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Jahrgang 2020 Nummer 1

Ein Dokument der Rechtsgeschichte

Das Weistum von Winhöring führt in eine ferne Vergangenheit

Schloss der Grafen Toerring-Jettenbach in Winhöring.
Bauern bei der Arbeit, Holzschnitt, Straßburg 1502.

Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm haben sich mit ihren »Kinder- und Hausmärchen« in die Seele des deutschen Volkes eingeschrieben. Doch auch eine Reihe ihrer wissenschaftlichen Werke zur deutschen Kultur- und Literaturgeschichte hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt, so vor allem ihr groß angelegtes »Deutsches Wörterbuch«, das erst Jahrzehnte nach ihrem Tode den Abschluss gefunden hat. 

Jakob Grimm war vor allem interessiert an der Erforschung der deutschen Rechtsgeschichte und hat mehrere Bände mit deutschen Rechtsquellen herausgegeben. Unter dem heute missverständlich klingenden Titel »Weistümer« sammelte er zahlreiche mittelalterliche Dorfordnungen, wie sie jedes Jahr den Untertanen beim sogenannten Ehhaftteiding oder Teiding vom Grundherrn »gewiesen« wurden. »Weistum« hat also nichts mit dem Wort »weise = klug« zu tun, sondern geht zurück auf »weisen«, das heißt hinweisen, aufmerksam machen. Zu einer Zeit, als die große Mehrheit der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte, war ein öffentlicher Vortrag die einzige Möglichkeit, die Dorfbewohner über ihre Pflichten und Rechte aufzuklären. 

Unter den verschiedenen der von Jakob Grimm aufgespürten und veröffentlichten Weistümern nimmt das »Winheringer Weistum« nicht nur durch seinen Umfang, sondern durch das zu Vergleichen einladende Nebeneinander mehrerer Fassungen einen besonderen Platz ein. Der alte Ort Winhering (heute Winhöring) im Landkreis Altötting gehörte lange dem Bamberger Domkapitel, ehe er in den Besitz des Grafen Toerring-Jettenbach überging, an den heute noch das stattliche Schloss »Frauenbühl« erinnert.

Versammlungstermin für das Teiding in Winhöring war der Montag nach St. Erhart. Der Tag dieses Bauernheiligen, der als Patron gegen Viehseuchen und Pest damals viel verehrt wurde, war der 8. Januar. Versammlungsplatz war die Schranne zu Winhöring, in der Dorfmitte außerhalb der Friedhofsmauer gelegen, hart am Rande der Isenterrasse. Jeder Erwachsene war zur Teilnahme verpflichtet. Gleich zu Beginn des Teiding wurde die Anwesenheit überprüft. Auf schuldhaftem Fernbleiben standen strenge Strafen. Als Entschuldigungsgrund wurde lediglich anerkannt, »also dass das gesindt khrangkh läg, sein Weib mit dem Kindt rung, und deswegen das hochwürdig Sacrament müsste holen«. In einem solchen Fall hatte der Säumige zu einem Nachholtermin an einem Nachbarort zu erscheinen.

Das Winhöringer Weistum ist uns in mehreren Fassungen überliefert. Das älteste Exemplar stammt aus dem dritten oder vierten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, das jüngste aus dem Jahre 1774. Die älteren Fassungen sind schwer lesbar, weil sie in Mittelhochdeutsch geschrieben sind. Sprache ist etwas Lebendiges, Wörter ändern im Laufe der Zeit ihre Bedeutung oder werden völlig unverständlich. Einige Beispiele: Wändl (Strafe), Imp (Biene), Öster (Grenztor), Haar (Flachs), Adn (Egge), Spaten (Pflugschar), Haiden (Buchweizen), Hochwetter (Gewitter), Schlapfe (Schlitten), Mieß (Moos), Schmerbaum (wilder Obstbaum).

Erheblichen Raum nimmt im Winhöringer Weistum das Rechtsverhältnis zwischen der Grundherrschaft – seit dem 17. Jahrhundert die Grafen Toerring-Jettenbach – und den Untertanen ein. Angesprochen werden Lehensfragen, die Zinsnahme, der Frondienst und die Regelung im Todesfall. Ein anderer Themenkomplex dreht sich um die nachbarschaftlichen Beziehungen: Errichten von Zäunen, Grenzverletzungen, Weidenutzung, Viehauftrieb und Ernte.

Schließlich kommen auch privatrechtliche Bestimmungen zur Sprache: Erwerb von Eigentum, Erbfolge und Eheschließung. Eine systematische Gliederung ist nicht zu erkennen, Bedeutsames steht neben Banalem. So wenn dem Amtmann das Betreiben einer Schenke untersagt oder dem Jungbauer genehmigt wird, anlässlich seiner Verheiratung im Gemeindewald drei Fuder Holz »mit dem hantpeil« zu schlagen und am Markt zu verkaufen.

Dass Bestimmungen zu Nachbarstreitigkeiten und Grenzverletzungen den größten Raum einnehmen, ist beim engen Zusammenleben in der kleinen Dorfgemeinschaft nachvollziehbar. Gärten, Wiesen und Felder stießen aneinander, die das Eigentum abgrenzenden Zäune mussten im Herbst abgebaut und im Frühling neu aufgestellt werden, Nachbarschaftsrechte beim Viehtrieb und bei der Obsternte galt es ebenso zu beachten wie die Vorschriften beim Fischfang in der Isen, die Nutzung des wilden Obstes oder das Pfändungsrecht. Das Weistum appelliert eindringlich an die Streitparteien, sich zu vertragen, andernfalls müsse der Amtmann eingreifen, Übeltäter dürften »kains wegs verschont, sondern gebürlich gestrafft« werden, in der Regel mit Geldstrafen. Richter und Vollstrecker der Strafe war der Amtmann in einer Person, nur für die drei Malefizfälle »deuf, notzärr und mord« (Raub, Notzucht und Totschlag) war der Bezirksrichter in Neuötting zuständig.

Wenn man davon ausgeht, dass ein Untertan, egal ob Frau oder Mann, mit 18 Jahren zum ersten Mal einem Teiding beiwohnte, dann kann man leicht ausrechnen, wie oft er Jahr für Jahr bis zu seinem Tode immer die gleichen Belehrungen über sich ergehen lassen musste. Doch Wiederholung ist aus der Sicht der modernen Lernpsychologie das A und O für ein verlässliches Behalten. Die jährlichen Zusammenkünfte der Dorfgemeinden fanden allerorten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts statt, wie die verschiedenen erhaltenen Weistümer beweisen. Auf diese Weise wurden die für ein gedeihliches Zusammenleben geltenden Regeln total verinnerlicht, und keiner konnte sich später damit herausreden, er habe dieses oder jenes nicht gewusst.

Julius Bittmann

1/2020