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Jahrgang 2010 Nummer 26

Ein Bastler erfand die Schreibmaschine

Aber der geschäftliche Erfolg blieb Peter Mitterhofer versagt

Rekonstruktion von Mitterhofers Werkstatt mit verschiedenen originalen Werkstücken.

Rekonstruktion von Mitterhofers Werkstatt mit verschiedenen originalen Werkstücken.
Zeitgenössisches Porträt des Erfinders.

Zeitgenössisches Porträt des Erfinders.
Über hundert Jahre prägte das Klappern und Rattern der Schreibmaschinen den Büroalltag in aller Welt. Der Unterricht im Maschinenschreiben gehörte neben Kurzschrift zur kaufmännischen und gewerblichen Grundausbildung. Erst die Erfindung des Computers brachte das Ende des Schreibmaschinenzeitalters.

»Schreibmaschinen haben rechtig / ihren Ursprung in Meran. / Achtzehnhundertvierundsechzig / ersann sie da ein Zimmermann.« So dichtete Peter Mitterhofer aus dem Dorf Partschins bei Meran, der als erster eine aus Holz gebaute Schreibmaschine mit Typenhebeln in Kreisbogenanordnung und mit Schreibwalze konstruierte. Vor und nach ihm haben sich vor allem italienische und amerikanische Techniker mit der Konstruktion von Schreibmaschinen befasst. Am geschäftlichen Erfolg der Erfindung hatte Mitterhofer keinen Anteil. Verbittert starb er 1893 im Alter von 71 Jahren und geriet vollständig in Vergessenheit, bis die zufällige Auffindung seiner insgesamt fünf Maschinenmodelle das Interesse für das verkannte Genie weckte und ihn in das Licht der Öffentlichkeit rückte. »Die anderen, die von ihm lernten, / durften die Früchte seines Talentes ernten«, steht auf seinem Grabstein.

Mitterhofer hat nie den Versuch unternommen, seine Erfindung geschäftlich zu nutzen. Ohne Zweifel hätte er ein reicher Mann werden können wie der Amerikaner Sholes, der sein Schreibmaschinenmodell an die Waffenfabrik Remington verkaufte. Unzählige Menschen haben an einer »Remington« Maschinenschreiben gelernt. Aber Mitterreiter war Erfinder und kein Geschäftsmann. Zweimal wanderte er nach Wien, um Kaiser Franz Joseph das zweite und fünfte Modell seiner Schreibmaschine vorzustellen und ihn um seine Unterstützung zu bitten. Die kaiserlichen Experten erkannten nicht die Tragweite der Erfindung. Die Maschinen wurden in die Modellsammlung des Polytechnischen Instituts eingereiht, ihr Erfinder mit 350 Gulden abgespeist.

In einer dem schriftlichen Gesuch beigefügten Beschreibung hebt Mitterhofer hervor, dass »mit der praktischen Anwendung des Apparates keinerlei Anstrengung der Augen und der Brust verbunden ist wie beim Schreiben mit der Feder, denn das einfache Berühren der Tasten kann in ganz bequemer Stellung ganz leicht geschehen. Selbst Kranke und Bettlägerige können mit dem Apparat schreiben, indem man sich denselben in die Nähe des Bettes stellen lässt. Nicht minder eignet sich derselbe für Individuen, welche nur eine Hand haben... Mittels dieses Apparats geschriebene Schriftstücke erleichtern auch den Schriftsetzern in Druckereien wegen der großen Deutlichkeit die Arbeit. Die Schrift ist immer gleich schön und gleichmäßig, erfordert beiläufig den vierten Teil an Raum von der gewöhnlichen Kanzleihandschrift, wodurch eine bedeutende Ersparnis an Papier erzielt wird.«

Peter Mitterhofer war das erste von neun Kindern eines Schreinermeisters in Töll in der Gemeinde Partschins und erlernte beim Vater das Schreiner- und später das Zimmermannshandwerk. Schon früh fiel er durch eine außergewöhnliche Erfindungsgabe und Geschicklichkeit auf, ebenso durch sein Interesse an der Musik. Weil ihm das Geld zum Instrumentenkauf fehlte, baute er sich selbst eine Gitarre, außerdem das Raffele, eine Urform der Zither, sowie das sogenannte »Hölzerne Glachter«, ein tragbares Klavier, bei dem Hämmer und wohl abgestimmte Holzplättchen schlugen. Vermutlich wurde Peter durch dieses »Glachter« zum Bau der Schreibmaschine angeregt. Zu seinen weiteren Erfindungen gehören eine einfache Waschmaschine und ein Schubkarren, der sich leicht in eine Rückentrage umfunktionieren ließ. Zum Klang seiner Instrumente sang Mitterhofer selbstgedichtete Verserl und war in den Wirtshäusern der Umgebung ein gern gesehener Gast.

Die damals übliche Wanderschaft nach Abschluss seiner Lehre führte Peter Mitterhofer in die Schweiz, nach Frankreich und in den Balkan. Als er nach drei Jahren zurückkehrte, war er um viele Erfahrungen reicher – aber in den Augen der Obrigkeit wegen seiner »modernen« Ansichten ein Stein des Anstoßes. Mehrfach geriet er mit dem Dorfpfarrer und dem Dorfpolizisten in Auseinandersetzungen. Dementsprechend schlecht fiel das Leumundszeugnis aus, das Peter brauchte, als er als 40-Jähriger eine um sechs Jahre ältere Tochter eines Zimmermanns heiratete. In dem kleinen Anwesen, das seine Frau in die Ehe einbrachte, lebte Mitterhofer 31 Jahre rastlos arbeitend bis zu seinem Tode.

In die Jahre bald nach seiner Heirat fällt die Konstruktion der ersten zwei Schreibmaschinen. Er baute sie ohne jegliche technische Hilfsmittel mit seinem gewöhnlichen Schreinerwerkzeug. Sie bestehen hauptsächlich aus Holz, nur der Typenkorb und die Typen sind aus Metall. In das dritte Modell baute Peter ertmals eine Schreibwalze ein. Das vierte Modell ist aus Metall, enthält erstmals Ziffern und eine Umschaltung für kleine und große Buchstaben. Das fünfte Modell ist mit Volltastatur, Walze und Lettern als Typen ausgestattet und stellt eine voll gebrauchsfertige Schreibmaschine dar.

Zur Erinnerung an ihren großen Sohn hat seine Heimatgemeinde Partschins im Jahre 1998 ein Museum eingerichtet, das nicht nur über Leben und Werk Mitterhofers unterrichtet, sondern einen Einblick in die über 120 Jahre umfassende Entwicklungsgeschichte der Schreibmaschine vermittelt. Den Grundstock der Ausstellung bildet die wertvolle Sammlung historischer Schreibmaschinen, die Kurt Ryba aus München dem Museum als »unveräußerliches Kulturgut für alle Zeiten« gestiftet hat.

Julius Bittmann



26/2010