, 15 Metern Breite und einer Höhe von 8 Metern war er seinerzeit einer der größten in Bayern und wurde vor allem als Veranstaltungs- und Tanzsaal genutzt. Auf einer Empore spielten zu den Festen Musiker auf. »Hier wurde auch das größte Fest des ausgehenden Mittelalters, der große Christentag 1471, ausgerichtet«. Als dann ein Ort für den Immerwährenden Reichstag gesucht wurde, fiel die Wahl auf Regensburg – wegen der guten Verkehrsanbindung durch die Donau und des großen Saals. Schließlich tagten dort oftmals mehr als 100 Gesandte.

Statt der heutigen Parteifraktionen diskutierten damals Kollegien der Reichsstände über die Belange des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Zwar waren Nationen wie Spanien, Frankreich, Ungarn und Großbritannien nicht in dem Staatenbund vertreten. Während der Reichstag tagte, saßen jedoch Gesandte aus diesen Ländern in den Caféhäusern der Stadt und fingen den Klatsch auf. Außerdem diktierte der damalige Reichsdiktator tägliche Depeschen über den Diskussionsstand. So waren in Regensburg im 17. und 18. Jahrhundert bereits mehrere Tageszeitungen auf dem Markt.

Eine einzige Frau durchbrach in dieser Zeit das eigentlich männliche Politikparkett. Die Äbtissin des Stifts Niedermünster hatte einen Sitz und eine Stimme in dem Reichstag – ansonsten waren Frauen nicht erwünscht bei den Beratungen. Zur Freude der ansässigen Uhrmacher, Handwerker, Schneider und Caféhausbesitzer sorgten die vernachlässigten Begleiterinnen der Gesandten jedoch für reißenden Absatz.

Für die Aufmerksamkeit zahlte die Stadt selbst aber einen hohen Preis. Die mehr als hundert Gesandten mussten untergebracht werden, der Kaiser reiste meist mit einem Gefolge von mehr als tausend Leuten an. Die Kosten musste die Domstadt tragen. Dabei war die große Zeit der Handelsstadt bereits zum Immerwährenden Reichstag vorbei. Und als dieser aufgelöst wurde, war die Stadt hoch verschuldet und konnte selbst die Zinsen nicht mehr aufbringen.

Vom Schuldenberg ist glücklicherweise nichts übriggeblieben. Erhalten sind neben dem Saal aber vor allem die vielen Redewendungen. »Das Geld zum Fenster hinauswerfen« heißt es, seit der Kaiser und die Fürsten aus dem Erkerfenster des Alten Rathauses Münzen auf das wartende Volk warfen. Von den langen Bänken, auf denen die Gesandten saßen und diskutierten, kommt der Ausdruck: »Etwas auf die lange Bank schieben«. Und die Wendung »Etwas am grünen Tisch entscheiden« soll ihren Ursprung in dem grünen Tuch haben, mit dem der runde Tisch bezogen war, an dem Kompromisse ausgehandelt wurden.

Auch den Befindlichkeiten zwischen Katholiken und Protestanten in dieser Zeit ist eine Redewendung zuzuschreiben. Die Vertreter der reformatorischen Fürstbischöfe von Osnabrück und Lübeck wollten nicht neben den Katholiken sitzen. Kurzerhand erhielten sie einen eigenen Platz, den die Katholiken spöttisch »Ketzertisch« nannten. Daraus leitet sich der heutige »Katzentisch« ab.

 

20/2013