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Jahrgang 2016 Nummer 53

Ein Brückenbauer zwischen zwei Völkern

Bayerisch-Tschechische Landesausstellung über Karl IV. in Nürnberg

Karl IV. von der Fassade des Altstädter Brückenturms in Prag, Sandstein, vor 1494.
Ansicht von Prag, Holzschnitt aus der Schedelschen Weltchronik, 1494
Glockenspiel mit dem »Männleinlaufen« in der Nürnberger Frauenkirche.
Votivbild aus Raudnitz an der Elbe, links knieend Kaier Karl IV. mit dem heiligen Sigismund, rechts Karls Sohn Wenzel mit dem heiligen Wenzel.

Vor 700 Jahren ist Kaiser Karl IV. in Prag geboren. Das ist für Bayern und Tschechien Anlass für eine große Ausstellung über diesen bemerkenswerten Herrscher des Spätmittelalters. Erste Station bis Ende September war Prag, zweite Station bis 5. März 2017 ist Nürnberg. Karl vereinte in seiner Person eine gewaltige Machtfülle, denn er war, wie seine offiziellen Titel verraten, nicht nur Römischer Kaiser und König von Böhmen, sondern auch römisch-deutscher König, König von Italien und König von Burgund. »Mit Kaiser Karl ehren wir einen großen Brückenbauer zwischen Böhmen und Bayern – und diese Ausstellung ist geeignet, unsere beiden Länder noch enger zusammenzubringen«, zeigte sich Ministerpräsident Seehofer bei der Eröffnung überzeugt.

Gleich zu Beginn steht der Besucher dem Kaiser Aug' in Auge gegenüber. Es ist eine Sandsteinstatue von der Karlsbrücke in Prag. Wer einen strahlenden Herrscher erwartet hatte, wird enttäuscht. Vor ihm sitzt ein leicht buckliger Mann mit Rundrücken, mächtigem vorgeneigten Kopf, halb geöffneten Mund und leichtem Unterbiss. Karl war Opfer eines Sportunfalls. Bei einem Turnier hatte ihn eine Lanze am Kinn getroffen und in den Sand geschleudert, wo er mit gebrochenem Unterkiefer, zerschmetterten Halswirbeln und beschädigtem Rückenmark bewusstlos liegen blieb. Nur seiner kräftigen Konstitution war es zu danken, dass er überlebte. Ungeachtet seiner Behinderung war Karl nach Berichten zeitgenössischer Chronisten ein lebensfroher Mensch, kleidete sich nach den neuesten Trends der Pariser Mode und liebte die Gegenwart schöner Frauen, er war überaus gebildet und beherrschte in Wort und Schrift fünf Sprachen. Er war aber auch tief gläubig, hielt sich für auserwählt und verstand alles, was er unternahm als Dienst an Gott. Er hatte ein ausgeprägtes Rechtsempfinden, war jedoch pragmatisch genug, um sich über ein gegebenes Wort hinwegzusetzen, sofern er damit das angepeilte Ziel erreichte. Bei der Verfolgung seiner Interessen setzte er weniger auf Gewalt und Krieg, als auf Diplomatie, Gewährung von Privilegien und vor allem auf Geld, weshalb er ständig auf der Suche nach Finanzquellen und Finanzgebern war. Auch seine vier Eheschließungen waren von politischem Kalkül bestimmt. Er umgab sich mit tüchtigen Mitarbeitern, doch wenn sie ihm über den Kopf zu wachsen begannen, lobte er sie weg vom Kaiserhof.

Die vom Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg und von der Nationalgalerie in Prag veranstaltete Ausstellung lässt in Bild- und Textdokumenten Leben und Umwelt des Kaisers vor dem Besucher entstehen. Unter den Gemälden und Plastiken, Goldschmiedearbeiten, Handschriften und Textilien waren manche noch nie in Deutschland zu sehen, etwa herrliche Stücke aus dem Domschatz von St. Veit in Prag oder die Chronik des Dalimil, eine italienische Prachthandschrift aus dem 14. Jahrhundert.

Karls Vater war Johann von Luxemburg, seine Mutter die böhmische Erbtochter Elisabeth aus dem Geschlecht der Przemsysliden. Er wurde auf den Namen seines Großvaters Wenzel getauft und war als Erstgeborener von vornherein zum König bestimmt. Im Alter von sechs Jahren kam er zur Erziehung an den Königshof nach Paris und erhielt bei der Firmung den Namen Karl, den er künftig beibehielt. Mit 18 Jahren wurde er Statthalter in Oberitalien, vier Jahre später Markgraf von Mähren. Im Jahre 1346 wählten ihn die Kurfürsten zum deutschen König (nicht ohne dafür riesige Geldsummen zu kassieren), 1355 krönte ihn der Papst in Rom zum Kaiser, nachdem der bisherige Amtsinhaber Ludwig der Bayer gestorben war.

Prag und Nürnberg waren für Karl die zwei wichtigsten Städte, Prag als seine Residenzstadt, Nürnberg als Handels- und Finanzmetropole, ohne deren Bankiers er seine Expansionspläne nicht hätte verwirklichen können.

Karl schuf durch Kauf und Diplomatie im bayerischen Nordgau quer durch den Wittelsbacher Machtbereich eine Landbrücke von Prag nach Nürnberg in Form der »Goldenen Straße«, die es ihm erlaubte, ohne Zollschranken auf eigenem Grund zwischen beiden Städten zu verkehren. Dabei war es von Vorteil, dass seine zweite Frau Anna von der Pfalz Teile der heutigen Oberpfalz und Mittelfrankens als Morgengabe in die Ehe gebracht hatte. Die Straße diente dem bilateralen Warenaustausch, auf der sich ein reger Ost-West-Handel mit Getreide und Salz, Wein und Honig, Ölen und Bier sowie mit Stoffen und Metallwaren abspielte. Einige Orte des ehemaligen »Neuböhmen« haben noch heute den doppelschwänzigen böhmischen Löwen im Wappen. In Nürnberg und in Lauf an der Pegnitz erinnern einige Bauwerke an Karl IV. In der Frauenkirche am Nürnberger Hauptmarkt beeindrucken farbig gefasste Skulpturen von Heiligen, Propheten und Königen und das Bogenfeld mit den Reliefs der Weihnachtsgeschichte. In der Kunstuhr unter dem Giebel hat sich der Kaiser selbst ein Denkmal setzen lassen: Beim »Männleinlaufen« Punkt 12 Uhr umkreisen die sieben Kurfürsten den thronenden Kaiser, um ihm zu huldigen. In Lauf steht das nach dem böhmischen Nationalheiligen benannte Wenzelsschloss, die jeweils letzte Station vor Karls feierlichem Einzug in Nürnberg.

Böhmen, das ihm sein Vater in desolatem Zustand übergeben hatte, machte Karl zu einem Vorzeigeland, vor allem Prag entwickelte sich innerhalb Europas zu einem Mittelpunkt von Politik und Kultur. Karl förderte Gewerbe und Handel, Ackerbau und Bergbau, sorgte für die Sicherheit der Straßen, reformierte das Gerichtswesen, machte die Moldau schiffbar und baute in Prag die Moldaubrücke. Durch die Anlage der Neustadt stieg die Einwohnerzahl auf 40 000 mit dem größten Platz im damaligen Europa, dem heutigen Karlsplatz. Die Prager Hofkunst wirkte durch die Zuwanderung von Architekten, Künstlern und Literaten stilbildend. Der Bedarf an fähigen Beamten war mit ein Motiv für die Gründung der Karls-Universität, der ersten Hohen Schule in Mitteleuropa. Für das neugegründete Erzbistum Prag ließ er den prächtigen Veitsdom für die Aufbewahrung der Reichsinsignien die Burg Karlstein unweit von Prag errichten. Der Kaiser verfasste eine Reihe von Schriften, darunter seine Autobiographie. Ihr erster Teil entstand während seinem fast einjährigen Krankenlager nach dem Turnierunfall. Die von ihm erlassene »Goldene Bulle« regelte für viereinhalb Jahrhunderte die Königswahl durch die Kurfürsten.

Ein Jahr vor seinem Tod besuchte Karl IV. mit seinem Sohn Wenzel, damals schon böhmischer und römischer König, den französischen König Karl V., den Sohn seiner Schwester in Paris. Dem von Gicht geplagten Kaiser fiel das Reiten schwer, er musste häufig in einer Sänfte getragen werden. Den zwei Herrschern war klar, dass sie sich zum letzten Male sahen. »Beim Scheiden weinten beide so sehr, dass es die Umstehenden merkten«, schreibt ein Chronist. »Und da sie keine Worte fanden, fassten sie sich bei den Händen, um Abschied zu nehmen.« Kaiser Karl IV. starb am 29. November 1378 in Prag und wurde im Veitsdom beigesetzt.

Während er bei den Tschechen bis heute als größter Herrscher auf dem Königsthron und als »Vater des Vaterlandes« hohe Anerkennung genießt, wurde Karl IV. im deutschen Kulturraum wegen angeblicher Vernachlässigung der Reichspolitik kritisiert, besonders von den Habsburgern, den Nachfolgern der Luxemburger. Kaiser Maximilian I. prägte über Karl IV. das böse Wort vom »Erzstiefvater des Reiches«. Wenig souverän erwies sich auch Maximilian II. mit der Anordnung, in der Prager Kathedrale die luxemburgische Königsgruft vor dem Hochaltar aufzuheben und an deren Stelle ein habsburgisches Marmormausoleum zu errichten; die sterblichen Überreste von Karl und seiner Familie wurden in einen Einheitssarg gelegt und an einer weniger prominenten Stelle im Dom beigesetzt.


Julius Bittmann

 

53/2016