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Jahrgang 2009 Nummer 43

Ein Besuch im Keltenmuseum in Hallein

Vom Salzberg am Dürrnberg aus entwickelte sich eine blühende Kunst und Kultur

Keltisches Wohnhaus im Keltendorf Bad Dürrnberg

Keltisches Wohnhaus im Keltendorf Bad Dürrnberg
Keltischer Streitwagen und keltischer Krieger mit Lanze

Keltischer Streitwagen und keltischer Krieger mit Lanze
Ein Blick in das Innere einer keltischen Wohnung

Ein Blick in das Innere einer keltischen Wohnung
Heute besuchen wir das Keltenmuseum in Hallein mit dem Salzbergwerk und dem Keltendorf in Bad Dürrnberg südlich von Salzburg. Während das Keltenmuseum auf drei Geschoßebenen mit archäologischen Fundstücken, Rekonstruktionen und Bildern einen Einblick in das Leben der Kelten und in den von ihnen betriebenen Salzbergbau gewährt, interessiert uns in Bad Dürrnberg besonders die Rekonstruktion keltischer Wohnstätten, von Grabkammern und handwerklicher Betriebe.

Das in der Steinzeit entdeckte Salz wurde zur Lebensgrundlage der Kelten

Die Besiedlung des Dürrnbergs steht mit den Salzvorkommen im Berg in enger Verbindung. Vermutlich haben schon Menschen der Jungsteinzeit in der Zeit von 2 500 bis 2 000 v. Chr. am Dürrnberg salzhaltige Quellen entdeckt, die auch von Wildtieren zur Tränke genutzt wurden. So lag es nahe, das salzhaltige Quellwasser auch für die Nahrung zu nutzen. Von der Anwesenheit steinzeitlicher Jäger am Dürrnberg wissen wir aus archäologischen Funden von Werkzeugen, vor allem der charakteristischen, geschliffenen Steinbeile. Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts gingen die Kelten dazu über, das Steinsalz im Untertagebau zu gewinnen. Der planmäßige Abbau von Salz ist für den Dürrnberg erst Ende des 7. Jahrhunderts nachweisbar. Um den Salzbergbau am Dürrnberg entstanden Siedlungen, in denen neben den Bergleuten Handwerker und Händler lebten.

Unter den Kelten, die wir aus Caesars »De bello gallico» als Gallier und aus den Briefen des Apostels Paulus als Galater kennen, gab es zahlreiche Gruppierungen, die gleiche Kultur und Sprache verbanden, die wir uns aber nicht als eine geschlossene oder gar staatliche Einheit vorzustellen haben. Für die zeitliche Einordnung keltischer Kultur, die auch im Keltenmuseum Hallein als Maßstab genommen wurde, ist die Hallstatt- und die La Tene Zeit von 800 bis 450 v. Chr. bzw. von 400 v. Chr. bis Christi Geburt anzusetzen. Grundlage für die Siedlung und den Bergbau am Dürrnberg war das Salz, dessen Bedeutung als Nahrungs- und Lebensgrundlage bis ins Mittelalter nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Der hohe Wert des Salzes wird vielfach gepriesen. Der römische Schriftsteller Plinius (+ 23 n. Chr.) nennt Salz eine Gabe des Himmels. Nach der Bibel wird Salz den Opfergaben beigegeben. Neugeborene wurden mit Salz eingerieben, um sie vor Verunreinigung zu schützen. Salz wurde im Tempel als Opfergabe verstreut. Die Erkenntnis, dass man ohne Gold, nicht aber ohne Salz überleben kann, stammt zwar aus dem Mittelalter, kann aber auch für die frühzeitig erkannte Lebensnotwendigkeit des Salzes stehen.

Die in Hallein und am Dürrnberg anstehenden Salzvorkommen waren die Grundlage für eine Monopolstellung, die man für den eigenen wirtschaftlichen Aufschwung ebenso wie für den Export nutzte. Funde von dem an der Ostsee gewonnenen Bernstein sind ebenso wie Schmuck und Handelsware aus anderen Kulturkreisen ein Beleg für die schon zur Keltenzeit bestehenden Handelswege. Dabei eignete sich Salz besonders als Tauschgut für andere Handelsgüter. Eine etruskische Schnabelkanne aus dem Grab 59 am Dürrnberg gilt als eines der ältesten Importartikel aus dieser Zeit.

Obwohl die Kelten, wie die Ausstellung des Keltenmuseums zeigt, eine hochstehende Kultur entwickelt hatten, war eine Schrift nicht zum Allgemeingut geworden. Der Schrift waren nur die Druiden, die Priester mächtig, die sie als Geheimnis und wohl auch als Machtanspruch nicht mit anderen nicht teilen wollten. So ist ein Einblick in die keltische Kultur sozusagen nur von außen möglich. Der griechisch-römische Schriftsteller Diodorus schreibt den Kelten eine furchterregende Gestalt zu. Mit ihren mit Gips gebleichten Haaren gleichen sie »Waldteufeln». In Kriegen schneiden sie den besiegten Gegnern die Köpfe ab und nageln sie an das Gebälk ihrer Behausung, um sich so die Kraft der besiegten Feinde anzueignen. Auf jeden Fall würde so eine Wiederkunft der Toten verhindert.

Die Ausstellung des Museums gibt einen Einblick in das Leben der Kelten

Im Folgenden soll von einer der Führungslinie im Keltenmuseum folgenden Beschreibung abgesehen werden. Dazu ist der »Kleine Führer durch die Ausstellung» von Kurt W. Zeller auch für den zeitlich beschränkten Besuch eine hervorragende Handreichung. Vielmehr soll versucht werden, den Blickwinkel auf einzelne, besonders beachtenswerte Exponate zu lenken, die das Bild der in prähistorischer Zeit Europa besiedelnden Kelten aktualisieren. Archäologie ist deswegen so reizvoll, weil sie die reale Vorstellungskraft und gleichzeitig die Phantasie des Betrachters anspricht. So werden die in Gräbern über Jahrhunderte hinweg erhaltenen und wieder entdeckten Schätze in eine Bühne eingeordnet, auf der die Akteure längst vergangener Kulturen wieder zum Leben »erweckt» werden.

Natürlich kommen wir zu Beginn unserer Besichtigung an dem keltischen Streitwagen im ersten Raum des Erdgeschoßes nicht vorbei, ohne den Symbolgehalt dieser nach authentischen Vorgaben gefertigten Darstellung zu hinterfragen. Der Wagenlenker scheint die Rosse kaum bändigen zu können, während ein zweiter Krieger dem Feind eine Lanze entgegenschleudert. Die Römer sahen die Kelten als die ihr Reich bedrohenden Feinde, denen man jede kriegerische Aggressivität unterstellte.

Ein Landschaftsmodell ermöglicht einen Einblick in die topographische Situation von Hallein und dem Dürrnberg, wobei auch der an der Salzach gelegene Hafen für den Salztransport von Bedeutung war. Das Bergwerksmodell im Obergeschoss vermittelt verbunden mit einer schematischen Darstellung eine Vorstellung von den beiden technischen Verfahren zur Salzgewinnung. Für das Laugwerksverfahren wurde im Berginneren ein Hohlraum ausgeschachtet, in den Wasser eingeleitet wurde. So wurde das salzhaltige Gestein ausgelaugt. Nach drei Wochen wurde die Sole über Holzrohre ausgeleitet und zu den Sudhäusern in Hallein weiter transportiert. In den dortigen Eisenpfannen wurde die Sole erhitzt. Nachdem das Wasser verdampft war, konnte das verbleibende Salz vom Boden der Sudpfanne abgekratzt werden. Im
2. OG gehen wir über den Eisenboden einer Sudpfanne. Die Sudhäuser standen mitten in Hallein. Hier wurde das gewonnene Salz im Hafen auf Schiffe verladen.

In prähistorischer Zeit mussten die Bergleute im Salzbergwerk unter Tage enge Stollen vorantreiben und das Salzgestein in Handarbeit mit einfachen Werkzeugen aus dem Berg herausbrechen. Danach wurde das Salz vom Gestein ausgesondert. Auf 11 Ebenen sind im Dürrnberg Stollen in einer Gesamtlänge von 30 bis 35 km Länge mit Hilfe von Wirkeisen von Hand vorangetrieben worden. Das Stollenprofil, das im Museum zur Demonstration nachgebaut wurde, war eng, um die Arbeit beim Stollenvortrieb effektiv zu gestalten.

Die harte Arbeit der Bergleute ermöglichte den Reichtum der Bischöfe

Ein Ölgemälde im Raum 26 des 2. OG gibt eine Vorstellung von der harten Arbeit im Sudhaus. Zum »Ausfällen« der Sole waren Temperaturen von 90 Grad notwendig, die nach acht Stunden Vorwärmzeit erreicht wurde. »Das heiße Salz wurde aus der Pfanne gezogen und in konische Holzbehälter gefüllt.« Die 75 kg schweren »Fuder« wurden von den Arbeitern auf dem Rücken zum Nachtrocknen getragen. Die Bilder im Fürstenzimmer im 2. OG sind ein Zeugnis für die Arbeit und das Leben derer, die den Reichtum der Fürstbischöfe erst ermöglicht haben. Die Hitze unter den Sudpfannen, die ständige Gefahr von Verletzungen und Verbrennungen und die Last der halbtrockenen Fuder und der Salzfässer waren denen da unten auferlegt worden, um den Wohlstand der Fürstbischöfe in Salzburg zu fördern.

Ohne sie wäre die bauliche Herrlichkeit der bischöflichen Metropole nicht denkbar gewesen. Wie schön, dass sich Künstler gefunden haben, die in 22 Bildern die Arbeitswelt der Bergknappen vom Dürrnberg, übrigens mit einer beachtlichen Kunstfertigkeit, gewürdigt haben. Freilich mussten die in harter Arbeit Geschundenen auch ihren Preis bezahlen. So lag die Lebenserwartung der Bergleute vom Dürrnberg zwischen 35 und 45 Jahren. Etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen starb schon vor Erreichung des 18. Lebensjahres.

Nun zeigt das Keltenmuseum Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, die ein hohes Maß an Kunstfertigkeit erkennen lassen. Bleibt die Frage, wie sich Menschen, die im Bergwerk härteste körperliche Arbeit zu verrichten hatten, auch noch mit Kunsthandwerk beschäftigen konnten. Kunst setzt voraus, dass die Grundlagen für das tägliche Leben gegeben sind. Das dem überregionalen Handel zugeführte Salz brachte nicht nur dem Landesherrn Gewinn. Um das Bergwerk am Dürrnberg entstand bald eine Siedlung, deren Bewohner auch vom salzreichen Wohlstand profitierten.

Die Salzhandelswege schufen Verbindungen zu fremden Kulturkreisen. So wurde der an der Ostsee gewonnene Bernstein zu Perlenketten verarbeitet. Ein besonders edles Kollier aus 390 Perlen ist im Raum 14 im 1. OG zu bewundern. Ganz allgemein scheint die keltische Frau auf erlesenen Schmuck großen Wert gelegt zu haben. Ringe aus dünnem Goldblech und Spiralnadeln waren ebenso beliebt wie Fibeln, mit denen die Kleider zusammengehalten wurden. Arm- und Beinringe ergänzten das Schmuckrepertoire der Kelten.

Die Schmuckformen zeichnen sich durch einfache, als zeitlos zu betrachtende Linienführung aus, wobei jeglicher schnörkelhafter Zierrat vermieden wurde. So ist es gar nicht verwunderlich, dass in einem Schmuckgeschäft neben Imitaten keltischer Fibeln auch moderner, diesem ähnlicher Schmuck ausgestellt ist. Wie die Grabbeigaben zeigen, legten auch die Männer bei ihrer Kleidung und bei den Waffen Wert auf Zierformen. So war wohl ein Kelte stolz auf seinen mit Korallen besetzten Dolch. Eine mit einem Jagdfries verzierte Bronzeschale ist ein Hinweis auf die zur Ernährung notwendige Jagd.

Die Schnabelkanne, das Schmuckstück des Museums

Die Kelten legten auf die kunstvolle Verzierung der Gegenstände des täglichen Gebrauchs offensichtlich großen Wert. Kunstvolle Bänder und Reliefs auf Schalen, und Kannen lassen eine Beziehung zur etruskischen Kultur vermuten. Im Raum 17 des 1. OG ist die in einer Vitrine in der Raummitte ausgestellte Schnabelkanne aus Bronze ein besonderes Schmuckstück des Museums. Die Verzierung der Kanne ist künstlerisch von höchstem Niveau, aber auch ihrer mythologischen Aussage nach beachtlich.

Am Henkel hält ein Ungeheuer einen menschlichen Kopf im Maul. Weitere, mit dem Henkeltier vergleichbare Figuren finden sich am Kannenrand. Dass damit ein religiöser Bezug gegeben ist, liegt auf der Hand. Als Versuch einer Deutung bietet sich an, dass der Mensch vom Bösen bedroht ist und auf Rettung und Erlösung durch die Gottheit rechnet. Am romanischen Portal in Bad Reichenhall ist an der Säule ebenfalls ein Ungeheuer zu sehen, das einen Menschen verschlingt. Wenn es auch keinen direkten Bezug zwischen beiden Skulpturen gibt, so liegt doch ein allgemeingültiger, archetypischer Gedanke beiden Darstellungen zugrunde.

Fibeln in der Form von menschlichen Masken oder Tieren sind ebenfalls auf dem Hintergrund einer uns nicht bekannten Religion zu sehen. Die mit der Fibel am Körper getragene Figur sicherte dem Träger Schutz vor bösen Mächten. Das in vielen Religionen bekannte Amulett ist mit diesen verzierten Fibeln vergleichbar. Schließlich sind alle Schmuck- und Gebrauchsgegenstände ins Grab gelegt worden, damit es dem Verstorbenen in der jenseitigen Welt an nichts fehlen sollte, was er schon in seinem irdischen Leben schätzte.

Dabei wurde auch der gesellschaftliche Rang des Verstorbenen berücksichtigt. In einem Hügelgrab wurden Reste eines einachsigen Wagens gefunden, der wohl einem Fürsten zur Repräsentation diente. Allenthalben mussten sich die Archäologen bei den Ausgrabungen mit Bruchstücken begnügen, wobei die Gräber meist schon vorher von Schatzsuchern geplündert worden waren. Dennoch ist es reizvoll, die gefundenen Bruchstücke einem vorstellbaren Ganzen zuzuordnen. So wurden aus Reststücken von Grabbeigaben Schmuck- und Gebrauchsgegenstände rekonstruiert, die dem Betrachter eine Vorstellung vom Alltag der Kelten am Dürrnberg vermitteln.

Das Salzbergwerk und das Keltendorf in Bad Dürrnberg

Das im Keltenmuseum in Hallein vorgestellte Bild der Kelten am Dürrnberg vor etwa 2500 Jahren wird noch durch den Besuch des Salzbergwerks und des Keltendorfes in Bad Dürrnberg abgerundet. Während das Museum in Hallein eine Vorstellung von der Arbeitswelt der Kelten am Dürrnberg unter Tage vermittelt, sind im Keltendorf auf Grund archäologischer Spurensuche Wohn- und Arbeitsstätten der Siedler rekonstruiert worden. Die Wände aus Rundhölzern boten ebenso wie die Strohdächer nur einen mäßigen Witterungsschutz. Immerhin gab es auch einen strohgedeckten Vorbau am Eingang. Die karge Einrichtung eines Hauses zeigt eine offene Feuerstätte in der Mitte, um die Schemel gruppiert sind. An der Wand hängt Werkzeug.

In einer weiteren Hütte ist ein Brennofen aus Lehm mit einer großen Öffnung zu sehen, in dem vielleicht Tonwaren gebrannt worden sind. In einem prähistorischen Stollen können wir einem keltischen Bergmann bei seiner Arbeit zusehen. In einem rekonstruierten Hügelgrab liegt der schon aus dem Museum in Hallein bekannte Keltenfürst auf seinem Streitwagen. An den geflochtenen Seitenteilen des Wagens sind Lanzen aufgesteckt. Man glaubte daran, dass sich der Fürst auch noch im Jenseits Feinden gegenüber zur Wehr setzen müsste. Das strohgedeckte Versammlungshaus an dem mit einem Tor verschließbaren Eingang zum Keltendorf informiert in Bildern über die Grabungen am Dürrnberg, bei denen bis 2008 379 Gräber und ca. 600 Skelette gefunden wurden.

So fügen sich das Keltenmuseum in Hallein, Salzbergwerk und Keltendorf in Bad Dürrnberg zu einem eindrucksvollen Bild, das uns einen umfassenden Einblick in die Lebenswelt der Kelten gewährt. Die Kultur der Kelten, die sich in prähistorischer Zeit in ihren Stämmen über ganz Europa ausgebreitet hatten, hat sich mit der sie überlagernden römischen Kultur vermischt und ist bis heute eine Wurzel der europäischen Kultur geblieben.


Dieter Dörfler

Verwendete Literatur:
Kurt W. Zeller »Der Dürrnberg bei Hallein«
Kurt W. Zeller »Keltenmuseum Führer«



43/2009